Welche Leitkultur eigentlich? (Kolumne)

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Der Plot des aktuellen BACKSPIN-Blockbusters ist schnell erzählt: Fler möchte von Niko hören, dass Kollegah keine Daseinsberechtigung hat, da er von Dingen rappen würde, mit denen er sich nicht auskenne. Als Hauptargument kommt von Seiten von Fler, Sentino und Jalil der Realness- und Authentizitätsanspruch, den Hip-Hop berge. Hin und wieder ist jedoch auch von einer Leitkultur die Rede, warum nun die Frage aufkommt, welche das denn sein sollte? Eine deutsche Leitkultur kann sicherlich nicht gemeint sein, denn die ist allgemein nicht zu erkennen und wenn überhaupt von (regionalen) Stereotypen (Trachten, Tugenden etc.) geprägt. Gemeint sein müssen die Vorbilder aus Amerika und teilweise auch Frankreich, die seit Generationen Hip-Hop leben und an denen sich Fler in Sachen Ästhetik, Swag und Groove orientiert. Eine genaue Definition darüber gibt es allerdings nicht, wie man Hip-Hop lebt. Wir haben keine Hip-Hop-Bibel oder ein Gesetzbuch, insofern kann Curse auch den Zeigefinger in der Hose lassen. Da kann man noch so oft was von den Grundsäulen faseln, es handelt sich letztlich um mündlich überlieferte Weisheiten von der Straße. Das machen Penner auch. Die Maskulin-Aussagen erinnern an Fundamentalismus ohne Fundament.

Laut Fler genügt es, von der Straße zu kommen und diese in seiner Ausdrucksform zu verkörpern, um ein Hip-Hopper zu sein. Da wäre es auch völlig legitim, sich seine Texte schreiben zu lassen, solange die den Rapper authentisch abbilden. Fler ist demnach also ein realer Rapper, weil er authentisch performen kann. Rappen könne ja schließlich jeder. Wie verhält es sich dann aber mit „Bring your skills to the battle“? Reicht da auch die Performance? Die Darbietung eines Textes, der nicht selbst ausgedacht wurde, aber so authentisch vorgetragen wird, dass nicht auffällt, dass das Kunststück fake ist. Werden Rapbattles darüber entschieden, wer die besten Schreiber rekrutieren kann? Flers Verständnis von Kunst ist noch nicht zu Ende gedacht oder nicht vorhanden. Wenn der Beef mit Kollegah wirklich keine Rolle spielen würde und es nur um Realness ginge, müsste sich Fler auch lautstark über Crack Ignaz und Yung Hurn aufregen und ein Fantasieverbot fordern.

Natürlich kommt es nicht darauf an, wer die beste Raptechnik hat, es geht hauptsächlich um Feeling und Musikalität. Es ist absolut gar nichts verwerflich daran, sich am Ursprungsort Amerika und dessen Trends zu orientieren, aber es entsteht noch lange keine Leitkultur, nur weil man es in Deutschland nicht auf die Reihe bekommt, in Sachen Rap zu experimentieren und sich als eigenständige Marke zu etablieren. Jedes Land verfügt über eine eigene Identität und Geschichte wiederholt sich nicht. Deswegen ist die 187 Strassenbande auch nicht die erste relevante Hip-Hop-Band Hamburgs, sondern, die mit „Dies ist nicht Amerika“ und „Die Kritik an Platten kann die Platte der Kritik nicht ersetzen“. Der Straßenbezug war auch damals in Form der Attitude gegeben. Für Fler und Co waren das eben keine Identifikationsfiguren, weil sie keine Leidensgenossen waren und nicht aus derselben Schicht stammten. Wie hieß es so schön in „Get Rich or Die Trying“: „People wanna see the underdog on top“. Man kann jedoch auch aus besseren Verhältnissen kommen und trotzdem ein Underdog sein. Hier die Gemeinsamkeiten zu erkennen, ist nicht immer leicht, wenn der Alltag davon bestimmt ist, zu sehen wie es anderen besser geht. Da wird aus einem Mittelstandskind schnell ein Bonze gemacht. Umgekehrt werden Jugendliche aus schlechteren Verhältnissen schnell als asozial abgestempelt. Dass es auch ein Miteinander geben kann, hat sich doch gerade in der Zusammenarbeit von Beginnern und 187ern gezeigt, oder war das nur Business?

