„When I die You’ll love me“ – In Gedenken an drei Künstler aus dem Hip-Hop

Kunst im Allgemeinen und damit auch Musik ist bis zu einem gewissen Punkt ein Spiegel der Gesellschaft. Dadurch, dass extrem viele junge Künstler in der Rap-Szene vertreten sind, lassen sich in der Rapmusik oft gesellschaftliche Zustände oder Gedanken und Gefühle einer gesamten Generation aufzeigen. In diesem Beitrag geht es um Lil Peep, XXXTentacion und Mac Miller: Drei Künstler aus dem Hip-Hop, die alle aus einer Generation stammen, alle ihre eigenen Probleme hatten und zu früh den Tod erleiden mussten. Lil Peep starb letzten November an einer Überdosis, genauso wie Mac Miller vor einer Woche. XXXTentacion wurde im Sommer auf offener Straße erschossen.

„In the mirror where I see my only enemy“ (Kanye West – „The Joy“)

Rap ist eine Musikrichtung in der authentisch und ehrlich mit tieferen Themen wie Depressionen und Selbstzweifel umgegangen wird. Dabei kommt Kanye West, von dem unter anderem das Thema der Verletzlichkeit als „key element“ seiner Lyrik vom XXL-Magazine bezeichnet wird, eine wichtige Rolle zu. Yeezy hat definitiv dazu beigetragen, dass im Hip-Hop auch wirklich persönliche Aspekte behandelt werden. Unter anderem als er sich 2004 bei seinem Debüt Album „The College Dropout“ weg vom damals so typischen Gangsterrap und hin zu Texten über den Kampf mit sich selbst wendete.

„I think about killing myself“ (Kanye West – „I thought about killing you“)

Diese Auseinandersetzung mit dem eigenem Ich führt Kanye West bis heute weiter. Beispielsweise gibt er in seinem neusten Solo-Album „ye“ ganz trocken „I think about killing myself“ von sich. Oder redet bei einem Interview mit US-Moderator Jimmy Kimmels offen und ehrlich über seine bipolare Störung. Trotzdem ist es kein düsteres Soundbild bei Yeezy. Die depressiven Zeilen auch immer wieder durch die so typische Arroganz, den Humor, Gesellschaftskritik oder Wortspiele unterbrochen.  Auch in dem schon erwähnten Interview wirkt es so, als würde West das alles eher auf die leichte Schulter nehmen. Als ihm die Frage gestellt wird, ob er starke depressive Phasen hat, antwortet er ganz locker. Seiner Meinung nach reicht es, dass er einfach in der Öffentlichkeit sagt, dass er darüber nachdenkt Selbstmord zu begehen Denn danach soll der Gedanke einfach weg sein.

„I just got lean on my ksubis“ (XXXTentacion – „Look at me!“)

Trotzdem liegt bei Lil Peep und XXXTentacion noch eine andere Art von Inhalt vor. Beide sind musikalisch nicht ganz eindeutig einzuordnen. Lil Peep sang eher als dass er gerappt hat und ließ auch deutlich Punk-Elemente in seine Musik einfließen. XXXTentacion hingegen vermischte auch komplett verschiedene Genres. Zwei Begriffe, die immer wieder zur Kategorisierung der beiden Künstler fallen, sind die des Emo-Raps und des Cloudraps. In diesen Subgenres nehmen Depressionen und Selbstmordgedanken einen großen Teil der Lyrik ein. Vor allem bei Gustav Elijah Åhr, wie Lil Peep bürgerlich hieß, aber auch Drogen. Allerdings geht es nicht nur um Gras, Koks oder Hennessy – wie im Hip-Hop schon lange üblich – sondern viel eher um Lean oder Xanax

Als Lean oder auch Purple Drank wird die Mischung aus Codein (Opiat) und Sprite genannt. Durch das Getränk fühlt sich der Konsument angenehm betäubt und euphorisch. Lean hat im Hip-Hop auch schon eine etwas längere Geschichte, vor elf Jahren ist Big Moe an den Folgen des Konsums gestorben, genauso wie Anfang des Jahres Fredo Santana. Trotz allem hat das Getränk aber in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen.

