Michael Münch: “Für mich ist es eine Kultur in der, entgegengesetzt der typischen öffentlichen Berichterstattung, viel positive Energie herrscht.”

Münch

Mit “Wenn der Vorhang fällt” , kam heute der Debütfilm des Regisseurs Michael Münch in die Kinos. Für sein erstes Projekt, stellte er sich gleich einer recht schwierigen Aufgabe: Er wollte eine Dokumentation über deutschen Rap machen, die alle bisherigen Epochen – angefangen bei Advanced Chemistry, bis hin zu Haftbefehl – abdecken soll. Dabei lies er die Rapper sprechen, denn wer, wenn nicht die Akteure der Szene selbst, wissen was alles vor sich ging. So holte er Toni L. , Smudo, Chefket, Haftbefehl, Sido, Marteria und viele weitere, um ihre Sicht auf die Geschichte zu erläutern. Wie er die Rapper für den Film gewinnen konnte, was seine Inspiration für den Film war und was Figub Brazlevic damit zu tun hat, erzählte er uns im Gespräch. 

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Foto: Yves Krier

 

Im Intro des Films, sieht man erst eine Platte und dann ein Mikrofon. Ist das bewusst gewählt?

Michael Münch: Ich wollte damit nicht dem Beat mehr Bedeutung zuschreiben als dem Rap. Vielmehr wollte ich im Vorspann meine Filmcrew und die Rapper mit Namen einblenden. Da ein Plattenspieler uns mehr Möglichkeiten gegeben hat verschiedene interessante Kamerawinkel zu finden und so die Namen geschickt im Intro unterzubringen, haben wir ihn zuerst gewählt. Das Mikrofon ist ein Bild dafür: „Jetzt wird geredet, jetzt fängt es an“.

Du bist in der Nähe von Heidelberg aufgewachsen. Hatte das einen Einfluss darauf, dass  Advanced Chemistry an den Anfang des Films gesetzt wurden?

Michael Münch: Ich bin 88er Jahrgang und habe die ersten Hip Hop Jahre in Heidelberg gar nicht richtig mitbekommen. Dafür bin ich einfach zu jung. Das habe ich alles erst im Nachhinein mitbekommen als ich zwölf, dreizehn war und das alles aufgeholt habe. Allerdings wollte ich Advanced Chemistry als Mitbegründer der deutschen Rapszene unbedingt in den Film bringen. Da wir den Film chronologisch aufbauen, ergibt es sich natürlich, dass Toni L. als Mitglied der Gruppe, besonders viel zu den Anfängen des Rap zu erzählen hat. Ich will damit aber nicht sagen, dass Advanced Chemistry die Einzigen waren, die das gemacht haben. Sie waren einfach Pioniere die diese tolle Kultur deutschlandweit verbreitet haben.

Wie hast du die Fragen gewählt, die du den Rappern stellst? Waren sie bei jedem verschieden?

Michael Münch: Ich hatte während der Interviews natürlich schon einen Fragenkatalog im Kopf, der dem roten Faden der Dokumentation folgte. Abhängig von der Dauer der Interviews und dem Gesprächsverlauf hat sich aber teilweise die Reihenfolge der Fragen unterschieden. Wenn ich mal eine Frage nicht so gut gestellt hatte, dann konnte ich sie auch später noch mal anders formulieren. Dadurch erhielt ich manchmal auch eine umfassendere oder anschaulichere Antwort von meinem Gegenüber. Etwa nach der Hälfte des Interviews habe ich in der Regel gefragt „Wie würde Hip Hop aussehen, wenn er/sie eine Person wäre?“. Das war meistens eine nette Auflockerung der Gespräche, da die Rapper kreativer agieren konnten als bei direkten Fragen nach der Zukunft oder der Vergangenheit.

Du musstest wahrscheinlich viel raus schneiden, oder?

