Die, die da ist und versteht – Yael über Kunst und ihr Debütalbum „Story Of A Stranger“

Yael

Es ist knapp eineinhalb Jahre her, seitdem ich Yael das erste Mal gesehen habe. Sie und ihr Kollektiv Fifty-Fifty sind kurz davor, den Slot eines Hip-Hop-Abends in einem kleinen ostdeutschen Konzertschuppen zu füllen. Dass es der erste Auftritt der Truppe ist, erfuhr ich erst im Nachhinein: Die vier sind komplett durchgestylt, die Beats hochwertig produziert und die Hooks catchy. Außerdem mit dabei ist ein vermeintlich hochkarätiger Tourmanager, der dem Act durch seinen auffälligen Pelzmantel beinahe die Show stahl.

In eineinhalb Jahren ist bei Fifty Fifty viel passiert: vier Solo-EPs, zwei als Posse, eine Single auf der Juice-CD und ein Auftritt auf dem letzten Splash!-Festival. Yael ist nun kurz davor „Story Of A Stranger“ über das Berliner Label Urban Tree Music herauszubringen. So gut wie alle Mitglieder des Fifty Fifty Kollektivs haben bisher EPs veröffentlicht, Yaels Debütalbum markiert jedoch zeitgleich das Debütalbum ihrer Posse.

Zu diesem Anlass machen wir ein Telefonat aus. Unser letztes Treffen liegt knapp ein halbes Jahr zurück. Die Singles, die Yaels Namen auf die Karte der Geheimtipps setzten sind an dem Tag schon längst draußen. „KDDL“ (ausgeschrieben: Kauf dir deine Liebe) bekam einen Beat des Stammproduzenten der neuen Schule Asad John (Haiyti, LGoony, Juicy Gay, KDM Shey) und schlug mitsamt des szenekritischen Tons im vergangenen Jahr erste Wellen. „Moonrocks“ legte daraufhin noch eine Schippe drauf und ist heute kurz davor, sechsstellige Streamingzahlen zu verbuchen.

Mit dem Debütalbum ins Ernsthafte

Wenn sich durch die EPs und Singles derartige Zahlen erzeugen lassen, wieso dann heute ein Album? Die Frage hört Yael nicht zum ersten Mal: „Jeder, der mir jemals in der Musikindustrie begegnet ist meinte, ein Album braucht man nicht mehr. Ich könnte alle Songs in Singles aufteilen und nacheinander rausballern, da hätt‘ ich safe meine 50.000 Streams oder so. Braucht man heute noch ein Album? Ne nicht wirklich.“ Das Format des Album gebe ihr allerdings die Möglichkeit eine Auswahl zu treffen. Sich festzulegen. Nicht endlos rumzulaufen, wie sie sagt. „Ich habe jetzt ein bis zwei Jahre experimentiert und jetzt hab ich mich mit diesen Tracks hingesetzt und sage mir so: Okay, das ist was ich jetzt gerade kann, wo ich gut drin bin.

„Ich hab das Gefühl, dass ich mich auf der Platte lyrisch und musikalisch von den anderen Projekten weiterentwickelt habe, sodass ich das ein Album nenne.“

Story Of A Stranger„: Englischer Titel, größtenteils deutschsprachige Lyrics. Erst im letzten Drittel des Albums findet ein Switch statt und während es zuerst mit englischen Hooks anfängt, gehen auch die Parts vom Deutschen weg, selbst im letzten Featuretrack an Seite der deutschsprachigen Bars des Crew-Kollegen Peso. Den Fakt, dass das Album dadurch Gefahr laufen könnte, dass englische Hörer bei deutschen Lyrics abschalten und deutschsprachige Hörer durch den englischsprachigen Titel abgeschreckt werden können, findet sie „lustig.“ Sie betont, dass das Label ihr nie bei derartigen Entscheidungen reinredet und sie nicht zuletzt deshalb, trotz großer Ambitionen, wie das Füllen von Stadien, nicht vorhat zum Major zu schauen.

Der Titel „Story Of A Stranger“ greift die Chancen des Albumformats vorweg: Der rote Faden. Die Möglichkeit der Erzählung, die die stimmige Songauswahl eines Albums mit sich bringen kann, sieht Yael nicht als strikt definiert. Manchmal sei es auch nur die Ästhetik des Albums und der Videos, manchmal sei es der Sound, manchmal die Lyrics.

