Wie aus dem Sportschuh ein Sneaker wurde – Eine Erfolgsgeschichte

Unzählige Sneakermodelle finden sich heute als Alltagsschuhe online und im stationären Handel. Doch noch vor knappen fünfzig Jahren wurde in den damals wenigen Modellen lediglich Sport getrieben. Unsplash.com: Edgar Chaparro

Fast jeder besitzt heute mehrere Paare von ihnen und trägt sie im Alltag am liebsten. Sie sind nicht nur bequem, sondern auch stylisch und längst in der High Fashion angekommen. Und vor allem auch im Hip-Hop spielen sie natürlich eine große Rolle. Die Rede ist natürlich von Sneakers. Obwohl die Schuhe heute nicht mehr wegzudenken sind, gibt es sie, vergleichsweise zu anderen Schuhen, erst seit gestern. Wir wollen heute einen Blick zurückwerfen und uns einmal genau anschauen, wie aus einem Schuh, der alleine zum Sportmachen gedacht war, ein Alltagsbegleiter und modischer Hingucker werden konnte.

Der Vorläufer der Sneaker entsteht

Alles begann im Jahre 1839. In diesem Jahr entdeckte, bzw. erfand der Amerikaner Charles Goodyear nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen Kautschuk-Experimenten das Vulkanisationsverfahren. Mit ihm konnte Gummi beliebig geformt werden. Möbel, Haushaltsgegenstände oder Kondome – ab jetzt war mit dem Material alles möglich.

Für Schuhsohlen wurde Gummi jedoch erst Mitte der 1870er verwendet. Man kam auf die gute Idee, Schuhe aus Leinen mit Gummisohlen für den Kricketsport zu fertigen. Mit diesen Schuhen konnten sich die Sportler erstens rutschfester und zweitens leiser, als mit Lederschuhen über den Rasen bewegen.

Vom englischen Verb „to sneak“ – auf Deutsch „schleichen“ kommt so auch der Name. Der Werbeprofi Henry McKinney dachte sich diesen Ausdruck Anfang des 20. Jahrhunderts für Schuhe aus; und er hat sich bis heute gehalten. Die Sneakers bildeten damals wie heute schon bewusst ein Gegenstück zu Schuhmodellen mit harter Ledersohle. Mit Sneakers schleicht man bis heute im Grunde lautlos durch die Straßen, während Lederschuhe (vor allem mit Absatz) oft schon von Weitem zu hören sind.

Der Unterschied zu heute ist allerdings, dass mit Sneakers damals eben bewusst (leise) Sportschuhe bezeichnet wurden. Erst mit der Zeit wurde aus den reinen Sportschuhen auch ein Alltagsschuh.

Bis heute ein Kultsneaker: Der Chuck Taylor All Star. Unsplash.com: JaizerCapangpangan

Der Chuck Taylor All Star wird geboren – Immer noch für den Sport

Auch nach der Kricket-Sneakerzeit waren die Schuhe mit der Gummisohle zunächst immer noch dem Sport vorbehalten. Sie drangen in andere Sportarten ein – Tennis, Basketball, Leichtathletik – und Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Liverpool Rubber Company damit, Gummisohlen mit Leinenstoff serienmäßig zu produzieren. Auf der weißen Sohle der Schuhe war immer ein schwarzer Strich zu sehen. Die viktorianische Mittelklasse kaufte die leichten Schuhe für Ausflüge an den Strand besonders gerne. Sie taufte die Schuhe „Plimsolls“ – ein angepasster nautischer Begriff für die Lademarke bei Hochseeschiffen, genannt Plimsoll-Line (heute noch im Zusammenhang mit der Freibordmarke häufig in der Schifffahrt zu hören). Wer ein Schiff über diese Marke hinaus belud, riskierte, zu kentern. Und so galt für die Sneakers: Wer mit den Leinenschuhen über die Gummisohle hinaus ins Wasser ging, musste mit nassen Füßen rechnen.

