Y’akoto: „Das Wort ‚Zicke‘ ist super sexistisch.“

Y'akoto

Mit „Mermaid Blues“ veröffentlichte Y’akoto letzte Woche ihr drittes Album. Darauf mischt die in Hamburg geborene und in Ghana aufgewachsene Künstlerin ihre vielfältigen Einflüsse von Folk, über Soul bis hin zum Jazz. Den Spagat zwischen diesen Einflüssen und das Texten auf Englisch macht sie mit einer Virtuosität und einer Leichtfüßigkeit, die für Künstler ihres Alters alles andere als selbstverständlich ist. Das erkannten auch schon viele namhafte Künstler, wie Max Herre, der als Teil des Produzenten-Trios Kahedi, für die Produktion ihrer ersten beiden Alben zuständig war. Auf der Bühne unterstützte sie bereits 2011 Erykah Badu und später Joy Denalane. Wir trafen uns mit ihr, um über ihre Einflüsse, ihre Nachricht an aufstrebende Künstler und ihre Zusammenarbeit mit Samy Deluxe zu reden.
 

Y'akoto

Credit: Julia Kiecksee

 
Lass uns über deine letzten Tweets reden. Du hast einen Artikel über das Comeback der Vinyl-Platten retweetet. Auch dein neues Album „Mermaid Blues“ wird es auf Vinyl geben.

Y’akoto: Jedes Album gibt es bis jetzt auf Vinyl. Vinyl steht für Zeitlosigkeit. Das ist eigentlich das, was mich immer inspiriert hat. Ich mag zeitlose Dinge, wie das schwarze Kleid. Das wird immer in Mode sein und Aktualität haben. Genau so wie die Vinyl-Platte auch.

Du hast getweetet „Für seinen eigenen Scheiß zu 100 Prozent verantwortlich sein.“ und „This album didn’t happen, because I followed my heart, it happened because I kept it real, said No a lot, and didn’t care about disapproval.“. Das hört sich so an, als wäre das nicht immer so gewesen.

Y’akoto: Endlich ist mal jemand auf meinem Twitter-Account. Ich denke immer: „Ey, alle interessieren sich für Trumps Tweets, niemand für meine.“. Also ich glaube, eine persönliche und künstlerische Entwicklung geht nicht von alleine. Bei mir äußert sich das ganz gut in diesen Etappen, also in diesen Alben von „Babyblues“ über „Moody Blues“ zu „Mermaid Blues„. Als ich jünger war, war ich vielleicht selbstbewusst, also meiner Selbst bewusst. Das war ich schon so ab 20, aber ich weiß nicht, ob ich selbstsicher war. Da gibt es einen Unterschied. Wenn du dir selbst sicher, also deiner Selbst und deiner Arbeit sicher bist, traust du dich auch diese zu determinieren und in bestimmte Wege zu leiten. Heutzutage wird einem oft vorgegaukelt, man müsse immer lieb lächeln und „Ja“ sagen. Es gibt solche „Sag ja zum Leben“-Seminare und ich habe für mich eigentlich die Gegenthese aufgestellt. „Ja“ sagen ist vielleicht gut, aber „Nein“ sagen ist genauso wichtig, um zu wissen, was man will und was nicht. Und auch keine Angst zu haben, dass man als Frau dann als zickig gilt, weil Durchsetzungskraft und Willenskraft nicht gleich Zickigkeit ist. Das Wort „Zicke“ ist super sexistisch. Ich finde das einfach frech, dass es immer gleich auf Frauen angewandt wird. Ich will Frauen und junge Mädchen, dazu auffordern, dass uns das egal ist. Am Ende müssen wir für die Sache gerade stehen. Besonders im Songwriting-Business, oder auch im Hip-Hop, wo Mädels selbst schreiben und hands-on mit ihrem Produkt sind.

Um direkt im Hip-Hop zu bleiben, du hast in deiner musikalischen Findungsphase viele Musikrichtungen ausprobiert. Hast du auch Erfahrungen mit Hip-Hop gesammelt?

