Zwanzig Jahre „Bambule“: Hamburg City ruled

April 2016: Per Facebook-Video kündigen Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad, besser bekannt als die Beginner, ihr erstes Studioalbum nach dreizehnjähriger Abstinenz an. 2003 war es, dass mit „Blast Action Heroes“ erstmals ein deutschsprachiges Rap-Album die Spitze der Charts erklimmen konnte (streng genommen war es bereits die dritte Deutschrap-Nummer-Eins, berücksichtigt man die auch mit Pop-Anleihen daherkommenden Alben „Klappe die 2te“ und „4:99“ von Tic Tac Toe bzw. den Fantastischen Vier). Nichtdestotrotz bleibt festzuhalten: Was heutzutage teils nur noch als Randnotiz – da Standard (Gzuz-Voice on) – wahrgenommen wird, kam damals mindestens einer kleinen Sensation gleich. Hatte Rap in Deutschland doch trotz Vorreitern wie den Fantas, Fettes Brot oder Moses Pelham noch längst nicht das Standing, das dieses Genre im Jahr 2018 genießt.

Mit Advanced Chemistry, so der Titel des eingangs erwähnten Albums, das im August 2016 veröffentlich wurde und dessen Name als Hommage an Torchs und Toni-Ls gleichnamige Heidelberger Hip-Hop-Gruppe zu verstehen ist, erreichen die Beginner ebenso den begehrten Platz an der Sonne. Sowohl Oldschool (Dendemann, Samy Deluxe) als auch New School (Gzuz, Haftbefehl) sind auf einem zugegebenermaßen kontrovers diskutiertem Werk (kommerzieller Erfolg vs. Feuilleton-Kritiken vs. „Preis für Popkultur„) vertreten und stehen für die Offenheit und Toleranz des Hamburger Trios gegenüber der Diversität und den unterschiedlichen Strömungen innerhalb einer global stattfindenden Jugendkultur. Kritik, ungeachtet ihrer Konstruktivität und Berechtigung, lässt zumindest darauf zurückschließen, dass der Gegenstand der Kritik über so viel Relevanz verfügt, als dass dieser öffentlich besprochen werden muss.

Diesen Status haben sich die Beginner durch ihr Schaffen im Allgemeinen erarbeitet, was nicht zuletzt das vor 20 Jahren erschienene „Bambule“ einschließt. Ein Album, das noch unter dem Namen Absolute Beginner veröffentlicht wurde. Ein musikalisches Werk, das die Qualitäten der Hamburger Rap-Schule unter Beweis stellte. Ein Meilenstein, der in Würde gealtert ist.

Große Klappe, nichts dahinter? Von wegen!

Track eins, Einstieg in „Das Boot„. Eine Metapher, die sich auf ein von schlechter Musik überflutetes Genre bezieht, in dem die Beginner mit besagtem Boot aus Styles obenauf schwimmen. Geschickt bettet Eizi Eiz die Themen Klimawandel und Umweltkatastrophen im Kontext von wacker Musik ein und setzt gezielte Stiche gegen mehr als zweifelhafte, politische Entscheidungen, wiederum in Verbindung mit der Vereinnahmung des Raps durch die Musikindustrie. Auch Denyo scheut sich nicht vor Kritik und stellt die Reichen und Schönen dieser Welt an den Pranger, die aufgrund ihres finanziellen Status dem Irrglauben erliegen, sich Macht kaufen zu können, um letztendlich dem Alkohol- und Drogenkonsum zu verfallen. Darüber hinaus bekommen ausbeuterische Manager bzw. inhaltslose MCs ihr Fett weg und zu guter Letzt wird auf die Bedeutung der eigenen Musik hingewiesen („Mein Textbuch war schon damals das der Rekorde von Guinness“ / „Und ziehen für Rap wieder den Karren aus’m Dreck„).

„Ihr seid Zeuge, wie Denyo ’n neuen Hit schreibt/
Eißfeldt die fetten Beats holt, aus’m Zip-Drive/
Mad seine neuesten Technics Tricks zeigt/
Arfmann an den Reglern macht den Shit tight“

Aussagen, auf die Taten folgen müssen. Das tun sie, und zwar „Hammerhart„. Ein Song, der von Denyos abgehacktem Flow, der von Eizi Eiz (aka Eißfeldt aka Jan Delay) halbgesungenen Hook sowie Doppelbödigkeit und Wortspielen par excellence lebt („Spiel lieber mit Worten, statt Schach, wenn ich mich matt fühle„). Inhaltlich wird sich mit der im Hip-Hop oft beschworenen Authentizität, dem Verfall in den Mainstream, Erfolg an sich und der Funktion von Rap als Sprachrohr auseinandergesetzt. Und Matthias Arfmann gewürdigt, der u.a. wegen seiner Zusammenarbeit mit den Beginnern zu einem der gefragtesten Musikproduzenten für deutsche Rapper werden und in der Folge auch mehrfach mit Jan Delay zusammenarbeiten sollte. Generell ist es dieser Jan Philipp Eißfeldt, der mit seinem nasalen Vortrag und seinem hanseatischen „Sprech“ („Digga„, „am Start„) für einen hohen Wiedererkennungswert sorgt. „Liebes Lied“ lässt grüßen.

