Wie war das noch mal? : Pierre Sonality (aus BACKSPIN MAG #116)

als die Mauer gefallen ist? Kannst du dich daran erinnern?

Ich war neun Jahre alt, als die Mauer fiel. Für meinen Bruder und mich war das eine spannende Sache. Vieles hat sich mit einem Mal geändert. Zum Beispiel mussten wir nicht mehr diese nervigen Fahnenappelle machen. Vor der Wende hatten wir samstags immer noch Schule und mussten zum Fahnenappell antreten. Da banden wir uns unsere Jungpionier-Halsbänder um, standen auf dem Schulhof und durch die Lautsprecher kamen Ansagen und die DDR-Hymne, um uns auf Kurs zu bringen. Das zum Beispiel fiel dann weg und wir konnten die „Turtles“ im TV schauen, nachdem unsere Blöcke mit Kabel-TV versorgt wurden. Auch waren aus Gründen der Staatssicherheit mit einem Mal einige Lehrer weg und neue, frische Lehrer kamen zu uns an die Schule. Und als wir kurz nach dem Mauerfall mit unserem Trabant über den Grenzübergang Marienborn bei Helmstedt gefahren sind, meinte unsere Mutter zu uns: Alles, was gleich durch die Fenster fliegt, müsst ihr in die Beutel packen. Und als wir dann über die Grenze waren, kam tatsächlich immens viel Schokolade, Spielzeug etc. durch die Fenster ins Auto geflogen. Da konnten wir uns unser Begrüßungsgeld sparen, so viele Geschenke haben wir bekommen.

An was kannst du dich außerdem erinnern?

Als ich älter wurde, habe ich auch die unschönen Dinge realisiert. Magdeburg war ja eine riesige Industriestadt für die Schwermetallindustrie. Nach der Wende aber waren all die Werke von Investoren aufgekauft und in die Pleite getrieben worden. So wurde ein großer Schlag von Arbeitern plötzlich arbeitslos. Bei fast all meinen Freunden in Magdeburg waren plötzlich Eltern und Großeltern ohne Arbeit. Und die fanden dann auch keine neuen Jobs mehr. So war Mitte der 90er sehr viel Not am Mann.

Hat dich das geprägt?

Da war alles dann ziemlich abgefuckt, gerade finanziell. Es gab wenig Lehrstellen, dazu Armut etc. So etwas kannten die Leute ja vorher nicht, weil es das während des Regimes nicht gab. Daher konnten die Eltern ihren Kindern auch nicht so richtig erklären, was da vor sich ging. Die wussten ja selber nicht, wie es weitergeht. Vor dem Weggehen hatten viele ebenfalls Angst. Würde man es schaffen? Alles war sehr ungewiss.

Und wann kam Hip-Hop in dein Leben?

Bei mir ging das erst so 1996/97 los. Aber dass das so kam, habe ich wahrscheinlich auch der Wende zu verdanken. Wobei: In der DDR gab es bereits eine Breakdance-Kultur, die nicht nur geduldet, sondern teilweise sogar gefördert wurde. Breakdance galt in der DDR ja als antiimperialistischer Tanz.

Vor der Wende hast du selbst also von Hip-Hop rein gar nichts mitbekommen?

Nein. Bei uns gab es damals Mofa-Gangs, die Electro-Musik gehört haben. Kontakt mit denen hatte ich aber keinen.

Du hast noch bis 2003 in Magdeburg gewohnt, bist dann zuerst nach Leipzig und 2011 schließlich nach Hamburg gezogen. Magdeburg ist aber dennoch das große Thema deiner neuen Trilogie. Die Bilder des Artworks sollen ja die Geschichte der DDR darstellen …

Genau, das hatte sich Pierre von Helden dabei gedacht. Lustigerweise heißt der auch Pierre und ist dieses Mal keine „Aka“-Erfindung von mir. Ein Kumpel zeigte mir im Netz seine Bilder und ich fand die interessant. Eines seiner Bilder hat mich gleich an „Peter im Park“, eines meiner Lieblingsbilder, erinnert. Das ist auch im Stil des sozialistischen Realismus. Diese Bilder erinnern mich an die, die bei uns im Kindergarten und in der Schule hingen. Das ist genau dieser Stil. Dass den heute jemand macht, fand ich cool. Daher lag es für mich nah, ihn zu fragen, ob wir für mein Album etwas zusammen machen können.

