Wie war das noch mal: Blumentopf (aus der BACKPSPIN MAG #110)

Schu: Wir sahen das damals so: Wir haben bei Four Music unterschrieben, wir haben jetzt einen Major-Deal, doch im Endeffekt machten wir weiter genau so naiv Musik wie vorher. Für uns war dieser Schritt in dem Moment gar nicht so relevant. Eigentlich wollten wir damals ein Album machen und es selbst rausbringen. Und dann kamen wir bei Four Music unter.

Wie war das für euch, 1997 bei dem Label der Fantastischen Vier zu unterschreiben?

Schu: Dazu kann ich eine Geschichte erzählen. Wir fuhren eines Abends mit dem Auto von einer Show nach Hause, da rief jemand von der Plattenfirma an und fragte uns, was wir glauben würden, wie viele Platten wir verkauft haben. Einer von uns meinte darauf: 500. Die anderen meinten: Was? So viele? Spinnst du? Am anderen Ende der Leitung haben die total gelacht. Wir hatten halt keine Ahnung vom Business. Ich weiß auch gar nicht mehr so genau, wie viele es tatsächlich waren. Mit Sicherheit waren wir nicht auf einmal Popstars geworden, aber trotzdem waren es 20 bis 30 Mal so viele wie wir gesagt haben. Das zeigt einfach, wie wir uns damals damit beschäftigt haben. Wir hatten kein Management und sind da irgendwie reingestolpert. Bewusst geworden ist uns das alles erst viel später. Das war ein richtiges Abenteuer.

War es für euch damals ein Diskussionspunkt, dass ihr ausgerechnet bei den Fantas unterschrieben habt? Deren Standing in der Szene war in den 90er Jahren ja nicht das einfachste…

Schu: Als Band haben wir da gar nicht so viel drüber diskutiert. Four Music war ohnehin das einzige Label, das uns etwas angeboten hat. Wir hatten ja auch überlegt, das selber zu machen, ergriffen dann aber die Chance. Direkt mit Smudo, der damals unser A&R war, hatten wir weniger zu tun, er hat uns auch nicht reingequatscht. So hatten wir uns auch nie Sorgen gemacht, die Sklaven der Fantas zu werden oder deren Stempel aufgedrückt zu bekommen. Wir wollten ja auch gar nicht in deren Richtung. Allerdings hatten auch wir eine Außenseiterrolle, wir waren nicht auf Jams, waren keine Breaker, keine Sprüher – so richtig Hip-Hop-Kultur durch und durch waren wir also nie. Wir haben uns einfach wohlgefühlt, bei einem Label zu unterschreiben, wo Musiker das Sagen haben. Auch wenn wir diese Horror-Bilder von Sellout im Kopf hatten, wussten wir, dass es ein Riesen-Vorteil war.

Wie liefen eigentlich die Verhandlungen? Gab es das klassische Essen mit dem A&R beim Nobel-Italiener?

Cajus: Nein, wir haben uns das billigste Mietauto und unseren Ford Fiesta genommen und düsten nach Stuttgart. Wir hatten uns auf einem Rastplatz außerhalb von Stuttgart verabredet. Wir waren zehn Minuten zu früh an dieser schimmeligen Raststätte, also nahm sich jeder ein Tablett und bestellte sich einmal Currywurst-Pommes. Zehn Minuten später kam Smudo rein und meinte „Super, dass ihr da seid. Aber warum holt ihr euch jetzt was zu essen? Ich wollte euch doch nur abholen!“ Und dann sind wir tatsächlich doch zum Edelitaliener nach Stuttgart. Am Tisch saß dann auch Fitz Braun, der die Rechnung übernommen hat. Alles war schön reserviert für uns. Wir waren natürlich so dumm und dachten echt, dass wir das Gespräch am Rastplatz führen würden.

Und ähnlich naiv habt ihr dann euren Vertrag und euren Vorschuss ausgehandelt?

Schu: Fitz selbst hat zu uns gesagt: „Nehmt euch einen Anwalt, denn ich ziehe euch über den Tisch!“ (lacht). Das war echt eine gute Geste. Denn wenn man gewollt hätte, hätte man uns auch am Rastplatz bei einer Bockwurst für 2000 Mark haben können. Da wären wir noch jubelnd nach Hause gefahren: „Das ja der Wahnsinn, komm, wir tanken voll!“ Ja und dann ist das so ins Rollen gekommen. Zudem hat Sepalot eigentlich von Anfang an diese ganzen Sachen so ein bisschen übernommen. Ich weiß gar nicht, wie das kam. Vielleicht, weil er der Älteste ist. Das war der mit der Brille, der in die Geschäftsbücher geschaut hat. Da du Vorschüsse ansprichst: Ich weiß nicht, ob es einem Management immer darum gehen sollte, etwas rauszuholen. Es geht doch ei- gentlich um das Miteinander mit einer Firma und dass man ehrlich zusammenarbeitet. Und da kommt dann auch mal einer, der auf den Tisch haut und sagt „So geht das nicht.“ Aber die Zeit, es ohne Management zu machen, war für uns als Band und den Sebastian als Menschen sehr wichtig. Der hat viel gelernt.

