Wyclef: „Und jetzt haben wir vor Flüchtlingen Angst?“

Zuletzt geisterte der Name „Wyclef Jean“ wieder ungewöhnlich häufig durch’s Netz. Young Thug veröffentlichte ein nach dem Haitianer benanntes Musikvideo, zu dessen Dreh er selbst nie auftauchte. Dem Regisseur war’s egal – das Video ging viral und lies Reddit-Feeds länger und länger werden. Wyclef veröffentlichte seit nunmehr sieben Jahren keine Platte mehr. Kein Wunder, dass er ein wenig in Vergessenheit geriet mag man hier denken. Wenn man sich jedoch darauf zurückbesinnt, für welche Hits er in den letzten 20 Jahren (mit)verantwortlich war, merkt man schnell: Clef ist omnipräsent. Eine ausgedehnte Autofahrt mit aufgedrehten Radio sollte den ein oder anderen Song hervorbringen, bei dem der dreifache Grammy-Gewinner seine Finger im Spiel hatte. So produzierte, schrieb und kollaborierte der ehemalige Präsidentschafts-Anwärter unter anderem mit Carlos Santana, Shakira, Aakon, Mick Jagger und Whitney Houston. Aber auch seine eigenen Hits wie „911“ oder „Gone Till November“ und nicht zuletzt The Fugees werden heute noch auf der ganzen Welt gespielt. Pünktlich zum 20 jährigen Jubiläum seines Albums „The Carnival“ erscheint im Sommer der mittlerweile zweite Nachfolger „Carnival III: Road to Clefication“. Um die Wartezeit zu verkürzen erschien Anfang diesen Monats die „J’Ouvert“ EP – benannt nach der Eröffnungsfeier des karibischen Karnevals. Wir haben mit Wyclef unter anderem über die momentane Situation in den USA, seinen Newcomer-Status bei den Kids und natürlich Musik gesprochen.

 

Wo bist du gerade?

Ich bin in New York und habe gerade zufällig Bill Clinton getroffen (lacht).

Wie geht’s ihm so?

Ihm geht’s gut. Wir haben ein wenig über Haiti gesprochen.

Ein nach dir benannter Song ist gerade viral gegangen ohne dass du auf dem ersten Blick involviert warst. Wie hast du die Reaktionen dazu wahrgenommen?

Ich war natürlich schon mit eingebunden. Allein dafür, dass er meinen Namen nutzen durfte, musste er mich nach meiner Erlaubnis fragen und ich war ja auch auf seinem Mixtape vertreten. Der Song “Wyclef Jean” ist eine Art Tribut an mich. Nachdem das alles aufgenommen war, haben wir uns an das “I Swear” Video gesetzt und danach hatten sie eine Idee, wie sie das Video zu dem “Wyclef” Song umsetzen wollten. Meiner Meinung nach war es eine brilliante Idee, dieses Video so zu machen und überhaupt ist es jetzt schon eines der cleversten Videos dieses Jahr (lacht). Man, das sind einfach meine kleinen Brüder. Es ist alles gut, sie haben mir einfach einen kleinen Tribut gezollt. Ich kann nichts dagegen machen – sie sorgen dafür, dass ich immer und immer wieder zurück ins Rampenlicht komme (lacht).

Ich glaube, dass viele Jugendliche – gerade hier in Deutschland – keine Ahnung mehr haben, wer du bist. Bist nun du selbst in der Verantwortung dich ihnen noch einmal vorzustellen oder müssen sie dich noch einmal für sich entdecken?

Young Thug wurde von vielen Leuten inspiriert und hat seinen Idolen Songs gewidmet. Er ist gerade 25, was bedeutet, dass die Kids immer noch mit unserer Musik in Berührung kommen. Wir haben also immer noch einen Nutzen – das funktioniert hier in den Staaten immer noch gut. Die Kids finden die Musik und haben immer noch Idole. Wenn Jugendliche in Deutschland nun also Young Thug kennen, aber noch nie von Wyclef gehört haben, werden sie sich nach mir schlau machen und denken, ich bin ein Newcomer (lacht). Mir bringt das eine neue Lebendigkeit, einen zweiten Beginn und die Möglichkeit noch einmal durchzustarten.

Was würde der Wyclef von vor 20 Jahren über Autotune denken?

Wenn du durch meine Diskographie gehst, egal ob es nun “Sweetest Girl” oder was weiß ich ist – ich könnte viele weitere Songs aufzählen. Da haben wir Tuner genutzt, aber als Produzent nutze ich das ganz anders. Jeder benutzt Autotune heutzutage als Prozessor und hat seine eigene Art und Weise damit zu arbeiten – das ist mir auch nicht fremd, aber als Producer verschaffe ich mir einen anderen Nutzen. Ich weiß zum Beispiel, dass ich in bestimmten Momenten Autotune im Hintergrund haben möchte. Autotune an sich ist natürlich nicht die übertünchende Stimme bei mir (lacht). Es ist ja eine Software und ich war von Kind an sehr vertraut mir Elektronik. Sei es ein Keyboard oder ein anderes elektronisches Instrument – ich benutze es nicht auf die herkömmliche Art und Weise. Nimm zum Beispiel einen Song wie “Hendrix” oder “The Ring”, das gerade herauskam. Die sind einfach anders produziert.

In einem anderen Interview hast du gesagt, dass viele Rapper aus den Neunzigern den Fehler machen und versuchen wie jüngere Künstler zu klingen. Ist das Erfolgsgeheimnis dann zwar einen modernen, aber angebrachten Sound wie Acoustic Trap zu entwickeln?