Y’akoto: Ich hatte diese Phase, in der ich dachte, ich kann rappen. Da hab ich Lauryn Hill Platten gehört und war so auf „Ja krass, mach ich auch“. Das ist dann völlig ausgeartet in Spoken Word. Man sagt auch, Spoken Word sei für Leute, die nicht rappen können. Ich liebe das Spoken Word. Ich habe verschiedene Künstler gehört, und war auf dem „Mach ich jetzt auch“-Trip. Ich glaube, wenn man jung ist, kanalisiert man alles was toll ist und will das auch machen. Aber ich finde, dazu sind die Teenager-Zeit und die Mittzwanziger Jahre auch einfach da.

Deine Musik heute ist ausschließlich in der englischen Sprache. Hast du dann auch auf Englisch „gerappt“?

Y’akoto: Immer auf Englisch. Ich hab einfach eine große Affinität zur englischen Sprache. Mein Vater ist der Mensch, der mir, was Musik betrifft, am wichtigsten ist und am nächsten steht, weil er auch Musiker ist. Dadurch, dass ich bilingual aufgewachsen bin, habe ich eigentlich nur auf Englisch gelernt, wie ich mich mit Sprache, auch schriftlich, ausdrücke. Ich habe Deutsch zu lesen und schreiben relativ spät gelernt. Deshalb war es für mich immer logisch, Poesie und Writing, auf Englisch zu machen, oder auch meine Bücher zu lesen.
 

 
Dein Vater ist auch Musiker?

Y’akoto: Mein Vater war in Ghana bekannt und das zu einer Zeit, in der es Social Media, Youtube und Internet noch nicht gab. Er hat so eine Art Fusion aus Afro Beat, Folk, traditioneller Musik und Jazz gemacht. Das hat mich sehr geprägt. Er war auch ein Rebell. Alle haben gesagt: „Mach doch religiöse Musik, um mehr Platten zu verkaufen“, aber er hatte mehr Lust Musik zu machen, die für die Menschen ist. Sehr revolutionär war damals, dass er nicht auf Englisch, sondern in der „offiziellen Sprache“ Twi (Anm. d. Red.: Eine der Amtssprachen Ghanas) gesungen hat. Das war damals ganz schön revolutionär und deshalb war er beim Volk sehr beliebt.

Also war er eine Berühmtheit?

Y’akoto: Ja, ich war auch total eifersüchtig. Wenn ich vielleicht einmal die Woche mit meinem Papa Fußball spielen konnte, wenn er nicht auf Tour war,  musste ich ihn mit 500 anderen Leuten am Strand in Tema (Anm. d. Red.: Stadt an der Westküste Ghanas) teilen. Weil die Leute ihn erkannten. Er hatte eine auffällige Frisur und auch so bunte Häkelmützen. Mein Vater hatte richtig Style. Er hatte ein Plattencover als Mütze. Bei einem Plattencover ist ja innen eine Farbe und außen ist es schwarz. Meine Mutter hatte ihm so eine Mütze gehäkelt, die innen rot und außen schwarz war. Dann meinte mein Vater „Ja cool, das wird jetzt mein Markenzeichen“. Meine Mutter hat ihm die immer gehäkelt.

Du hast viele deiner früheren Outfits selbst designt, hast du dir das von deiner Mutter abgeschaut?

Y’akoto: Nein. Das habe ich gemacht, als ich noch ein armer Künstler war. Ich hatte einfach nicht die Mittel mir Haute Couture oder teure Klamotten zu kaufen und etwas von der Stange wollte ich auch nicht, weil das meinem persönlichen künstlerischen Ausdruck nicht entsprach. Deshalb haben wir viele Sachen selbst gemacht und sind in Second-Hand-Shops gegangen. Jetzt, für das dritte Album, hab ich sehr viel mit Designern kooperiert, die auch in der Diaspora leben. Ich habe viel mit Yemzi gearbeitet, die in London lebt und arbeitet. Sie macht ganz coole Sachen. Ich liebe die Frau. Sie gehört für mich auch zu diesen revolutionären Designern, die sich in keine Nische pressen lassen, nur weil sie schwarz sind. Diese Designer leben in den Metropolen und sind auch Mainstream in ihrer Andersartigkeit. Das ist das, was ich faszinierend finde. Auch deshalb habe ich mich dafür entschieden Kollaborationen mit Designern zu machen.

