Zehn Jahre „Hahnenkampf“: Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Was ist von einer Rap-Gruppierung zu erwarten, die mit Tracks wie „Hurensohn“, „Schweinehaxxxen“ oder „Riesenglied“ ihren Einstieg ins hiesige Rap-Game gegeben hat? Nun, auf jeden Fall eine ordentliche Prise Humor, das Überschreiten jeglicher Grenzen im Rahmen der künstlerischen Freiheit und eine Unterhaltungswert, der Langeweile gar nicht erst aufkommen lässt.

Die Rede ist natürlich von K.I.Z., der Berliner Hip-Hop-Formation um die MCs Maxim, Nico und Tarek sowie DJ Craft. Wer sich mit den vier Jungs und ihrer Musik auseinandersetzt, der muss offen für Ironie, aber auch für eine explizite Ausdrucksweise sein. Denn dies ist Teil des Gesamtpakets K.I.Z., des Quartetts, das auf seine eigene Art und Weise immer wieder über den Tellerrand schaut und gesellschaftliche Bewegungen, Gegebenheiten und Missstände thematisiert und kritisiert. Und dies überspitzt, pointiert und nicht immer für jeden offensichtlich.

So auch auf „Hahnenkampf“, dem ersten Studioalbum der Hauptstädter („Das RapDeutschlandKettensägenMassaker“ wird gemeinhin als Street-Album betrachtet). Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des erst im vergangenen Jahr mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichneten musikalischen Werks, blickt BACKSPIN auf eine musikalische 20-Track-Achterbahnfahrt zurück.

 

Extrem(e) erwünscht

In einer Zeit, in der es Deutschrap an Innovationen und Vielfalt mangelte, in der gefühlt an jeder Straßenecke ein 0815-Gangstarapper mit platter Attitüde und noch platteren Texten aufwartete, war es Zeit für etwas Neues. Ein zunächst frommer Wunsch, dem sich K.I.Z. annehmen sollten. Ohne falsche Scheu wird sich für den Sound von „Hahnenkampf“ im breiten Repertoire der Pop- und Volksmusik, des Punkrocks und des Technos bedient. Mut zur Andersartigkeit, der sich auch in der Auswahl der Themen wiederfindet. So reicht das Spektrum von der Problematik der Jugendgewalt („Klassenfahrt“, „Böhses Mädchen“) über die Kritik an sozialen Missständen wie Drogenhandel und Arbeitslosigkeit („Wenn es brennt“) bis hin zur Persiflage deutscher Rapper und ihrer 1:1-Übernahme von Gepflogenheiten der amerikanischen Kollegen („Herbstzeitblätter“).

„Hahnenkampf beweist, dass man eben auch hart rappen kann, ohne zum Lachen in den Keller gehen zu müssen“. – Zeit-Redakteur Matthias Schönebäumer

Eingebettet in Soundteppiche von u.a. Tai Jason, WassBass, Mach One, Prinz Pi-Kumpane Biztram, Coom, Sti und Flashgordon, treiben K.I.Z. das Spiel mit Sexismus, Sadismus und Nihilismus extrem auf die Spitze. So fällt es oftmals nicht leicht, reinen Klamauk von ernsthaften Aussagen und Anliegen, verpackt in Übertreibungen par excellence, zu unterscheiden. Doch liegt hier drin auch der große Reiz von „Hahnenkampf“, da aufmerksames Zuhören und eine bewusste Auseinandersetzung des Rezipienten mit der Musik erforderlich ist. Beispielsweise im Falle des Videos zu „Geld essen (Ausgestopfte Rapper)“, in dem die zum damaligen Zeitpunkt bei Royal Bunker unter Vertrag stehende Gruppe mit der gängigen Thematik der Homophobie im Rap kokettiert. Konkrekt: Dargestellt wird ein gleichgeschlechtliches Hip-Hop-Paar beim Zungenkuss, was wiederum als Provokation in einer Gesellschaft fungieren soll, die Homosexualität weiterhin mit Skepsis begegnet.

Zwischen Folk-Sixties und Wolle Petry

Das von der Juice zum „Album des Monats“ August 2007 gekürte „Hahnenkampf“ weist immer wieder musikalische Referenzen bzw. Samples auf, die sich nicht ausschließlich auf den Rap-Kosmos beschränken. Ein Beleg hierfür ist der Song „Neuruppin“, der unverwechselbar Elemente des The Animals-Klassikers „The House of the Rising Sun“ verwendet. Thematisierte der Sixties-Folk-Song noch ein Freudenhaus in New Orleans, gewähren K.I.Z. Einblicke in die krude Gedankenwelt eines mörderischen Ich-Erzählers, der sich durch das allwöchentliche Umbringen von Frauen kennzeichnet. Ungewollt, so die Aussage der Künstler, und sich der Parallelen nicht bewusst, sind gewisse Gemeinsamkeiten zu den Taten Carl Großmanns, eines Serienmörders aus Neuruppin, nicht von der Hand zu weisen.

„Mit der Vorschlaghammerzynik des Titanic-Magazins begegnen sie [K.I.Z.] gesellschaftlich heiß diskutierten Themen wie Kannibalismus oder juvenile Gewaltbereitschaft“. – laut.de-Redakteur Philipp Gässlein

Darüber hinaus bedient sich der Titeltrack der Daft Punk-Songs „The Prime Time of Your Life“ und „Steam Machine“, während auf „Spasst“ Hip-Hop-Pionier Grandmaster Flash in Form der Nico-Textzeile „Schub’s mich nicht, weil ich am Abgrund stehe“ indirekt Erwähnung findet. K.I.Z. geben sich auf „Hahnenkampf“ absurd (wie auch auf nachfolgenden Werken), kritisch und generell sehr zynisch, so dass eine Kategorisierung, insofern denn überhaupt notwendig, nicht leicht fällt. Wird in einem Moment noch der Konsum von Tabak auf ironische Art und Weise thematisiert („Pauch It“), wartet „Der durch die Tür Geher“ mit einem pöbelnden Berliner Alkoholiker auf. Nur um im grande finale Wolfgang Petry und seinen Song „Wahnsinn“ in Form von „Hölle“, einer bitterbösen Clubhymne samt Bela B.-Feature, Tribut zu zollen.

 

Es bleibt festzuhalten: Extreme sind bei Maxim, Nico, Tarek und DJ Craft (fast) immer gegeben. Davon lebt ihre Musik, davon lebt „Hahnenkampf“. Ist es oftmals ein schmaler Grat, der beschritten wird, steht der Humor doch über allem. Normalität? Nicht mit K.I.Z. Wer aus der breiten Masse herausstechen will, muss sich abgrenzen, muss anders sein und mit diesem Anderssein auffallen. Und dies ist mit „Hahnenkampf“ definitiv gelungen.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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