„We Strapped Bro“ – Ein Plädoyer für Sierra Kidd

Plädoyer für Sierra Kidd

Über kaum einen Rapper gibt es derzeit einen so uniformen Konsens wie über Sierra Kidd: Ein abgehobener, realitätsferner Jungspund, der mit der übermäßigen Benutzung von Anglizismen das Gespött der Leute auf sich gezogen hat. Sein übertriebenes Waffengelaber und der angebliche „Struggle“, der sich durch sein Leben zieht, seien komplett erlogen, da er ja mit seinem Milchbubigesicht wohlbehütet aufgewachsen ist. Auch sein Sound ist komplett von seinen amerikanischen Vorbildern abgekupfert und in Kombination mit seinen alten, emotionalen Tracks ein zu krasser Kontrast, als dass jemand sowas feiern könnte. Das Internet also mal wieder in Bestform. Wer unseren Soundcheck gelesen hat weiß, dass ich „Rest in Peace“ acht von zehn möglichen Punkten gegeben habe, weil es meiner Meinung nach bisher eines der besten Deutschrap-Alben dieses Jahr ist. Außerdem bin ich der Meinung, dass viel von dem Hate, den er abbekommt, unberechtigt ist und viele seiner Hater einfach nur Teil der Welle sein wollen, die momentan in sämtlichen Kommentarbereichen über Kidd hereinbricht.

Reden wir direkt weiter über „Rest in Peace“: Deutschrap ist für mich momentan in einer zwiespältigen Lage: So erfolgreich und populär wie nie zuvor ist es inzwischen keine Seltenheit mehr, wenn Rapsongs im Radio laufen. Jeder hat plötzlich das Zeug zum Rapper, egal ob YouTuber, Gangster oder Student. Jedem wird Dank des Internets eine Plattform geboten, auf der man seine Musik in die Welt tragen kann. Es gibt mehr Rapper als je zuvor, auch weil die Interessen der Konsumenten sich immer verändern. Mir ist Deutschrap aber, gerade jetzt, an vielen Teilen zu langweilig. Bei der Flut vom sogenannten „Kanacken-Rap“, von dem ich immer ein großer Fan war, fühle ich mich inzwischen einfach übersättigt. Auch, oder gerade weil, seit KMN und „Palmen aus Plastik“ gefühlt jedes dritte Lied, egal ob Newcomer oder gestandener Rapper, mit afrikanisch angehauchten Rhythmen unterlegt ist. Da ging es mir ähnlich wie bei Fidget-Spinnern: anfangs noch ganz cool, irgendwann dann aber nur noch langweilig.

Und zwischen all diesen Bei-Gutem-Wetter-Einen-Zehner-Haze-Im-Freibad-Rauchen-Tracks hat für mich immer etwas gefehlt, was Kidd perfekt gefüllt hat: Ein Sound, der dem aus den USA ähnelt, dabei aber noch die eigene, deutsche Note aufgedrückt bekommt. Ein anderer Verfechter genau dieses Sounds ist auch jemand, der früher nicht gerade für sein futuristisches Klangbild bekannt war: Fler. Ein weitläufig bekannter Vorwurf gegenüber Kidd ist eben der, dass seine Tracks zu stark nach seinen Vorbildern Travis Scott oder Kid Cudi klingen. Vergessen die Kritiker dabei, dass die komplette Afrotrap-Welle ein zu eins aus Frankreich kopiert wurde? Bei manchen Tracks, zu denen sich echte Gangster in Dorfdiscos unkontrolliert bewegen, haben sich die Künstler nicht einmal die Mühe gemacht, den Beat oder den Flow vom Original zu ändern. Warum ist das dann bei Sierra Kidd, dem man definitiv kein eklatant freches Klauen, sondern eher ein hohes Maß an Inspiration, zuschieben darf, schlimmer? Weil man die Einflüsse selbst kennt, weil es eben aus einem Land stammt, dessen Sprache man besser spricht als Französisch? Oder einfach, weil es leichter ist, sein Fähnchen in den Wind zu hängen?

