Zehn Jahre „Verbrannte Erde“: Cho! Hier Habt Ihr Euer Album

Am 13. April 2007, also fast genau vor zehn Jahren, releaste Ercandize sein Album „Verbrannte Erde“ über Kool Savas Label Optik Records. Unser Autor Arne Lehrke hat sich dem Album zum zehnjährigen Jubiläum einmal gewidmet und unter anderem die Stärken des Albums besprochen.

verbrannte erde

Wenn ein Rapper in Deutschland im Jahre 2004 ein Best-Of-Album auf den Tisch legt, dann ist er entweder größenwahnsinnig oder länger dabei, als der Hip-Hop-Nachwuchs von heute alt ist. Beim Bochumer Rapper Ercandize, dessen bürgerlicher Name Ercan Koçer lautet, trifft eher letzteres zu. Als Teil der legendären Ruhrpott-Crew ABS um die Jahrtausendwende und wenige Jahre später als fester Bestandteil der Optik Army, konnte der Rapper mit dem Papadopoulos-Kinn immer wieder präzise Nadelstiche setzen – egal ob harter Battle-Rap oder Konzept-Track. Trotzdem liegt sein einzig wirklich relevantes Solo-Album „Verbrannte Erde“ mittlerweile zehn Jahre zurück. Zeit für eine nachträgliche Huldigung.

Sicher erinnern sich alteingesessene Einwohner von HipHop City an einen ihrer älteren Mitbürger. Ercan Koçer war als Teil von ABS einer der ersten Rapper, der – Achtung Phrasenalarm – den Ruhrpott auf die Karte brachte. Den meisten Leuten wird er aber als Teil der Optik Army im Gedächtnis bleiben, wo er auf Hits wie „Komm mit mir“ neben Savas zwar nie glänzte, aber auch nie negativ auffiel, was neben dem selbsternannten King Of Rap immerhin bemerkenswert ist. Das Danach, wie auch das selbstgegründete Label Assazeen kann man allerdings getrost vergessen und überhaupt ist die Diskografie von Ercandize beachtlich dünn für jemanden, der das Spiel solange gespielt hat. Unvergessen bleibt allerdings sein 2007er-Album „Verbrannte Erde“. Satte 22 Anspielstationen hatte Erc damals im Gepäck und neben SAV unter anderem noch Labelkollegen Caput und Amar, sowie die damals voll im Saft stehenden Snaga und Pillath zur Unterstützung dabei.

Doch das beeindruckende an den wenigen Projekte von Erc waren selten die überragende Reimtechnik, präzise Punchlines oder ein messerscharfer Flow. Viel mehr war Ercandizes Steckenpferd immer thematische Vielfalt und eine stimmige Präsentation. Mit reichlich Charakter konnte er die Aufmerksamkeit des Hörers immer auf sich ziehen und wäre er von Tür zu Tür gezogen mit seiner CD, wahrscheinlich hätte jeder der sympathischen Art wegen zugeschlagen. Und noch eine extra als Geschenk für die Verwandschaft.

Auf „Verbrannte Erde“ ist der Bochumer als Künstler gereift, aber immer noch hungrig genug, um als erwachsener Mann die großen Themen anzusprechen. Allein mit „Keine Liebe“ und „Winterblume“ finden sich zwei ganz und gar unpeinliche Lieder über die Liebe auf dem Album wieder. Während das eine mit der Ex abrechnet, ist das andere eine Ode an die damalige Aktuelle. Der Rapper mit dem „Herz eines Löwen“ macht auf „16 Bars“ Punchline-Rap, auf dem Titelsong eine flammende Rede gegen Rassismus und Gewalt oder rappt einen nostalgischen Part über das Sneakergame („Meine Sneakers“). Dazwischen findet sich noch mehr Abwechslung und lange bevor es zum guten Ton gehörte, traute sich Erc auch mal an einen gesungen Refrain.

„Verbrannte Erde“ ist vielleicht kein Meisterwerk, aber eine solide Platte, von deren Abwechslungsreichtum sich fast jeder Rapper in Deutschland immer noch eine Scheibe abschneiden kann. Erc verhebt sich an keinem Thema, weiß was er kann und hat nie die Fehler gemacht, die bei einem durchgetakteten Release-Rhythmus in Jahresabständen passieren kann. Am Ende war sein Abgang ein eher leiser, denn bei seinem letzten Album „Uppercut“ im Jahre 2012 war der Hype um Optik und Co. längst vorbei. Und sollte Erc irgendwann doch noch mal an meiner Tür klingeln, ich kaufe ihm alles ab, was er in seinem Rucksack dabei hat.

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Schlägt bei FIFA entweder den Gegner oder den Tisch kaputt und findet nicht, dass Kollegah wie Rakim rappt.

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