Was genau verbindest du denn mit den Bildern von Pierre von Helden, die nun auf deinen Covers zu sehen sind?

Bei dem Cover-Bild zu „Fundament“ ist es recht einfach, da siehst du Leute, die tatsächlich an einem Fundament arbeiten. Und für mich ist es ja auch das erste Album, oder die erste EP. Und diese Reise hin zu meinem musikalischen Horizont. Es geht darum, wo ich angefangen habe und was ich anfangs halt so geil fand. Diesen Sound, diese Ruppigkeit, dieses Da-wird-an-etwas-Gearbeitet – das ist mein Fundament. Das zweite Cover zeigt diesen großen Neubau-Block und ist ganz trivial erklärt: Das ist das Neubaugebiet Olvenstedt, wo ich herkomme. Das dritte Cover-Bild, auf dem ein Arbeiter mit einer Sichel in der Hand zu sehen ist, der aus dem Fenster schaut – mit dem will ich fragen: Was bringt mir der Morgen?

Behandelst du auf deiner „Magdeburg“-Trilogie denn vor allem ostdeutsche Themen?

Nein, auch wenn meine Mentalität selbstverständlich die „Dunkeldeutsche“ ist.

Warum ist es dir wichtig, diese ostdeutsche Mentalität hochzuhalten?

Es scheint ja ein Interesse zu geben, diese Zeit in gewisser Weise zu konservieren. Ich denke einfach, dass alles seine Berechtigung hat und eine absolute Notwendigkeit besteht, die Dinge zu konservieren. Wenn wir vergessen, was damals war, gehen uns nun mal sehr, sehr viele Sachen flöten – und das wäre schade. Wobei die Wertung dieser Dinge für mich absolut irrelevant ist, die liegt im Auge jedes einzelnen Betrachters. Aber ab und an mal drüber zu sprechen, das finde ich wichtig. Allerdings ist meine „Magdeburg“-Trilogie nicht als nostalgische Rundreise zu verstehen. Das soll sie nicht sein!

Sondern?

An meiner funky Lebenseinstellung, wenn ich das mal so sagen kann, kann man doch merken, dass es mir besser geht in diesem System. Mittlerweile haben wir alle beziehungsweise fast alle aus meiner Generation hier Fuß gefasst. In diesen 25 Jahren haben wir das gelernt. Wie gesagt: Eine sentimentale Verklärung ist das in jedem Fall nicht. Die war nie mein Ziel.

Was steckt stattdessen inhaltlich in deiner „Magdeburg“-Trilogie

Ich möchte rüberbringen, dass da ein gereifter Ex- Jugendlicher drinsteckt. Gut, geistig bin ich immer noch ein Jugendlicher, aber vor allem bin ich ein gereifter Musiker. Ich habe allmählich rausgefunden, was ich machen und wie weit ich gehen kann. Auf der Trilogie sind viele Sachen drauf, die ich vor fünf Jahren vielleicht schon so ähnlich gemacht hätte. Nur hätte ich mich da nicht getraut, die zu veröffentlichen. Heute kann ich das, weil ich bemerkt habe, dass das qualitativ gut genug ist und ich mich da nicht in irgendeine Richtung verbiege, in die keiner mitgehen kann.

Du hast eben von dir als gereiften Musiker gesprochen. In die Rolle bist du mit der Zeit reingewachsen?

Ich bin nun auf jeden Fall viel mehr Pierre als Marcus. Ich bin – und das soll nicht abgedroschen klingen – der Fulltime-Musiker, der ab und zu mal Pizza backen geht. Musik ist mein Job, und in den bin ich reingewachsen. Das hat mich inzwischen mehr eingenommen, als ich anfangs dachte. Und die „Magdeburg“-Trilogie ist das Beste, was ich je gemacht habe, das, womit ich am meisten zufrieden bin und von dem ich sage, dass ich das nicht besser hätte machen können.

Fotos: Jim Gramming
Interview: Niko Hüls, Lara Borchers

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