Yelawolf: „Heute macht jeder den gleichen Scheiß“

Am 27. Oktober erschien mit „Trial by Fire“ das zweite Major-Release von Yelawolf.  Eigentlich für Herbst 2015 angekündigt, verschob sich die Platte um gute zwei Jahre. Nach dem Horrorjahr 2016, in dem er seine Tour abbrechen musste und seinen guten Freund Shawty Fatt auf tragische Weise verlor, ist Yelawolf nun wieder in alter Frische zurück. Gegen neun Uhr morgens stand er mir per Telefon aus dem sonnigen Los Angeles Rede und Antwort. Normalerweise absolut keine Rapper-Uhrzeit. Der Biker aus Alabama wirkte jedoch topfit und sprach mit mir unter anderem über sein neues Album, seine Inspirationen und seine Einzigartigkeit als Crossover-Exot in der amerikanischen Hip-Hop-Szene.

Das erste Mal auf ihn aufmerksam wurde ich – wie die meisten – durch sein Mixtape „Trunk Muzik“ im Jahre 2010. Allen voran durch die Hitsingle „Pop the trunk“, die mittlerweile stolze 33 Millionen Klicks auf YouTube verbuchen kann. Als ich von ihm wissen wollte, ob er sich selbst auch als den Exoten wahrnimmt, für den ihn viele seiner Fans halten und ob er sich deshalb manchmal sogar fehl am Platz fühle, erinnerte sich Yelawolf zurück an eben genau diese Zeit:

„Als ich mit „Trunk Muzik“ an den Start kam – komplett volltätowiert – da gab es niemanden aus Alabama. Es gab niemanden, der ein ähnliches Image hatte, mit dem man mich hätte vergleichen können. Also habe ich angefangen, immer mehr mein eigenes Ding zu machen. Etwas, das man auch nicht so leicht nachmachen kann. Ich wuchs auf in der HipHop-Ära, in der es das Wichtigste war, deinen eigenen Style zu haben und Biting noch als Todsünde galt. Heute macht ja jeder den gleichen Scheiß und niemand stört sich daran. Wenn etwas in Mode kommt, machen es alle und sind cool damit. Das ist viel eher das, was mich so eigen macht. Die Stiefel und der Hut…das sind bloß Indizien darauf, wie ich aufgewachsen bin. Ich kann auch mit Beani und Vans rumlaufen und bin immer noch der Gleiche. Es geht nicht um die Klamotten. Auch wenn ich finde, dass dein Style und wie du dich anziehst, dabei helfen, dich als Artist zu präsentieren. Aber ja, wenn wir auf Festivals sind fühl ich mich als Außenseiter, aber das war schon immer so. Ich hab noch nie irgendwo richtig reingepasst. Heute wirkt das nur noch krasser, weil die Szene so gleich ist. Ich bin in einer ganz anderen Welt.“

Doch wie kommt es überhaupt, dass sich ein Countryboy aus Alabama so sehr in Hip-Hop verliert, wie Yelawolf das tat?

„Meine erste Berührung mit Hip-Hop war so mit sieben oder acht. Aber mich wirklich dazu verbunden gefühlt und verstanden hab ich es mit 13, 14.  Ich konnte mich einfach mit den Inhalten identifizieren. Ich habe die Typen verstanden und den „Blues“ von Hip-Hop.“

Heute thematisiert Catfish Billy ähnliche Probleme in seiner Musik. Dabei verlässt er sich stets auf sein Bauchgefühl und versucht dabei vor allem sich selbst und seiner Person gerecht zu werden.

„Die Stimmung und die Inhalte bestimmst du. Wer sich damit identifizieren kann, steht in den Sternen. Ich selbst fühle mich immer mehr zu den dunkleren, düsteren Sachen hingezogen. Ich mag dieses Außenseiterding. Und in der Regel kommen genau dieses Sache auch bei meinen Fans am besten an. Ich hatte noch nie einen positiven Hit (lacht). Aber das ist auch nicht schlimm. Es geht darum, was einem steht. Du willst von Metallica nicht hören, dass sie dir ein Liebeslied singen. Aber du willst, dass Prince dir ein Liebeslied singt. Es geht immer darum, was der Künstler transportieren kann.“

Bis zum neuen Album befand sich das Shady-Signing 2015 mit seinem Major-Debüt „Love Story“ auf dem bisherigen Zenit seiner Karriere. Mit Eminem als executive producer an der Seite und dem riesigen Erfolg der Singe „Till it’s gone“ katapultiere sich Yelawolf auf den dritten Platz der US-Albumcharts. Der Song lief beispielsweise auch als Coverversion in der berühmten Bikerserie „Sons of Anarchy“. Beim aktuellen Album hingegen hat er fast alles alleine produziert. Ich wollte wissen, wieso ihm das so wichtig war. War die Arbeit mit seinem Labelkollegen einfach zu kompliziert? Schließlich ist Eminem von Kopf bis Fuß Hip-Hop, doch Yelawolfs Sound so viel mehr als das.