„I found some Xanax in my bed, i took that sh*t and went back to sleep“ (Lil Peep –  „Praying to the sky“)

Xanax ist genau wie Codein eigentlich ein verschreibungspflichtiges Medikament und sorgt auch für eine Betäubung der eigenen Gefühle. Dadurch ist man weniger gestresst, angsterfüllt oder traurig, aber eben auch genauso weniger glücklich. In den USA ist das Beruhigungsmittel das meistverschriebene Medikament und wird beispielsweise auch von Leuten mit starker Flugangst genutzt. Trotzdem kann es in Kombination mit Alkohol, anderen Medikamenten oder Drogen zum Koma und sogar zum Tod führen.

Åhr machte bei weitem kein Geheimnis aus dem Konsum. Ein paar Stunden vor seinem Tod postete er ein Video, in dem er erzählte, dass er sechs Xanax-Pillen zu sich genommen hatte. Auch in seinen Texten ging es immer wieder um die Droge und es gibt auf dem Instagram-Profil immer noch Bilder, die ihn zugedröhnt oder mit einer Pille auf der Zunge zeigen. Am 15. November 2017 starb Lil Peep vor einem Auftritt in seinem Tourbus an einer Überdosis. Herbeigeführt vor allem durch die Mischung von Xanax und dem Beruhigungsmittel Fetanyl. Allerdings wurden bei der Autopsie in seinem Blut auch Spuren von Marihuana, Kokain und dem  Schmerzmittel Tramadol gefunden. Dabei gehen aber Verwandte und Ärzte von einer versehentlichen Überdosis und damit einen Unfall aus. Nach seinem Tod stieg Åhr mit der Single „Awful Things“ zum ersten mal in die Billboard Hot 100 ein.

 

Außerdem resultierte aus der  Todesmeldung eine Welle der Empathie von vielen Künstler der Musikbranche, wie Lil Pump, Post Malone oder auch DJ-Marshmello. Auch Fans des Rappers trauerten und viele wurden wohl erst durch den Tod auf den Künstler aufmerksam. Dass Lil Peep ein paar Stunden vor seinem Tod ein Instagram-Post mit der Caption „When I die You’ll love me“ hochlud und zudem ein halbes Jahr davor von der New York Times als Kurt Cobain der Szene bezeichnet wurde, wirkt dabei schon fast zynisch.

 

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When I die You’ll love me

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„Have I done drugs? Yeah. But am I a drug addict? No.“ ( Mac Miller, im Interview zu seinem neuesten Album „Swimming“)

Genau wie bei Lil Peep war es der Öffentlichkeit auch bei Mac Miller bekannt, dass er Drogen konsumierte. Letzterer gab bekannt, dass er 2012 während seiner dritten Tour süchtig nach Lean wurde.  Malcom James McCormick, erklärte in einem Interview mit dem Rolling Stone-Magazin  ein paar Wochen vor seinem Tod, dass er zwar schon Drogen genommen habe, aber seiner Meinung nach nicht abhängig sei. Auf musikalischer Ebene gibt es allerdings kaum Parallelen zwischen den beiden. Inhaltlich kommt es aber trotz des Altersunterschied und der verschiedenen  Musikstile vor allem bei den Themen Selbstreflexion und Probleme mit der eigenen Psyche immer wieder zu Überschneidungen.

„I just need a way out of my head“ (Mac Miller – „Come back to earth“)

Bei Mac Millers letztem Album „Swimming“ wirkt es immer wieder so, als würde er wieder Hoffnung schöpfen, auch durch die Arbeit am Album. Trotz der sehr öffentlichen Trennung mit Ariana Grande und einem durch Alkohol verursachten Autounfall in diesem Jahr. Ähnlich wie bei Åhr verkündeten auch nach dem Tod von McCormick am 7. September viele Größen aus der Rapszene ihr Mitgefühl. Dazu kommt noch, dass die Todesmeldung sehr unerwartet kam. Mac Miller wirkte während und nach der Schaffungsphase von „Swimming“ eigentlich recht zufrieden. Als hätte er gewissermaßen mit den Problemen ein Stück weit abgeschlossen. Auch ein Tweet am Tag seines Todes bei dem seine Freude auf die kommende Tour ausdrückt, zeigt, dass er bei weitem noch nicht aufgegeben hatte.

