Wie war das noch mal, And. Ypsilon? (aus BACKSPIN #115)

als ihr „Jetzt geht’s ab“ aufgenommen habt? Die Platte gilt als erstes deutschsprachiges Rap-Album. Erinnerst du dich?

Na klar. Das Album war die erste Studioproduktion von Die Fantastischen Vier. Zuvor hatten wir alles mit zwei Tapedecks in meinem Kinderzimmer aufgenommen. Die Tapedecks stehen heute hier im Studio. Jedenfalls hatten wir mit denen sozusagen im Pingpong-Verfahren die frühen Fanta4- Produktionen gemacht. Im Studio hatten wir dann eine 24-Spur-Digital-Maschine, ein analoges Pult, Boxen, Effektgeräte und – vor allem – einen S1000- Sampler (Akai S1000, Anm. d. Red.). Der war damals so etwas wie der heilige Gral der Sampling- Technologie.

In welches Studio hattet ihr euch für die Albumproduktion eingemietet?

In das damalige Basement Studio von Klaus Scharff, unserem heutigen Live-Engineer. Bis zum „Lauschgift“-Album haben wir dort alle unsere Aufnahmen gemacht. Erst das „4:99“-Album ist dann wieder woanders entstanden, nämlich im Studio Y. Jedenfalls hatte mir Klaus Scharff damals sogar seinen S1000 ausgeliehen. Der Sampler hat- te seinerzeit einen Wert von 15.000 Mark. Als ich mit dem heimgegangen bin, dachte ich mir: Oha, ich habe hier ein Auto in der Hand. Ich hatte damals ja keine Kohle.

Aber für „Jetzt geht’s ab“ gab es schon einen Produktionsvorschuss, oder?

Das ja. Bevor es zur Produktion gekommen war, hatten wir unseren Manager Andreas „Bär“ Läsker getroffen. Der betrieb damals einen Import- Schallplattenladen und entwarf für uns dann einen Masterplan, den ich bis heute noch propagieren würde. Der sah vor, dass wir uns zunächst einen Verlagsvertrag sichern sollten. Mit dem Vorschuss sollten wir dann Demos in einem Studio aufnehmen und mit denen schließlich zu einer Plattenfirmma gehen, die uns dann einen Vertrag geben würde. Genau so lief es tatsächlich ab.

Wie viele Songs von „Jetzt geht’s ab“ hattet ihr damals auf deinen Tapedecks schon in Rohversionen aufgenommen?

Ungefähr zwei Drittel. Aber natürlich sind während der Produktion im Studio noch neue entstanden. Mit dem S1000 konnte man besser samplen als mit allem, was ich bis dahin hatte. Ich benutzte damals ein S10-Keyboard, mit dem man ungefähr vier Sekunden samplen konnte. Für Loops reichte das. Dazu hatte ich noch einen selbst gebauten Drumcomputer, die sogenannte Bronx-Box oder BBox. Die konnte 8-Bit-Sounds abspielen und me nen ersten Drumcomputer (Boss DR-110) triggern und war lange sozusagen unser Hauptinstrument. Die Sequenzersoftware dazu hatte ich auf einem VC 20, dann auf einem C610 und zuletzt auf einem C64 selbst geschrieben. In der letzten Ausbaustu- fe konnte dann auch der S10-Sampler über MIDI getriggert werden. Das war wirklich komfortabel. Ich trauere dem System bis heute nach. Es war wie maßgeschneidert für mich, sodass ich es sehr schnell bedienen konnte. Ich machte damit ein komplettes Beat-Programming in fünf Minuten.

In Deutschland Ende der 80er-, Anfang der 90er- Jahre Hip-Hop-Produktionen zu machen, muss ein ziemliches McGyver-Feeling gewesen sein …

Das waren Pionierzeiten. Man brauchte Unmengen an Geld, um sich professionelle Möglichkeiten leisten zu können.

Wer war alles in die Produktion involviert? Gab es jemanden, der euch half?

