Wie „Maske“ Sidos Karriere ins Rollen brachte

R-561408-1370717120-36172Zwanzig Goldene und acht Platin-Schallplatten in drei Ländern, zwei Nummer 1-Alben allein in Deutschland und unlängst die erste Nummer 1-Single, die sich sieben Wochen auf der Pole Position der Charts, davon sechs Wochen in Folge, behaupten konnte – Zahlenspiele, welche die Karriere Sidos zusammenfassen. Doch macht man es sich zu einfach, den Berliner Rapper nur auf seinen kommerziellen Erfolg zu reduzieren. Denn Paul Würdigs Vita hat mehr zu bieten. Mit seinem Debütalbum „Maske“ hat der Rapper einen Meilenstein im deutschen Hip-Hop hinterlassen. Anlässlich des 35. Ehrentages des ehemaligen Maskenträgers, blickt BACKSPIN auf den Weg bis zum Solodebüt zurück und beleuchtet das Erstlingswerk Sidos, das für ihn ein Sprungbrett in die obere Liga darstellen soll.

Ost-Berlin, Prenzlauer Berg. Hier kommt Paul Würdig am 30. November 1980 zur Welt und lebt bis zuScreenshot Royal TS seinem achten Lebensjahr mit seiner Schwester und seiner alleinerziehenden Mutter in dem Berliner Bezirk. 1988 wird der Ausreiseantrag der Mutter genehmigt, die Familie zieht nach West-Berlin und kommt dort in einem Asylbewerberheim in Wedding unter. Einem neunmonatigen Intermezzo in Lübeck folgt der Umzug zurück nach West-Berlin. Fortan lebt Sido im „MV„, dem Märkischen Viertel, das im Verlauf der Karriere des Rappers des Öfteren Erwähnung findet.

Diese startet Würdig 1997. Zusammen mit seinem damaligen Mitbewohner Robert Edward Davis, besser bekannt unter seinem Pseudonym „B-Tight“, veröffentlicht das Duo unter dem Namen „Royal TS“ das ausschließlich auf Kassette erhältliche Tape „Wissen – Flow – Talent“, deren Beats der Playstation entnommen sind. „Royal“ bezieht sich dabei auf das Untergrundlabel „Royal Bunker“, welches Sido und B-Tight als Plattform für ihre Veröffentlichungen dient. Ein Jahr später gründen die beiden Rapper zusammen mit Rhymin Simon und Vokalmatador die Rap-Crew „Die Sekte“, es folgt das Album „Sintflows“. Doch der große Durchbruch soll erst mit dem Signing bei Aggro Berlin gelingen.

Das 2001 vom Dreigestirn Specter, Halil und Spaiche gegründete Independent-Label signt neben Bushido Sido und B-Tight als erste Künstler Aggro Berlins. Die erste Veröffentlichung des Labels stellt die „Splash-Spezial“-EP von Royal-TS dar, die sich auf Anraten der Labelführung in „A.i.d.S.“, die Abkürzung für „Alles ist die Sekte“, umbenennen. Während B-Tight bereits 2002 mit der EP „Der Neger (in mir)“ seine erste Solo-Veröffentlichung auf der neuen Labelheimat folgen lässt, hält Würdig sich in Sachen Solo-Releases noch zurück. Obwohl Sido bereits mit Songs auf den ersten beiden „Aggro Ansagen“ vertreten ist, beschert ihn erst der 2003 veröffentlichte „Weihnachtssong“ und vor allem das dazugehörige Video eine größere Aufmerksameit. Der Song wird fester Bestandteil des Programms von VIVA und MTV und sorgt für einen ersten Karriereschub des Ost-Berliners. In Fahrt kommen will diese aber erst mit dem Debütalbum, das nach seinem damaligen Markenzeichen benannt ist – der Maske.