Was wissen Flers Fans eigentlich über diese Kultur, die sie angeblich leitet? Auf der Straße bekommt man für „Each one, teach one“ wohl nur fragende Gesichter oder hämisches Gelächter. Überhaupt müsste Fler am besten wissen, dass Kultur keine abgeschlossene homogene Einheit ist, sondern von Entwicklungen lebt. Ansonsten hätte er mit Aggro Berlin keinen Fuß in die Tür gesetzt bekommen, wie die Generation vor ihm übrigens auch nicht und die Zulu Nation und andere würden über Hip-Hop bestimmen. Wenn Hip-Hop so verstanden werden soll, dass er anderen vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben, kann er ruhig zur Ideologie verkommen und vor sich dahinsiechen.

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6 Comments

  1. Manfred Mueller

    30. März 2016 at 22:08

    Das ist eine Meinung von Tausenden, die Fler da abgibt. Wo kommen wir denn dahin, dazu ein Glaubensbekenntnis abzugeben. Es gibt kein Diktat im HipHop. hipHop ist frei!

  2. Ludo

    16. März 2016 at 13:04

    Was Hip-Hop betrifft ist das schon ganz richtig kommentiert.
    Alles andere hast du falsch verstanden. Es war nämlich schon ganz klar, was Fler mit (deutscher) Leitkultur meint: Straße, Assi, Prekariat … Unterschicht – je nachdem von wo man kommt, wird man es wohl anders bezeichnen, gemeint ist aber immer dasselbe. Fler geht’s, so wie ich das verstanden habe, weder um bayerische Brezeln, noch um die amerikanische Hip-Hop-Leitkultur. Es geht ihm darum, dass immer mehr Leute in Deutschland da herkommen, wo er hergekommen ist. Das ist die neue Realität. Das ist die neue “Leitkultur”. Unglücklich gewähltes Wort vielleicht in dem Zusammenhang, aber es stimmt schon. Und wenn er sich darüber ärgert, dass Böhmermann sich darüber lustig macht, oder es auch nur persifliert, dann ist das auf einer persönlichen Ebene vielleicht dünnhäutig. Wenn man’s so wie er aber auf die ganz große gesellschaftliche Ebene heben will, dann macht sich da ein Mittelschicht-Polizistenkind über eine ganze Assigeneration lustig. Und wenn der erfolgreichste Rapper derjenige ist, der’s am besten persifliert, dann ist das zwar kein Armutszeichen für den Hip-Hop, dafür aber für die Gesellschaft.
    Also wenn ihr mal über euren gekränkten Hip-Hop-Horizont blicken würdet und euch nicht darauf versteift, dass Fler jetzt jedem vorschreiben will, wie Hip-Hop zu funktionieren hat, muss man zugeben, dass er da einen interessanten Punkt angesprochen hat.

  3. mk

    8. März 2016 at 20:42

    sie meinten leidkultur du pfeiffe

  4. Pingback: hinten scheißt die Kuh! #FlerrulesHipHop #sometimes #never

  5. Fler

    8. März 2016 at 18:24

    Kollegah verkauft aber mehr als ich :'( das ist ungerecht :'( :'( :'( Er ist Fake ich bin Real :'( :'(

  6. Viktor

    8. März 2016 at 12:53

    Text trifft den Nagel auf den Kopf

  7. Sven Katmando Christ

    7. März 2016 at 22:46

    Was ist denn das für ein Text? Das ist absoluter Mist!

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