Im Jahr 1917 dann wurde der erste Sneaker geboren, der Geschichte schreiben sollte. Der erste „Converse All Star“ wurde von „Marquis Mills“ entwickelt und für Basketballspieler auf den Markt gebracht. Wenige Jahre später begann „Chuck Taylor“, Basketballspieler und damaliger Converse-Mitarbeiter, für seinen Sport und die Schuhe von Converse zu werben. Gemeinsam mit Marquis Mills entwickelte der Basketballer den von nun an unter dem Namen „Chuck Taylor All Star“ bekannten Schuh, der den kultigen runden Aufnäher mit Stern auf der Seite trug. Der Sneaker wurde zum Standardschuh der meisten Basketballer für einige Jahrzehnte.

Spätestens seit die Sneakers dann ab den 50er Jahren Hollywood-Stars, wie Marlon Brando oder James Dean und Musiklegenden, wie Elvis Presley sowie in den 1970er Jahren Punk-Rocker wie die Ramones trugen, verfestigte sich der Status der „Chucks“ als die Mutter aller Sneakers. In den 90ern schließlich kamen auch Anhänger des Grunge-Musikstils, wie Nirvana und einige Rappern als treue Fans der Sneakers hinzu.

Sneakers werden zu Straßenschuhen

Die Weiterentwicklung der Sneakers erfolgte zunächst auch noch aus rein sportlichen Gründen. Denn als sich in den 70ern der Amerikaner „Tinker Hatfield“ beim Hochsprung am Fuß verletzte, beschloss er, stabilere Schuhe für Sportler zu entwickeln. Er wurde Designer bei Nike und kreierte einen weiteren in die Geschichte der Sneakers eingegangenen Schuh: Den „Nike Air Max 1“, der bis heute immer wieder in neuen Farbvarianten und in immer leicht angepasstem Design erscheint.

Anfangs blieb der Air Max 1 noch ein Sportschuh. Er wurde unter Basketballern genau wie Läufern beliebt, weil er deren Sprunggelenke schützte. Und weil er mit dem „Airbag“, der ersten offensichtlichen Federung für Turnschuhe, einen angenehmen Gang ermöglichte.

Doch irgendwann passierte es: Dieser angenehme Gang in Kombination mit dem ungewöhnlichen Aussehen der Sneakers sorgte plötzlich dafür, dass die ersten Wagemutigen die Schuhe plötzlich im Alltag auf der Straße trugen. Innerhalb kürzester Zeit wurde es cool, das so zu machen. Eine regelrechte Kultur entstand um die Sneakers als Freizeitschuh herum.

Diese Kultur wurde in der South Bronx in New York geboren. Dem ärmsten Viertel der Stadt. Sie entstand letztlich um den Hip-Hop herum: Diverse Gang markierten ihr Revier, indem sie die ersten Graffitis mit ihren Namen an Wände sprühten. Sie trugen Jeans, Shirts und dazu Sneaker, um aus der Masse herauszustechen, die lediglich schwarze und braune Arbeitsstiefel, Lederschuhe oder Halbschuhe trug. Bald beschränkte sich der Sneakertrend aber nicht mehr nur auf die Bronx. Auch Kids aus den sozial bessergestellten Vierteln fingen an, die Schuhe für sich zu entdecken. Und nach besonders seltenen Modellen „auf die Jagd zu gehen“. Dazu an späterer Stelle mehr.

Der Kult um die Sneakers wird zum Geschäftsmodell

Sneaker gehören inzwischen zu einem enorm wichtigen festen Bestandteil etlicher Modeunternehmen. Große Sportmarken, wie Nike, Adidas, Reebok, Puma, Asics und New Balance bringen jährlich neue Modelle auf den Markt. Andere Marken, die sich ausschließlich auf Sneakers spezialisiert haben oder die zumindest vorwiegend für ihre Sneaker bekannt sind, halten sich ebenfalls seit Jahrzehnten. Sie überzeugen durch Bequemlichkeit, Design, Qualität, erleben immer wieder Hypes oder haben einfach internationalen Kultstatus erlangt. Marken, wie Buffalo, Skechers, Onitsuka Tiger, Ellesse oder Vans wären hier zum Beispiel zu nennen. Doch die Industrie hatte eben erst ab einem bestimmten Zeitpunkt ein Auge auf die Sneakers und ihr Potenzial. Diesen Zeitpunkt markiert der 1984 designte Nike-Schuh „Air Jordan“.

