Mein Problem mit #BoycottLoredana

Auf Twitter zieht gerade der Hashtag #BoycottLoredana seine Kreise. Es geht darum, dass es moralisch nicht (mehr) vertretbar sei, Loredana zu hören, über sie zu berichten oder sie überhaupt zu beachten. Sie gilt als gecancelled. Damit habe ich ein Problem.

Der Hintergund:

Loredana soll gemeinsam mit ihrem älteren Bruder, ein Walliser Ehepaar um rund 900.000 Franken erleichtert haben. Ermittelt wird wegen Verdacht auf Betrug. Bislang kam es noch zu keinem Prozess und es gilt die Unschuldsvermutung.

Vielen dürfte der Fall noch in Erinnerung sein. Besonders wegen der völlig abstrusen Pressekonferenz, die Loredana im Zuge dessen gehalten hat. Falls nicht: Hier könnt ihr in einer detaillierte Timeline nachlesen, was alles vorgefallen sein soll.

Ein neues Interview mit dem Opfer ist der Grund, wieso das Thema gerade neu aufflammt und intensiv diskutiert wird. Demnach gehe es Petra Z. und ihrem Mann finanziell so schlecht, dass sie nicht in der Lage wären, die Beerdigung von Petras Mutter zu finanzieren.

Gehen wir davon aus, Loredana sei schuldig und würde parallel dazu nur so in (unter anderem deren) Geld schwimmen, wäre das absolut schrecklich und verachtenswert. Davon abgesehen, dass – Stand jetzt – noch kein Urteil gesprochen wurde und Loredana demnach vor dem Gesetz als unschuldig gilt, habe ich aber ein großes Problem damit, wie diese Debatte geführt wird. Zum Beispiel wird verlangt, sie zu boykottieren und gleichzeitig heißt es, wir Hip-Hop-Medien müssten Stellung beziehen und die Sache nicht länger totschweigen. Ja, was denn nun?

Auch wenn es wahrscheinlich jedem Beteiligten (mir auch) manchmal so vorkommt: Wir sind hier nicht im Kindergarten. Es nicht die Aufgabe von Hip-Hop-Medien ihren Follower*innen zu erklären, dass es scheiße ist, andere Menschen um ihr Geld zu bringen. So viel gesellschaftlichen Wertekonsens können auch wir noch voraussetzen.


Es geht mir nicht um Solidarität mit Loredana

Ich habe auch nicht die Absicht, sie in irgendeiner Weise zu verteidigen oder das Leid der Opfer zu relativieren. Es geht um die Art und Weise, wie eine – laut Gesetz (evtl. noch) als unschuldig geltende – Person vorverurteilt wird und Dinge vermischt werden, die nichts miteinander zu tun haben. Schaut man sich die Beiträge an, die zu dem Thema publiziert werden, wird schnell klar: Um Gerechtigkeit für die Opfer geht es den wenigsten. Moralische Kritik an Loredana ist hier mehr ein Schleier, bestenfalls ein Aufhänger, um endlich mal den ganzen Hass rauszulassen.

Der Hass hat freie Bahn

Viel mehr nimmt man gerade die Chance wahr, endlich auf sie eindreschen zu können, ohne mit Gegenwind rechnen zu müssen. Endlich kriegt Loredana, die man ohnehin schon immer scheiße fand und die in der Rap-Szene doch ohnehin nichts verloren hat, die volle Breitseite. Manchmal ist es auch nichts weiter als plumpe Frauenfeindlichkeit. Was für ein befreiendes Gefühl es doch sein muss, das alles endlich rauslassen zu können.


Man liest keine Nachrichten von Fans, die enttäuscht sind. Die das typische moralische Dilemma erleben, Kunst und Privatperson trennen zu müssen. Nein, es geht darum, dass Leute, die sie schon immer scheiße fanden, endlich diesen ganzen Hass loswerden können und dabei auch noch der moralisch Überlegene sind. Sie soll ja schließlich furchtbare Dinge getan haben. Wer soll da also noch widersprechen, wenn man endlich mal sagt, wie schlecht, hässlich oder talentfrei sie doch sei. Kann man alles gerne so sehen, tut aber absolut nichts zur Sache.


Ein weiterer Fehler: Loredana ist eine Frau

Schaut man sich die Rap-Landschaft an, ist Loredana kein Einzelfall. Es gibt dutzende Beispiele von Leuten, die es zu kritisieren oder nach der Logik des Hashtags, zu boykottieren wären. Der große Unterschied: Der Rest sind Männer. Auch da gibt es durchaus kritische Worte – mehr als uns als Rap-Szene manchmal zugestanden wird – aber von einem (geforderten) Boykott, habe ich noch nichts mitbekommen.

Sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, wäre also nicht nur das absolut verurteilungswürdige Verbrechen ihr Fehler. Ein weiterer Fehler wäre, dass sie als Frau ein solches Verbrechen begangen hätte. Das würde die Sache gleich schlimmer machen, was das Echo angeht.

Fakt ist aber, dass weder Loredanas Geschlecht, noch ihr Aussehen, noch ihre Musik irgendetwas mit dieser Sache zu tun hat. Hört auf, das zu vermischen. Hört auf, voreilig Leute canceln zu wollen. Am besten hört ihr generell auf, irgendwen canceln zu wollen. Die Art, wie diese Debatte – oder vielmehr diese Hetzjagd – geführt wird, geht absolut nicht klar und völlig am Thema vorbei.

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