Michael Münch: Es war auf jeden Fall eine anspruchsvolle Aufgabe die passende Story aus den ganzen Lebensgeschichten herauszusuchen und am Ende in einen fließenden Erzählstrang zu bringen. Allerdings haben sich die Geschichten der Protagonisten teilweise auch etwas überschnitten, sodass ich mir im Schnitt aussuchen konnte wer welchen Teil der Story erzählt. Insgesamt haben wir in der 82 minütigen Dokumentation 21 Musiker und dazu noch Filmclips mit Musik untergebracht. Da bleibt im Durchschnitt nicht mehr als drei bis vier Minuten Redezeit pro Artist. Wenn man jetzt bedenkt, dass wir meistens 45 bis 60 Minuten pro Interview hatten, erklärt sich ziemlich schnell, wie viel Extramaterial ich auf meinen Festplatten noch liegen habe. Auf der DVD wird es daher für Liebhaber auch noch das ein oder andere Schmankerl im Bonusmaterial geben.

Wenn du von den Protagonisten Sprichst: Wie hast die die Leute ausgesucht, die man sieht?

Michael Münch: Die Auswahl der Künstler ist stark von meiner eigenen Sozialisierung im Deutschrap geprägt. Es sind eben viele der Künstler, die mich persönlich beeinflusst haben. Trotzdem habe ich versucht ein breites Spektrum an Rappern, DJs und Beatproduzenten aufzustellen, was mir, wie ich finde, in weiten Teilen auch gut gelungen ist. Man muss bedenken, dass ich zu Beginn des Projekts keinerlei persönlichen Kontakt in die Rapszene hatte, ist unser Cast einfach Bombe. Da hat es halt eine Weile gedauert bis sich mit den Künstlern beziehungsweise dem Management eine Vertrauensbasis gebildet hatte auf der wir aufbauen konnten. Ohne irgendwelche Credibility und Vorzeigeprojekte meinerseits einen solchen Film auf die Beine zu stellen, hört sich ja auch erst mal utopisch an. Kein Wunder, dass es auch skeptisches Feedback gab oder auch nicht alle Rapper, die ich angefragt hatte, zugesagt haben. Umso mehr habe ich mich dann über die Künstler gefreut, die meinem Team und mir das Vertrauen geschenkt haben einen tollen Film zu machen. Für den ersten Drehblock hatten wir schließlich zwölf Künstler im Interview. Dann haben wir aus dem ersten Filmblock einen Mini-Trailer geschnitten und konnten dadurch noch weitere Protagonisten für den Film gewinnen. Daraus hat sich dann ein zweiter Drehblock ergeben mit welchem wir dann zufrieden in den Schnitt gehen konnten.

 

 

Mir fiel auf, dass Frankfurt recht wenig stattfindet in dem Film. War das auch von deinem Geschmack beeinflusst, oder gab es keine Rapper, die sich gemeldet haben?

Michael Münch: Ich hatte für Frankfurt Moses Pelham, der als einziger aus dieser Region mitmachen wollte. Ich hatte auch noch ein oder zwei andere Künstler im Rhein-Main-Gebiet angefragt, aber da kam dann keine Rückmeldung. Das hatte jetzt weniger mit meinem persönlichen Geschmack zu tun als mit der Rückmeldung der Rapper auf meine Interviewanfragen.

Wenn du selbst erst 1988 geboren bist, war die Intention dann, den Film für Leute zu machen, die auch in der Zeit geboren sind und nicht alles ganz mitbekommen haben?