„Für mich geht es in dem Album wirklich um authentische Emotionen meinerseits und authentische Emotionen, die ich auch wecken möchte. Und die möchte ich nicht mit dem Beeinflussen, mit dem was ich da drum rum laber. Ich finde genau das ist an Alben schön, weil nicht alles so klar definiert ist, weißt du?“

Was jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, ist die visuelle Kohärenz des Albums. Die Singleartworks von „C’est La Vie„, „Narben“ und „Change“ sowie das schlussendliche Albumartwork stehen mit Anlehnen zu Paul Gauguin und Picasso in der Tradition der Malerei der Moderne. Blickt man auf den restlichen Songkatalog der Wahlberlinerin, so sticht der neue Look sichtbar heraus. Statt einer bunten Farbpalette oder effektbeladenen Edits kommen nun einheitliche, handgezeichnete Zeichnungen in schwarz auf weiß.

„Das Album hat irgendwie so ein bisschen schon einen ernsthaften oder erwachsenen Unterton. Zumindest im Vergleich zu den Projekten davor. Und das wollte ich rüberbringen und da dachte ich, es gibt keine coolere Art, als mit einer eigenständigen krassen Künstlerin zusammenzuarbeiten – Magdalena Paz. Kommt aus Südamerika. Ich hab ihr das Album einfach nur geschickt. Sie spricht kein Deutsch, hat den Vibe aber direkt gecheckt, wir mussten gar nicht viel reden. Hab‘ ich hier in Berlin kennengelernt und ist eine super krasse Künstlerin und Frau. Als Mensch krass einfach.“

yael

Chriskey und Yael bei der Arbeit (Foto: Phillip Nils)

Pop meets „Hip-Hop-Swag“

Der Kontakt zur Künstlerin kam übrigens genauso zufällig zustande, wie der Rest der Connections von Yael und Fifty Fifty. Die Kontaktperson zum Label Urban Tree Music hat das Kollektiv mit rheinland-pfälzischem Ursprung beim Feiern in Berlin kennengelernt. Auch eine weitere Schlüsselfigur des Albums lernten sie zufällig über ein Praktikum der Individuen in Berlin kennen, nämlich Studiostifter, Tourmanager und Produzent des Albums – den eingangs erwähnten Pelzmantelträger von 2018 –  Chriskey.

Als ich Yael auf Chriskeys Erscheinungsbild des Abends angesprochen habe, mussten wir beide lachen. Bei einem zweiten Aufeinandertreffen entpuppte sich der vermeintlich bierernste Major-Label-Manager mir als herzlicher, humorvoller aber vor allem fähiger Produzent, der an allen Ecken mit anpackt um das Kollektiv Fifty Fifty zu ermöglichen. „Er ist Tonmann, redet mit Leuten vor Ort, passt auf, dass wir pünktlich sind.“ Chriskey spielt Klavier seit dem Kindesalter und schmückt daher nicht nur die gefundenen Chords im Studio aus:

Mit dem hab ich das komplette Album gemacht. Wir haben uns im Studio einen Monat lang eingeschlossen und haben zusammen das ganze Album produziert. Er an den Keys, ich so ein bisschen an den Drums. Immer so im Wechsel. Er kommt eigentlich aus der Pop-Richtung. Dann hab ich halt so diesen Hip-Hop-Swag reingebracht und er macht die geilen Keys und Melodien und die Bassläufe.“

Aber nicht nur der Produzent ist zeitgleich Tonmann und Tourmanager, auch Fifty Fifty Rapper Peso hilft beim Mixing der letzten Red Bull Live-Sessions von „Story Of A Stranger“. Hier greift alles ineinander, jeder hilft, wo er kann. Genau wie auch die Bildkunst der Magdalena Paz in die Musik von Yael. Die Musikerin bewundert die Kunstwerkstatt von Samy Deluxe südlich von Hamburg. Ein Ort auf dem sich das Verschränken aller kreativen Ergüsse konzentriert.

Wenn man besonders affin zur Musik ist, dann finde ich ist man meistens auch irgendwie affin zu anderen Arten der Kunst, weil die einen emotional auch irgendwie ansprechen. Also so ist es bei mir. Es gibt nichts Schöneres als ins Theater zu gehen oder ins oder ein Konzert. Das hat alles irgendwie diese gleiche säubernde Wirkung: Ah du gehst rein, bist zwei Stunden beschäftigt. Du bist komplett mit deinen Sinnen da in der Intention des Künstlers, die du denkst zu verstehen. Bist voll drin und kannst dich nach drei Stunden wieder deinem anderen Scheiß widmen.“

Eine Schnittstelle von Musik und Schauspiel

Die Verschränkung der Künste findet sich auch in Yael selbst, die sich viele Jahre lang ebenso sehr der Schauspielerei gewidmet hat, wie der Musik. So fühlt man sich neben den relativ cleanen Rapparts des Titeltracks in der Hook wie an ein Jugendmusical erinnert – einer Schnittstelle der Bereiche Musik und Schauspiel. Yael lacht bei der Anmerkung: „Ja, Digga, ich hab immer irgendwelche weirden Musicals gemacht, safe. Musicals sind auch ein riesiger Einfluss. Diese Welt! Du sitzt und die haben so eine krasse Welt da auf der Bühne, mit Singen und Tanzen – perfekt für ein aufgedrehtes Kind.“

