Zehn Jahre „Ich“: Die hohe Hürde nach dem Debüt

sido-ich-cover-500Als im April 2004 mit „Maske“ das Debütalbum des bis dato zumindest auf bundesweiter Ebene noch relativ unbekannten Berliner Rappers Sido erscheint, sind die Erwartungen an die 17 Tracks umfassende CD nicht allzu hoch. Sicherlich, mit seinem „Arschficksong“ konnte Paul Würdig bereits vorab polarisieren, mit dem „Weihnachtssong“ ist Airplay im deutschen Musikfernsehen garantiert. Doch kann das schon für Erfolg reichen? Nun, es wird nicht ausschließlich an diesen beiden Songs bzw. Teilerfolgen gelegen haben, dass „Maske“ den dritten Platz der Deutschen Charts erreichte und Sido sich einer Goldenen Schallplatte erfreuen konnte. Auch durch die erste Singleauskoppelung „Mein Block“, drei Wochen vor Albumrelease veröffentlicht, wurden Label Aggro Berlin und sein Künstler bekannt(er). Und erfolgreich.

Dezember 2006. Schlicht mit „Ich“ betitelt, erscheint Sidos zweites Album. Ein Werk, das sich am eben erwähnten Vorgänger, von vielen Seiten auch als Meilenstein für Deutschen Rap glorifiziert worden, messen lassen muss. Erwartungen sind gestiegen, Reichweiten haben sich erhöht – doch wie verhält es sich mit der Musik?

Anlässlich des 10-jährigen Geburtstags von „Ich“ blickt BACKSPIN zurück auf Sidos zweites Werk, in dem sich der Ost-Berliner als „Schlechtes Vorbild“ präsentiert, von „Bergab“-Geschichten aus dem Viertel berichtet und Einblicke in sein Vermächtnis im Falle eines Ablebens gibt.

„Goldjunge“, aber weiterhin ein „Schlechtes Vorbild“

Direkt zu Beginn von „Ich“ lässt Siggi noch einmal verlauten, dass er nun ein „Goldjunge“ ist, der auf seine weniger glamourösen Anfänge zurückschaut, den Beef mit Azad thematisiert und seine zunehmende Popularität anschneidet. Aus dieser gewachsenen Bekanntheit und der größeren Reichweichte resultierend, erreicht Würdigs zweites Album bereits nach zwei Tagen den Goldstatus. 80.000 Vorbestellungen sprechen für sich und das große Interesse am nächsten Karriereschritt des Maskenrappers. Trotzdem ist Sidos Standing in der hiesigen Medienlandschaft gespalten. Während Fans und Kritiker seine freche, direkte und wortgewandte Art loben, wird das Aggro Berlin-Signing auch für diese Offenheit, ein teilweise pflegelhaftes Auftreten und eine ausgeweitete TV-Präsenz kritisiert (Wok-WM lässt grüßen).

„Wenn ‚Maske‘ ein HipHop-Blockbuster mit jeder Menge Effekten war, dann ist ‚Ich‘ ein Dokumentarfilm, ein fiktiver natürlich“. – Ehemaliger Spiegel Online-Kulturredakteur Daniel Haas über Sidos Erstlingswerke

Kein Problem für Sido, der sich weiterhin als „Strassenjunge“ sieht, Assoziationen, die ihm das Image eines Gangsters oder Diebs anheften wollen, aber kategorisch ablehnt. Ebenso weist er die Vorbildfunktion von sich und lässt sein lyrisches Ich an Defiziten wie Alkohol- und Drogenkonsum, mangelhafter Bildung und Problemen mit Autoritäten entlanghangeln. Das Resultat ist ein „Schlechtes Vorbild“, das sich nicht nur selbstkritisch zeigt, sondern auch den Rahmen in Frage stellt, in den er als Musiker gedrängt wird und innerhalb dessen er bewertet wird. Für die eingängige Melodie des Tracks zeichnen die Produzenten Paul NZA und Marek Pompetzki verantwortlich, die sich hierfür eines Samples des Songs „Hold the Line“ der kalifornischen Rock-Band Toto bedienten.

