Weekend: „Ich bin stolz darauf Musik zu machen, die ich selbst mag.“

Keiner ist gestorben

Um mal zurück zu deiner neuen Platte zu kommen: Die Produktion hat Peet ja sozusagen als Schirmherr begleitet. Wer hat noch alles Beats beigesteuert?

Ich habe angefangen, mich mit Bennett On und mit Peet an die Platte zu setzten. Aber es war nie so, dass wir gesagt haben „nur wir drei“. Eher in die Richtung lasst uns erstmal gucken, wohin es geht. Und dann kann man gucken, was für Beats man noch so eingesammelt bekommt und dann kann man gucken, wie man die dann noch ausproduziert. Dann hat sich im weiteren Verlauf herauskristallisiert, dass ich die meisten Sachen mit Peet gemacht habe und Ben hat dann noch ein paar Sachen hinzugefügt. Und ich habe parallel immer geguckt, was ich so feier‘ und was ich mag. Ein ganz großer Anteil am Machen hat zudem ein junger Produzent aus der Nähe von Nürnberg, Maze One heißt der. Den habe ich bei einem Beat-Battle, wo Peet in der Jury saß, entdeckt. Ich bin dann zu dem hin und meinte „Ey, das ist Tatschlich genau das, was ich mag und mache und höre.“ Er hat dann direkt geantwortet, dass er schon gehofft hat, dass ich das so sehe. Er ist auch mit Peet-Produktionen und so quasi aufgewachsen. Schon ein bisschen witzig. So ist es halt gekommen, dass ich ihn ins Boot geholt habe. Er hat glaube ich vier oder fünf Beats für das Album gemacht. Maze war der frische, junge Wind, den wir für das Album gebraucht haben.

Im On-Point Interview mit Aria hast du gesagt, dir wäre von Anfang an klar gewesen, mit wem du für die Platte zusammenarbeiten willst. Warum warst du dir da so sicher?

Ich habe halt ein paar mal so Sachen gemacht in meinem Werdegang, wo ich ein Feature gemacht habe und das war mir dann egal. Es gab zwar kein Feature, was für mich negativ behaftet ist oder so, aber es gibt halt Features, die man macht, weil man zusammen abhängt und gerne einen Song macht und es gibt Sachen, da hat man mal einen Song gemacht, es wurden Spuren rübergeschickt und das wars. Das hat im Nachhinein dann für mich auch keine wirkliche Bedeutung gehabt. Das werde ich jetzt auch nicht mehr so machen. Wenn ich Bock habe mit jemandem zusammenzuarbeiten, weil wir gerade zusammensitzen oder weil ich den Typen krass feier’ okay. Aber es muss auch dann einen persönlichen Bezug geben. Vielleicht bricht der Kontakt dann irgendwann ab, aber man hat mal richtig zusammen gearbeitet und man mag sich. Das ist die Art und Weise für mich Musik zu machen. Deswegen sind auf dem Album die Leute, mit denen ich viel Kontakt hatte und das war das, was ich von Anfang an wusste. ich wollte nicht über das Management irgendwen anfragen und nach Features suchen.

Das Edgar Wasser Feature „Kinder machen“ fand ich sehr interessant, auf der einen Seite, weil der Song aus der Sicht einer Frau erzählt wird und auf der anderen Seite kam mir irgendwann die Assoziation mit den AfD-Kampagne „Kinder machen Spaß“ oder wie das hieß. Wie kam die Idee zum Song? 

Tatsächlich kenne ich die AfD-Kampange in die Richtung gar nicht. Aber das ist ein schöner, zufälliger Link, den du da gefunden hast. Es ist im Prinzip mein alter Job. Ich dachte das wäre recht offensichtlich. Das ist das, was ich früher gemacht hab. Mich im Prinzip um Menschen kümmern, wo die Fragestellung im Raum steht, ob das „Kinder Machen“ so geht. Und ich habe in meinem Job diese Frage auch immer unterschiedlich beantwortet. Ich möchte mit diesem Song nicht sagen, dass das nicht geht. Ich möchte, dass du den hörst und selbst überlegst, ob das geht. Und ich beantworte dir das auch nicht. Das ist natürlich extrem in dem Song, aber es gibt auch Grauzonen. Wo zieht man die Grenze? Dieses Generationen-Thema ist halt etwas, was mich sehr stark begleitet. Kinder von Menschen, die auf eine gewisse Art und Weise funktionieren und die Hilfe benötigen, haben es schwer aus diesem Kreis auszubrechen und haben dann wiederum Kinder, die Hilfe benötigen. Und das habe ich in dem Song auch beschrieben. Das Kind aus Part Eins wird zum Elternteil in Part Drei. Ich finde es cool, dass es so einen schockierenden Moment auf dem Album gibt. Der Song sollte unbequem sein und ich hoffe, dass er das auch geworden ist. 

