Ali As: „Insomnia hat eine Sonderstellung im Deutschrap“

Schlaflos in München: Nur gut ein Jahr nach „Euphoria“ erscheint mit „Insomnia“
das vierte Studioalbum von Ali As.
Im Zwischen den Zeilen Interview haben wir mit ihm unter Anderem über seinen permanenten Wachzustand, die Sonderstellung der Platte im Deutschrap und totale Ignoranz gesprochen. Außerdem sprachen wir über Stil und Stillosigkeit, über Katy Perry und über Golfclubs.

Zwischen den Zeilen: Ali As

 

Mit „Insomnia“ ist vor Kurzem dein drittes Studioalbum erschienen. Wie ist der Albumtitel zustande gekommen?

Ali As: Zum Einen steht Insomnia natürlich für Schlaflosigkeit und den permanenten Wachzustand, während die anderen schlafen. Weiter steht der Titel auch dafür, dass man ständig am Machen ist und Gas gibt ohne Rücksicht auf Verluste. Es geht darum, so weit wie möglich zu kommen, mit dem, was wir da vorhaben.

Was ist dein Antrieb für dieses wahnsinnigen Arbeitsdrang?

Ali As: Insomnia ist ja auch eine Krankheit, die Einstellung ist also schon krankhaft (lacht). Ich hatte einfach einiges nachzuholen, weil ich fünf Jahre pausiert habe. So musste ich in drei Jahren schaffen, was andere in acht geschafft haben.

Das klingt so, als würdest du dir selbst extrem viel Druck machen, was das eigene Schaffen betrifft.

Ali As: Ja, extrem. Ich bin sehr perfektionistisch und rastlos.

Gibt es Dinge, die dir Entspannung verschaffen, wenn du mal eine Kreativpause benötigst?

Ali As: Auf jeden Fall Reisen. Wobei ich auch neulich überlegt habe, ob ich mit dem Golfen anfange. Ich habe Rooftop Golf gespielt für ein Video und habe da total Gefallen dran gefunden. Mal sehen, ob das auch wirklich passiert. Wahrscheinlich werde ich direkt wieder aus dem Golfclub rausgeschmissen.

Dann lass uns lieber wieder über Musik und weniger über Golfen reden. Müsstest du „Insomnia“ auf eine Grundaussage herunterbrechen, wie würde diese lauten?

Ali As: Permanenter Wachzustand. Die Herzfrequenz bricht fast zusammen.

Welche Thematiken behandelst du konkret?

Ali As: Das ständige Machen und aus dem Nichts etwas erschaffen wird auf jeden Fall oft behandelt. Auf „Königshallen“ ist die Grundaussage ja beispielsweise started from the bottom.
Das mag jetzt ausgelutscht klingen, aber es geht darum, aus dem Nichts zu kommen und das höchste Plateau zu erreichen. Dabei werden aber auch Dinge thematisiert, die bei dem Machen auf der Strecke bleiben, wie zum Beispiel persönliche Beziehungen. Das Album von Meek Mill trägt den Titel „Wins and losses“, das wäre auch ein passender Titel für diese Platte gewesen.

Was war für dich der Auslöser, dass du nach der fünfjährigen Pause entschieden hast, drei Jahre lang komplett durchzuziehen?

Ali As: Damals haben die Strukturen gefehlt und ich war noch in anderen Arbeiten eingebunden. Mein Fokus war ein anderer. So habe ich die eigene Musik etwas schleifen lassen.

Lass uns mal über das Cover sprechen. Vorab: Welche Rolle spielt die Visualisierung einer Platte für dich? Wie wichtig sind dir Videos und Artwork?

Ali As: Das ist voll wichtig für mich. Es liegt ja immer im Auge des Betrachters. Ich weiß nicht, ob die Leute es immer direkt greifen können, was man ihnen über Videos oder Cover präsentiert. Heutzutage macht es die Hörer ja auch nicht mehr glücklich, wenn du ein Audio rausballerst. Die wollen am liebsten einen 360 Grad-Panorama-Blick auf ihren Künstler haben.

Zwar hat man früher auch zuerst das Cover einer Platte gesehen, aber YouTube hatte längst nicht solch eine große Bedeutung wie heute. Wie bewertest du die Rolle von YouTube?

Ali As: Ich finde, vor allem ist auch die Optik eines Künstlers wichtiger geworden. Früher konnten noch alle wie Kraut und Rüben aussehen. Wobei sie das jetzt eigentlich auch wieder können. Die Grundtendenz ist gerade so, dass jeder irgendwie total verrückt aussieht, der neu ins Game kommt. So stechen Künstler allein schon durch die Optik raus. Ich habe das ja selbst gemacht. Eher noch würde ich behaupten, dass ich das in Deutschland gestartet habe. Ich habe mir einen blonden Zopf gefärbt. Davor habe ich eher wenig deutsche Rapper gesehen, die ihre Haare blondiert haben oder verrückte Frisuren hatten. Man kann schon sagen, dass ich den Leuten die Blaupause dafür geliefert habe, auch, wenn sie das niemals zugeben würden.