Spagat zwischen Ghetto und normalem Bürgertum

Neben dem als Hauptproduzent fungierenden Paul NZA, gestalten auch Tai Jason, das Produzenten-Duo Beathoavenz, Seeed-Member Peter Fox und DJ Desue den Sound von „Ich“ mit. Je nach Thema und Stimmung des jeweiligen Tracks wird dem damals 26-jährigen Rapper ein Soundteppich auf den Leib geschneidert, der ihm eine Vielzahl an musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten bietet. So rappt Sido über das entfremdete Verhältnis zu seinem Sohn, der ohne seinen Vater aufwuchs („Ein Teil von mir“), spricht über sein Vermächtnis, das an Familienmitglieder und Freunde aus dem Aggro Berlin-Umfeld verteilt werden soll („Mein Testament“) und nimmt den Hörer im besten Storyteller-Stil mit in seine Heimat, dem Märkischen Viertel („Bergab“).

„Es ist, da lege ich mich einfach mal fest, das beste Aggro-Release seit ‚Vom Bordstein bis zur Skyline‘. Und das wichtigste: Es macht Spaß. Die Fans feiern, die Kritiker freuen sich, Sido tut beides, weil die Platte bereits Goldstatus hat“. laut.de-Redakteur Philipp Gässlein über den Stellenwert von „Ich“

Im Zuge des Relases von „Ich“ sagt Sido: „Ich stehe zwischen den Welten“ – und meint damit die immer noch (zu) große Kluft zwischen Wohnblocksiedlung und den wahr gewordenen Traum vom Eigenheim. Und darin sieht der Sohn einer Sintiza und eines Deutschen das große Problem. „Ich kann nicht mehr einfach ins Ghetto gehen, ohne Probleme zu kriegen. Ich bin jetzt der reiche Typ, den man am liebsten abziehen würde. Und in meiner neuen Gegend sagen die Leute noch nicht mal guten Tag zu mir.“ Also zu nett für das Ghetto und zu Ghetto für die „Normalos“?

Ein „Dilemma“, das sich Sido selbst eingebrockt hat. Denn musikalisch hat er sich im Vergleich zu „Maske“ klar entwickelt, technisch eine Schippe draufgepackt und textlich für sich auch mal das Nachdenkliche, Reflektierte, entdeckt. Seine Wurzeln hat der polarisierende Künstler gewiss nicht vergessen. Vielmehr ist er ein Musterbeispiel für den sozialen Aufstieg. „From zero to hero“, tut es den amerikanischen Pendants aus der Bronx gleich.

„Ich“ erfährt vielleicht bis heute nicht dieselbe Wertschätzung, die Meilenstein „Maske“ entgegengebracht wird. An mangelnder Qualität liegt dies aber nicht. Eher hat sich der damals noch mit der bekannten verchromten Totenkopfmaske auftretende Rapper ein Stück weit entwickelt und dem oft zu beobachtenden künstlerischen Stillstand entgegengewirkt. Die freche, direkte Art, die noch für den Erfolg des Erstlingswerks mitverantwortlich war, ist auch nicht spurlos verschwunden.

Nur ein Beleg dafür ist der Bonus Track „Jeden Tag Wochenende“ mit Bass Sultan Hengzt. Die Fortführung des Songs „Endlich Wochenende“, der letztendlich zur Indizierung von Sidos erstem Album führte, thematisiert das Feiern auch unter der Woche und beschreibt Partyexzesse im Genauesten. Der Unterschied zum Vorgänger: Sido macht klar, dass er ein Nachmachen für nicht ratsam empfindet. Das Wort „altersmilde“ ist hier nicht angebracht (und bei 26 Jahren eh weit weg von der Realität). Vielmehr ist dem Künstler die erhöhte Reichweite und die leicht zu beeinflussende Hörerschaft bewusst – und der Index wird ganz nebenbei auch umgangen.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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