Urbs: “Ich will Popmusik mit den Mitteln des Hip-Hop machen”

Der Wiener Produzent und DJ Urbs dürfte nicht mehr vielen ein Begriff sein. Das hat auch einen recht einleuchtenden Grund. Für über zehn Jahre zog sich Urbs nach seinem erfolgreichen Album “Toujours Le Meme Film” und der anschließenden Europa-Tour vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Für die Zukunft gelobt der Beatbastler allerdings Besserung: Sein neues, unbetiteltes Album erscheint am kommenden Freitag. Daneben arbeitet er auch noch an einer Instrumental-Platte. Auf dem Vocal-Album, welches als Platzhalter den selbstbetitelten Namen “Urbs” trägt, finden sich logischerweise Unmengen an Features. Unter anderem die East Coast Legende R.A. the Rugged Man. Wie solche Features zustande kamen und warum sich Fans diese Mal nicht auf eine ausgedehnte Europa-Tour freuen dürfen, haben wir mir Urbs in unserem neuesten Zwischen den Zeilen besprochen. 

Urbs

Warum ist das Album unbetitelt? Welcher Sinn steckt dahinter?

Wirklich dazu entschieden habe ich mich erst während der Gestaltung des Artworks, aber dann war für mich schnell klar, dass ich mit diesem Nicht-Statement das Motto des Albums wohl am treffendsten umsetze: No Gimmicks.

Was ist die Grundaussage der Platte, welchen roten Faden verfolgt das Album?

Zeitlosigkeit ist eigentlich immer mein Ziel, so auch hier. Ich wollte ein Album, das aus lauter radiotauglichen Singles besteht und trotzdem ein konsistentes Ganzes ergibt. Ich will eigentlich Popmusik mit den Mitteln des Hip-Hop machen und will, dass die Leute vergessen, dass sie hier überhaupt Hip-Hop hören.

Welche Themen werden auf „Urbs“ behandelt, wovon erzählt ihr konkret?

Thematisch habe ich mich bei diesem Projekt natürlich ein bisschen den MCs und Sängerinnen ausgeliefert und wollte auch ganz bewusst, dass sie die Musik so interpretieren, wie sie sie wahrnehmen. Das führt natürlich zu manchen Überraschungen, aber ich gebe offen zu, dass mich der Inhalt bei Rap eigentlich nie so richtig interessiert, solange Flow, Stimme und Catchiness passen. Inhaltliche Substanz ist natürlich ein netter Bonus. Worum es geht? Um absolut alles!


Wer zeigt sich für das Cover verantwortlich? Wie ist die Idee dazu entstanden? Welche Bedeutung hat es?

Wie bei jedem meiner Covers seit Urbs & Cutex basiert das Artwork auf einem Foto meines Bruders Mischa Nawrata. In diesem Fall habe ich mit DJ DSL zusammengearbeitet, der sich seit einigen Jahren mehr und mehr der Grafik zuwendet. Der Projekttitel des Albums war „Words“ und ich habe mich auf die Suche nach schönen Lettern gemacht. Dabei bin ich auf stadtschrift.at gestoßen, die Schriften aufgelassener Läden sammeln und ausstellen. Sie hatten die notwendigen Buchstaben um „Urbs“ zu schreiben, was gar nicht so leicht zu finden ist, da man von jedem Laden natürlich nur eine begrenzte Auswahl an Buchstaben zur Verfügung hat. In diesem Fall war das ein Laden für BootSzUbehöR. Die Lettern sind aus den 70ern, sind etwa 50 cm hoch, aus verwittertem Chrom und wunderschön. Diese Beschaffenheit drückt wohl auch ein bisschen den Charakter der Musik aus.

Wie bist du an die Produktion rangegangen? Hast du die Songs auf den Künstler zugeschnitten oder jedem mehrere Alternativen geschickt?

In den meisten Fällen hatte ich für die jeden MC einen bestimmten Track im Kopf, bzw. umgekehrt, und hab ihnen auch nur diesen einen Track geschickt.

In welchem Studio ist „Urbs“ entstanden und wieso? Sind alle Features bei dir entstanden oder haben auch Künstler lediglich ihren Part geschickt?

Alle Songs sind bei mir zu Hause entstanden. Für die Vocal-Aufnahmen war ich mit den MCs in verschiedenen Wiener Studios, vor allem, weil jede Stimme ein anderes Mic verlangt und ich ihnen da eine gewisse Auswahl bieten wollte. Nein, das war nur ein Schmäh, ich bin einfach komplett unfähig beim Stimmen aufnehmen. (lacht) Die US-MCs, also Wordsworth und R.A. The Rugged Man haben mir ihre Parts geschickt.