 

Diese Einstellung und dass es auf die Öffentlichkeit nicht wirkte, als hätte der Pittsburgher ein starkes Drogenproblem sorgte dafür, dass der Todesfall auch eigentlich eine größere Überraschung als bei Lil Peep war. Dessen Manager Chase Ortega verkündete nach der Meldung auf Twitter zwar seine Trauer , aber auch, dass er das ganze Jahr auf so einen Anruf gewartet habe. Der Vergleich soll hier aber weder einen Tod verharmlosen oder den anderen dramatisieren, es zeigt nur, dass zwei Hip-Hop-Artists unabhängig von Alter und Musikstil die gleichen Probleme haben können, auch wenn die Öffentlichkeit mal mehr und mal weniger daran teilnimmt.

 

„It will all be over soon“ (XXXTentacion – „I spoke to the devil in Miami, he said everything would be fine“)

Mac Miller und Lil Peep wurden Opfer ihrer eigenen Suchterkrankung. Die American Medical Association nimmt die Abhängigkeit nach Drogen schon seit Längeren als tatsächliche Krankheit wahr. Gesellschaftlich gesehen gehören beide Künstler, sowie XXXTentacion auch der selben Generation an: Als Millennials oder Generation Y, werden die Menschen bezeichnet, die zwischen 1980 und den frühen 2000ern geboren wurden. Dabei legen aktuelle Studie nahe, dass in keiner Generation die Depressionsrate schon in Jugendjahren so hoch war wie in dieser. Vor allem in den USA gibt es extreme Probleme was „mental health“ angeht. Genau dieses Gefühl der Traurigkeit oder zum Beispiel der Perspektivlosigkeit, nimmt eine zentrale inhaltliche Rolle im Cloudrap ein. Für diesen Art des Rappens waren  Lil Peep und XXXTentacion definitiv wichtige und prägende Vertreter.        

„I’m in pain, wanna put ten shots in my brain“ (XXXTentacion – „Jocelyn Flores“)

Ähnlich wie bei Lil Peep war es auch bei Dwayne Onfroy (XXXTentacions bürgerlicher Name) klar, dass er mit Depressionen und Suizidgedanken zu kämpfen hatte. In dem Song „Jocelyn Flores“ verarbeitet er den Selbstmord einer Freundin, der ihn stark getroffen hat, vor allem weil er nach eigenen Aussagen ähnliche Probleme wie sie gehabt haben soll.

 

Dennoch fällt XXXTentacion hier aus der Reihe, weil er zwar musikalisch und inhaltlich in eine ähnliche Richtung wie Lil Peep geht, aber eben nicht durch eine Überdosis starb, sondern im Zuge eines Überfalls auf offener Straße erschossen wurde. Schon zu Lebzeiten war Onfroys Leben abseits der Musik ein kontroverses Thema. Zum Zeitpunkt seines Todes lief ein Strafverfahren wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung seiner Ex-Freundin gegen ihn, für Promozwecke lud er ein Video hoch, auf dem er sich selbst erhängte. Dieses Video und das posthum veröffentlichte Musikvideo zu „Sad!“, in dem Tentacion seine eigene Beerdigung besucht, sorgte dafür, dass sein Tod anfangs von Einigen angezweifelt und für eine geschmacklose Promoaktion gehalten wurde. Allerdings hatte sein Privatleben doch auch Einflüsse auf seinen Beruf. Spotify entfernte seine Lieder nach Missbrauchsvorwürfen aus öffentlichen Playlist. Das wurde aber nachdem sich extrem erfolgreiche Künstler wie zum Beispiel Kendrick Lamar für den 20-jährigen aussprach, wieder rückgängig gemacht.

„If worse things comes to worst, and I f*cking die or some sh*t and I’m not able to see out my dreams, I at least want to know that the kids perceived my message and were able to make something of themselves and able to take my message and use it and turn it into something positive and to at least have a good life.“ – (XXXTentacion, Instagram Livestream kurz vor seinem Tod)

Am 18. Juni 2018 wurde Onfroy am hellichten Tag ausgeraubt. Bei dem Überfall wurden mehrere Schüsse auf ihn abgegeben. Im Krankenhaus in das er anschließend gebracht wurde, verstarb er ein paar Stunden später. Trotz all der oben aufgeführten klaren Fehler sind XXXTentacion seine künstlerischen Einflüsse in der (Cloud-)Rapszene nicht abzusprechen. Auch bei seinem Tod kam es zum gleichem Prozedere wie bei den schon zwei erwähnten Fällen: Viele Statements aus der Hip-Hop-Szene, unter anderem von Kanye West, trauernde Fans und steigende Streaming- und Verkaufszahlen. Der Song „Sad!“, der ursprünglich auf Platz 7 der Billboard Hot 100 chartete, sprang von Platz 52 auf Platz 1. Auch sein neustes Album „?“ und das ein Jahr vorher erschienenes „17“ erreichten in der Woche nach seinem Tod die Top10.