Zwischen Schunkelatmosphäre und Rap to the fullest

Es ist die zweite Singleauskoppelung, die den poppigsten Charakter auf „Bambule“ aufweist. Ein Song, recordet für all die Bravo-Hits-Käufer und Plattenlabel Universal (das Album erschien ebenso auf dem Independent-Label Buback). Der ironische Pophit, der mit Platz elf in den Single-Charts jahrelang den größten Erfolg der Hamburger in dieser Kategorie darstellte, versteht sich nicht als Liebeslied im herkömmlichen Sinne, sondern ist als Liebeserklärung an die Musik der Beginner gemeint. In bester G-Funk-Manier übt „Liebes Lied“ eine hypnotisierende Wirkung aus, die den ein oder anderen Hörer vielleicht sogar zum Mitschunkeln animiert. Doch wer zwischen den Zeilen liest, der findet en masse Kritik an der Popkultur. Ob Autotune, Oberflächlichkeiten oder kitschig-emotionale Raps – rette sich, wer kann.

„Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss/
Luxus und Ruhm und rulen bis zum Schluss“

Abseits der eigenen Leistung, den eigenen Parts, Beats und Scratches der Beginner, ist es wohl der Part von Samy Deluxe auf „Füchse„, der in der Retrospektive deutlich hervorzuheben und zu sezieren ist. Denn obwohl bereits seit einigen Jahren am Mic aktiv, war es erst sein Beitrag zu „Bambule„, der den „Wickeda MC“ den weiteren Karriereweg hin zu Dynamite Deluxe, Soloalben und einem MTV Unplugged ebnen sollte. Nicht nur die Kopfnicker-Fraktion sollte mit Zeilen wie „Leider folgen viele falschen Vorbildern und lernen’s nie / Das Publikum zu rocken, da es auf ’ner anderen Frequenz liegt“ vertraut sein, wird sich ernst- und gewissenhaft mit der Hip-Hop-Historie Deutschlands in den vergangenen 30 Jahren beschäftigt. Der selbsternannte „Baus of the Nauf“ macht in „Füchse“ keinen Hehl aus seinem leidenschaftlichen Cannabis-Konsum, verweist auf den Kultcharakter der Eimsbush-Freestyle-Sessions, preist die eigenen, raptechnischen Fähigkeiten an und zementiert den damaligen Status der Hansestadt als Deutschrap-Hochburg. „Hamburg-City ruled, wer behauptet was anderes?

Und es hat Boom gemacht

Mit Tracks wie „Fahr’n“ und „Mikro in der Hand„, auf dem Main Concept-MC David P. einen Part zum Besten gibt, reaktivieren die Beginner den Style aus alten „Flashnizm„-Tagen. Und beweisen eine Treffsicherheit, die in Zeiten von Füllmaterial und Skits gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint. Es genügen zwölf Songs, die mit insgesamt nur vier Features auskommen (neben Samy Deluxe und David P. sind dies Das Bo und Ferris MC), um einen Deutschrap-Boom rund um die Jahrtausendwende auszulösen. Eizi Eiz und Denyo strotzen auf „Bambule“ nur so vor Selbstvertrauen sowie einer gesunden Portion Arroganz, dass sich andere Rapper angestachelt fühlen und ihr eigenes Können unter Beweis stellen wollen. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Und wenn ein Frankfurter Urgestein wie Azad 2001 auf  „Gegen den Strom“ verlauten lässt „Ich brauch‘ kein Liebes Lied / Ich brauch‘ ’nen deepen Beat„, dann ist dies zwar als Schelte zu deuten, verweist aber auch auf den Impact eines polarisierenden Songs bzw. einer polarisierenden Hip-Hop-Formation. Cui honorem, honorem. Ehre, wem Ehre gebührt.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

1 Comment

  1. Rollo

    12. November 2018 at 10:56

    Und Martin mit keiner Silbe erwähnt. Lächerlich.

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