Terra Pete über die Liebe zum Hip-Hop und den Unterschied zwischen Seelenmusik und konzipierter Musik.

terra pete

Nun, um deutschen Rap könnte es dieser Tage kaum besser bestellt sein. Selbstverständlich bereitet die, gemessen am kommerziellen Erfolg, unverhältnismäßige Randerscheinung bei den nationalen Preisverleihungen noch Kopfschmerzen. Oder die innere Zerrissenheit zwischen Tradition und Innovation, die sich aus welchen Gründen auch immer, partout nicht auf eine friedliche Koexistenz einigen will. Tatsächlich scheint sich der gemeinsame Nenner der hiesigen Szene einzig und allein auf die Abwesenheit eines einem tief innewohnenden Verständnis über die HipHop-Kultur zu beschränken: Nein, du bist nicht zwangsläufig HipHop, weil du auf Sessions gehst. Oder weil du aus dem Dreck kommst. Und auch nicht, wenn du zu morschen Samples aus der SP-1200 mitnickst. Dieses fehlende Bewusstsein bezeugt schließlich, dass HipHop wie kaum ein anderes Genre, chronisch an musikalischem und literarischem Versagen leidet und nach über 30 Jahren noch immer zur Inspiration über den großen Teich schielen muss (oder zumindest nach Frankreich). Nein – ich denke nicht, dass man von wirklichem Rap „Made in Germany“ sprechen kann, sondern eher von einer stocksteifen Parodie einer lebensfüllenden Geisteshaltung und sozialen Realität, die ohne die bis in das 19. Jahrhundert reichenden Wurzeln gelebt zu haben, nur allzu schwer begreiflich scheint. Doch es gibt sie, die rar gesäten Beispiele die diese Haltung in ihrer Musik auszudrücken wissen. Und nachdem neulich die Testpressung von „Bambooyeah“ reingeflattert ist, treffe ich den Erdenmann Terra Pete bei sich zuhause auf eine Listening-Session, einen Joint und ein paar Granatapfelkerne.

Zu Besuch beim Erdenmann

 

Terra Pete: Dieses Album ist das Produkt einer energetischen Phase meines Lebens – deshalb ist es so konzipiert, dass es live abreißt. Es ist ein Arsenal an Top-Beats bei denen keiner stillsteht. Dennoch arbeite ich bereits am Nachfolger mit dem Fokus auf tiefen Tracks, die ich bei ‚Bambooyeah‘ bewusst runtergeschmissen habe. Er deutet auf den Schuhkarton vor ihm randvoll mit Textblättern. Siehst du das? Da stecken drei Alben drin. Wenn ich Scheiße habe im Leben, schreibe ich mich in Rage. Vieles, was mir lieb und teuer war, ist von mir gegangen. Familie, gute Freunde, Vorbilder – viele sind nicht mehr da. Als Kind zuhause immer in die Fresse gekriegt. Ich komme aus dem Hass. Aber trotzdem sehe ich mein Leben als das größte Blessing. Aufgewachsen in einer Subkultur der US-Army based City Schweinfurt, in der die amerikanische Bevölkerung locker ein Viertel der Stadt ausmachte, wuchs ich von klein auf international auf. Und mit dem KaEsZeh (Terra Petes Crew, Anm. d. R.) habe ich neun Leute um mich, die die ganze Jugend zusammen gerappt haben und sofort sehen, was in deinem Kopf abgeht. 

Terra Pete: Siehst du, für mich gibt es zwei Arten von Rap: Seelenmusik und konzipierte Musik. Bei Letzterem gehst du folgendermaßen ran: So und so viel Bars musst verfassen, läufst den ganzen Tag rum und sammelst Punchlines – das ist wie eine Behinderung. Und irgendwann setzt du dein Puzzle zusammen, das eben zu dieser koordinierten Bauplan-Musik wird. Seelenrapper aber sehen ihre Musik als Therapie. Die Kreativität kommt aus dem Schmerz und wenn sie es nicht raushauen führt es zu Bauchschmerzen (lacht). Da öffnet sich einfach ein Kanal und es können eben acht Bars oder vierzig daraus werden – scheißegal, aber diese Seele hörst du sofort raus. Kennst du „The What“ von Biggie und Method Man? Wir sind uns einig, dass der Song es in unsere Top drei All-Time-Favorites schaffen würde. Ich schwöre dir, der geht zur Hook nicht mal raus aus der Boof und dann sofort „Verse two – coming with the Olde brew“! Da passiert nicht mal viel in dem Song, der Beat läuft einfach durch. Aber daran merkst du, dass HipHop ein Community Ding ist. Liebe aus einem Guss, Alter. Es ist die größte Religion auf der Welt und mehr als nur mal seinen Schwanz reinstecken. Zumindest sieht es mein musikalisches Umfeld (u.a. JuJu Rogers, Figub Brazlevic, Scarf Face, Rob Really) und ich das so.

 

Terra Pete:Für das Mastering von Figub habe ich ihm ausstehende Schwarzfahrtickets bezahlt. Wenn wir uns Geld hin und herschieben, geschieht das alles organisch. Das ist eben das Besondere an meinem Umfeld. Jeder macht es aus Liebe und das trennt die Seelenmusik von der Konzept-Musik. Wenn wir zusammensitzen und Figub einen Beat baut, gibt es keinen im Raum, der nicht sofort anfängt einen Text zu schreiben. Mit allen meinen Produzenten und Beteiligten des Albums habe ich ewig zusammengesessen. Teilweise lernt man sich auf einer Party kennen, chillt erst dreißigmal zusammen und irgendwann beschließt man daraus ein gemeinsames Kind entstehen zu lassen. Andererseits hat mir mal jemand seine Beats geschickt hinter deren Titel der Preis getaggt war. Und als ich ihn auf einen Beat ansprach, kam er sofort rum mit ‚Ja PayPal oder was?‘ ‚Egal. Junge mit diesem Spruch hast du gerade deinen Einstieg verkackt.‘ Der kann doch nicht allen Ernstes die Liebe meines Lebens zu einem Geschäftsmodell umfunktionieren. Und diese fünfzig Euro zieht er seinen Vorstadtrappern garantiert noch ab. Nicht, dass Entlohnung keine Rolle spielen würde – aber soll er mir doch erstmal zeigen wer er ist; mich doch erst einmal fragen, wie es mir geht? 

Terra Pete: In mir ist etwas Verrücktes und ich habe keine Angst es zu zeigen, da hilft mir auch meine Bühnenerfahrung und Schauspielerei weiter. Denn letzten Endes soll einfach das rüberkommen, was ich bin. Und dann kann auch nix schiefgehen. Mein Umfeld reflektiert mir wer ich bin und ich glaube auf dem Weg zu sein, ein ganz vernünftiger Mensch zu werden. Ich merke, dass die Leute sehen, der Typ ist was Besonderes mit seiner großen Fresse und seinem abgefuckten Humor – aber er ist respektvoll. Und sofern es eine ethische Richtlinie gibt, eine Moral, möchte ich der Spitzenpredator sein. Einfach frei raus – das sollen die Leute sehen.“

 

 

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.
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