Wendja: „Ich habe keine Angst vor Schubladen.“

Wendja

Aktuell ist Sierra Kidd auf der „Bad Guys Go To Hell“-Tour – es wird das letzte Mal sein, dass der ehemalige Indipendenza-Artists unter diesem Künstlernamen die Bühnen des Landes bespielen wird. Der Rapper selbst kündigte die Tour „als die geilste Sierra Kidd Tour, die es jemals geben wird“ an. Um so überraschender war es, dass der hierzulande unbekanntere Wendja, der mit einem Sound jenseits des Sierra Kidd Umfelds daher kommt, als Support der Tour bekannt gegeben wurde. Der Österreicher hat bereits eine turbulente musikalische Vergangenheit hinter sich: Bekannt wurde Lukas Plöchl, so der Artist unter bürgerlichem Namen, durch die Castingshow „Helden von morgen“ und vertrat sein Land als Teil der Trackshittaz beim Eurovision Song Contest im Jahr 2012. Mit dem Party-Rap Duo Trackshittaz konnte Wendja, der damals noch unter dem Pseudonym G-Neila in Erscheinung trat, einige klickstarke Videos präsentieren und Singles in den österreichischen Top Ten platzieren. Alles in Allem liefert Wendja eine untypische Rapper-Biografie. Am 03. Februar 2017 wird sein neues Album „Poet und Prolet“ erscheinen, wobei der Titel die musikalische Tendenz des kommenden Werkes nahezu perfekt beschreibt. Die Musik des Österreichers bewegt sich irgendwo zwischen nachdenklichen Gedankensträngen und partyanimierten Lyrics – das Ganze findet auf dröhnenden Beats statt, denen es an pop-elektronischen Einflüssen nicht mangelt. Im Frühjahr nächsten Jahres wird er seine Musik auf einer eigenen Tour nochmals hierzulande präsentieren. In Anbetracht dieser Hintergründe, haben wir uns beim Tourstopp in Hamburg mit Wendja über seine Vergangenheit, das kommende Album „Poet und Prolet“, sowie die angedachte Karriere als Tischtennis-Profi unterhalten.     

In Österreich hast du dir in den vergangenen Jahren schon eine Fanbase erarbeitet. In Deutschland bist du noch recht unbekannt. Wie bist du zur Musik gekommen?

Zum Rap bin ich über 50 Cent und Eminem gekommen. Musik war und ist ein fester Bestandteil in meinem Leben. Als ich drei Jahre alt war, hat mein Vater eine Karaoke-Anklage gekauft, sodass wir Lieder zusammen singen konnten. Eigentlich komme ich aus einer Familie in der Musik keine Rolle gespielt hat. Mein Vater ist Tischtennis-Trainer vom Nationalteam der Damen in Österreich. Ich hätte auch Tischtennisspieler werden soll.

Du wolltest kein Profi werden?

Nein. Es ist problematisch, wenn der Vater zugleich Trainer ist und dann auch noch Chinese – Dann ergibt das ein sehr brutales Dreieck. Wir haben anderthalb Jahre trainiert – Das war sehr hart. Das Leben besteht immer aus Kontrasten. Wenn du als kleines Kind am Tisch in der Garage ein paar Stunden trainierst und die anderen Sandburgen bauen oder Nintendo spielen, dann ist der Kontrast zu hart. In China wäre das normal gewesen.

Die Zielstrebigkeit scheint trotzdem auf dich abgefärbt zu haben. Du hast schon viele musikalische Wege eingeschlagen. Zuletzt warst du Teil des Trackshittaz-Duos, warum schlägst du jetzt wieder eine Solo-Karriere ein?

Für mich war das mit den Trackshittaz eher ein Projekt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich endlich dort angekommen bin, wo ich mich im Großen und Ganzen akzeptieren kann – Mit all meinen Facetten und Widersprüchen. Der Mensch will immer ein schwarz-weißes Bild haben, weil wir es uns dann leichter machen. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dann müssen wir uns eingestehen, dass wir Seiten in uns tragen die nun mal widersprüchlich sind.

Das setze ich jetzt um, indem ich den Neustart und Resetbutton gedrückt habe.

Ich erstelle selber keine Barrikaden in meinem Kopf, was ich darf und was nicht.

Hast du aus diesem Grund auch deinen Künstlernamen gewechselt?

Ja! Es war mir ganz wichtig mir bewusst zu machen, dass es keine Fortsetzung von etwas ist. Man kann sich auf nichts ausruhen, was man vielleicht irgendwann mal geschafft hat. Das bin jetzt ich und endlich bin das ich, mit all meinen Seiten. Darum wird das Album auch „Poet und Prolet“ heißen.