Nein, ich denke, dass es egal ist ob man einen Song auf einer Gitarre oder auf einem Piano spielt, wenn man ein guter Songwriter ist. Es geht nur um den Song. Alle paar Jahre ändert sich das Klangbild, aber trotzdem nutzt man immer die gleichen Muster – egal ob man nun einen Drake oder mich nimmt. Für mich zählt am Ende des Tages nur ob man einen Song schreiben kann oder nicht. Wenn sich Kids meine Erfolge ansehen und merken, dass ich mit Shakira, Aakon oder Lil’ Wayne zusammengearbeitet habe, dann wissen sie aber noch lange nicht, dass ich diese Songs auch geschrieben habe. Ich bin also nicht nur Teil der Musik, sondern ihr Herausgeber! Das bedeutet, dass ich eine Marke bin, die immer und immer wieder an den Start kommen und sich durch die Musik neu erfinden kann. Wenn ich also mit Leuten wie Thugger, die mich lieben, zusammenarbeite, kann ich einer komplett neuen Generation vorgestellt werden.

Du veröffentlichst eine neue EP und im Sommer folgt direkt ein neues Album. Beeinflussen dich die Reaktionen auf die EP für die Arbeit am Album?

Ja, auf jeden Fall. Mit der EP kann ich schauen, was den Leuten gefällt und welche Energie dadurch freigesetzt wird. Wir haben schon ungefähr ein Hundert Songs für “The Carnival III” aufgenommen und werden daraus dann die wahrscheinlich besten 13, 14 Songs auswählen. Das Gute an der EP sind zwei wesentliche Dinge: Die Oldschool-Wyclef Fans, die auf “Hips don’t lie” und Carribean Tunes stehen, und auch die Brooklyn- und Jersey-Boys kommen auf ihre Kosten. Und für die 20-25 Jährigen ist das eine komplett neue Scheibe. Die wissen nichts über Wyclef! Wenn sie diese EP hören, stelle ich mich ihnen also vor. Wenn sie die EP gehört haben, haben auch meine alten Songs die Chance nachzuwachsen, weil sie mehr über mich wissen wollen.

Du bist ein haitianischer Immigrant und ein perfektes Beispiel für den amerikanischen Traum. Wie hast du die Umsetzung von Trumps angedrohten Einreiseverbot wahrgenommen?

Yeah, die wirklichen Probleme für mich persönlich sind natürlich die Immigrationsprobleme. Ich bin ja bekannt geworden durch The Fugees, was sich aus dem Wort Refugee ableitet. Ich habe Familienmitglieder, die versuchten einer Diktatur zu entfliehen. Einige von ihnen landeten damals in Kuba und versuchten von dort nach Miami zu kommen. Uns wird heutzutage so viel Angst gemacht. Jede Nachricht, die über die Medien verbreitet wird, vermittelt Angst. Und jetzt haben wir vor Flüchtlingen Angst (lacht)? Flüchtlinge sind Menschen, die auf der Suche nach einem sicheren Platz sind und ihre Länder verlassen um nicht getötet zu werden! Am Ende des Tages sind Dinge, wie sie vor ein paar Tagen am Kennedy Airport passierten, einfach nicht gesetzesgemäß. Das ist einfach Bullshit (Anm. d. Verf.: Am Kennedy Airport in New York wurden zwei Iraker an ihrer Einreise in die USA gehindert. Grund dafür war der Erlass des Einreiseverbots durch Donald Trump)!

Ist es heutzutage schwer nachzuvollziehen, was wahr ist und was nicht? In Deutschland haben viele Menschen ihren Glauben in die Medien verloren, da sie denken, dass sie belogen werden.

„We need to go back to the truth
only love can take us back“

Wyclef – Life Matters

Letztendlich suchen Menschen nur nach der Wahrheit, oder? Mit dem Internet hat man zwar Zugang zu vielen Informationen, muss die Entscheidungen aber immer noch selber fällen. Ich denke, dass eine Menge Leute ihren Glauben an die Medien verlieren, weil sie mit Informationen überhäuft werden. Früher hatten wir gar nicht erst die Möglichkeit so schnell so viel Informationen abzurufen. Es ist schwer geworden Leute zu verarschen. Wir können Nachrichtensprecher direkt überführen, wenn sie lügen und sie können dadurch ihre Jobs verlieren (lacht). Ich denke, dass es dennoch eine gute Balance gibt. Am Ende des Tages glaube ich an die Medien. Wir haben doch Medien, die die Wahrheit berichten, oder? Wir müssen zurück zur Wahrheit! Und die Wahrheit ist, dass wir – in Hinsicht darauf wie wir miteinander umgehen – es wie Nelson Mandela machen müssen. Als er damals aus dem Gefängnis kam, hat er Treffen zwischen den Anhängern des Appartheitssystems und ihren Opfern organisiert. Sie standen sich gegenüber sie hatten einen Dialog! Ein Gespräch der Wahrheit! So etwas muss passieren.

Ich weiß, dass du diese Frage schon eine Millionen mal gehört hast, aber ich kann sie mir nicht verkneifen: Was steht einem Fugees-Comeback im Wege?

Du weißt, dass ich diese Idee immer unterstützt habe und ich hoffe immer noch sehr darauf, aber wenn wir ein Comeback starten, dann müssen wir mit 100 Prozent dahinterstehen. Wyclef sagt Ja, aber wir müssen Wege finden um Lauryn und Pras dazu bewegen auch “Ja” zu sagen und dabei zu sein. Aber ich möchte, dass die Fugees-Fans wissen, dass ich, Wyclef, mit 100 Prozent hinter den Fugees und einem Comeback stehe.

 

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