Zugezogen Maskulin: “Wir wollten erstmal chillen, Goldketten kaufen und Saufen gehen.“

Das Release-Konzert ist bereits ausverkauft, zwei Videos sind veröffentlicht und die Tour-Daten stehen auch fest. Drei Jahre nach ihrem hochgelobten Debüt „Alles brennt“, dürfen wir uns nun auf ein neues Album von Zugezogen Maskulin freuen. Nachdem alles in Flammen aufging, wird jetzt alles bekriegt. „Alle gegen alle“ wird die Platte heißen, die am 20. Oktober erscheint. Schon jetzt sind die beiden in aller Munde. Zurecht! Mit Live-Auftritten der ganz besonderen Art sorgen sie zudem für Gesprächsstoff. Nachdem sie beim Preis für Popkultur alles zerlegt haben, funktionierten sie bei „So!Muncu!“ kurzerhand den Tisch zur Bühne um und ließen dabei die Gesichtszüge der anderen Gäste entgleiten. Wir haben mit grim104 über verschiedene Entstehungsphasen, Erwartungsdruck und die bisher veröffentlichten Musikvideos gesprochen. 

Wie seid ihr das Album angegangen?

Tatsächlich zweifelnd und hadernd. Während man bei „Alles brennt“ noch so einen Masterplan hatte, nämlich einfach Deutschrap zu zerstampfen und mit großen Schritten ins Game hineinzuhüpfen, war das hier auf jeden Fall tapsiger und nebulöser. Wir wussten nicht so genau, wo die Reise überhaupt hingehen soll. Wir hatten anfangs weder Beats, noch irgendwelche Themen. Das hat dieses Mal alles sehr viel länger gedauert, bis wir irgendeinen Konsens hatten. Ich habe am Anfang ganz viel Tone Loc und World Class Wreckin’ Cru gehört. Da hampelt Dr. Dre noch im Anzug rum. Da wollten wir einfach nur Bass und Drums haben. Testo wollte derweil ein ganz kaltes, hartes und glattes Album machen. Ein bisschen später wollte ich das dann auch. Irgendwann hatten wir dann eine Deprimiertheits-Phase, in der wir nur traurige Beats von Nicolai Potthoff gehört haben. Aber am Ende haben wir uns gedacht, es muss irgendwie ein bisschen ballern, dann wurde es rund. Wir haben also echt lange rumprobiert, bis das was wurde.

Das heißt, das Soundbild der ganzen Platte hat sich im Laufe der Platte verändert?

Voll, absolut. Wir hatten irgendwann zwischendrin mal Beats von Brenk Sinatra, dann wieder von den Drunken Masters und so weiter und sofort. Es ist also sehr oft hin und hergeswitcht. Kleiner Fun Fact: Auf einem der Beats hat sogar Swizz Beatz mitgearbeitet. Und der hat wirklich daran mitgearbeitet, also no Joke.

Hattet ihr, nach der durchaus positiven Kritik eures ersten Albums, die Befürchtung die Erwartungen nicht erfüllen zu können?

Das Schöne an Deutschrap, der Musikindustrie und der Popindustrie ist natürlich, dass die Erwartungen verschwinden, wenn du nur lange genug wartest. Insofern war es anfangs natürlich schon anstrengend und man dachte sich „Fuck wie soll man das denn jetzt toppen?“. Aber dieser Gedanke beschäftigt mich immer viel. Ich dachte auch schon nach der Grim104-EP, dass ich nie wieder ein gutes Lied schreiben werde und das dachte ich natürlich auch nach „Alles brennt“. Je mehr Abstand zwischen den Lorbeeren und den warmen Worten vergeht, desto freier kann man sich dann auch wieder machen. Und klar, wir haben auch einen Anspruch an uns selbst. Das ist halt ein geiles neues Album zu machen, das irgendwie spannend ist und irgendwie auch anders als das vorherige. Ich denke, das ist uns gelungen.

Wie du schon sagst, man muss genug Zeit zwischen den Alben vergehen lasse. Zwischen euren Alben sind drei Jahre vergangen. Wie viel Zeit ging davon effektiv für das neue Album drauf?

Eine Woche. Nein. Also vielleicht auch effektiv eine Woche. Erst mal haben wir natürlich auch einfach gar nicht gearbeitet. Da haben wir uns dann gesagt: „Nö wir wollen jetzt nicht, wir wollen erst mal chillen, Goldketten kaufen und Saufen gehen“, was wir dann auch alles gemacht haben. Vielleicht haben wir auch etwas zu lange aufgehört, weshalb wir dann auch so lange gebraucht haben, um wieder reinzufinden. Es hat sich dann wieder intensiviert in den letzten zwei Jahren, aber es hat schon gedauert. Zu sagen, wie lange wir effektiv daran gearbeitet haben ist schwierig, wenn es um kreative Arbeit geht. Alleine in der U-Bahn kann dir ja der Gedanke für den nächsten Track kommen. Ich muss tatsächlich auch sagen, wenn ich mir die Veröffentlichungsdichte von deutschen Rappern anschaue, die zwei Alben in einem Jahre raushauen, ist es halt auch einfach kein Wunder, dass es dann immer nichts-sagender und immer dümmer wird. Man sollte immer etwas nachwachsen lassen, bevor man aberntet.

Hattet ihr Angst davor, euch zu wiederholen?