Warum hast du dich dazu entschieden ein Album zu machen, dass keine musikalische Stringenz an den Tag legt?

Weil ich keine Schiene fahren will. Ich will auch in der Musik Mensch sein. Ich möchte nicht verheimlichen wer ich bin, oder auch eben nicht bin. Musik ist meine Art von Verarbeitung. Wenn ich mal tot bin, hat es viele Lieder von mir gegeben – In den Liedern möchte ich mich schon in Lebenszeiten so festhalten, wie ich zu der Zeit eben war. Deswegen muss ich keine Partynummer erzwingen, wenn mir nicht danach ist und umgekehrt.

Welche Seite von dir ist dir da wichtiger, die nachdenkliche oder die ausgelassene?

Es ist nicht so, dass ich zwangsläufig den Ausgleich zwischen diesen beiden Seiten suche. Wichtig ist nur, dass es der Phase entspricht in der ich mich aktuell befinde. Ich wollte die Tracks nicht nach einem strikten Kriterium aussuchen müssen. Mein Kriterium war es lediglich, dass es mir gefallen soll.

Ich habe keine Angst vor Schubladen: Wo komme ich rein? Wird es den Leuten gefallen? Werden sie es verstehen?

Wenn jeder ehrlich zu sich selbst ist, dann hat niemand nur eine Seite.

Die Poeten-Seite, also der nachdenkliche Blickwinkel, kommt zum ersten Mal auf dem Album zum Ausdruck. Mich erinnert der pop-elektronische Sound an aktuell erfolgreiche Künstler, wie Felix Jaehn. Hast du dich für diesen Sound entschieden um auf Nummer sicher zu gehen, dass auch diese neue Seite ankommen wird?

Ich habe den Gedankengang auch gehabt, aber soll ich es extra weglassen, weil es gerade „In“ ist?

Mir gefällt es, was soll ich machen. Das wäre die Beschneidung im Reverse-Sinn. Der eine sagt er darf nur Kommerz machen und der nächste will bloß weit weg von all dem. Und genau das will ich nicht. Ich will einfach nur sagen können ob es mir gefällt, oder auch nicht.

Du hast in deinem öffentlichen Leben ein paar Stationen angefahren, die untypisch für eine Rap-Karriere sind. Zum Beispiel hast du bei der österreichischen Casting-Show „Helden von morgen“ teilgenommen. Stehst du immer noch hinter diesen Entscheidungen?

Es gibt ja das Sprichwort „Im Nachhinein ist man immer schlauer“, dem stimme ich nicht zu.

Im Nachhinein hat man nur eine andere Perspektive – Vielleicht eine, die einen das Ganze mit mehr Abstand betrachten lässt. Was diesem Blickwinkel meist fehlt, ist dieses jetzt und hier Gefühl. Damals habe ich das alles anders gesehen, als ich es jetzt vielleicht tue. Ich nehme mir nicht das Recht behaupten zu können, dass ich jetzt die Wahrheit kenne. Es ist vielleicht in manchen Punkten nicht förderlich, in anderen dann vielleicht schon. Im Großen und Ganzen macht es den Weg sehr interessant, da es auch da anknüpft, wo andere sehr viele Berührungsängste habe.

In der Trackshittaz-Zeit aus du noch mit deinem österreichischen Dialekt gerappt. Hast du ihn nun abgelegt, um auch über die Landesgrenzen hinweg anzukommen?

Ich habe vor dem Trackshittaz-Projekt schon viele andere Sachen gemacht, die in diesem Stil waren. Mein Vater war da aber auch ein großer Faktor, mit dem ich von Haus aus Hochdeutsch spreche, weil er mich im Dialekt teilweise nicht verstanden hat. Weiterer Punkt ist auch, dass die Musik ernster geworden ist und ich mich so ausdrücke, dass man mich, wie ich es fühle, auch versteht.

Du wirst aktuell einem größeren deutschen Publikum präsentiert. Wie kam die Kooperation mit Sierra Kidd zustande?

In Österreich habe ich schon einen kleinen Namen. In Deutschland bin ich eher unbekannt und ich habe einen Weg gesucht, um meine Musik in Deutschland ausleben zu dürfen.

Da ist Sierra Kidd einer von denen, der offener gegenüber Neuem ist.

Ich bin ja hier ein unbeschriebenes Blatt. Er hat mir hier die Chance ermöglicht.

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