So erscheint im April 2004 „Maske“ – ein Album, das polarisieren soll. Die erste Singleauskoppelung „Mein Block“ seziert detailiert das Leben im MV. Sido beschreibt die sozialen Umstände der Großwohnsiedlung, deren Hochhaus-Wohnbauten markant für das Märkische Viertel sind. Würdig stellt mehrere Etagen des Hauses und deren Bewohner vor und thematisiert die von ihnen ausgelebte Sexualität, Drogenkonsum und Prostitution. Wie schon zu Royal TS-Zeiten, behält der Rapper seine explizite Wortwahl bei und spricht aus, was andere nur denken. So auch in „Fuffies im Club“, einem Song, der die Rolle von Geld in unserer heutigen Gesellschaft thematisiert. Die visuelle Umsetzung zeigt Sido, der inmitten von Stripperinnen steht und mit 50-Euroscheinen um sich wirft. Die „Neue Zürcher Zeitung“ sieht in dem Song einen „lüsternen Sozialreport aus dem Striplokalwährend der „Rolling Stone“ die zweite Single als „jugendgefährdendes Geprolle“ abstempelt. Sido neckt also schon mit seinem Erstlingswerk an und erzeugt unterschiedliche Meinungen.

Dem kommerziellen Erfolg tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: „Maske“ chartet auf Platz 3, hält sich insgesamt 28 Wochen in den Top 100 und erreicht den Goldstatus. Einen Fakt, den der „Goldjunge“ auch musikalisch thematisiert. Zurück zu „Maske“. Ein Albumtitel, der, wie eingangs bereits erwähnt, auf den verchromten Totenschädel Sidos zurückzuführen ist. Dieser wurde 2002 entworfen und ist für längere Zeit Begleiter des Rappers. Die 650 Gramm schwere Maske, die eine Mischung aus Totenkopf und Mikrofon darstellt, kostete seinerzeit 3500 Euro, durfte sich aber einer erheblichen Wertsteigerung erfreuen. „Wir haben die Maske mal schätzen lassen. Sie ist jetzt über eine Million Euro wert“, verriet Sido 2008 der „Bild“-Zeitung. Das er seine Wurzeln nicht vergisst und Künstler aus seinem Umfeld supportet, beweist der zu diesem Zeitpunkt 23-jährige schon damals. So bietet er den damaligen „Sekte“-Mitgliedern B-Tight, Tony D, Mesut, MOK und Fuhrmann & Bendt sowie dem im Aggro Berlin-Umfeld bekannten Harris eine Plattform.

Seinen Hörern wiederum bietet Sido einen Einblick in sein Leben, auch wenn dieses teilweise in überspitzer Form dargestellt wird. Während der Berliner seiner Hörerschaft in „Steig ein“ sowohl positive als auch negative Aspekte Berlins präsentiert und in diesem Song Villen den ghettoähnlichen Plätzen der Hauptstadt gegenüberstellt, behandeln der Track „Endlich Wochenende“ und der dazugehörige Skit „Sido und die Drogen“ dessen exzessiven Drogenkonsum an einem Wochenende. Ganz anders gibt sich der „Maskenmann“ auf „Mama ist stolz“ und zeigt sich sogar persönlich, indem er die Beziehung zu seiner Mutter darlegt. Letztendlich wird „Maske“ aufgrund der Verherrlichung des Drogenkonsums indiziert, doch Aggro Berlin und der Künstler reagieren schnell: Im November 2005 erscheint das Album in einer Neuauflage unter dem Titel „Maske X“, auf dem „Endlich Wochenende“ nicht mehr enthalten ist, stattdessen aber mit „G mein Weg“ und eine entschärften Version des „Arschficksongs“ aufwartet.

Heute, rund 10 Jahre nach der Veröffentlichung des „Maske X“-Albums, ist Sido ein angesehener Künstler, der auch mit Genre-fremden Künstlern wie Andreas Bourani oder Mark Foster zusammenarbeitet. Ein Künstler, der sich nicht für seine Radio-Songs versteckt, aber auch seine Hip-Hop-Wurzeln nicht verleugnet. Der für den Posse-Track „30-11-80“ Smudo und Frauenarzt auf einem Track vereint. Der weiterhin Newcomer, gar aus internationalen Gefilden, supportet. So geschehen mit Dillon Cooper. Würdig ist ein Rapper, der heutzutage ausverkaufte Tourneen spielt und der am 17. Dezember im Rahmen des „Red Bull Soundclashs“ gegen Haftbefehl antritt. Und ein Mensch, der es aus der Sozialbausiedlung nach oben geschafft hat.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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