Trettmann: „Die Arbeit der letzten Jahre mündet in ‚#DIY'“

Kaum ein Künstler hat die Deutschrap-Kreise in der jüngsten Vergangenheit wohl so von sich überzeugen können wie Trettmann. Man möchte ihm glauben, wenn er sagt, für ihn sei noch nie ein Jahr so schnell vergangen wie dieses. Immerhin war er nicht nur mit Haiyti auf eigener Tour unterwegs, sondern ebenso bei RAF Camora & Bonez MC zu Gast und hat die Beginner auf ihrer Tour als Support Act unterstützt. Gemeinsam mit seinem KitschKrieg Team ist es Trettmann dennoch gelungen, genügend Zeit freizuschaufeln, um auch noch ein Album fertigzustellen. „#DIY“ – klassisch betitelt nach dem KitschKrieg-Erfolgsrezept erscheint morgen und ist das vorläufige Finale vieler Jahre Arbeit. In Berlin-Kreuzberg haben wir uns mit Trettmann zum Zwischen den Zeilen Interview getroffen, um über die DIY-Mentalität, Major-Angebote und Marteria zu sprechen.

 


Morgen erscheint mit „#DIY“ dein Soloalbum. Als Musiker bist du bereits sehr lange unterwegs, aber besonders dieses Jahr war für dich super erfolgreich. Welchen Einfluss üben diese Erfahrungen auf deine persönliche Erwartungshaltung an das Album aus?

Trettmann: In erster Linie freue ich mich. Ich lasse mich auch vom Feedback überraschen, allerdings merkt man bereits jetzt, dass die Leute Bock darauf haben. Aktuell packe ich ja die #DIY Boxen selbst und lese die Widmungen, die die Leute gern auf den Postern hätten. So bekommt man schon ein Gefühl dafür, wie groß die Vorfreude ist. Genau so merkt man das auf den sozialen Netzwerken. Die Arbeit der letzten Jahre mündet in diesem Album und so langsam werde ich auch etwas ungeduldig und möchte es unter’s Volk bringen (lacht). Ich bin guter Dinge!

In Songs betonst du gern, dass bei KitschKrieg alles aus einer Hand stammt und ihr großen Wert auf eure Eigenständigkeit legt. Magst du dennoch erklären, wieso du dich für diesen Titel entschieden hast?

Trettmann: „#DIY“ ist kein Konzeptalbum, die Songs sind musikalisch und thematisch sehr unterschiedlich. Bei der Produktion des Albums, der Tour und der Box ist uns wieder aufgefallen, dass wir einfach immer noch genau das tun, was wir schon immer getan haben. Wir haben alles selbst und ohne die Industrie, weil wir es am besten können. Wir brauchen keinen A&R oder sowas, wir haben das über Dekaden studiert. Deshalb passt #DIY wie die Faust auf’s Auge, was das Projekt und auch die Arbeit meines Producer Teams betrifft.

Ich finde auch, das Album verfügt über einen gewissen Mixtape Charakter, was das Gesamtbild jedoch in keiner Weise beeinträchtigt. Ist es für dich dennoch möglich, das Projekt in einer Grundaussage zu resümieren?

Trettmann: Das ist schwierig. Ich würde sagen, das ist nicht möglich. Falls doch, wäre sie eben DIY (lacht). Auf dem Album sind auch keine fremden Produzenten vertreten. Die Arbeit der letzten Jahre mündet in diesem Album. Wo die letzten Jahre Selbstreflexion oder Rap über Rap stattgefunden hat, ist man jetzt dazu übergegangen, in Bezug auf die Produktionen und auch das Schreiben, richtige Songs zu machen. Es heißt nicht mehr Hook, Sechzehner, Hook, Sechzehner. Auch beim Texten habe intern immer wieder Feedback verlangt, das habe ich früher allein gemacht. Man hat alles aufeinander abgestimmt und auch noch einmal neu begonnen, wenn es sein musste.

Gibt es Außenstehende, von denen ihr euch Feedback einholt oder passiert alles ausschließlich KitschKrieg intern?

Trettmann: Tatsächlich nur intern. Es ist schön, sich abzukapseln, das Baby zur Welt zu bringen und dann das Feedback von außen zu erhalten. Wir haben einen Soundcloud-Link an Leute geschickt, die uns wichtig waren. Da war das Album jedoch bereits fertig. Da bekommt man dann mit, es matcht und es ist gut. Mitunter verliert man das Gefühl dafür, nachdem man Monate lang an dem Projekt gefeilt hat.

Lass uns mal über die #DIY Box sprechen. Stand von Beginn an fest, dass es eine Box zum Album geben wird und wann habt ihr euch dazu entschieden, diese so individuell zu gestalten?

Trettmann: Die Box hat sich ergeben. Ich muss sagen, ich habe dieses Boxen-Ding nie wirklich verfolgt. Mit Ausnahmen habe ich davon auch nie groß etwas mitbekommen – außer natürlich, dass du eine Box machst, wenn du in die Charts einsteigen willst. Wir haben uns für eine Box entschieden und wollten eine auf normalem Wege machen. Plötzlich hätten wir dazu aber schon die Tracklist gebraucht dazu und soweit waren wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Der Druck von außen wurde zu groß. Es ging uns nie um Charts, sondern um gute Musik, darum, das Projekt wachsen zu lassen und die Supporter zu bedienen. Also sagten wir uns, wir machen das so wie immer: Selbst.
Wir bieten jetzt also kein Onesize T-Shirt an, sondern verschiede Größen und Motive zur Auswahl, drei Motive von °awhodat° zur Auswahl als Poster mit Widmung und auf dem beiliegenden Stick findest du insgesamt 42 Songs.