Definitiv hatten wir Angst vor Wiederholung, weil sich die Weltlage ja nicht besonders geändert hat, sich viel eher zugespitzt hat. Wir wollten kein „Alles brennt immer noch“ machen.

 

Warum entscheidet ihr euch bei euren Musikvideos so häufig für die Zusammenarbeit mit Martin Swarovski?

Tatsächlich weil ich das Gefühl habe, dass er sehr trendresistent ist. Im Deutschrap gibt es ja schon immer wieder so Sachen die halt in sind. Eine Zeit lang war es so „Hey wir fliegen jetzt ins Ausland und drehen einfach vor gewaltiger Naturkulisse“. Ich habe das Gefühl, dass Martin Swarovski dann doch mehr Wert darauflegt, etwas andere Bilder zu benutzen. Er macht einfach die besten Videos, die es gibt.

Ihr verbildlicht in beiden bisher veröffentlichten Videos den Tod. Weshalb?

Tod, Sterben und Kranksein das sind so Sachen, die in unserer Gesellschaft gerne ganz weit an den Rand des Diskutablen gedrängt werden. Macht ja in gewisser Hinsicht auch Sinn, ich denke jetzt auch nicht gerne über meinen eigenen Tod nach. Aber tatsächlich hat sich auch das Album einfach immer mal wieder mit Tod und Vergänglichkeit auseinandergesetzt. Ich denke das passiert zwangsläufig, wenn man in ein Alter kommt, indem dann einfach auch die ersten Leute sterben. Wo man einfach auch Leute verliert, von denen man in seiner kindlichen Naivität dachte, sie wären immer da. Dann muss man plötzlich von den Erinnerungen zehren, die man an diese Person hat. Kann sein, dass das im Subtext eine Rolle gespielt hat. Aber ich denke auch einfach, dass die jeweiligen Macher der Videos das einfach als starkes Bild empfunden haben.  Ich glaube, da haben sich jeweils zwei Gedankenwelten getroffen.

Viele der Tracks auf dem neuen Album sind sehr durchdacht und persönlich. Wie kamen sie zustande?

Wir haben tatsächlich in einer ganz bestimmten Hauruck-Aktion versucht, sehr effektiv am Album zu arbeiten. Wir dachten so macht man das halt als Band und haben uns dann ein Haus ohne Internet in Brandenburg gemietet. Dort haben wir dann unter anderem mit Silkersoft versucht Skizzen zu entwickeln. Das war im März 2016. Es war sehr kalt und grau. Die ganze Zeit liefen da Kraniche rum. Die haben die ganze Zeit bedrohlich in den noch sehr kalten Frühling reingeschrien und ich habe eine Nachricht von meiner Mutter bekommen, dass jemand aus meiner Familie, der mir nahestand verunglückt ist und diese Person ist dann auch gestorben. Ich hatte schon davor ein deprimiertes Mindstate, das hat sich dann so ein Stück weit auf das Album projiziert.

Ihr seid beide vom Dorf in die Stadt gezogen und habt euch damit ein Stück weit inmitten eurer Hassobjekte begeben. Seid ihr trotzdem zufriedener in Berlin?

Naja, alles Gute ist nie beisamen. Du findest sowohl in der Stadt, als auch auf dem Dorf Leute, die dir krass auf die Nerven gehen. Es hat auf jeden Fall seinen Grund, weshalb ich mit 18 weggezogen bin. Weshalb ich in die größte, anstrengendste und an Irrsinn nicht gerade arme Stadt Berlin gezogen bin. Es hat auch seinen Grund, weshalb ich nicht schon zurückgezogen bin. Es macht mir auch einfach Spaß, auszusprechen, was mich stört.

Wer war für euer Artwork verantwortlich?

Das haben die YAWN-Girls aus Dortmund gemacht. Die haben zum Beispiel auch das sehr schöne GoldrogerAvrakadavra“-Cover gemacht oder für K.I.ZHurra die Welt geht unter“.
Tatsächlich habe ich irgendwie dieses Bild mit der Wolke, „Big Ball of Violence“, als sehr passend empfunden. Das wird so auch häufiger in Comics verwendet. Es war schon unsere Vorgabe und die haben dem ganzen dann nochmal so ein bisschen eigenes Leben gegeben. Das rosa haben wir gewählt, weil es einfach ballert, auffällt und sich aus dieser Rap-Welt ein bisschen abhebt.

Warum haben es keine Feature-Gäste auf das Album geschafft?

Wir sind ja schon zu zweit. Wäre ich alleine, hätte ich da ein ganz anderes Bedürfnis. Dadurch, dass wir schon zu zweit Musik machen, haben wir ja auch immer schon eine andere Klangfarbe. Wir machen auch sehr konzentriert Musik, mit spezieller Stimmung. Das stellt einen Vibe und einen thematischen Kern dar, mit dem nicht jeder arbeiten könnte. Man muss sich da schon reinfühlen können. Ich wüsste auch nicht, wen man hätte nehmen sollen.

Du sagst, ihr habt andere Bedürfnisse, wenn ihr alleine arbeitet. Werden von euch auch wieder Solo-Sachen kommen?

Ja, natürlich. Das wird es ganz bestimmt geben. Macht mir auch einfach Spaß, meine ganz speziellen weirdo Grim104 Themen zu behandeln. Momentan macht es mir aber einfach mehr Spaß mit Zugezogen Maskulin Musik zu machen. Mehr Spaß als für mich selbst.

 

 

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