Hast du deine Haare aus der Intention heraus blondiert, als Künstler stärker auffallen zu wollen?

Ali As: Ich hatte schon auch Bock drauf, sonst hätte ich es nie gemacht. Die Suche nach etwas, das mich von allen anderen abhebt, hat aber auf jeden Fall auch mit reingespielt in die Entscheidung. Rein optisch wäre ich sonst wieder nur der nächste Kanaken Rapper für die Leute, was ich ja definitiv einfach nicht bin. Es ist auch die Art, wie ich mich kleide. Ich bin nicht der reichste motherfucker im Game, aber ich versuche, mich gut und stilvoll anzuziehen. Da ist egal, ob ich fünf Euro in der Tasche habe oder 5000 Euro. Es geht auch nicht darum, super bonzig oder dekadent durch die Gegend zu laufen. Man kann ja auch stilvoll herumlaufen, ohne viel Geld in der Tasche zu haben.

Stil bemisst sich nicht an Geld.

Im Gegenzug gibt es auch sehr viele stillose Menschen, die sehr viel Geld haben. Stil kannst du für kein Geld der Welt kaufen. Deshalb gibt es auch Menschen wie die Geissens, die sehr sehr stillos rumlaufen, egal, wie viel Geld sie auf dem Konto haben. Hier sind die Leute auch zu fein, sich einen Stylisten zu holen. In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, ist es Gang und Gäbe, einen Stylisten zu engagieren, wenn sie selbst nicht wissen, wie man sich anzieht.
Manche kleiden sich aber auch aus Berechnung so, wie beispielsweise Eminem. Der Typ hat 100 Millionen Dollar auf dem Konto, läuft aber immer noch mit demselben ranzigen Hoodie rum. Das bewusste Understatement nenne ich das Eminem-Prinzip.

Lass uns etwas vom Fashiontalk abweichen und uns lieber wieder deiner Musik widmen. Wer war für die Produktion von „Insomnia“ verantwortlich?

Ali As: David und Eli. Auch the Cratez sind neu dazu gekommen, die waren maßgeblich am Album beteiligt. Ich habe mich selbst auch immer wieder mit irgendwelchen wirren Aussagen eingebracht. Zwar habe ich eine konkrete Vorstellung, wie es klingen soll, kann das aber oft nicht gut in Worte fassen. Zusätzlich kam noch Ghostrage dazu, ein Produzent aus L.A. Soundtechnisch muss man an „Insomnia“ erstmal rankommen.

Wieso fiel deine Wahl auf genau diese Produzenten?

Ali As: Dass David und Eli produzieren, war eigentlich schon immer klar. The Cratez habe ich kennengelernt und über die kam im Endeffekt auch der Kontakt zu Ghostrage zustande, der im Endeffekt den Song „Asche auf Balmain“ mit Kollegah produziert hat. Auch „Wach“ featuring YSL Know Plug, den ich im Vorfeld als Freetrack veröffentlicht habe, stammt von ihm.

Neben Kollegah und YSL Know Plug auf dem Freetrack finden sich auf „Insomnia“ noch einige weitere Featuregäste, zum Beispiel SXTN, Joshi Mizu – lass uns doch mal über die reden.

Ali As: Die jeweiligen Künstler haben einfach wie die Faust aufs Auge gepasst. Auf „Stuntman“ hätte ich eigentlich noch etwas mit Gzuz gemacht, was leider zeitlich nicht geklappt hat. Zum Einen sind es alles Künstler, die ich privat krass feiere. Das steht im Vordergrund und eben, dass sie Bock drauf haben und zu dem Song passen.

Gibt es einen Künstler, den du persönlich bisher noch nicht kennst, welchen du aber als absolutes Wunschfeature deinerseits bezeichnen würdest?

Ali As: Ich würde gern mit Katy Perry arbeiten.

Mit Katy Perry? Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet.

Ali As: Die ist einfach cool. Sie hat diesen super nicen Song mit Migos, der heißt „Bon Appetit“. Das wäre richtig geil. The Weeknd wär auch krass. In Deutschland gibt es sicher auch den einen oder anderen. Ich habe schon mal einen Song mit Marsimoto gemacht, allerdings wäre Marteria sicher auch cool. Oder Peter Fox. Ich weiß allerdings gar nicht, ob Peter Fox überhaupt noch auf Solopfaden wandelt.

Wessen Feedback ist dir wichtig während eines Albumprozesses? Wem spielst du halbfertige Songs vor und mit wem teilst du deine Ideen?

Ali As: Mit Lukas, der ist 21 und man kennt ihn auch von Twitter. Ich glaube, er hat fünf K im Namen, heißt dort also Lukkkkkas. Er ist übertriebener Fan von Chief Keef. Ihm habe ich das Album geschickt und ihn um seine Meinung gebeten, weil er das aus der Perspektive von einem 20-jährigen, jungen Dude hören kann. Er feiert den ganzen neuen Shit und mir war sehr wichtig, dass das Album nicht hängen geblieben ist, sondern eins, das 2017 erscheinen kann und zeitgemäß ist.

