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Zwischen den Zeilen mit Lemur zu “Geräusche”

Lemur, das ist nicht etwa einer dieser Unbekannten, die irgendwie ein Album rausbringen und wieder verschwinden. Lemur ist eine Hälfte des Duos Herr von Grau und geht nach Trennung seinen eigenen Weg.
Am 30.01.2015 veröffentlicht er sein Solodebüt “Geräusche”, ein durchgehend ehrliches, ungeschöntes und lyrisch anspruchsvolles Album.
Wir haben schon mal nachgefragt – was steckt hinter diesem Album? Was steht zwischen den Zeilen? Hier könnt ihr das nachlesen!

 

Was für eine Idee und Konzept steckt hinter dem Album?
Also, ein Album zu machen ist bei mir meistens einfach eine Notwendigkeit. Nach einer gewissen Zeit stauen sich bei mir so viel Beats und Texte an, dass ich das kanalisieren muss, indem ich es rausbringe, sonst würde ich platzen. Eigentlich wollte ich jetzt mal endlich ein elektronisches Album ohne Rap fertig machen, aber der ganze Sprachsalat in meinem Kopf hat mir keine Ruhe gelassen. Also dann doch wieder Rap.

Mein Konzept (wenn man es denn so nennen kann) hinter diesem Album war es, nur Tracks mit draufzunehmen, die null ekelhafte Arbeit bedeutet haben. Also nur die, bei denen ich während des gesamten Schaffensprozesses nie das Gefühl hatte, dass ich jetzt erst mal nicht mehr weiter weiß, sondern ganz genau sah, wie sie am Ende klingen sollten. Die, bei denen ich nie das Gefühl hatte, an etwas zu „arbeiten“ und einfach nur Spass dran hatte Mucke zu machen. Fing ein Track an, mich irgendwie zu nerven, hab ich ihn sofort rausgeschmissen. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum mir diejenigen, die das Album schon gehört haben, sagen, dass es sich prima durchhören lässt. Bis auf den letzten Song „Befehlskette“ natürlich. Der ist gefährliche Körperverletzung. Der musste aber sein. Kann man ja dann vorher ausmachen.

Der Titel ist auch ein bisschen Konzept. Mein Studio befindet sich in einem ziemlich hellhörigen Haus und die Fenster gehen zur Straße raus. Ziemlich oft, wenn ich nachts die Kopfhörer absetze, höre ich irgendjemanden, der irgendwas macht, entweder auf der Strasse oder im Haus. Ich muss mir jedes Mal die Leute zu den Lauten vorstellen und spinne in meinen Gedanken so rum, was das wohl für Lebensgeschichten sind, von denen ich gerade nichts mitbekomme als ein paar Geräusche. Dies führt manchmal zu einem ziemlichen Kopfkino, was wiederum oft in neuen Tracks mündet. Der titelgebende Song beschreibt genau diese Situation. Mein Album funktioniert so ähnlich, nur das hier die verschiedenen Geräusche (Tracks) von einer Person kommen und verschiedene Momente meines Lebens oder meiner Fantasie anschneiden und hoffentlich ein ähnliches Kopfkino verursachen. Ich versuche ja  sehr bildhaft zu schreiben und das mit den Beats zu unterstützen.

Das Artwork besteht aus wütendem Gekritzel, mit dem ich manchmal mein Textbuch traktiere, wenn das eine Wort nicht kommen will, nach dem ich die ganze Zeit suche. Dem gegenüber gestellt die ruhige Eleganz der Schrift einer alten, reparaturbedürftigen Schreibmaschine und der von Kreisen. Zusammengebastelt vom hübschen Halo Rehm.


Was gibt es zu den Features zu sagen?
Es gibt auf dem Album keine Features, da es so schnell fertig war, dass ich keinen Sinn darin sah, noch jemanden dazu zu holen. Es wird aber in Zukunft ziemlich sicher ein paar Kollabos mit anderen Rappern geben. Der einzige Mensch, der außer mir an der Musik mitgewirkt hat, ist ein gewisser Igor der Zerstörer, ein Hüne aus den Weiten der sibirischen Steppe. Mit ihm kam ich auf die Idee für den Text von „Befehlskette“ und er spielte auch praktischerweise gleich die passende schiefe Gitarre dazu ein. Außerdem ist er verantwortlich für den einen schrägen Paranoia-Rave-Synth bei „Mein bester Freund“.