Und das Label hat keinerlei Einfluss auf euch nehmen wollen?

Schu: Hör dir unsere ersten Singles an und du weißt es. Smudo hat es bei „6 Meter 90“ einmal versucht. Er wollte einen Remix anfertigen lassen, der den Song etwas poppiger machen sollte. Und allein bei dem Wort Pop haben wir das abgelehnt – ohne überhaupt mal reingehört zu haben. Er hat es verzweifelt versucht, merkte aber irgendwann, dass es keinen Sinn hat. Danach hielt er uns bestimmt für Vollidioten. Aber er ließ uns unsere Souveränität. Insofern sind wir selbst daran Schuld, dass wir am Anfang da so ein bisschen unbegleitet waren. Viel sagen lassen haben wir uns wirklich nicht.

Nach 12 Jahren habt ihr Four Music dennoch verlassen und seid zur EMI gewechselt. Wie sieht euer Fazit zur Four- Zeit aus?

Cajus: Am Anfang war es super, dass wir sämtliche Freiheiten hatten, selbst bei der Single-Auswahl. Wahrscheinlich haben die sich gedacht, dass wir eh keine Single in dem Sinne haben. Für unsere Entwicklung war das super. Doch irgendwann ist diese Freiheit in Desinteresse umgeschlagen, zumindest war das unser Eindruck. Wir konnten machen was wir wollten – schön und gut – aber es interessierte sich auch keiner wirklich und lehnte sich für dich mal aus dem Fenster. Keiner hat ein finanzielles Risiko in Kauf genommen und gesagt „Komm, das versuchen wir!“ Ab „Gern geschehen“ und „Musikmaschine“ haben wir diese Bereitschaft ein bisschen vermisst. Die Freiheit, die anfangs also positiv war, hat sich dann umgekehrt und wir hätten uns ein bisschen mehr Unterstützung gewünscht.

Und deswegen seid ihr dann zur EMI? Oder haben die euch einfach das beste Angebot gemacht?

Cajus: Es war tatsächlich einfach das beste Angebot und Umfeld. Du machst die Dinge immer ein Stückweit ins Blaue hinein. Wir wussten nur, dass Samy schon lange da ist. Und wir wussten, dass sich ganz gut gekümmert wird.

Habt ihr da, nach euren Erfahrungen, auch gerne etwas von der Freiheit eingebüßt und besprecht nun mehr mit eurem A&R?

Schu: Bei unserem neuen Album fühlten wir uns hier an unsere Four-Zeit erinnert. Alle meinten nur: Ja, super! Aber vielleicht hatten die das Album auch gar nicht richtig angehört… (lacht). Nein, natürlich haben die das. Die LP ist einfach eine runde, gute Sache geworden. Die Single „Bin dann mal weg“ war so wie sie ist – und die haben das gehört und waren sofort einverstanden. Bei dem „Wir“- Album war das etwas anders, da hatten wir total viel Material. „So lala“ war eigentlich auch nur eine dumme Schnapsidee, eine Skizze im Studio. Und Götz, unser A&R, meinte dann so „Das macht ihr fertig!“ Das war eigentlich ein Scherz, aber er hatte da schon die Stärke des Songs erkannt. Am aktuellen Album wurde einfach mal gar nichts kritisiert. Das wurde uns so abgenommen.

Mit „Nieder mit der GbR“ bewegt ihr euch musikalisch wieder in den Gefilden der 90er-Jahre- Soundästhetik. Warum das?

Schu: Das war ein Gefühl. Bei „Musikmaschine“ haben wir sehr viel experimentiert, bei „Wir“ sind wir zum Sample-Sound zurück- gegangen, aber eher in die Rock-Richtung. Wir waren einfach begeistert davon, mal wieder Sample-basierte Musik zu machen und auch viel mit dreckigen, scheppernden Drum Loops. Das haben wir von „Wir“ also schon mitgenommen, nur auf „Nieder mit der GbR“ ist es souliger, ruhiger und nicht so hart wie auf „Wir“. Und dann sind wir im Endeffekt wieder auf das 90er-Ding zurückgefallen. Sepalot hat vor dem Texte-Schreiben viele Beats gemacht und wir sind immer auf ähnlichen Sachen hängengeblieben. Dabei ist dann diese eine Ästhetik rausgekommen. Es war also keine Idee, es hat sich einfach ergeben.

 

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