Hast du dir während der Produktion jemals gedacht, dass das Vorhaben eventuell etwas zu ambitioniert war?

Trettmann: Die Organisation der Boxen hat KitschKrieg übernommen, davon habe ich ehrlich gesagt gar nicht so viel mitbekommen. Ich bin jetzt quasi nur hier und packe diese mit und kümmere mich um die Widmungen. Vor der großen Tour habe ich mir auch gerade nochmal eine Auszeit genommen und bin jetzt voller Energie zurück. Ein bisschen Größenwahn braucht man.

Geht man die Liste der Featuregäste auf #DIY durch, findet sich neben KitschKrieg Kollegen wie Haiyti und Joey Bargeld und anderen Weggefährten wie Bonez MC oder RAF Camora auch Marteria. Wie hat Marteria seinen Weg auf dieses Album gefunden?

Trettmann: Ich schätze Marten als Musiker und Lyriker und schon lange Lust, etwas mit ihm zu machen. Auf dem diesjährigen Frauenfeld Open Air kam er zu mir, hat mich umarmt und mir zu meiner Musik gratuliert. Das war ca. ein, zwei Wochen vor der Abgabe des Albums. Dann habe ich ihn gefragt, ob er dem Album nicht so kurzfristig noch etwas beisteuern wolle. Als wir wieder in Berlin waren, haben wir uns in Kreuzberg getroffen, haben den Song an einem Abend geschrieben und auch direkt den Part aufgenommen. Man weiß natürlich, Marteria ist ein hervorragender Lyriker. Ich finde es schön, dass er da auch noch Bock drauf hat. Er müsste einfach nicht, aber er ist down und wenn ihm etwas gefällt, supportet er es.

Ich kann mir vorstellen, dass in der Vergangenheit bereits einige Labels auf dich zugekommen sind und dir Angebote unterbreitet haben.

Trettmann: Eigentlich heißt es ja: Wenn, dann nimm es und renn (lacht). Bisher bestand die Notwendigkeit aber einfach nicht. Die Tour mit Haiyti war ausverkauft und generell läuft es aktuell so gut wie noch nie. Ich bin einfach glücklich und dankbar, dass sich alles auszahlt. Wie ich auf „Knöcheltief“ auch sage: Wir haben uns das verdient. Ambitionen, bei einem anderen Label zu signen, sind nicht vorhanden.

Die ganze Arbeit mit und rund um KitschKrieg klingt unheimlich harmonisch. Hattet ihr dennoch Schwierigkeit innerhalb des Albumprozesses, die ihr überwinden musstet?

Trettmann: Etwa vor einem Jahr haben wir uns bereits zusammengesetzt, über meine Stärken nachgedacht haben und überlegt, welche Themen das Album behandeln könnte. Im letzten Jahr ist unheimlich viel passiert: Insgesamt wurden fünf EPs veröffentlicht und dazu kam die Tour. An Wochenenden war ich sowieso auch immer unterwegs. Zwischenzeitlich hatte ich da schon mit kleinen Erschöpfungserscheinungen zu kämpfen. Das hat dazu geführt, dass ich stellenweise mit bereits geschriebenen Song nicht so zufrieden war. Eigentlich hätte alles schon früher fertig sein sollen. Aber da lassen wir uns dann lieber genügend Zeit, damit es am Ende tight ist. Man feilt solang daran, bis das Projekt das gewünschte Level erreicht hat. Das kann man sich auch nur dann leisten, wenn man Independent ist. Das war allerdings der einzige Punkt, an dem ich kurz überlegt habe, ob die Latte, die wir uns selbst gesteckt haben, schlichtweg zu hoch war.

Wie geht es nach Albumrelease weiter?

Trettmann: Erstmal steht die Tour an, deren Planung auch bereits fertig ist. Die ersten Städte sind sogar schon ausverkauft oder hochverlegt worden. Ich hab richtig Bock auf die Tour, allerdings ist das auch schon ein großes Projekt. Wir spielen an die 25 Städte und auch Österreich und die Schweiz, das heißt, ich werde bis Anfang November erstmal weg sein. So konsequent hintereinander habe ich noch nie so viele Gigs gespielt. Zum Glück habe ich durch die Touren mit Haiyti, Bonez und RAF Camora und mit die Beginner schon ein gutes Training. Danach ist das Jahr auch wieder so gut wie um. Ich glaube, bisher ist für mich noch kein Jahr so schnell vergangen wie dieses. Danach bietet sich wahrscheinlich die Gelegenheit, alles sacken zu lassen, zu resümieren und zu schauen, wo man jetzt steht und wie es weitergeht. Was ich jetzt bereits sagen kann, ist, dass ich nicht mit der Musik aufhören werden.
Im Winter ruft außerdem erst einmal die Karibik.
Auf Seite 2 geht’s weiter mit der Tracklist konkret.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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