Wie lief die Produktion ab?
Alles beginnt mit einem rohen Loop. Ich produziere ziemlich viele Beats, aber erst einmal nur ganz schnelle, rohe Ideen. Die kommen dann in meinen Fundus. Und wenn ich dann Bock habe ‘nen Text zu schreiben, weil ich eine Idee habe, hör ich mir diese ganzen Skizzen durch, bis ich bei irgendwas hängenbleibe, das gerade meiner Stimmung entspricht. Das kann dann auch mal nur ein Drumloop sein. Dann wird geschrieben und meistens auch sofort eingerappt. Dann arrangiere ich den Beat so, dass das ganze ein Track wird, spiele Zeug dazu ein, garniere alles nochmal mit ziemlich vielen Samples und Syns und am Ende nehme ich den Rap dann meistens nochmal ordentlich auf. Dann mische ich das ab. Das passiert alles bei mir zu Hause in meinem Ministudio. Während der Albumproduktion war das alles noch eine Baustelle und ich habe im Hochsommer großen Spaß mit Mineralwolle und Sägespänen gehabt. Nach dem Mischen geht der Kram dann zu meinem Kumpel Zino Mikorey, der das Ganze dann mastert. Woher die Inspiration kommt, ist schwer zu sagen, da mich fast alles inspirieren kann, was ich erlebe, sehe und höre. Das kann auch ein Nebensatz in einem Gespräch sein, dass ich zufällig mitbekomme, oder ein Keks.

Was erwartet den Hörer inhaltlich auf “Geräusche”?
Das Album ist thematisch ziemlich breit gefächert. Da gibt es komische Geschichten, die ich mir ausgedacht habe, aber auch ziemlich ungeschönte Innenansichten. Es ist ein ehrliches Album, da ich keinen Sinn darin sehe, mir irgend ein Image zuzulegen oder eine bestimmte Sparte zu bedienen. Dementsprechend kann ich mir jetzt auch keine homogene Zielgruppe ausdenken. Ich möchte weder ein bestimmtes Genre innerhalb der Rap-Welt beackern, noch Erwartungen von irgendwem erfüllen. Ich mach einfach das, was mir einfällt, und wem das gefällt, der kann sich das anhören.

Eine kleine Randnotiz um das Album
Das schönste am Album war, als ich am Ende des Sommers da saß und einfach sagen konnte, dass es fertig ist, ohne auch nur das geringste Gefühl zu haben, an irgend einem Track noch etwas machen zu müssen. Und festzustellen, dass es durchweg richtig Bock gemacht hat, die Scheibe aufzunehmen, ohne Kompromisse mit irgendwem einzugehen. Nur die krasse Hitze in Kombination mit Mineralwolle war manchmal ein bisschen hart und einmal hatte ich ‘nen kleinen Kreislaufkollaps bei der Aufnahme von „Befehlskette“, was aber auch daran gelegen haben könnte, das mein Körper den Song auf Dauerrotation einfach nicht vertragen hat.

Von Track zu Track

1. “Der Anfang vom Ende”
Das ist eigentlich mein Lieblingsbeat auf der Platte. Grooved gut los, find ich, und hat ‘ne schöne Atmosphäre. Der Text entstand auf der letzten Tour mit meiner alten Crew, als ich morgens nach ‘nem Gig ziemlich angepisst im Hotelzimmer saß und mich gefragt habe, was zum Teufel ich denn hier eigentlich mache.
Lieblingszeile: “Ich fange schon langsam an mir Gedanken zu machen, wie Sachen ankommen. Und manchmal ist mein Ego aufgebläht wie´n nasser Tampon.”

2. “Was für länger bleibt”
Einzelne Abschnitte aus meinem Leben, kurz mal mit dem Blitzlicht malträtiert, mit einem ziemlich großen Zeitsprung am Ende. Ich find besonders schön, wenn dann ganz am Ende doch noch Drums reinkommen.
Lieblingszeile: “Aller Anfang ist nah, am Anfang war’s warm. Damals war ich noch der Nachbar von Mamas Darm. Zahnlos, aber auch komplett frei von Amalgam. Hammer war’s, ich glaub fast so schön wird’s kein andres Mal.”

3. “KKK”
Ich bin ja ein großer Freund des fast auf der Stelle tretenden, düsteren, drückenden Beats, mit Fokus auf die ganz tiefen Frequenzen. Dazu können mir dann sehr gern auch Kekse gereicht werden, denn bei deepem Flächenzeugs sitz ich immer automatisch im Kino.
Lieblingszeile: “Das hat der Kerl verdient, endlich schweigt diese Schweinskopfsülze. Sie lachte leise, als sie seine Schale mit Eintopf füllte.”