„Nein, als executive producer baust du ja auch nicht unbedingt Beats. Es bedeutet eher, dass du den ganzen künstlerischen Prozess betreust. Auf „Love Story“ haben wir für ein paar Songs wie zB „Best Friend“ zusammengearbeitet. Auf dem neuen Album habe ich jeden Song produziert. Von vorne bis hinten. Und habe den Part des executive producers selbst übernommen. Ich habe gelernt, wie das geht und denke, Marshall ist stolz darauf. Wir haben nicht nicht miteinander gearbeitet, weil ich das nicht wollte oder es schwierig war. Ich wollte mich davon frei machen und es ganz alleine schaffen. Ich hatte etwas zu beweisen als Produzent, weißt du? Ein Majorlabel-Release selbst zu produzieren ist ein ganz anderes Level. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Mixtape oder so.“

In seiner Musik vereint der Junge aus Alabama vor allem Country mit Rap. Zum Beispiel findet sich auf „Trial by Fire“  mit „Get Mine“ ein Song mit Kid Rock als Featuregast. Auf dem gleichen Song befinden sich DJ-Scratches in der Hook. Was hier wie ein wild zusammengewürfelter Unfug klingt, funktioniert auf der Platte problemlos und beschreibt äußerst treffend die Symbiose verschiedener Genres, die Yelawolf als Künstler auszeichnet.

„Da spielen eine Menge Inspirationen mit rein, aber das ist ein natürlicher Prozess. Das kam alles auf ganz natürliche Art und Weise zustande. Ich lass‘ es einfach flowen. Ich versuche nicht irgendetwas spezielles zu formen, ich lass es einfach passieren. Countrymusik gehört einfach zu meiner Welt, genau so wie Rock oder HipHop. Das mische ich dann einfach zusammen.“

Weiter ausführend erklärte er mir, dass Rap in anderen Genres viel präsenter sei, als es auf den ersten Blick scheint:

Johnny Cash hat auch viele seiner Texte als Rap-Verses geschrieben. Der benutzt sogar Doubletime. Sehr viel Rap ist versteckt hinter der Produktion. Wenn du danach suchst, hörst du sehr viele Leute rappen. Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers ist einer der besten Rapper aller Zeiten. Aber er macht dennoch keinen Hip-Hop, weil die Produktionen nicht Hip-Hop sind.“

Zu guter Letzt fragte ich Yelawolf nach seinem Publikum. In Deutschland ist es ja oft so, dass Künstler wie Casper oder Marteria, die zwar rappen, aber insgesamt einen genreübergreifenden Sound machen, viele Leute ansprechen, die sonst nichts mit Rapmusik anfangen können. Eine ähnlich gemischte Menge nimmt Yelawolf auch bei seinem Publikum wahr, hält aber an seinem Status als MC fest.

„Meine Fans sind sehr gemischt. Wenn du ein wirklicher Hip-Hop-Fan bist, dann verstehst du, was ich mache. Das ist auch der Grund, wieso ich schon mit einigen der besten MCs der Welt zusammengearbeitet habe. Ich bezahle Eminem, BigBoi, Three Six Mafia, Raekwon, UGK, uvm. nicht dafür, dass sie mit mir arbeiten. Diese Dinge entstehen, weil wir uns als Künstler schätzen. Und bei Fans ist es genau das Gleiche. Künstler sind genau so Fans wie „normale“ Fans. Bei mir findest du schwarze Jungs aus den Projects mit Goldzähnen im Mund. Genau so findest du aber auch Cowboytypen. Mein Publikum ist sehr vielseitig. Das ist oft das Erste, was den Leuten auffällt. Du hast einen Asap Rocky-Fan und einen Johnny Cash-Fan – ein 16-Jähriger Typ, der Trapmusik hört und ein 50-Jähriger Biker, der Lynyrd Skynyrd hört. Aber alle finden sie einen gemeinsamen Nenner, wenn es darum geht, warum sie auf meine Show kommen und meine Musik mögen.“

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