„they gon’ miss me when I’m dead“ (Lil Peep – „Praying to the sky“)

Bei all diesen Todesfällen waren neben den Beileidsbekundungen und allgemeiner Trauer, auch immer wieder Unverständnis und Zynismus in den Kommentaren auf den sozialen Medien zu lesen. Während bei Mac Miller und Lil Peep oft stand, dass sie an ihrem Tod, wegen der aktiven Entscheidung Drogen zu nehmen, selber schuld seien, war bei  XXXTentacion unter anderem zu lesen, dass er es verdient habe. Mac Millers Fan machten seiner Ex-Freundin Ariana Grande Vorwürfe, dass die Trennung von ihm und die Verlobung mit einem Anderen ein paar Monate später, Hauptgrund für den Drogenkonsum sei und sie damit Mitschuld am Tod trage. Dass dies genauso falsch ist, wie die These, dass Hip-Hop als Kultur an sich was damit zu tun hat, ist meiner Meinung nach klar. 

„Man, I don’t know what the f*ck goin‘ on lately“ (Lil Peep – „Beamer Boy“)

Mit Malcom McCormick und Gustav Åhr sind zwei Menschen und Künstler, die im Falle von Mac Miller sogar viele Jahre lang, Erwachsene und vor allem Jugendliche geprägt haben, an einer Suchterkrankung und der damit verbundenen versehentlichen Überdosis gestorben. Während Mac Miller mit einer Lockerheit und künstlerischem Talent begeisterte, erreichte Lil Peep, genauso wie XXXTentacion eine junge verunsicherte Generation und zeigte ihr auf, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine ist. Auch ohne klares musikalisches Statement gegen eine Modedroge wie Xanax, half er wohl vielen Jugendlichen mit den ehrlichen, selbstzweifelnden Texten. Das Gleiche gilt dementsprechend auch für XXXTentacion, der nach dem Rolling Stone-Magazin  einen „großen musikalischen Fußabdruck“ hinterlassen hat.

„… denn sie wissen nicht was sie tun.“

Drei bekannte tote Künstler in den 20ern erinnert doch an das Phänomen des sogenannten Klub 27. Dabei geht es um das Phänomen, dass mehrere Künstler aus dem Rock mit 27 Jahren starben. Die berühmtesten wären hierbei wohl der schon erwähnte Kurt Cobain, Jimi Hendrix und Gründungsmitglied der Rolling Stones Brian Jones. Der unnatürliche Tod von all diesen Künstlern, stand auch mehr oder weniger immer in Verbindung mit Drogen. Auch Kurt Cobain hatte sich mit einer Schrotflinte selbst erschossen, nachdem er zuvor Heroin zu sich genommen hatte. Da wirkt es doch unwirklich, dass Mac Miller 2015 auf „Brand Name“ rappt, dass er Angst davor hat sich wegen (gestreckten) Drogen dem Klub 27 anzuschließen. 

 

„What’s the 27 Club? We ain’t making it past 21“ (Juice Wrld – „Legends“)

Dabei waren die drei hier aufgeführten Künstler bei Weitem nicht die einzigen in der Hip-Hop-Szene, die im letzten Jahr zu früh gestorben sind. Jimmy Wopo, der auch aus Pittsburgh kam, wurde am gleichen Tag wie XXXTentacion erschossen. Auch unbekanntere Künstler wie Lil Buzz oder Louis Badazz wurden Opfer von Gewalttaten.

Genau wie beim Klub 27 muss aber trotzdem die Frage gestellt werden, ob es nicht doch eine Reihe von Zufällen ist.  Ob die einzelnen Schicksale nichts miteinander zu tun haben. Auch nicht mit der Tätigkeit als Rapper. Was aber feststeht ist, dass allesamt einen bleibenden musikalischen Eindruck hinterlassen haben und auch menschlich eine ganze Generation beeinflusst haben. 

Erzähl Digger, erzähl

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