Dieser schwarz-rote dreiviertelhohe Schuh, so war es in den Farbregularien der Basketballliga NBA festgelegt, durfte im Profisport nicht getragen werden. Basketballlegende Michael Jordan trug ihn trotzdem; und musste dafür eine Strafe zahlen. Nike dachte sich, dass man genau das doch wiederum zu Werbezwecken nutzen könnte und startete eine Kampagne mit dem Titel: „Bannedbythe NBA.“

Die Air Jordans verkauften sich daraufhin besser als jeder Sneaker zuvor und machten eine schwarze Subkultur zum Mainstream. Unternehmen verstanden plötzlich, dass die Coolness, die die Jungs aus der Bronx ihren Sneakers verliehen, zur Ware gemacht werden und an vor allem junge Menschen in aller Welt verkauft werden könnte. Und so ging die kulturelle Macht langsam zu den Herstellern über, die vor allem seit einigen Jahren nun wieder von einem regelrechten Run auf bestimmte Sneakers unglaublich profitieren.

Arbeiten Leutewie Kanye West mit Adidas zusammen, entstehen spannende neue Sneakerdesigns. Und die Sammler drehen am Rad und campen vor den Stores. Unsplash.com: Zach Ward

Sneaker-Hype und der Sammelwahn

Eine Zeit lang war Zufall einer der Faktoren, die bestimmten, dass ein gewisser Sneaker zum begehrten Hype-Objekt wurde. Irgendein berühmtes und beliebtes Vorbild einer Jugendkultur oder ganzen Generation trug den Schuh irgendwann einmal, er tauchte in einem Musikvideo zu einem beliebten Track auf oder er wurde nur in begrenzter Stückzahl produziert, weil ein Unternehmen vielleicht sogar dachte, der Schuh würde sich nur mäßig gut verkaufen. Heute allerdings fällt diese Zufallskomponente weg.

Die Unternehmen, die den Sneakermarkt dominieren – vorneweg Nike und Adidas – wissen genau, dass sie mit neuen Sneaker-Ankündigungen und bestimmten Methoden immer wieder Hypes um sich entfachen. Sie verknappe das Gut, zeigen die neusten heiligen Objekte auf Pre-Launch Events nur ausgewählten Journalisten, liefern nur an exklusive Stores in bestimmten Städten. Außerdem werden Rapper, Sportler, Sänger, Designer oder Influencer bezahlt, damit sie die Schuhe tragen und sich damit ablichten lassen. Manch einer arbeitet sogar mit einem der großen Konzerne zusammen und designt einen eigenen Sneaker.

Und auf die von den großen Firmen bewusst produzierten Hypes springen etliche Sneakersammler auch immer wieder an. Sie kaufen und handeln nicht nur wöchentlich mit den Sneakers, sie campen mitunter sogar nächtelang vor den Läden, sobald ein neuer Schuh erscheint. Und sie sind bereit hunderte, bis tausende von Euro für ein Sneakermodell zu zahlen.

Letztlich kann man von der Entwicklung halten was man möchte – sie ist nicht abgeschlossen und wird weitergehen und sich verändern. Vielleicht platzt die Hype-Blase irgendwann und alle merken, dass Schuh immer noch Schuh bleibt und die Unternehmen genau wissen, welches Spiel sie treiben. Die gute Nachricht lautet: Da Sneakers so beliebt sind, findet auch jeder den für sich passenden Schuh. Wer beim Kauf auch den kleineren Marken eine Chance gibt, wird mit Sicherheit mit einem individuellen Look und vielleicht sogar etwas besserer Qualität für weniger Geld belohnt.

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