Zehn Jahre „Die Pfütze des Eisbergs“: Kommt Zeit, dreht Rad

PfützeIm deutschen Fernsehzirkus spielen einige Rapper mit, die nach ihren Karrierehochs in Talk- und Quizshows gelandet sind. Doch es gibt nur wenige, die dort ihrer Berufswahl treu gebliebensind, und nicht als Jurymitglied oder Moderator fungieren. Dendemann etwa, der bei Jan Böhmermanns Neo Magazin Royal wöchentlich seine Wortspiele zum Besten gibt. Zudem ist er  als musikalischer Leiter der Sendung tätgig, der Vergleich mit Questloves Rolle in Jimmy Fallons Late Night Show liegt nahe.

Man könnte also durchaus sagen, Daniel Ebel hätte es weit gebracht. Irgendwie hat er es geschafft, ohne Skandale, ohne viel Trubel um seine Persönlichkeit, der Kumpel zu bleiben, der uns mit seiner Reibeisenstimme und textlicher Raffinesse den Spiegel vorhält. Er hat zwar lange keine Alben veröffentlicht, doch bleibt für die Szene relevant. Als Trojanisches Pferd einer Subkultur, bei deren Aufstieg in den Mainstream Dendemann maßgeblich beteiligt war.

Dende ist der Inbegriff der Unschuld vom Lande, die „diese Rapsuppe mit Löffeln gefressen“ hat und sprachliches Können über hartes Auftreten stellt. Dieser Ansatz war in Rap-Deutschland das Maß der Dinge, bevor Aggro Berlin und andere die Spielregeln ändern sollten. Genau zu diesem Paradigmenwechsel erschien 2006 das Release von „Die Pfütze des Eisbergs“, Dendemanns erstes Soloalbum und bis heute wichtigste Veröffentlichung. Im selben Jahr kam übrigens Sidos „Ich“ heraus.

Ein Grund für die Qualität von „Die Pfütze des Eisbergs“ ist sicher der lange Vorlauf. Dendemeier war 2006 alles andere als ein Newcomer. Mehr als zehn Jahre war er schon unverzichtbar für den intelligenten Rap aus dem Norden. Vor Eins Zwo, dem Duo mir DJ Rabauke, dass sich auf Gangstarrs Prinzip von „two turntables and a microphone“ besann, wirkte er schon bei den Kombos Arme Ritter und Mutter Natur mit. Auf „Gefährliches Halbwissen“ und „Zwei“ harmonierten die Deutschrap-Scratches von Rabauke und Dendes Storytelling perfekt. 2003 trennten sich jedoch ihre Wege. Der Meister der Metaphern stand alleine da. Doch er wartete nicht lang, und versuchte sich mit der EP „Das Schweigen Dilemma“ schon im selben Jahr an Eigenproduktionen.

Drei lange Jahre sollten es aber noch werden bevor sich Daniel Larusso als gewachsener Solokünstler und konzentriertem Schaffen endlich sein Debütalbum veröffentlichte. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Doch Dende zeigt sich auf „Die Pfütze des Eisbergs“ von seiner besten Seite. Und das vor allem vielseitig. Er hält sich nicht zurück, singt beherzt, wie auf „Gut und Gerne“, parodiert D’Angelo in der ruhigen Single „3 1/2 Minuten“ und ist bei allem höchst unterhaltsam.

Check mal die Rhetorik

Verantwortlich für die Vielfalt sind auch die Beats, die größtenteils von den Mainzern Audiotreats gebastelt wurden. Souliges, Blues, Gitarren – alles wird verwendet aber nicht verwurstet. Auch die von Eins Zwo gewohnten Scratches gibt es noch zu hören. „Endlich Nichtschwimmer“ ragt musikalisch heraus, als einziger Track von Jansen und Kowalski produziert und wurde klug als Single ausgekoppelt. Ich erinner mich, wie ich den Song mit meinem Bruder im Autoradio gehört habe, einer meiner ersten Zugänge zum Deutschrap überhaupt.

„Bevorzugte Stile sind Brust oder Kraul
Doch auch dafür sind viele zu lustlos und faul
Machen die Boje, lassen sich treiben
Würden bis sie schrumplig sind im Nassen drin bleiben“

Der Song ist ein gutes Beispiel für Dendemanns Fähigkeit, zu einem Thema nicht enden wollende Metaphern zu finden und gleichzeitig lyrisch doppelte Böden zu verlegen. Dies zieht sich über das gesamte Album, so dass man oft gar nicht hinterherkommt, das letzte gefallene Wortspiel zu verstehen, wie bei dem Doubletimer „Hörtnichtauf“. Auf „Lalalabernich“ taucht sein Alter Ego Volker Racho wieder auf. Bis auf Gwen McCrae für die Hook des Zukunftsblick „Dende 74“ und DJ Rabauke an den Cuts zur „IchsoErso“ Fortsetzung „ErsoIchso“ gibt es keine Featuregäste. Das war eine unbewusste Entscheidung, wie er im MZEEInterview erklärt. Auf die Frage, wie sich „Die Pfütze des Eisbergs“ von den Eins Zwo Alben unterscheidet entgegnet Dendemann:

„Und dieses Mal ging es mir wahrscheinlich etwas mehr darum, eine richtig gute deutsche Platte zu machen… weil Hip-Hop wird immer drin sein, egal wie viel ich singe, egal wie der Beat ist. Hip-Hop ist immer so zu Genüge drin, da suchen einige Rapper vergeblich nach.“

Kommt Zeit, Dreht Rad

Die Kritik auf das Album war größtenteils sehr gut, die Kollegen von rap.de bezeichneten „Die Pfütze des Eisbergs“ gar als „bestes Deutschrap-Album 2006“, andere vermissten das Eins Zwo Feeling. Doch kommt Zeit, dreht Rad: es folgte erst 2010 der Nachfolger „Vom Vintage verweht“, auf dem Dende sich mit einem Live-Rock-Rap-Crossover angelehnt an die 80er Jahre, unterstützt durch seiner Band Die freie Radikale, versuchte. Seit 2015 ist er, wie bereits erwähnt, als Bandleader und Rapper für selbige Band bei Neo Magazin Royale aktiv

„Denn wenn die Mucke läuft, verdammt dann kick ich den Reim
Augen zu und durch, doch ich nicke nicht ein
Check mal die Rhetorik ab, ich schicke dich heim“

 

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Seitdem er für BACKSPIN schreibt, träumt er von Torch, Morlockk Dilemma und anderen Hip-Hop Dingen. Bei der Recherche ist er aber hellwach - Kaffee sei Dank! - und gräbt eifrig nach Schätzen, die sonst unter'm Radar bleiben. Bei all dem bleibt er auch noch funky.
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