 

 

Um wieder auf die Musik zurückzukommen: Bei deinen letzten Alben haben Kahedi mitproduziert, warum auf „Mermaid Blues„nicht?

Y’akoto: Sie hatten keine Zeit. Wir haben gefragt, aber entweder hatten sie keinen Bock, oder keine Zeit. Ich glaube einfach, Produktion ist aufwendig. Du musst richtig Zeit dafür haben. Ich freue mich unfassbar auf das neue Album von Joy Denalane. Kahedi haben da auch mitproduziert und Joy ist mein Über-Idol, genauso wie Max Herre auch. Was heißt Über-Idol, aber das sind einfach Leute, die den Weg geebnet haben. Joy hat hier in Deutschland den Weg für Leute wie mich geebnet. Kahedi sind einfach revolutionär. Auch was sie damals mit „Babyblues“ gemacht haben. Das Album habe ich mit Kahedi gestartet. Sie haben mit mir zusammen den Sound kreiert. I respect those dudes like sh*t. Vorallem, wenn du dir deren Karriere anguckst, wie lange diese schon anhält und wie sie Max immer wieder neu erfinden. Das gleiche gilt für Joy. Ich feiere einfach jedes Album von ihr.

Du wirst oft als die Nachfolgerin von Joy Denalane gehandelt. Warum gibt es kein Feature von euch Beiden?

Y’akoto: Ja warum gibt es Feature, Joy? Da werden aber auch Sachen ausgelassen. Wie zum Beispiel, dass wir eine Tour zusammen gespielt haben. Ich finde, das kann man gleichstellen mit einem Feature. Das mit der Nachfolge ist ja nicht, was Joy und ich sagen. Das sagen die Medien. Für mich ist Joy einfach ein Idol. Ich kann nicht ihre Nachfolgerin sein, weil ich ganz anders bin als sie, und sie ganz anders als ich. Trotzdem haben wir gemeinsam, dass wir zwei schwarze Frauen in Deutschland sind, die Musik machen. Es ist einfach maßlos viel Respekt, den ich für sie habe.

Es gibt noch mehr Überschneidungen zwischen dir und der deutschen Hip-Hop-Szene. Du hast mit Samy Deluxe zusammengearbeitet.

Y’akoto: Ja, ich bin auf dem „Männlich“ Album auf dem Song „Blablabla“ und auf „Sprech wie ich sprech“ (Anm. d. Red.: Von dem Album „Dis wo ich herkomm„). Das war das Ding. Das eine war „Sprech wie ich sprech“ und das andere „Blablabla“. Das war der Gag.

Wie ist die Zusammenarbeit überhaupt entstanden?

Y’akoto: Nach wie vor finde ich, dass es keinen cooleren und derberen Rapper, als Samy gibt. Von den alten, bis zu den neuen Sachen. Finde mal so einen Wortakrobaten und jemanden, der dich so subtil wegdissen kann und dabei auch noch so gut Klasse bewahren kann. Er kann mit den Legenden mithalten. Hamburger Legendenstatus eben. Das ist alles was ich dazu zu sagen habe. Er ist verdammt talentiert und jemand mit unfassbar viel Humor. Deswegen hat es dann auch geklickt. Ich sollte eine Hook singen und er meinte: „Du musst einfach nur ‚Blablabla‘ sagen.“  Ich sagte darauf: „Ja, was geht? Kein Problem. Fertig“. Samy ist ein Mensch, der dadurch inspirierend ist, dass er einfach einen F*ck auf Hater gibt. Das ist, glaube ich, als Künstler einfach ein Attribut. Da muss man sich einfach selber in den Arsch treten und sagen: „Get over your fucking self. Mach einfach was du machst und steh dahinter“.

 

Y’akotos neues Album „Mermaid Blues“ erschien am 31. März und kann hier bestellt werden.

 

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Aus Regensburg dem Ruf der Hamburger Rapper gefolgt und in die derbste Stadt der Welt gezogen.

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