PTK: „Meine Inspiration ist Negatives“

Foto: Jakob Tillmann

Neuigkeiten straight outta Kreuzberg: Bombenprodukt-Mitglied PTK präsentiert am 30.06. sein neues Album „Ungerächte Welt“.
Der Titel lässt nicht nur seinen Hang zu doppeldeutigen Wortspielen, sondern auch bereits die thematische Richtung erahnen und man kann sich sicher sein: Ein gut gelauntes Sommer-Album klingt anders. Statt sorglose Hymnen für laue Sommernächte gibt es eine Kelle voll Ungerechtigkeit, voll Wut und voll Aktivismus.
Um mit PTK über „Ungerächte Welt“ zu sprechen, trafen wir ihn in seinem Stammcafé in Berlin-Kreuzberg zum Zwischen den Zeilen Interview.

Zwischen den Zeilen: PTK

Dein Album „Ungerächte Welt“ erscheint am 30.06. – Was verbirgt sich hinter dem Titel?

PTK: Ich mag es, Worte abzuändern und ihnen eine ganz neue Bedeutung zu geben. Mein letztes Album hieß beispielsweise „Den Umständen widersprechend“ – das ist genau so ein Fall. Irgendwann fiel mir auf, dass ich das Wort „Welt“ sehr oft in meiner Musik benutze. Damit kann eine metaphorische Welt, die Natur als Welt oder auch die Gedankenwelt gemeint sein. Der Track „Ungerächte Welt“ existierte schon und dann war mir klar, dass es der Titelsong wird. Ungerechtigkeit ist eines der Kernthemen in meiner Musik. Ich meine ungerächt als Wortspiel von Rache und, dass sich alles, was hier passiert, noch rächen wird. Es gibt eine offene Rechnung, die der Mensch noch begleichen muss.

Welche Thematiken finden neben Ungerechtigkeit noch Platz auf der Platte?

PTK: Eigentlich sind alle Themen, die ich in meiner Musik behandle, wie Gentrifizierung oder Rassismus zum Beispiel, mit Ungerechtigkeit verbunden. Wenn es um Kapitalismus, also um Geld geht, ist es ungerecht, weil das ganze System so aufgebaut ist, dass ein paar wenige sehr viel haben. Das geht nur, weil sehr viele sehr wenig haben. Ich habe Songs, die sich mit meiner Einstellung gegen den ganzen Konsum befassen und behandeln, dass ich mich von den ganzen gesellschaftlichen Zwängen löse. Ich möchte mich vom klassischen Werdegang, der aus Schule, Job, Frau, Haus, Garten besteht, freimachen. Weiter habe ich einen Song, der „Gewalt“ heißt und verschiedene Formen dieser thematisiert. Es gibt aber beispielsweise auch einen Song, der davon erzählt, wie verantwortungslos und unvorbereitet Kinder heutzutage in diese Welt gesetzt werden. Aktivismus ist ein anderes Thema. Zwar rappe ich nirgends darüber, dass ich der Aktivist bin, aber ich rappe darüber, dass Dinge getan werden müssen. Natürlich gibt es wieder Themen wie Gentrifizierung – es gibt einen Song, der den Titel „Wie Tiere“ trägt und vom Leben in bestimmten Vierteln erzählt. Ich selbst würde behaupten, es ist ein vielfältiges Album. Bei vielen Songs ist Ungerechtigkeit am Ende der gemeinsame Nenner. Autobiografische Songs gehören aber auch dazu, in denen ich familiäre Geschichten erzähle. Vergangenheitsbewältigung gehört auch zu meiner Musik. Ich represente auch ein bestimmtes Klientel.

Wie ist das Cover zur Platte entstanden?