4. “Mein bester Freund”
Ziemlich verspulter, bedrohlicher Beat und ein Text über Drogensucht und ihre hässlichen Auswirkungen. Ungeschönt und ehrlich.
Lieblingszeile: “Ich hab Kirmes im Kürbis, nörgel, doch keiner hört mich. Und proste der Wand zu, als ob im Mörtel der Wirt sitzt.”

5. “Yeah”
Ein groovender, simpler Beat und ein Text, in dem ich mich über das Mackertum im Gangsterrap lustig mache.
Lieblingszeile: “Ich hab so viel Kraft, ich bewerf dich mit Findlingen, wenn ich Hunger habe, musst du mir dein Kind bringen.”

6. “Eine kleine Hassmusik”
Jazzy Beat mit bösem Text über jemanden, auf den ich da wohl ziemlich sauer war.
Lieblingszeile: “Ich scheiß auf jedes Wort, das du sagst. Wenn ich fertig bin, passt bei dir’n Sportplatz in’ Arsch.”

7. “Du brauchst”
Hat so ein bisschen Oldschool-Feeling der Beat. Da hab ich mir mal textlich Gedanken darüber gemacht, wie absurd es doch ist, was Menschen alles so brauchen, im Gegensatz zu anderen Tieren.
Lieblingszeile: “Wenn du nichts brauchst, braucht dich auch niemand.”

8. “Geräusche”
Spuli-elektronischer Beat aus ziemlich genau 500 Einzelsounds. Ist glaub ich mein Lieblingstrack, weil ich das Gesamtbild fast am Stimmigsten finde. Über den Text hab ich mich ja schon ausgelassen.
Lieblingszeile: “Mein Nachbar ist wach und hat grade gekackt. Echt dünne Wände, ich hör alles, was er so macht.”

9. “Alles gut”
Eine Hymne an Wahlplakate, die Polizei, Überwachung, Massenmedien und Flüchtlingspolitik. Serviert auf einem Wohlfühlbeat.
Lieblingszeile: “Die woll’n wen abschieben? Find ich gut! Ich find’ die ganzen Fremden hier im Zug schon schlimm genug.”

10. “Für dich”
Ich find es immer ziemlich abgefahren, wen Leute denken, dass sie einen genauestens kennen, bloß weil sie einige Texte gehört haben. Ich habe das zum Anlass genommen, mich mal ein bisschen vorzustellen. Den Grundbeat hab ich bei „Hundert Mal“ schon mal benutzt, wollte ihn aber unbedingt nochmal nehmen.
Lieblingszeile: “Für dich bin ich nur das, was du von mir denkst, dass ich bin.”

11. “SM”
Rollt gut los der Beat und vermittelt so ein bisschen dieses Mobb Deep-Feeling, das mich früher sehr häufig begleitet hat. Textlich ist es als ein Nachruf auf Scatman John zu verstehen. rest in peace.
Lieblingszeile: “Higgedimiggedifiggedi”

12. “Aufmerksamkeit”
Auch mehr so der klassische Hip-Hop-Beat. Wenn man den über ‘ne gute Anlage richtig laut hört, haut der gewaltig rein. Ein Song über die nervigen inneren Kinder namens Angst und Wut und ihren Drang nach Aufmerksamkeit.
Lieblingszeile: “Du bist oft schlimm verpeilt und sinnbefreit, immer schön simpel bleiben man, sonst pimpert dir das Leben in dein Hinterteil.”

13. “Tschuldigung”
Ein düsterer Stampfer, auf dem ich die dunklen Auswüchse einer Afterhour beschreibe.
Lieblingszeile: “Die Musik ist monoton, zerstört mir jedes Chromosom, ich zuck zusammen bei jedem hohen Ton.”

14. “Befehlskette”
Das ist das Ende. Ein musikalischer und intellektueller Untergang. Aber vielleicht ja sogar eine Parodie auf Gewaltgeilheit, Obrigkeitsglauben und die Musik, die im Radio läuft? Man weiß es nicht…
Lieblingszeile: “Ermorde die Gurke und töte die Möhre, erschieß die Zucchini, zermatsche den Apfel, verwandle den Dackel in Bifi, und ramm einen Spieß in die Kiwi.”

Hier das Snippet, um schon mal einen ersten Eindruck vom Album zu bekommen.

 

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Daniel absolvierte 2014 ein Praktikum als Redakteur bei der BACKSPIN. Zur Zeit studiert er Kommunikations- und Medienwissenschaften in Bremen und bleibt der BACKSPIN als freier Mitarbeiter erhalten.

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