Zehn Jahre „Alles Gute kommt von unten“ – Zwischen Proll-Rap und Persönlichkeits-Reflektion

Mehr als 220.000 verkaufte Einheiten von „7“ – somit Platin – und erstmals Platz Eins in den deutschen Albumcharts: 2007 gilt bis heute als kommerziell erfolgreichstes Jahr für Bushido. Während Bushidos Label-Erzfeind Aggro Berlin aufgrund sämtlicher Alben-Indizierungen zur selben Zeit eines der schwächsten Jahre seit der Gründung verbucht, scheint im Hause Ersguterjunge alles auf Friede, Freude, Eierkuchen getrimmt zu sein. So bringt das Label kurz vor Jahresfrist unter dem Titel „Alles Gute kommt von unten“ den dritten Ersguterjunge-Sampler in den Handel. Doch dieser ist nicht nur bis heute der Letzte seiner Art sondern markiert gleichzeitig auch den langsam beginnenden Künstlerschwund bei EGJ.

Chakuza, Baba Saad, Eko Fresh, Summer Cem, Nyze, Kay One, Bizzy Montana, D-Bo: Das Camp tritt zwar für die Compilation vordergründig noch als Kollektiv auf, aber schon die Zusammenstellung der Platte bietet Symbolcharakter. Erstaunlich für einen Sampler: 22 Songs staffeln sich in 13 gemeinsame Tracks und neun Solo-Interpretationen (je ein Track pro Rapper). Zudem schaffen es auf keines der 13 angesprochenen Lieder mehr als drei EGJ-Mitglieder zusammen. Während Eko gerade mal noch bei zwei Songs mitwirkt und in der Folge das Label 2008 als erster aus dieser Riege verlässt, rückt ein anderer Artist zum ersten Mal in die Pole Position: Kay One.  
 

Gerade erst frisch in Berlin, darf Kay schon einen Part auf dem Titeltrack „Alles Gute kommt von unten“ beisteuern. Bushido setzt neben dem altbewährten Erfolgsrezept mit Chakuza bei Singleauskopplungen also auch auf das „New Kid on the Block“ bei Ersguterjunge. Und Kay One führt sich gleich mal großmäulig-prollig mit einem Gruß an die Aggro-Clique ein:

„Asozial und fresh – ich wurde jetzt gesignt / Ich zeige diesen Aggro-Mistgeburten wie man reimt“.

Noch immer bekriegen sich die beiden Camps aufs Schärfste und so folgen weitere Disses in Richtung des Labels mit dem Sägeblatt – allen voran auf den Tracks mit Bushido-Beteiligung wie „Über den Wolken“ oder „Doppelkopf-Anakonda“.  

 
Charakteristisch für die vorherigen EGJ-Sampler „Nemesis“ und „Vendetta“ sind, neben Proll-Rap, aber auch immer reflektierte, persönliche Songs, aus denen man Hoffnung schöpfen kann. Diese Besonderheit sticht auf „Alles Gute kommt von unten“ nochmal eine Spur ausgeprägter hervor. Exemplarisch hierfür stehen „Kannst du es sehen“ (D-Bo), „Zeitmaschine“ (D-Bo, Kay One) oder „Nur ein Traum“ (Nyze). Bushido selbst stellt sich indes auf „Der, der ich bin“ den täglichen Fragen des Lebens:

„Wieso bin ich nur so kalt geworden, woher kommt der Hass? / Wieso hat fast jeder Dritte meiner Freunde keinen Pass? / Wieso sind wir alle gleich – oberflächlich und so alt / Wieso werden wir dann irgendwann nur hässlich und auch alt?“

Ungeachtet der vielen Solo-Songs lebt der Sampler nicht gerade von den individuellen Rap-Skills der aufgebotenen Künstler. Dafür klingen unter anderem die Flows von Eko Fresh, Bizzy Montana, D-Bo oder Nyze zu marode und die Lyrics zu anspruchslos, als dass sie großartig im Ohr hängen bleiben. Was „Alles Gute kommt von unten“ pulsieren lässt ist vielmehr die Gesamtattitüde des ganzen Albums. Trotz einiger technischer Schwächen zeichnet dieses ignorante Runtergebuttere von allem, was andere Ansichten als die Ersguterjunge-Crew hat, die Platte aus. Beatlefield, Screwaholic, Decay, D-Bo und Bizzy Montana tragen ihr Übriges dazu bei und versorgen die Gang mit den damals typisch stumpf-reduzierten Beats, die hin und wieder mit Vocals bespielt werden.

Sampler Vol. 3 beschert Bushido und Ersguterjunge kurz vor Toresschluss eine weitere Platzierung in den Top Ten – diesmal an achter Stelle. In einer Zeit, in der es in den Monaten zuvor schier eine Flut von Label-Samplern auf dem Markt gibt, ein beachtlicher Erfolg. Egal ob Aggro Berlin, Bozz Music, Deluxe Records, Ersguterjunge, German Dream oder Optik Records: Das einzige Label, welches aus dieser Gruppe bis heute überlebt hat, ist: Ersguterjunge. Grund genug zum Feiern. Wie könnte man das besser tun als mit einem neuen Team und Sampler Nummer vier im Februar 2018?

Erzähl Digger, erzähl

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