Wieso hast du dich für genau diese Features jeweils entschieden? Wie sind die Features zustande gekommen?

Da ich ja unfassbar lange Zeit an diesem Album gewerkelt habe, war der ursprüngliche Impuls in einigen Fällen noch Myspace. Zu jener Zeit haben die Leute tatsächlich noch geantwortet, wenn man sie angeschrieben hat. Das war ein wunderbarer Thrill und ich hatte Kontakt mit vielen Legenden, die ich mir dann aber meist nicht leisten konnte oder wollte, so zum Beispiel Grand Puba oder Greg Nice. Ich habe schnell festgestellt, dass diesen Leuten die Beats meist scheißegal sind, solange die Kohle stimmt, und das war mir dann auch zu unromantisch. Der Rest sind eigentlich alles Leute, die eine gewisse Zeit in Wien verbracht haben und nicht nur für einen Tag da waren, sowie Freunde und Bekannte, wie Skero, Kayo oder T.R.A.C.


Wer hat dich für dieses Album in welcher Weise inspiriert, was Sound und Inhalt betrifft?

Meine Hauptinspirationsquellen sind dieselben wie immer. Eastcoast New School, Mark The 45 King, Kenny Dope, Nubian Crackers. Zeitlos gültige Formeln.

Wie viel Zeit hat die Produktion in Anspruch genommen?

Zehntausend Jahre! Es dauert bei mir etwa 20 Minuten bis ein Song fertig ist und danach mische ich minimum 8 Jahre ab. (lacht)

Wessen Meinung ist dir während eines Album-Prozesses wichtig und wieso?

Hauptsächlich die Meinung von Leuten, die eher keinen Hip-Hop hören. Hip-Hop-Heads wollen immer, dass alles so klingt wie´s eh immer klingt und hören nur auf den Rap oder auf die Snare und jedenfalls nicht auf das große Ganze.

Auf welchem Label wird die Platte releast und wieso?

Auf Beat Art Department, einem neuen Münchner Label, das von von meinem alten Freund Rude Teen in Kooperation mit Compost Records gegründet wurde. Mein Album hat die schöne Katalognummer 001. Vor allem deshalb, weil über die Jahre kaum jemand so vehement die Fertigstellung dieses Dings eingefordert hat wie Rude Teen, die gute Seele.

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Urbs, Paul Nawrata, Portrait, Photo by Mischa Nawrata, June 2017, © Mischa Nawrata, 2017


Gab es Schwierigkeiten im Produktionsprozess und wenn ja, welche?

Mein schrulliger Perfektionismus war sicherlich die größte Hürde. Ich schwanke zwischen Größenwahn und gnadenloser Selbstgeißelung. Letztendlich habe ich das Album fertiggestellt bevor mein Sohn auf die Welt kam, weil ich wusste, wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es nie machen.

Existiert ein Song, der besonders viel Arbeit gebraucht hat und wenn ja, wieso konkret?

Am meisten herum getüftelt habe ich sicher an „10.000 Years Behind Me“, weil ich versucht habe, die Soundwelt des Originals aus dem Jahr 1967 beizubehalten, diese aber auch halbwegs ins Jetzt zu holen. Teile der Musik sind gesampelt, andere Teile jedoch neu eingespielt.

Gibt es eine besondere Anekdote, die du rund um den Produktionsprozess zum besten geben kannst?

Ich liebe Marc Macs „Visioneers“, vor allem das erste Album hab ich rauf und runter gehört. Als T.R.A.C. bei mir zum Aufnehmen war, hab ich ihm einen Song vorgeschlagen, für den ich zufälligerweise schon eine Strophe von Voice Monet hatte. Er sagte „Ah, Voice- war mit ihr auf dem Visioneers Album. You lookin´ for that Visoneers vibe?“ Und tatsächlich ist mir trotz viertausendmaligem Hören nicht aufgefallen, dass die beiden dort auch gemeinsam zu hören sind. Letztlich hat mir T.R.A.C. auch Marc Mac vorgestellt. Er hat einen unfassbar schönen Remix gebastelt, der im Herbst auf unserer „Remix EP Vol. 2“ zu hören sein wird. Full circle sozusagen.

Welcher ist dein Lieblingssong auf der Platte und was macht ihn zu diesem?

Ich mag natürlich alle, aber ein Hidden Gem ist vielleicht „Shines Inside“, der letzte Song der Platte, für den Aina und Mr. Milk von den True Ingredients wunderbare, sehr spirituelle Vocals aufgenommen haben. Dabei singen sie die letzte Strophe unisono, etwas was im Hip-Hop eigentlich eher selten vorkommt und bei mir jedesmal Gänsehaut hervorruft.


