Xatar „Baba aller Babas“ (Review)

xatar_baba_aller_babas_cover_50503Kaum ein Album ließ in den letzten Jahren so lange auf sich warten wie „Baba aller Babas“. Das ist Xatars 5-jähriger Wartezeit hinter schwedischen Gardinen geschuldet. Doch seit Anfang des Jahres befindet sich der Bira wieder auf freiem Fuß und hat seither fleißig auf die Promo-Trommel geklopft. Videos aus Dubai, eine Deluxe-Box mit 22-karätiger Kette und ein gänzlich vergoldeter Bira mit vergoldetem Zepter auf einem vergoldetem Thron, der mit vergoldeten 500er-Scheinen um sich wirft. Seit dem 1. Mai teilt der Baba aller Babas aus dem Bonner Bezirk Brüser Berg nun seine musikalische Beute mit den Supportern.

Das Album macht einen guten Gesamteindruck. In typischer Alles-oder-Nix-Manier treffen dreckige Boombap-Drums auf eine Synthese von 90er-Sounds beider amerikanischer Küsten. Hin und wieder brechen die Produzenten mit der Einheitlichkeit und mischen R&B-lastige („Mein Mantel“, „Gentleman feat. Teesy“) Songs und einen modernen Track („Dresscode feat. Olexesh“) hinzu. Die Singleauskopplungen sind ideal ausgewählt. „Original“ ist ein mitreißendes „Step-Foward“-Stück, „Iz da“ überzeugt mit eingängiger Hook, wobei „Iz da“ eine sprachliche Signatur ist, die sich in den Alltagsslang gut integrieren lässt. Und „Mein Mantel“ eignet sich als straßentaugliche Sommer-Single. Der Bira weiß, wie er die Leute auf sein Album heiß macht. Jedoch halten einige der verbleibenden 12 Songs auf „Baba aller Babas“ nicht das Niveau der Singles, da sie weniger ausschlaggebende Lines beinhalten und sich die Hooks weniger einprägen („AON Crü“, „Wirbel für Flous“). Allerdings finden sich Geheimfavoriten wie beispielsweise „Justizia feat. Kalim“. Thematisch setzen sich Xatar und Kalim mit der verfehlten Intention zur Resozialisierung des Gefängnisses auseinander („Ich versteh’ nicht, ihr sperrt uns in den Käfig und wenn wir rauskomm’ wünscht ihr, dass wir gezähmt sind? Im Knast fängt man doch erst an …“). Auf „Pääh feat. SSIO“ spielen sich Xatar und SSIO durch die Auflösung des klassischen „Du-Part, Ich-Part“-Schemas die gereimten Bälle zu. „Gute Nacht feat. Haftbefehl“ lädt den Feature-Gast dazu ein, wieder die alten Azzlack Stereotyp-Flows auszupacken.

Xatar setzt in puncto Signaturen und Wiedererkennungswert neue Maßstäbe. Die schier endlose Floskeldrescherei von „Iz Da“, „Mantel“ über „Bira“, „Baba“, „Sisha-Rapper“ und „Korrekt Schnucki“ birgt einen hohen Unterhaltungswert. Der Ohrwurmfaktor ist durch „Baba aller Babas“, „Original“, „Iz Da“ und „Mein Mantel“ so gut wie gewährleistet. Die Gedanken, die hinter dem Storytelling („Gute Nacht feat. Haftbefehl“, „Justizia“, „Meine große Liebe“) stehen, sind innovativ, doch hindern die zahlreichen Features des Albums den Alles-oder-Nix-CEO manchmal an der persönlichen Ausführung der Thematiken.

„Baba aller Babas“ lebt vor allem von der musikalischen Untermalung und von dem Hunger, den man Xatar nach 5 Jahren Knast anhört. Der Bira meldet sich eindrucksvoll zurück, auch wenn ein paar seiner Lines mehr Bedeutung in sich tragen und die Reime schärfer sein könnten.

In den zahlreichen Interviews, in denen Xatar den deutschen Hip-Hop-Journalisten Rede und Antwort steht, wird klar, mit welchem Ernst und welcher Leidenschaft er sein Label Alles oder Nix Records betreibt. Das schlägt sich vor allem in der Musikalität der Beats nieder. Kein deutsches Label weist eine derart hohe Kopfnicker-Garantie auf wie der Rap-Stall aus Bonn. Dennoch lässt die Lyrizität Xatars auf 52 Minuten Spielzeit des Öfteren zu wünschen übrig. Unter dem Strich bleibt der Eindruck eines hochwertig produzierten Entertainment-Langspielers, der aber SSIOs „BB.U.M.SS.E.N“ als Label-Prachtexemplar nicht ablösen kann.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.
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