Zwischen den Zeilen mit Albert Parisien zu „Future Lean“

Die Cosmo Gang hat sich Verstärkung angelacht. Albert Parisien ist das neueste Mitglied der Gruppe und bringt in dem Zusammenhang gleich mal eine EP namens „Future Lean“ unters Volk. Was sich hinter dem Titel, der eine neue Wunderdroge beschreibt, verbirgt und was der Pusher-Alltag so an Struggle mit sich zieht, erklärt euch Albert hier bei uns.

Was für eine Idee/ein Konzept steckt hinter deiner EP „Future Lean“?
Das Konzept der EP lässt sich in erster Linie auf „Hits Only“ herunterbrechen. Faktisch handelt es sich bei „Future Lean“ jedoch um eine Pusher-Story im Audio-Format. Die Erzählung findet auf einem relativ abstrakten Level statt, um einer möglichen Abnutzung der EP vorzubeugen. Dies bedeutet, dass diejenigen Hörer, welche Lust haben, die Abenteuer des Pusher-Protagonisten aufmerksam zu verfolgen und zu verstehen, hier und da einige Textpassagen decodieren müssen. Alle anderen können bedenkenlos ihr Gehirn off-switchen und Tag für Tag Hit nach Hit genießen.

Wie lief die Produktion ab?
Die Produktion hat man sich wie folgt vorzustellen:
Asadjohn arbeitet im FL-Studio Babelsberg Instrumental-Skizzen aus, welche sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammensetzen. Ich überprüfe die Skizzen auf ihre Hittauglichkeit, beschließe die Verwendung der Bestandteile und bestelle konkrete Beat-Arrangements. Das Writing beginnt immer mit der Hookline – das ist das Herzstück eines jeden Songs. Beim Recording ist es wichtig vorab nicht gegessen zu haben – nur hungrige Künstler können Meilensteine abliefern. Den Mix übernehme ich. Anschließend verrichtet Asadjohn Detailarbeit am Instrumental, das Feintuning sozusagen. Für das Mastering sind wir eigentlich beide verantwortlich, aber faktisch hat derjenige mit dem niceren Monitoring-System das letzte Wort – also ich.

Was gibt es zu den Feature-Gästen zu sagen?
Die Feature-Gäste Johny Space, Holy Modee und Adi Space sind allesamt bekannte Vertreter der Cosmo Gang. Futuristische Sound-Entwürfe, kompromisslose Hitorientierheit und ein Spleen für Details wie Adlibs und Soundeffekte sind der Cosmo-Gang-Konsens. Insofern existiert bezüglich Features campintern ohnehin ein blindes Vertrauen. Nichtsdestotrotz lasse ich Feature-Partnern vorab stets meine fertigen Hooks und Bridges zukommen, damit sie wissen, woran sie sich messen lassen müssen. Ich verspreche mir davon eine umso bessere Delivery ihrerseits. Das funktioniert offensichtlich einwandfrei.

Was erwartet den Hörer inhaltlich auf Future Lean?
„Future Lean“ ist ein Pusher-Drama in fünf Akten. Im Wesentlichen geht es um den Vertrieb einer neuen Designer-Droge namens „Fjutschalin“. Das „F-L“ ist eine sogenannte All-In-One-Lösung für diejenigen Genießer, welche den Mischkonsum von Opiaten und Antiemetika besonders wertschätzen. Die Story thematisiert die Markteinführung, die Expansion und die daraus resultierenden Konflikte mit konkurrierenden Pushern und der Police.

Eine kleine Randnotiz um die EP
Grundsätzlich ist beim Hören zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden. Zum einen existiert die Pusher-Ebene und zum anderen die Audiolean-Ebene. Die Pusher-Ebene behandelt den tatsächlichen Vertrieb des „Fjutschalins“ im Sinne eines Rauschmittels, während die Audiolean-Ebene den Vetrieb der Future Lean EP im Sinne von bewusstseinserweiternder Musik meint.