Welche ist die beste Line auf der Platte?

Da gibt’s natürlich auch viele, BluRum zum Beispiel hat mit „Concussion“ ein lyrisches Meisterwerk abgeliefert: „Pardon the sarcasm, politricks is a joke/I smoke, they blow coke, I guess we´re different folks“ Muss man halt hören.

Wie unterscheidet sich das Album von seinem Vorgänger? Warum hast du dich gegen ein Instrumental-Album entschieden?

Der Unterschied könnte kaum größer sein, vor allem weil das letzte Album eigentlich ein Nebenprojekt war, das ursprünglich auch unter einem anderen Namen hätte erscheinen sollen. Es hat mir immer wahnsinnig Spaß gemacht, Remixe zu machen. So ist die Idee entstanden, auch mal selbst mit Vokalisten zu arbeiten. Parallel hab ich ja weiter meine Instrumental-Stücke produziert, nur war dieses Album früher fertig.

Welche Ideen hat dir diese Platte für zukünftige Releases geliefert?

Nie wieder mit Vokalisten zusammenzuarbeiten! (lacht)


Welche Relevanz haben die Charts für euch? Welche Erwartungen habt ihr an die Chartplatzierung dieser Platte?

Mir ist vor allem wichtig, dass das Album auf möglichst vielen Radiostationen läuft und nicht im Hip-Hop-Ghetto hängenbleibt. Wie gesagt: für mich ist es Popmusik und ich freu mich natürlich wenn es in irgendwelchen Charts auftaucht.


Womit kann die Platte überzeugen?

It´s dope! Jeder Song kommt auf den Punkt, es gibt keine Filler und es ist vom ersten bis zum letzten Song eine schöne, abwechslungsreiche Reise.

Was wird den Hörer an der Platte überraschen? Womit rechnet man zunächst nicht?

Menschen, die auf „Toujours Le Meme Film Vol. 2“ warten, werden wohl im Allgemeinen ziemlich überrascht sein.

Wie geht es nach Release für dich weiter? Welche Projekte sind geplant?

Erstmal erscheint Ende des Jahres noch „Remix EP. Vol. 2“ mit Remixen von den Visioneers, Peter Kruder, Pulsinger & Irl, Flip von Texta, Trishes und Jstar. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren an drei Alben gearbeitet, es kommen auf jeden Fall irgendwann auch ein neues Instrumental-Album und ein Projekt mit einer australischen Sängerin.

Wirst du mit dem Album auf Tour gehen? Wie werden die Feature-Parts umgesetzt?

Ich war beim letzten Album mit Band auf Tour und habe dabei festgestellt, dass das nicht meins ist. Es wird vereinzelt Gigs geben, aber eine Tour ist mir zu anstrengend und ich will auch nicht zu lange von meiner Familie weg sein. Den Album-Release feiere ich mit einer Party im Gartenbaukino in Wien, bei der MC T.R.A.C. den Host macht, Skero&Kayo werden auch ihren Song performen. Den Rest mische ich von Vinyl ab. Ich will keine Konzertsituation, sondern eine Party.

Tracklist konkret:

Happy Days“ feat. Bagi & Sarah Ann

Food is good as the first time you´ve tasted it

10.000 Years behind Me“ feat. T.R.A.C.

To fly back to saner planes it could take a minute

Give Up“ feat. Eighty Bug & Tyna

Now I´m having a ball, now I´m having it al!

Get Wid It“ feat. Tyna

Flash like a camera, walk like a panther

Fias Ind Hand“ feat. Skero & Kayo

I glaub es ward gscheida wann i aussteigad

Concussion“ feat. Blu Rum 13

I was walking the cliffs without knowing the ledge

Holdin Back“ feat. Wordsworth

Ladies pretty, hit the city so I´m stayin busy

Why We“ feat. Ward 21

Enough a dem chatty chatty, and dem na matter we

Hands Up“ feat. RA The Rugged Man & Big Earth

Start fuckin´ buckin´ like your ass on crack

Freeze Frame“ feat. T.R.A.C. & Voice Monet

Stiletto to the blue and still captivated like I´m on the flute

Code Of The Snake“ feat. Blabbwona

Even illiterate n****s can really read you

Hey“ feat. Wordsworth

Want a piece of the pie – they givin´you the crust

Shines Inside“ feat. Aina Roxx & Mr. Milk

We are not standing alone, wherever we move is our home

 

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.
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