Diesen Geist sollen auch die kommenden Live-Shows atmen. Nachdem Yael und Fifty Fifty nun schon für den internationalen Hochkaräter Saba Tour-Support waren und ihren eigenen Slot auf dem Splash!-Festival hatten, gilt es nun mit dem eigenen Namen die ersten Venues zu füllen. Von dort aus soll es dann bis hin zu Stadien gehen und dann mit vollem Programm: Liveband, Backgroundsänger*Innen, Tänzer*Innen und mit aufwendiger Bühnenkulisse, wie die großen Musicalbühnen eben. 

yael

(Photo: Phillip Nils)

Yael will jemand sein, der da ist und versteht

Auf die Frage, wie sich Yael ausdrücken würde, wenn es die Musik nicht gäbe, hört man jedoch nicht Schauspielerei, oder Malerei, sondern „irgendwas Soziales“. Das geht von Gedanken zur Obdachlosenhilfe bis hin zum Support aufstrebender Musiker durch Workshops oder Konzeptionshilfe:

Viel hätte mit Musik zu tun. Ich würd so gern anderen Artists helfen. Ich find jeden Tag irgendeinen Artist und wüsste sofort, was ich machen müsste für den. Ästhetik, Album und Sound – das komplette Ding einfach. Das würde super gern machen irgendwann.“

Yaels Eindruck fügt sich zum Sauberfrau-Image: Neben anklagenden Lyrics, einer hohen Gewichtung auf Emotionalität kommt nun auch der Gemeinnützigkeitsgedanke dazu. Sie ist ein Vorzeigebeispiel nach außen hin dafür, dass Rap eben nicht grundsätzlich mit Kriminalität und Aggressivität einhergeht. Auch Yael arbeitete mit Vorbildern. Als einzige schwarze Person im Dorf waren Personen wie Beyoncé oder Rihanna aber auch die ehemalige Wissen Macht Ah! Moderatorin Shary Reeves bedeutend für ihre Identitätsfindung. Auf die Frage hin, ob sie auch als Vorbild fungieren möchte antwortet sie: „Ich möchte weniger ein Vorbild sein, als jemand, der da ist und versteht. Wo man sich einfach mit identifizieren kann: „Boah dieses Gefühl hat ich auch schonmal“. Da fühlt man sich schonmal besser, wenn man sich auch schlecht fühlt.“

Ich glaube das Problem ist, dass sich Leute Künstler als Vorbilder nehmen. Zum Beispiel Kanye West – ich hab Kanye West Musik gehört solange ich denken kann, aber ich war nie Kanye West-Fan. Und ich glaube diese Differenzierung fällt so vielen so schwer: Durch seine Musik hat er dir gesagt, was für ein krasses Arschloch er ist. Der Typ sagt schon die ganze Zeit, dass er so ist.“

Pop akzeptieren

Aber nicht nur das sollte sich ändern, auch die Akzeptanz der Rap-Szene zum Mainstream hin, um als vollwertige Kunstform wahrgenommen zu werden. Auf meine Frage, was ein Rapper tun muss um als Künstler angesehen zu werden antwortet Yael überspitzt: „Weiß sein und kein Rapper“. Sie lacht. Wir sprechen über Kendrick, der als Pullitzer-Preisträger einen wichtigen Schritt für die kulturelle Wertschätzung des Rapgenres geleistet hat: „Wird er gleich angesehen wie Bach? Nein, aber ist das Ansehen schon viel besser, wie Rap vor zehn Jahren? Auf jeden Fall. Der Weg ist noch lang. Jetzt ist die Aufmerksamkeit da, aber jetzt fehlt halt nur noch dieser Moment, wo wir auch das zulassen als Rap.“

Yael ist gegen die Sellout Argumentation: „Rap ist schon lange Pop“ – die Szene müsste das nur noch zulassen. Den Pop-Sound liefert „Story Of A Stranger” durch die gewohnt melodiösen Hooks gewiss, aber auch Boom-Bap-Passagen aus den Ursprüngen der Rapperin finden ihren Platz auf Yaels Debütalbum.

Das Telefonat endet mit einem Ausblick: Nach dem Release von “Story Of A Stranger” am 29. November, bringt Fifty Fifty noch einen Single-Release kurz vor Jahresende. Außerdem wird es von Yael neben einem Kollabo-Album mit Kollektiv-Kollegen Loop noch eine EP geben. Diese ist im kommenden Sommer geplant und wird zusammen mit den Songs aus „Story Of A Stranger“ die Venues beschallen. Idealerweise auf Konzertabenden unter Yaels Namen und mit eigens konzipierten Showelementen, um eine eigene Welt zu schaffen. Ganz wie im Musical. 

The following two tabs change content below.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.