Von Track zu Track

1. 420 The Good Grind
Der Opener dient der Vorstellung bzw. Charakterisierung des Protagonisten. Im Wesentlichen erfährt der Hörer von Alberts Neigungen, seinem Selbstverständnis und seinem täglichen Grind. „420 auf der Uhr und ich grinde, Homie ich grinde jeden Tag Tag Tag“!
Ferner wird das „F-L“ selbst erstmals als Durstlöscher für die Trap angeteast: „Pures Fjutschalin – ey die Dürre ist vorbei“.

2. Fjutschalin Liquid (feat. Holy Mody)
„Fjutschalin Liquid” thematisiert die Markteinführung des Produkts. „Homie geh und hol dir dein Pack, homie homie hurry up, Fjutschalin ist ab jetzt in der Trap“. Die mehrmalige Wiederholung der Hookline ist die penetrante Aufforderung sich das Mittel schnellstens zu beschaffen.
Die Passage „Ich hab Lean für die Trap, ohne Termin, der Vertrieb ist direkt aus dem Car mit Verdeck weg“ offenbart die Art der Fjutschalin-Distribution – sie gewährt dem Endverbraucher einen Einblick in den für ihn relevanten Teil der Fjutschalin-Supply-Chain.
„Ich push Lean an Sony oder Warner. Preis ist geklärt – homie 140.000, mal ehrlich wär‘ ich du, würd‘ ich kaufen“. An dieser Stelle wird ersichtlich, dass sich der Verkauf ebenso auf der Audiolean-Ebene abspielt – die Preisgestaltung ist nicht willkürlich, sondern referenziert auf den Track „140‘ – The Good Life”.

3. Fjutschalin Pulmo (feat. Johny Space)
„Fjutschalin Pulmo” betont die Einzigartigkeit des Produkts und die immense Nachfrage nach ebendiesem. „Es gibt keinen Ersatz, doch sie suchen ihn“ – gibt einen Hinweis darauf, dass sich offensichtlich nicht genügend Fjutschalin im Umlauf befindet, um jegliche Interessenten zufriedenstellen zu können, es besteht also ein Nachfrageüberhang, welcher der Alternativlosigkeit des Mittels geschuldet ist.
„Ich kauf euren Shit nicht ab, er macht mich nicht stoney“ ist als Abwertung der Konkurrenzprodukte zu verstehen, derweil die Bridge „Ich bin da und da mit dem Fjutschalin – gib mir einen Call und du kriegst es auf der Stelle“, die die Serviceorientiertheit des Pusher-Protagonisten akzentuiert.

4. Leanster Bail Out (feat. Adi Space)
Auf „Leanster Bail Out” kommt es zum Show-Down: Lokale Pusher fühlen sich des Fjutschalin-Monopols überdrüssig und schwärzen Albert bei der Police an, woraufhin er festgenommen wird. Er schwört darauf Kautionsgeld bereitzustellen, um so schnell wie möglich wieder auf freiem Fuß sein zu können.

5. Roof Down
„Roof Down“ fokussiert sich auf das Motiv des Autofahrens mit heruntergefahrenem Verdeck. Das Erlebnis „Autofahren“ geht seit jeher mit den Ideen der Freiheit und der Mobilität einher. Albert befindet sich wieder in Freiheit und genießt sein Leben.

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Eigentlich wollte Johann gar nicht mehr so viel über HipHop schreiben, weil ihn mangelnde Qualität einiger gehypeter Alben und kindische Streitereien zu sehr auf die Nerven gehen. Doch über Probleme soll man bekanntlich reden. Jetzt schreibt er genau darüber eine Kolumne für BACKSPIN und auch weiterhin Meinungsartikel zu Musik. Ansonsten hängt er in Berlin rum, bricht Studiengänge ab, fängt neue an und schreibt als freier Autor unter anderem für Juice, Vice, taz. und Süddeutsche Zeitung.

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