Wie viel denn im Endeffekt das Feedback aus?

Ali As: Gut. Den einen oder anderen Song hat er öfter gehört und hat ihn dann erst mit der Zeit gediggt. „Insomnia“ ist ein Album, das du ein paar Mal hörst und dann ballert es erst so richtig. Das hier ist keine Platte, die du anmachst und direkt alles checkst, eben ein klassischer grower. Ich habe genau das zum Beispiel bei „If you’re reading this it’s too late“ von Drake empfunden. Am Anfang fand ich’s gar nicht geil und dann hat’s irgendwann voll geballert.

Es klingt so als sei ein grower Album für dich sehr viel erstrebenswerter als ein Album, das direkt beim ersten Hören total überzeugt.

Ali As: Ja, das ist einfach langlebiger. Du kannst dir das vorstellen wie eine Droge, die du dir kaufst. Dann gibt es vielleicht eine, die zwar schnell knallt, deren Wirkung aber auch total schnell wieder nachlässt. Du würdest du dir ja vermutlich eher eine Drogen geben, die sich langsam aufbaut, dann aber so richtig scheppert über einen längeren Zeitraum.

Ich bin zwar nicht so drogenaffin, aber ich verstehe die Metapher auf jeden Fall. Gibt es einen Unterschied in der Arbeitsweise, kannst du also bewusst beeinflussen, ob du ein grower Album erschaffst oder eins, das sofort knallt?

Ali As: Nein, das Album ist einfach so entstanden. Du kannst es jedoch versuchen. Ich glaube, damit es langlebig wird, muss es so geschrieben sein, dass es den Leuten auch nicht zu sehr auf die Nerven geht. Das Album sollte leicht bekömmlich sein, aber dann von hinten rum kommen. Sodass es viele Kleinigkeiten gibt, die du erst mit der Zeit wahrnimmst.

Hast du einen Lieblingssong auf „Insomnia“?

Ali As: Ja, „Kilimandscharo“. Ich kann dir gar nicht genau sagen, wieso. Der ist mega gechillt und ich rappe dort anders als sonst. Außerdem gefallen mir die Bilder, die darin vorkommen und das, was ich damit verknüpfe, sehr gut. Ich glaube, ich habe den Song in Miami geschrieben.

Brauchst du das Reisen, um kreativ an Musik arbeiten zu können?

Ali As: Wenn man weiter weg ist, kann man auf jeden Fall viel besser reflektieren, was in der letzten Zeit so passiert ist. Wenn du dich in dem Studio befindest, in dem du immer bist, ist deine Anschauungsweise auch dieselbe. So trittst du auf der Stelle mit dem, was du erzählst und wie du es erzählst. Wenn du aber solch eine hohe Frequenz hast wie ich die letzten drei Jahre, dann musst du schauen, dass du es weiterhin spannend hältst.

Du hast soeben schon deinen Lieblingssong von „Insomnia“ verraten, fällt dir spontan auch eine Lieblingsline ein?

Ali As: „Bitte Babe, weck mich nicht auf/ Ist das hier echt oder Traum/ Mein Bett ist verstaubt, das nächste hat einen Deckel darauf“ vom Titeltrack „Insomnia“. Irgendwie hat mir die Line gefallen und ich fand sie ganz lustig.

Wenn du einen Blick zurückwirfst auf das Vorgänger-Album „Euphoria“: Was ist im Verlauf zu „Insomnia“ auf musikalischer Ebene passiert?

Ali As: „Insomnia“ klingt so als sei es aus einem Guss entstanden. Außerdem sind die Texte noch eindeutiger geworden, ich kann mit weniger Worten mehr sagen. Das Ganze ist noch musikalischer geworden. Wir haben Live Piano eingespielt, besonders soundtechnisch ist es sehr raffiniert und ausproduziert, jedoch ohne dass es den Leuten auf die Nerven geht.

Was ist der absolute Kaufanreiz der Platte? Wieso sollte ein Fan, der im Elektronikmarkt seines Vertrauens steht, ausgerechnet „Insomnia“ kaufen und nicht ein anderes, beliebiges Deutschrap Album?

Ali As: Weil „Insomnia“ absolut nicht wie jedes andere Deutschrap Album ist und ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Es kombiniert zwei Dinge. Zum Einen ist es stimmig genug, dass du es dir einfach so anhören kannst, ohne groß auf Lyrics achten zu müssen. Zum Anderen ist es so geil produziert. Du kannst es also einfach nebenbei laufen lassen. Aber, wenn du Bock hast, auch mal richtig hinzuhören, wirst du mit geilen Lyrics gefüttert. Das Album hat Songs, bei denen du den Kopf ausschalten kannst und liefert auch sehr tiefgründige Sachen. Trotzdem wirkt es sehr organisch, eben wie aus einem Guss.

Ich finde, im Deutschrap genießt „Insomnia“ eine Sonderstellung.

Ob das jetzt oder schlecht ist, müssen die Leute selbst entscheiden. Ich sage, es ist das geilste, was du bekommen kannst.

Auf Seit 2 geht’s weiter mit der Tracklist konkret.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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