Frauenschläger, Nazis, Kriminelle: Wir lieben (hassen) sie alle!

Ein Kommentar und der Versuch einer Analyse zur Frage, ob es in Ordnung ist, Künstler zu unterstützen, die politisch-oder moralisch-fragwürdige Dinge sagen oder tun und wie wir damit umgehen (sollten).

Xxxtentacion soll seine schwangere Frau verprügelt haben, liefert mit “?” im Gegenzug ein unglaublich spannendes und unkonventionelles Stück Musik. Prezident – in meinen Augen ‘Top Five – Dead or Alive’ – ist innerhalb weniger Wochen nach Jaw schon der zweite deutsche Rapper, der die Aussagen seines Rapper-Kollegen Abszstrakkt relativiert und Fan-Herzen zerbrechen lässt. Dieser fällt schon seit Längerem immer mal wieder mit äußerst fragwürdigen Aussagen irgendwo zwischen NWO-Verschwörungsgelaber und fremdenfeindlichen Statements in Reichsbürger-Jargon negativ auf. In den USA steht der Vorwurf im Raum, dass der klickstarke Newcomer 6ix9ine an einem Kindesmissbrauch beteiligt war. Tabubrüche wie diese sind kein neues oder aktuelles Problem. Bereits 1990 sorgte Dr. Dre für widerwärtige Schlagzeilen, als er die Rapperin und Journalistin Dee Barnes schlug und die Aktion im Anschluss noch verteidigte. Auch genre-und musikübergreifend gibt es weitere unzählige Beispiele von Künstlern, die durch ‘private’ oder ‘moralische’ Fehltritte, Fans ihre Kunst madig machten. Man denke an die Rechtsrock-Vergangenheit der immer noch sehr erfolgreichen Böhsen Onkelz, die Kindesmissbrauch-Vorwürfe um den ‘King of Pop’, Michael Jackson oder der tiefe Fall vom gefeierten House of Cards-Hauptdarsteller Kevin Spacey, der einen jungen Schauspieler sexuell missbraucht haben soll. Als Teil der Kultur, Journalist, Fan oder einfach nur als Konsument, stellt sich unweigerlich die Frage:

Wie gehe ich damit um?

Was soll ich tun? Aufhören, die Musik des Künstlers zu hören, den ich jahrelang gut fand? Filme und Serien boykottieren, in denen Kevin Spacey mitgespielt-und in den meisten Fällen einen verdammt guten Job gemacht hat? Mit Michael Jackson einen der größten Musiker aller Zeiten aus meiner Welt löschen? Den Fakt ignorieren, dass ausgewählte Lieder der Böhsen Onkelz in dem kleinen Kaff, in dem ich aufwuchs, gewissermaßen zum Inventar gehörten und ich erst Jahre später von den verwerflichen Anfängen der Hessen erfahren habe, als die späteren, nicht-rechten Songs längst mit zahlreichen (guten) Erinnerungen verbunden waren?

Fakt ist: Ich weiß es nicht. Ich stecke wie tausende andere immer wieder in diesem moralischen Dilemma und frage mich, ob es richtig oder viel mehr möglich ist, Kunst und Privatperson zu trennen? In der Hip-Hop-Kultur, die sich dadurch auszeichnen will, dass Künstler authentisch sind und ihr Leben in die Texte packen? Schwierig. Im Film, in dem Kevin Spacey ein skrupelloses Arschloch spielt? Nicht einfacher.

Ohne Scheiß, ich verspür ein Brennen in mein’m Herz
Dieses Land krieg’t jetzt endlich wieder Männer die sich wehr’n” – Absztrakkt auf “Walther”

Was ich tun sollte, weiß ich also nicht. Was ich getan habe, hingegen schon. Und ich glaube, dass ich damit eines der Hauptprobleme dieser Debatte erkannt habe und eben auch selbst verkörpere: Ich messe mit zweierlei Maß. Während ich beispielsweise nicht müde werde, zu betonen was Frei.Wild für rechte Spinner sind und mir in der Rolle des moralisch Überlegenen gefalle, relativiere ich aus den oben genannten Gründen gerne mal die ähnliche Bandhistorie der Onkelz. Gleicher Fall bei Prezident. Während ich nach dem Hören von “Walther” oder “Bluat” bereits mit Absztrakkt abgeschlossen habe und in ihm nicht mehr als einen Typen mit verabscheuungswürdigen Überzeugungen und Äußerungen sehen kann, der früher mal ganz gute Musik gemacht haben mag, verliere ich mich bei Prezident in Ausreden. Gut, kein astreiner Vergleich, da Prezident (zum Glück) keine Aussagen dieser Art in die Welt getragen hat. Allerdings hat er die – in meinen Augen indiskutablen – Aussagen von Absz in seinem neuesten Track “Ich geh’ dir liebend gern’ die Extrameile auf den Sack” relativiert. Statt genau so konsequent zu sein wie bei seinem Kollegen, hat Prezident als einer meiner Lieblingsrapper (Top Five, ihr wisst…) eine Sonderstellung. “Ach, der kennt ihn eben lange und denkt, es sei nicht so gemeint”, höre ich mich sagen. “Der meint das nicht so”. Alles Bullshit, doch so denkt ein Fan. Ich könnte hier noch seitenweise Beispiele aufzählen, die verdeutlichen, wie mich dieses Problem beschäftigt und in gewisser Weise überfordert. Allerdings glaube ich, ich komme nach kritischer Selbstreflektion und allgemeiner Beobachtung zumindest in die Nähe von dem, was man ein ‘Ergebnis’ nennen könnte.