Michael Münch: Meine Intention war einen Film für Leute von zwölf bis 80 Jahren zu machen. Es geht darum, darzustellen, wie die Kultur wahrgenommen wird und wie sie sich über die Jahrzehnte von innen heraus entwickelt hat. Dies bedeutet für mich, dass beim Hip-Hop kreative, engagierte Menschen zusammen diese Kultur prägen. In der Presse hört man ja nur von dem Beef. Das ist praktisch das Bildzeitungsniveau, mit dem Rap oft dargestellt wird. Als wäre das eine Szene, in der es nur darum geht den Dicken zu machen. Das spiegelt mein Film nicht wieder. Für mich ist es eine Kultur in der, entgegengesetzt der typischen öffentlichen Berichterstattung, viel positive Energie herrscht. Das ist auch die Message die ich allen Zuschauern mitgeben möchte. Ich denke aber schon, dass das Kernpublikum für den Film die 16 bis 40 Jährigen sind. Die jungen Zuschauer können etwas darüber lernen woher ihre eigenen Lieblingsrapper Inspiration und Spaß am Rap bekommen haben. Die Älteren schwelgen in Erinnerungen wie damals alles so war und fühlen sich zurück versetzt in ihre Jugend. So ist das jedenfalls bei mir. Aber auch für das Ü50 Publikum gibt es viel Spannendes zu hören und entdecken, wenn man sich auf die Reise einlässt. Nach unseren Vorstellungen beim Dokumentarfilmfest München kamen auch sehr viele Zuschauer zu mir, die einfach begeistert waren mehr über Rap zu erfahren und gesagt haben: „Ich wusste das nicht. Eigentlich ist das ganz cool, was da so passiert“. Für viele Menschen besteht dieses Genre ja nur aus Anfeindungen und Pöbeleien. Das stimmt ja auch teilweise. Aber es gibt eben auch eine ganze andere positive Seite über die seltener berichtet wird. Künstler, die sich mit Ihrer Sprache auseinandersetzten und sich darin ausprobieren. Das passiert im Asi-Rap genauso wie im Conscious-Rap auf die jeweils eigene tolle Art und Weise.

Wenn du nicht Bildzeitungsniveau, sondern verschiedene Meinungen haben wolltest, war es dann eine bewusste Entscheidung, bei der dritten Epoche des Films, viele Meinungen gegenüberzustellen? War es dir wichtig einen Diskurs zu zeigen?

Michael Münch: Ja, auf jeden Fall. Mir war es wichtig den Diskurs darzustellen, weil es meinem Empfinden nach mittlerweile ganz viele unterschiedliche Ansätze für dieses Genre gibt. Die gab es zwar immer, aber jetzt ist es okay unterschiedlicher Auffassung zu sein. Man darf mittlerweile auch Rap mögen, der vielleicht total gegensätzliche Grundwerte hat. Man kann Rap machen wie Casper oder wie Haftbefehl und man kann auch wertfrei von beiden Fan sein. Alles ist möglich.

Wer hat die Musik bei den Städtefahrten gemacht? War es Absicht, dass sich der Stil der Musik von Stadt, zu Stadt ändert?

Michael Münch: Die Musik war hauptsächlich von Digitalluc und Figub Brazlevic. Das Projekt zum Soundtrack hat eigentlich Basti Schneider von Vinyl Digital für mich ins Leben gerufen. Er fand unser Projekt interessant und hat mir die beiden Künstler vorgeschlagen. Ich war sofort in die Musik verliebt. Als die Musik für uns produziert wurde, waren die Einspieler schon fast fertig geschnitten. Ich habe mir dann die Lieder rausgepickt, die ich für die jeweiligen Stellen passend fand. Digitalluc hat das dann noch mal überarbeitet und angepasst. Auf der DVD wird es noch ein paar Einspieler geben, die es nicht in den Final Cut des Films geschafft haben.

Am Ende steht die Widmung „Für Dani“ in den Credits, wer ist das?

Michael Münch: Das ist mein großer Bruder. Über ihn kam ich überhaupt an Hip-Hop. Er hat die ersten CDs nach Hause gebracht und war immer sehr, sehr unterstützend in allem, was ich in meinem bisherigen Leben gemacht habe. Er ist einfach ein richtig guter großer Bruder. Bis heute noch. Deshalb war es mir ein Anliegen ihm meinen ersten Film gerade mit dieser Thematik zu widmen.

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Stuttgarter Heidelberger, der in Hamburg ist, sich in der Musik zuhause fühlt und von Hannes Wader erzogen wurde Hip-Hop zu lieben.

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