War er für mich in jedem Fall. Der Song blieb mir nach dem ersten Durchlauf auch am präsentesten im Kopf. Nächste Frage: Wie viel Zeit hat die Album-Produktion effektiv in Anspruch genommen?

Ich habe nach dem letzten Album relativ fix wieder angefangen Musik zu machen, aber gar nicht so krass gezielt. Ich wusste nicht, wo das drauf hinausläuft und habe einfach gemacht. Die Songs die auf dem Album sind, sind nicht zwangsläufig zwei Jahre alt. Die meisten sind eher etwas neuer. Ich habe ungefähr ein Jahr erstmal geguckt und Skizzen gesammelt. Ich war etwas ungeordnet und fand das auch gut. Zwischen dem Tape, das ich dann nach dem Album gemacht habe und dem Album eben, war für mich vollkommen unklar, in welche Richtung es gehen wird. Es hat eine Zeitlang gebraucht sich herauszukristallisieren. Da war die Herangehensweise einfach Songs machen. Die mache ich erstmal und kann die auch noch wegwerfen. Irgendwann hat es dann angefangen sich in Richtung eines Albums zu sammeln und das hat es dann auch einfacher gemacht, weil man dann weiß, was es ist. 

In „Bottom“ sagst du du hättest den Song schon zehn mal geschrieben. Hast du auf mehreren Songs so lange rumgedacht oder war „Bottom“ einer der Songs, die am meisten zeit in Anspruch genommen haben?

Der „Bottom“-Song ist tatsächlich so innerhalb von drei Stunden entstanden, zumindest der erste Part und die Hook. Den zweiten Part habe ich dann am nächsten Morgen geschrieben und aufgenommen. Es ist eher so, dass ich beim Schreiben des Songs gedacht habe, dass sich gewisse Gedanken und Situationen wiederholen. Ich finde aber die sind auf dem Song sehr schön zusammengefasst, deswegen ist es am Ende der Song geworden und nicht einer von den neun anderen Versuchen das aufzuschreiben. Die Dinge, die ich da sage sind Dinge, bei denen ich das Gefühl habe, mich lange im Kreis gedreht zu haben. Ich finde es ganz cool, dass es genau der Song geworden ist, weil der das alles auf den Punkt bringt. Ansonsten gibt es tatsächlich nichts, was lange gedauert hat und auf dem Album gelandet ist. Die Songs die drauf sind fühlen sich eher an wie ein One-Shot. Ich habe bei schleppenden Sachen eher gedacht „Mach das lieber neu und mach es geil.“ 

2013 war noch „Sommer meines Lebens“-Feeling, nun kommt ein Song wie „Bottom“. Wie kam diese Wandlung?

Ich sehe das gar nicht so krass als Entwicklung von „Sommer meines Lebens“ zu „Bottom“. Ich sehe das nach wie vor so, dass es geil ist das alles machen zu können. Aber vielleicht hat man nach einer gewissen Zeit den Anspruch, dass sich irgendwas tut. Am Anfang unseres Gespräches haben wir uns ja über diese Deutschrap-Kultur unterhalten, im Sommer oberkörperfrei, mit Sonnenbrille und auf Teilen über Festivals zu laufen. Ich würde gerne von dem Punkt aus, wo ich gerade bin, mehr bewegen können. Aber ich hatte das Gefühl ein wenig ohnmächtig zu sein. Das heißt aber nicht, dass Rappen an sich und von Rap leben können nicht geil ist. „Bottom“ beschreibt, wie es für mich ist diesen Job zu haben. 