PTK: Der Fotograf, der für das Cover verantwortlich ist, heißt Joshua A. Hoffmann, das ist ein echt guter Junge. Der hat sich mal per Internet bei mir gemeldet und ein Jahr später habe ich zum ersten Mal mit ihm gearbeitet. Menschlich haben wir uns so gut verstanden und haben viele Parallelen, also haben wir für dieses Album auch wieder zusammengearbeitet. Auf dem Cover zu „Ungerächte Welt“ siehst du mich in einem riesigen Raum stehen. Ich möchte nur dazu sagen, dass außer der Schrift nichts mit Photoshop gemacht wurde für dieses Bild. Die Effekte wurden nachträglich bearbeitet, allerdings auch nicht am PC erfunden. Um die Location zu kriegen, haben wir im Vorfeld locker zwei Monate recherchiert und circa. 30-40 Orte angefragt, weil es unfassbar schwer ist, in so etwas reinzukommen. Ursprünglich hatten wir eine Location in Belgien, die aber sehr schwer zugänglich ist. Über Instagram Hashtags haben wir Fotografen recherchiert, die vor Kurzem dort waren. Die Fotografen haben uns dann gesagt, dass wir dort nicht mehr reinkommen. Nach noch mehr intensiver Recherche sind wir dann auf einen Ort nah der holländischen Grenze gestoßen. Vor Ort hatten wir dann im Endeffekt drei Stunden Zeit, während denen wir ein halbes Video gedreht haben und das Fotoshooting gemacht haben. Es war unfassbar kalt und hat geregnet, aber wir haben es einfach durchgezogen. Das Ergebnis ist richtig geil geworden. Ich weiß nicht, ob die Leute im Endeffekt dasselbe sehen wie wir in dem Bild. Es ist ein riesiger, von Menschen gebauter Ort. Dazu sieht man einen Boden, der das letzte bisschen symbolisiert, das von der Welt übrig ist. Ich finde es auch mega geil, dass ich auf dem Cover nur so klein abgebildet ein. Eine Aussage ist, dass es nicht um mich geht. Es geht nicht um das eigene Ego, sondern um größere Dinge. Die Schrift ist auch größer als ich, weil die Bedeutung der ungerächten Welt größer ist als ich selbst. Der rote Faden, der sich visuell durch meine Releases zieht, ist die Farbgebung und jedes Mal ist es eine handgeschriebene Schrift. Mal ist sie sie gekratzt, mal mit Kreide – dieses Mal wurde sie mit Pinsel gemalt.

Zum Album wird auch eine Deluxebox erscheinen. Was ist enthalten und welche Gedanken stecken dahinter?

PTK: Ich finde dieses ganze Boxen-Game total scheiße und wollte von Anfang an keinen Scheiß in die Box packen. Die Charts gehen nach Umsatz und nicht nach verkauften Einheiten, weshalb diese teuren Boxen existieren. Da möchte man den Leuten, die eh schon Geld ausgeben, noch mehr Geld aus der Tasche ziehen, damit man hoch chartet. Das ist eine riesige Luftblase, weil die Herstellung der Box viel teurer ist als die Herstellung einer CD. Mit der Box wollte ich die Chance nutzen, den Hardcore Fans noch zusätzlich etwas Gutes zu tun. Musikalisch möchte ich niemanden benachteiligen, also gibt es keine Bonus EP oder sowas. Enthalten ist eine DVD. Es gab noch nie ein fettes Interview von mir zu den vergangenen Sachen und dort erzähle ich dann in meinem Stammcafé und gegengeschnitten an den Orten, wo Dinge passiert sind, die Geschichten dazu. Am Ende der DVD komme ich dann dort an, wo wir uns gerade befinden. Meine Musik sehe ich als Aktivismus und das versuche ich dort zu erklären. Weiter ist ein Tuch enthalten, das an Palästina-Tücher angelehnt ist. Solche Tücher, die mir Freunde aus Palästina, Kurdistan oder Syrien mitgebracht haben, trage ich sehr gern. Das hat auch eine Aussage und es passt zu mir. Freunde sowie Fans haben übrigens unabhängig voneinander geraten, dass sowas wie Sturmmasken oder Quarzhandschuhe in meiner Box enthalten wären. Ohne Spaß, ganz viele Leute dachten, ich hätte sicherlich einen Ziegelstein in meiner Box wegen des Steine Schmeißens. Zusätzlich sind zwei Broschüren enthalten. Zum Einen eine Kreuzberg Karte, auf der Orte eingezeichnet sind, wo bezüglich Gentrifizierung ganz viel passiert ist. Außerdem gibt es eine Broschüre zum Bündnis für bedingungsloses Bleiberecht. Dort werden auf 44 Seiten die Asylgesetze erklärt. Diese beiden Thematiken finden auch auf der DVD statt, aber das hätte den Rahmen gesprengt, hätte ich das alles erzählt.

Wer hat das Album produziert?

