Wie war das noch mal: LL Cool J (aus der BACKSPIN MAG #112)

Wie war das noch mal, LL COOL J, als du “I need Love” die erste Rap- Schnulze veröffentlicht hast?

Hattest du keine Angst, von anderen Rappern und Kritikern als Weichei abgestempelt zu werden?

Jedes Mal, wenn du als Künstler etwas Neues versuchst, ist den Leuten das erst einmal nicht geheuer. Als ich „I Need Love“ gemacht habe, waren natürlich einige Kritiker empört, weil ich da völlig aus mir selbst heraus gesprochen habe. Ich hatte endlich etwas verstanden: Vorher eben „I played with many hearts“ und dann „I see I need love“. Mit dieser Attitüde habe ich im Rap ganz neuen Boden betreten und mit der Konvention gebrochen. Aber dafür sind Künstler doch da, um genau das zu machen.

Du warst 16 Jahre alt, als du den Song gemacht hast. Ein Teenager, der den Ladys-Lover und Frauenversteher gibt und das Ganze auf einem Song kundtut, kann man mindestens als mutig bezeichnen…

(muss lange lachen) Ich wurde von meiner Mutter und Großmutter erzogen. Sie beide sind sehr starke Frauen. Ich musste sehr früh Dinge verstehen, zum Beispiel, wie schlecht mein Großvater meine Großmutter behandelt hat. Das gleiche galt für meine Mum und ihre Beziehungen. Es sind wohl diese Beobachtungen, die das aus mir gemacht haben. Natürlich habe ich mit 16 noch nicht die Frauen verstanden – geschweige denn irgendetwas anderes (lacht laut). Den Namen habe ich mir aber ausgesucht, weil ich das irgendwann sein wollte. Ich habe mir dieses Label im Voraus auferlegt. Ich liebe es einfach, direkt von Herzen zu sprechen. Das kann ich nur mit Musik. Deswegen liebe ich sie ja auch so sehr, weil ich damit Menschen berühren kann. Die Menschen, deren Seele, meine Seele – da ist einfach eine Verbindung.

Kannst du dich noch an die lustigste bzw. fießeste Beleidigung erinnern, die du für „I Need Love“ kassiert hast?

Das waren so viele! Da habe ich den Überblick verloren (lacht). Natürlich haben die Leute den Song als zu soft, poppig und mich als Memme bezeichnet, aber im Nachhinein hat der Song Geschichte geschrieben. Da wurde wiederum versucht, mich in eine Schublade zu stecken. Solange das nicht glückt, bleibe ich schmunzelnd und er- haben zurück und freue mich.

Warum haben andere Rapper deiner Meinung nach oft Probleme, ihre sanfte Seite zu zeigen?

Das muss ich nicht auf Rapper beschränken, sondern auf alle Menschen. Man muss eben sehr selbstbewusst sein, wenn man riskiert, wie ein Vollidiot dazustehen, weil man sich ganz und gar öffnet. Die meisten Leute wollen eben nur sicher spielen.

Was können andere Rapper über Rap über Frauen noch von dir lernen?

Man muss voll und ganz aus seiner Seele sprechen und nicht berücksichtigen, wie andere dich dadurch beurteilen könnten. Das hört sich jetzt so dahin gesagt an, aber besser kann ich es nicht ausdrücken. Man muss es einfach tun.

Du hast mal gesagt, dass man wie du nur 30 Jahre Karriere machen kann, wenn man leidenschaftlich, entschlossen, unvorhersehbar und rücksichtslos ist. Warum ausgerechnet rücksichtslos?

„Rücksichtslos“ ist ein interessantes Wort. Die Menschen neigen dazu, es wörtlich zu nehmen und denken, es gäbe nur eine Anwendung. Es gibt aber viele, das muss man verinnerlichen. In diesem Zusammenhang habe ich das Wort selbstreferentiell gebraucht. Denn manchmal musste ich mit mir selbst rücksichtslos sein, um so lange als Künstler bestehen zu können. Jeder Mensch muss an bestimmten Weggabelungen sein Leben hinterfragen.

Mit deinem neuen Album willst und kannst du nicht mit jungen Rappern konkurrieren. Trotzdem hast du deine Karriere mal als 16-jähriger Junge bei Def Jam begonnen. Was unterscheidet den 16-jährigen LL Cool J von einem Rapper im gleichen Alter in der heutigen Zeit?

Es gibt da keine Unterschiede hinsichtlich der Reife. Ein Teenager ist ein Teenager – egal, ob im Jahr 1984 oder 2013. Heutzutage hat sich durch den technologischen Fortschritt einzig die Reichweite vergrößert. Bei mir persönlich geht es auch nicht um meine Vergangenheit oder Zukunft, sondern um meine Entwicklung. So ein Album wie „Authentic“ mit Eddie Van Halen, Bootsy Collins oder Earth, Wind & Fire konnte ich nur im Hier und Jetzt machen, weil mein Musikgeschmack damals noch nicht so breit gefächert war. Ich habe viel mehr in Schubladen gedacht, erst jetzt habe ich den Horizont für so etwas.

Du bist jetzt 45 Jahre alt. Kann man irgendwann zu alt für Rap werden?

Wenn du Rapper bist, dann bist du Rapper. Dem kannst du nicht entwachsen. Mit den Jahren muss man aber die eigene Perspektive hinterfragen: Baue dir als Künstler nie einen Käfig, sondern erweitere deine Sichtweise kontinuierlich. So bin ich zusammen mit meinen Fans erwachsen geworden. Wer mich früher mochte, mag mich heute auch noch.

Vom Titel deines neuen Albums abgesehen, wie definierst du deine Authentizität als Künstler und als Mensch?

Ich trenne da nicht zwischen Künstler und Mensch. Es geht grundsätzlich darum, wie und wohin die Seele scheint. Offen und ehrlich zu sich selbst sein, viele verschiedene Menschen berühren und nicht nach dem Stigma leben, das andere dir auferlegen wollen – das ist Authentizität für mich. Mit meinem neuen Album „Authentic“ habe ich genau das gemacht. Ich erreiche damit ein breites Spektrum Menschen, weil ich mit völlig verschiedenen Künstlern aus anderen Musikgenres und mit anderen Lebensstilen zusammengearbeitet habe. Mein Ziel ist es, nicht in einem Käfig zu leben und nur zu einer bestimmten Gruppe zu sprechen. Ich will das große Ganze.

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