Wir waren ja schon vorhin ein wenig bei dem Thema, aber was glaubst du muss sich ändern, damit solche Musik wie deine mehr Bewegen kann? 

Ich bin mir schon bewusst, dass das Spatenmusik ist und eigentlich auch immer Spatenmusik bleiben wird. Und das ist auch okay so. Wenn ich so eine Platte mache und bewusst die Entscheidung treffe die so zu machen – ich hätte ja auch in eine andere Richtung gehen können mit dem Album – dann darf ich mich am Ende auch nicht darüber beschweren. Also beschweren darf ich mich schon, aber ich wundere mich nicht darüber. Wenn ich jetzt irgendwie Afro-Trap-Mukke machen müsste, damit sich mir Türen öffnen, die sich mit meinem 90-BPM-Punchline-Rap nicht geöffnet haben, ist es vielleicht auch okay so. Ich bin schon stolz drauf, die Entscheidung getroffen zu haben, die Musik zu machen, die ich halt mag. Es gibt in Deutschland sehr viele Leute, die Trend-Hopping betreiben und ich stehe hier 2017, lebe seit drei Jahren von Musik und habe das nicht betrieben. Das ist doch schon ein großer Erfolg. Vielleicht muss der Anspruch nicht seien Gold-Platten zu kriegen, sondern Miete zu zahlen mit dem, was man mag. 

Hat dir „Keiner ist gestorben“ daneben noch weitere Ideen für zukünftige Release gegeben? 

Kann ich dir ehrlich gesagt gar nicht so richtig sagen. Ich bin komplett leer geschrieben. Ich habe viel Energie in dieses Album gesteckt. Ich bin ja in erster Linie jemand, für den Album-Arbeit vor allem Schreibarbeit bedeutet. Ich produziere nicht selbst. Klar bin ich bei jedem Schritt dabei und sage meine Meinung, aber mein großer Teil und vor allem meine große Stärke ist das Schreiben.

„Nur Rap macht für mich im Moment den Horizont klein.“

Ich habe unfassbar viel auch über das Album hinaus geschrieben und Sachen gemacht. Gerade bin ich sehr froh, dass es fertig ist. Es ist tatsächlich auch so, dass ich stolz auf diese Album bin. Ich bin froh, dass ich an gewissen Punkten nicht anders Abgebogen bin und an gewissen Punkten auch nicht einfach hingeschmissen hab. Ich glaube nach diesem Album werde ich mich erstmal hinsetzten und wie beim letzten Album auch einfach mal gucken. Ich weiß nicht, ob ich mich direkt an ein neues Album setzte, ich weiß nicht ob es überhaupt ein neues Album geben wird. Ich bin gerade an einem Punkt, an dem ich erstmal raus aus dem Musik-Machen kommen muss. Es war anstrengend und gut, dass es so passiert ist. Aber ich kann mir auch gut vorstellen mal wieder nebenbei zu arbeiten. Nur Rap macht für mich im Moment den Horizont klein. Man sieht immer die gleichen Leute. Ich glaube ich brauche kurz ein bisschen echtes Leben. Vielleicht werde ich Film-Star. (lacht)

Wo du ja wahrscheinlich erstmal nicht rauskommst ist die Tour Anfang nächsten Jahres. Hast du dir schon über die Show oder einen Support-Act Gedanken gemacht?

Ich habe mir tatsächlich noch keine Gedanken gemacht, was die Support-Frage betrifft, aber ich habe mir schon mega viele Gedanken gemacht, was die Show betrifft. Gefühlt tingle ich die letzten zwei Jahre mit der gleichen Show umher. Ich bin richtig, richtig glücklich, dass das jetzt zu Ende gespielt ist und ich mir Live was neues ausdenken kann. Da sind wir gerade richtig tief drin. Es fängt an bei Lampen und hört auf bei der Musik. Wir wollen mal komplett von vorne das Live-Konzept umschrauben. Wir haben 200 bis 300 Konzerte gespielt in den letzten Jahren und es ist ganz geil das jetzt zur Seite zu schieben und das, was man gelernt hat, in ein komplett neues Set zu stecken. Das wird geil!

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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