PTK: Größtenteils 86kiloherz, der Bruder von Herzog. Er begleitet mich schon lange und anfangs hat ausschließlich er meine Projekte produziert. Yaniçar und KD Supier haben auch auf „Ungerächte Welt“ produziert. Pi mal Daumen würde ich sagen, 86kiloherz hat elf Songs gemacht. KD Supier hat drei Beats gebaut, unter Anderem war er für den Titelsong verantwortlich. Yaniçar hat zwei Songs allein produziert und einen, bei dem 86kiloherz auch beteiligt war. Die drei sind Freunde von mir, ich habe keine wildfremden Leute angeschrieben und deren Beats gepickt.

Welche Featuregäste sind vertreten und wie kam deine Auswahl zustande?

PTK: Auf der ersten Videosingle war Sad C gefeatured. Das ist ein Mexikaner, der auch an meinem Bandprojekt Antinational Embassy beteiligt ist. Weiterhin ist meine Schwester Kira Livia mit auf dem Album, die bereits auf den anderen CDs vertreten war. Dazu sind noch alle meine Labelkollegen, also Herzog, Tayler, Sadi Gent und Said vertreten. Der einzige Featuregast, der nicht auf meinem Label, aber dennoch keine Überraschung ist, ist AchtVier. Zwar sind es viele Featuregäste, trotzdem sind es über zehn Solosongs. Die Zusammenarbeit mit ein paar Künstlern hat nicht funktioniert, die hebe ich mir aber für die Zukunft auf. Es werden definitiv noch einige Projekte kommen, die niemand erwartet hat. Prinzipiell habe ich auch voll Bock zu connecten. Ich bin kein Freund von Feature-Anfragen. Es ist besser, man lernt sich kennen und dann ergibt sich das. Dazu kommt, dass ich alles allein mache und keinen Manager vorschicke. Die Künstler, von denen ich gerade sprach, mit denen die Zusammenarbeit für diese Platte nicht geklappt hat, kenne ich auch bereits.

Bedenkt man die Themen, die Raum in deiner Musik finden, kommt mir die Frage nach der Inspiration fast falsch vor. Dennoch: Was bewegt dich dazu, diese Musik zu machen und dort entsprechende Thematiken zu behandeln?

PTK: Meine Inspiration ist Negatives. Ich mache keine Gute-Laune-Musik und wenn es mir gut geht, kann ich auch nicht wirklich produktiv sein.

Wenn schlimme Dinge passieren und in mir etwas auslösen, bin ich kreativ.

Meine Inspiration ist das Leben – obwohl das sehr abgedroschen klingt. Anstatt Dinge schön zu reden, versuche ich in meiner Musik, Dinge auf den Punkt zu bringen. Deshalb sage ich auch „Mein Album muss das machen/ Druck und Frust ablassen/ Aufklärungsarbeit – Bewusstsein schaffen“ – das ist der Zweck, den ich in meiner Musik sehe. Zusätzlich ist es für mich wie Tagebuchschreiben.

Das Release des Albums wurde um einige Zeit geschoben. Worauf basierte diese Entscheidung?

PTK: Das ist der Nachteil, wenn man alles allein macht: Manchmal übernimmt man sich. Es ist immer so, dass ein paar Sachen besser als geplant und ein paar Sachen schlechter als geplant funktionieren. Zum Beispiel arbeite ich bezüglich Mixing und Mastering seit neustem mit Timo Krämer zusammen. Wir hatten keine Eingewöhnungsphase. So klappen ein paar Sachen perfekt und ein paar noch nicht. Das liegt einzig und allein daran, dass man sich erst einmal finden und auf einen Sound einigen muss. Es ist wie eine Art Kettenreaktion. Bei manchen Sachen war ich schlichtweg noch nicht mit dem Schreiben fertig und bei anderen war der Beat nicht fertig. Auch in Bezug auf Videos habe ich nicht das Budget, sonst jemanden für mich zu engagieren, sondern arbeite auch da mit persönlichen Kontakten. An vielen Stellen ist etwas in Verzug, was schließlich dazu führt, dass sich ein Album verschiebt. Der Hauptgrund war, dass wir soundtechnisch an einigen Stellen noch nicht zufrieden waren und auch manche Beats wurden nochmals geändert. Hinzu kommen auch immer mal private Dinge – dann ist Musik gerade einfach mal nicht so wichtig. Bei Bombenprodukt habe ich das Gefühl, dass wir als Künstler Dinge tun, die andere Künstler nicht tun. Die meisten haben einfach Leute, die sich darum kümmern.

