In Eigenregie zur Grammy-Nominierung – Was du über Tierra Whack wissen solltest

Tierra whack

Es hat so klassisch angefangen: Selbstgeschriebene Gedichte, die irgendwann zu Songs wurden. So haben schon etliche Karrieren begonnen. Was dabei künstlerisch im Endeffekt herauskam, ist jedoch (zum Glück) fernab von „klassisch“. Wenn Tierra Whack für etwas steht, dann für Facettenreichtum. Sie schafft es, auf kreativsten Ebenen Themen wie die Hypersexualisierung von schwarzen Frauen aufzuarbeiten, von ihrer teilweise tragischen Vergangenheit zu erzählen, Songs zu machen, auf denen man kaum ein Wort versteht, die man aber trotzdem auswendig kennt oder ihre Schlagfertigkeit in diversen Freestyles unter Beweis zu stellen. Massig Gründe, diese Künstlerin auf dem Schirm zu haben.

Tierra ist schon viel länger am Start, als man vielleicht vermuten würde. Bis 2017 rappte sie als „T Dizzle„, anschließend als „Dizzle Dizz„. Inzwischen braucht sie gar kein Pseudonym mehr. Denn anders als man vielleicht erwarten würde, ist „Whack“ der tatsächliche Nachname der 23-Jährigen. Meek Mill hatte die aus Philadelphia stammende Dame bereits 2011 auf dem Schirm, als sie mit 15 in deren gemeinsamen Nachbarschaft, vor laufender Kamera rappte, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Inzwischen haben über 67.000 Menschen besagtes Video gesehen.

Er ist sich inzwischen sicher, dass sie bald einer der krassesten weiblichen MCs sein wird (“I think she gon‘ be one of the biggest females in the music business…“). Auch wenn er damit nicht ganz Unrecht hat, ist die Erwähnung ihres Geschlechts hierbei vollkommen irrelevant, sie ist einer der krassesten MCs – weiblich hin oder her. Diese Meinung teilen auch Größen wie Solange und Lauryn Hill vollkommen zu Recht.

 

„Can’t we all empower? It’s time to realize it
They’ll never, ever take my power“

Aktuell sorgt Tierra Whack auf „My Power“ zusammen mit Beyoncé und den beiden südafrikanischen Künstlerinnen Moonchild Sanelly und Busiswa für den wohl energiereichsten Moment auf dem Soundtrack zum Remake von König der Löwen. Eigentlich sollte man denken, es sei Beyoncé, die hier mal wieder neue Maßstäbe setzt. Auf besagtem Song übernimmt jedoch Whack diesen Part.

 


 

Tierra ist die Art von Künstlerin, die nicht „einfach nur“ Musik releast, sondern damit häufig ein gesamtes Kunstwerk, bestehend aus Song, Video und ihrem unverwechselbaren Styling und Auftreten entstehen lässt. So auch mit ihrem Debüt-Album „Whack World„. Wer das lediglich hört, verpasst einen Großteil des Spaßes, denn sie hat damit nicht nur akustisch ein neues Level freigeschaltet.

15 Tracks à eine Minute kommen mit einem Kurzfilm, der jeden der Songs szenisch festhält. Dabei wird sie in einer von ihr selbst erschaffenen Fantasiewelt schlicht und ergreifend selbst zur Kunst. Wer aufmerksam genug zuschaut, kann das Album irgendwann gar nicht mehr hören, ohne bei jedem Song die dazugehörenden Bilder im Kopf zu haben. Obwohl anfänglich alles so wild erscheint, ergibt es letzten Endes ein wahnsinnig klares Gesamtbild. Sie hat verstanden, wie man 2019 veröffentlicht und mit halben Strophen und knackigen Hooks so ziemlich alles rausgeholt, was geht. 

 

„Best believe I’m gon‘ sell 
If I just be myself.“ 

 


 

Für all diejenigen, die durch das Album vom 30. Mai vergangenen Jahres auf den Geschmack kamen, war häufig der einzige Kritikpunkt die Länge der Songs und der dadurch nicht ganz so lange andauernde Hörgenuss. Zwar hatte Tierra bereits Monate zuvor einige Tracks mit durchschnittlicher Gesamtlänge veröffentlicht, trotzdem bewies sie mit ihrem im Februar diesen Jahres ins Leben gerufenen Hashtag #WhackHistoryMonth und den darunter veröffentlichten fünf Tracks nochmals, dass sie liefern kann.

Unemployed“ ist einer der in diesen vier Wochen veröffentlichten Songs. Er kommt nicht nur mit wie gewohnt grandiosem Video, sie performte ihn auch vor einigen Wochen im Colors-Studio in Berlin. Eine der Zuschauerinnen schreibt „The way she articulates each word is unbelievable… for her to rap so fast and you can understand every single word is crazy. Her flow is so refreshing„. Es ist einfach kaum zu glauben, wie on point eine Person mit jeder ihrer Handlungen sein kann. Der gesamte Auftritt ist so straight, jede der minimalistischen Bewegungen findet im richtigen Augenblick statt, ihre Mimik variiert dabei dauerhaft zwischen hochkonzentriert und einem liebevollen Grinsen, während sie raptechnisch neue Dimensionen enstehen lässt. 

 

„He likes my diamonds and my pearls, I said, thank you I designed it. Not your average girl, He needed swag and I provide it.“

 

 

Für die Regie und Umsetzung aller ihrer Videos ist sie selbst mitverantwortlich. Visuell setzt sie sich keine Grenzen. Neben all den bunten Visualisierungen und überspitzten Szenarien ist Rap in seiner Ursprungsform immer noch einer der prägnantesten Teile ihres Auftretens. Vor allem wer ihr Schaffen auf Instagram verfolgt, bekommt hier immer wieder Freestyles in Form kurzer Videos geboten. Auch im Zuge der XXL Freshman Class 2019, zu der die 23-Jährige neben zehn anderen Rapper*innen dieses Jahr gehört, waren sich viele einig, dass Tierra beim Cyphern Kollegen wie Roddy Ricch und Comethazine ganz locker in den Schatten stellt. 

 

„When I was sick ain’t nobody go to CVS. They just wanna see me stressed, they don’t wanna see me blessed.“

 

 

 
 
 
 
 
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let’s all tag @willsmith #philly

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Es mag kitschig klingen, aber wer Bock hat, sich auf eine kleine Reise in ferne, bunte, verrückt erscheinende, aber dabei gehaltvoll bleibende Sphären zu begeben, sollte sich auf Tierra Whack einlassen und sich dabei auf die ein oder andere Überraschung gefasst machen. Sie ist eine der Künstlerinnen, die man nicht vergleichen kann, weil das, was veröffentlicht wird, in derartigen Kombinationen nie da war. Wer es schafft, in einer für jeden zugänglichen und dadurch oft überladen wirkenden Musikwelt, so fernab von allen anderen zu funktionieren, und dennoch nicht an Authentizität einzubüßen, wird vollkommen berechtigt als eine der Größten gehandelt. 

 

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