Gute Kunst relativiert alles

Klingt erstmal hart. Man möchte laut aufschreien: “Nein, du ignoranter Penner, tut sie ganz sicher nicht!”. Aber irgendwie trifft es den Nagel auf den Kopf. Erinnern wir uns zurück an den 22.November 2013, den Tag an dem Bushido seinen Disstrack “Leben und Tod des Kenneth Glöckler” veröffentlichte. Was darauf folgte, hatte Deutsch-Rap seit Eko gegen Savas nicht mehr gesehen: eine ganze Szene stellte sich ausnahmslos auf die Seite einer Partei. Kein Künstler, kein Label, kein ‘neutrales’ Medium hatte für Kay One ein gutes Wort übrig. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Klar, der Track war stark, die Anschuldigungen darin teilweise sehr glaubhaft. Aber – und das ist der springende Punkt – Kay One hatte sich zu dieser Zeit mit “Rich Kidz” ohnehin einen schweren Stand bei den Hip-Hop-Medien eingebrockt mit anbiedernder Plastik-Musik á la “Hollister Girl”. Dazu kamen Bushidos Vorwürfe aus dem Track, der Auftritt bei Stern TV, bei dem er sich gegen die Abou-Chaker-Familie und damit gegen alte Verbündete, mit denen er sich liebend gerne in der Öffentlichkeit brüstete, wendete und natürlich seine “Bigger Than Rap”-Attitüde, dass er und seine Musik ja sowieso viel größer wären als die Deutschrapszene. Kurz: Man hatte sich darauf geeinigt, Kay One nicht zu mögen, ihn zu belächeln und ihn nicht mehr ernst zu nehmen.


Ziemlich genau ein Jahr später kam Kay nach einem wilden Ritt in der Popwelt, genauer gesagt auf dem Stuhl der DSDS-Jury, mit einer Antwort zurück. 24 Minuten Rap auf technisch hohem Niveau, mal mehr mal weniger überzeugende Gegenargumente und schon war alles vergessen. Die Anschuldigungen aus Bushidos Track wie weggeblasen. Niemand mehr, der Kay als “31er”, “Verräter”, “Thai-Nutte” (Wer hat sich hier denn eigentlich über Rassismus beschwert?!) oder sonst wie betitelte. Und das alles wegen einem einzigen, passablen Disstrack. Dazu noch ein Album “JGUDZS”, das zumindest in Ansätzen wieder mehr an die Art von Musik erinnerte, die ihn 2010 zum Shooting-Star machte. So einfach ist das. Versteht mich nicht falsch, Kay hatte auch danach nicht den Status eines Helden. Aber von ‘most-hated’ zu “Der Junge geht schon klar” durch einen einzigen Song? So einfach scheint es wohl zu sein. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, wo er heute wäre, hätte er den Bad Boy-Trip weiter durchgezogen, statt anschließend mit 200km/h auf der Überholspur wieder in den deutschen Mainstream zu rasen. Vermutlich wäre ein weiteres Jahr später wirklich alles vergessen gewesen.

Ich glaube, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, ist es letzten Endes eigentlich ganz leicht: Wenn die Kunst stimmt, ist uns der Rest scheißegal. Natürlich stören wir uns an gewissen Dingen und sollten damit auch weiterhin nicht aufhören. Es wird weiter Leitartikel regnen, die es für den Moment bedarf. Doch nach ein paar Monaten, manchmal sogar nur Wochen, juckt es keine Sau mehr. Die Aufregung um Xxxtentacion wird abnehmen, Jaw-und Prezident-Fans werden sich dennoch auf neue Musik freuen, Michael Jackson ist und bleibt der ‘King of Pop’ (R.I.P.) und auch Kevin Spacey wird wieder Filme machen und einfach nur ein Schauspieler von vielen sein. Die Welt dreht sich weiter. Oder nicht?

 

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