Das waren eigentlich nur wir vier. Michi hatte als DJ natürlich eine zentrale Rolle. Wenn es um Sample-Loops ging, hatten er und Smudo einen guten Riecher und wussten auch, was schon mal benutzt worden war. Schließlich kam es dabei ja auf die Originalität an. In diesem Zusammenhang das Wort „recyclen“ zu benutzen, finde ich übrigens nicht so passend. Ich sehe das eher als eine Art Überlieferung von altem Musikwissen. Wir haben dadurch zumindest eine Menge über Musik gelernt. Jedenfalls besorgten Michi und Smudo die Samples und ich habe dazu die Beats programmiert. Das war damals, zu der Kinderzimmer-Zeit, natürlich alles noch sehr einfach, aber es kamen einige recht geile Stücke dabei heraus.

Wie blickst du heute auf eure Arbeit in dem Studio? Haben euch die besseren Möglichkeiten merklich nach vorne gebracht?

Auch wenn dort viel hochwertiges Equipment stand, bedeutete das nicht automatisch, dass auf einmal alles geiler klang. Mein Schrott-Sampler klang für mich jedenfalls irgendwie rougher. Und auch das digitale Aufnehmen hat dem Sound nicht unbedingt weitergeholfen. Das hört man der Platte auch an. Das war alles wie ein Sprung ins kalte Wasser. Zumal ich das Album ja auch gemischt habe. Klaus hatte mich einfach machen lassen, was ich auch super fand. Er passte ledig- lich auf, dass ich keine grobe Scheiße baue. Nur die Vocals habe ich ihn mischen lassen, das über- stieg damals meine Fähigkeiten. Von Kompressoren ließ ich ebenfalls meine Finger, ich wusste damals nicht mal, was man damit macht.

Also habt ihr das professionelle Studio mit all seinen Möglichkeiten gar nicht voll ausnutzen können?

Ausgenutzt haben wir das schon. Wir wussten manche Dinge zu dem Zeitpunkt einfach nur noch nicht. Andere Dinge aber habe ich sehr schnell gelernt. Ich bin ohnehin Autodidakt. Wie man einen Drumcomputer baut, hatte ich mir einfach aus ein paar Elektronikzeitschriften zusammengelesen. Auch das Programmieren habe ich mir selber beigebracht.

Es gab auf „Jetzt geht’s ab“ auch einige Vocal- Cuts aus „Star Wars“. Einer von euch muss dem- nach die Hörspielplatten gehabt haben …

„Star Wars“ war für unsere Generation ein prägendes Film- und Hörspielerlebnis. Michi hat die Hörspielplatten gehabt, ich die Kassetten. Ich kannte das alles auswendig. Er genauso. Daswaren Momente, die wir witzig fanden und auch zitieren wollten.

Jemanden, der euch im Studio helfen konnte, hat es damals in Deutschland wahrscheinlich noch nicht geben, oder?

Richtig. Klaus Scharff, der gefühlt eher aus dem Punk-Rock-Lager kam, wusste auch nicht, was bei uns gefragt war. Ich genauso wenig. Jedoch habe ich schon damals schnell gelernt. Innerhalb eines Tages wusste ich, wie man den S1000 programmiert. Mit dem und Cubase haben wir damals viel gearbeitet.

Woher hast du zu dieser Zeit deinen Antrieb bekommen?

Ich hatte so etwas wie eine Mission: Ich wollte, dass die Leute aus meinem Kulturkreis diese geile Hip-Hop-Musik hören und verstehen. In meiner Klasse war ich damals der einzige, der Hip-Hop gehört hat. Wenn ich wem mal was vorspielte, bekam ich Sätze zu hören wie: „Wann kommt denn die Musik?“ Wenn man in den 80ern Rap hörte, war man irgendwie schon ganz schön weit draußen. Aber diese Pionierarbeit war schon immer mein Ding. Ich war ja auch nicht der klassische Instrument-Spieler. Mein MS-20 (Synthesizer von Korg, Anm. d. Red.) ist das einzige Gerät, das ich hatte, und das ich als mein Instrument bezeichnen würde. Den habe ich, seit ich zwölf bin. Zwei Jahre hatte ich damals dafür gespart. Elektronische Musik hat mich einfach magisch angezogen. Als Achtjähriger hörte ich bereits Kraftwerk. Das in der Musik hörbar zu machen, was vorher noch niemals gehört wurde, hat mich gereizt. Mit Computern war das übrigens ähnlich. Mit 14 habe ich mir meinen ersten Computer-Bausatz, einen Sinclair ZX81 mit 1 KB RAM gekauft. Ich wusste zwar nicht, was das ist, aber ich musste es ausprobieren. 

The following two tabs change content below.

Seiten: 1 2

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.