Kannst du deinen Lieblingssong von „Ungerächte Welt“ nennen?

PTK: Ich kann generell keine Lieblingssongs von mir nennen. Das wäre ja wie Lieblingsmeinungen und -gedanken und ich habe ja auch keine Lieblingsmeinung von mir. Auf „Babylon City“ zum Beispiel bin ich stolz, weil ich den bereits seit 2015 live spiele. Ende 2015 war ich Support auf der K.I.Z Tour – da habe ich die beiden damals neuen Songs „Babylon City“ und „Blutgruppe Hass“ gespielt und die funktionieren live bis heute gut. Auf „Babylon City“ ist Sad C mit drauf und ich bin froh, dass das geklappt hat – es ist einfach ein megageiler Song geworden. Stolz bin ich auch auf ein paar Gedankengänge im Sinne davon, dass ich niemanden kenne, der das vorher gesagt hat. Als Beispiel kannst du „Anti Turista 2“ nehmen. Alle reden von Gentrifizierung, aber ich habe noch nie gehört, dass jemand das Thema zugezogene Hipster auf Gastarbeiter und Parallelgesellschaft bezieht. Weiter existiert der Song „Brennendes Geld“, darauf vereine ich ganz viele Dinge – auf den bin ich auch stolz. Am Ende des Tages ist es aber Geschmacksache.

Du hast gerade gesagt, du bist stolz auf einige deiner Gedankengänge. Kannst du eine konkrete Line nennen, die dir besonders wichtig ist?

PTK: Da fällt mir aus „Babylon City“ das Zitat ein: „Euer Gott heißt Geld/ Sein Prophet heißt Profit/ Doch ein Bruder wird zum Judas, wenn er zu viel davon sieht“. Du musst nicht gläubig sein, um die Metapher zu verstehen. Das drückt für mich gut aus, was das Thema Geld in der Gesellschaft betrifft. Gleichzeitig zeigt es, was Geld für Charakterzüge mit sich bringt.

Oft ist das für den Künstler selbst schwer einzuschätzen, aber welche Zielgruppe glaubst du anzusprechen?

PTK: So wie ich das auf Events beobachte, würde ich es als irgendwo zwischen Straße und Gymnasium einordnen, da sehe ich mich auch selbst. Das sind Leute, die auf jeden Fall etwas erlebt haben, aber nicht auf den Kopf gefallen sind. Manchmal kriege ich Nachrichten wie: „Ich bin Student, darf ich deine Musik überhaupt hören?“ – was für eine Kacke, ja klar. Das soll auch nicht heißen, dass ein Hauptschüler zu blöd für Musik ist. Du musst dich identifizieren können und du musst dir Gedanken machen können – das sind die zwei Grundsätze. Für mich funktioniert Musik über Identifikation. Das ist absolut nicht negativ gemeint, aber ich werde nicht der Rapper sein, der die 12-jährigen Fans hat. Gleichzeitig mache ich das absichtlich so, weil ich gewisse Gedankengänge nicht bei mir haben will.

Ich will nicht, dass gewisse Leute meine Musik hören.

Hat dir die Arbeit an der Platte bereits Inspiration und Ideen für kommende Projekte geliefert?

PTK: Ich habe sowohl schon Textkonzepte als auch komplette Texte rumliegen, die nicht auf dem Release gelandet sind. Das sind Dinge, für die die Zeit jetzt noch nicht reif ist, das wären Perle vor die Säue. Ansätze, Konzept und ein paar Tracks auf der Seite habe ich bereits für ein nächstes Album. Meine Alben haben immer verschiedene Schwerpunkte. Bei „Ungerächte Welt“ liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Wut. Bezüglich der Stimmung gibt es noch ein anderes Projekt, an dem ich schon arbeite. Ich weiß nicht, in welcher Reihenfolge was erscheinen wird, aber ich weiß, dass es nicht wieder zwei Jahre dauern wird bis etwas erscheint. Es wird safe ein nächstes Album geben und dazwischen wahrscheinlich sogar noch ein anderes Projekt. Gibt es den richtigen Künstler, habe ich auch mega Bock auf ein Kollabo-Projekt. Generell feiere ich das Connecten krass und mag es, neues entstehen zu lassen. Prinzipiell ist es bei Releases von mir so, dass ich bereits Sachen für die Zeit danach in der Hinterhand habe.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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