Viele Leute beschweren sich auch über Kidds Vergangenheit, in der er, damals noch ohne sein Gesicht zu zeigen, sehr sentimentale Musik auf Raf Camoras Label Independenza gemacht hat. Thematisiert wurde damals seine Schulzeit, seine Gefühlslage während seiner Jugend und Probleme, die damals schon erstaunlich reflektiert bearbeitet wurden. Entdeckt wurde er von Hadi El-Dor, der ja schon immer ein Ohr für Newcomer aus dem Genre hatte. Durch ihn kam er schließlich zu Raf, wo seine Karriere schnell beflügelt wurde. Bis ins Fernsehen schaffte es Kidd sogar, als er beim „Bundesvision Song Contest“ von Stefan Raab für sein Bundesland Niedersachsen antrat und den 13. Platz belegte. Stück für Stück wurde diese Musik immer weniger sentimental, dafür Trap-lastiger und einfach anders. Und dieses „anders sein“ passt für viele nicht in das Bild, was sie von dem Jungen von damals im Kopf haben. Die meisten Leute, die unter seinen Videos kommentieren, dass er mit seiner Musik von damals nicht in das heutige „Bild eines Rappers“ passt, sind aber mit Sicherheit keine verbitterten Fans der ersten Stunde, sondern neu dazugekommene Hater, die nach ein paar Interviews der Überzeugung sind, Sierra Kidd sei ein Vollidiot.

Vorhin habe ich schon über Fler gesprochen, der für mich momentan mit Kidd die beste deutsche Rapmusik macht, da er weggeht von dem konventionellen Bild des „Rappers“. Früher war Fler nämlich genau das. Von der Straße, für die Straße, hart sein, coole Reime und so weiter. In den letzten Jahren, namentlich seit „Unterwegs“, hat er eine so drastische Veränderung durchgemacht, dessen Ergebnis der beste Fler aller Zeiten ist. Besonnen beendet er jahrelang andauernde Beefs, investiert Tausende von Euros in die bestmöglichen Liveshows und macht Musik, wie sie niemand sonst in Deutschland macht. Bei ihm wird eben diese Veränderung, gerade im Internet, oft hoch gelobt und er dafür gefeiert, seine alte Schiene verlassen zu haben.

„Man musste das alte Bild von Sierra Kidd töten, damit das neue funktioniert.“

 

Wieso ist es dann also verwerflich, dass der sehr junge Manuel nicht sein Leben lang Musik machen will, die 13-Jährige Mädchen bei ihrem ersten Herzschmerz ihr „Wendy“-Magazin in Tränen tränken lässt? Jeder Mensch verändert sich mit der Zeit, ob man will oder nicht. Das gilt sowohl fürs Leben als auch für die Musik. Nur bekommt man das eben um so besser mit, wenn die besagte Person seit ihrem 17. Lebensjahr im Fokus der Öffentlichkeit steht. Da fällt es dem „neutralen“ Beobachter natürlich leicht, von der Seitenlinie aus im Schiedsrichterstuhl zu beobachten und zu bewerten, was da gerade mit diesem jungen Mann während seiner Adoleszenz passiert. Ob das wahr und richtig ist, ist dabei die andere Sache. Keiner weiß genau, wie hart oder weich die Kindheit von Sierra Kidd war, unter welchen Verhältnissen er großgeworden ist und warum zur Hölle er sich das Gesicht volltatoowiert. Aber wer sind wir, dass wir darüber urteilen dürfen? Natürlich stellt sich Kidd durch seinen Beruf zwangsläufig in das Auge der Öffentlichkeit, allerdings muss man dann nicht auf Teufel komm raus versuchen, ihn aufgrund (angeblich) fehlender Kredibilität zu diskreditieren.

Natürlich wirken seine Interviews oft gestellt und gerade die Anglizismen sind vielen Zuschauern ein Dorn im Auge/Ohr. Aber ich denke mir dann immer, wie ich wohl drauf wäre, wenn ich seit vier Jahren im Rampenlicht stehe und mit 17 Jahren schon in den Top 10 der Charts war, dazu bekifft in einem Interview sitze und dort mit einem meiner besten Freunde und Marvin Game die Musik höre, die ich von Null auf komplett selbst gemacht habe. Ob ich mir auch das Gesicht mit meinem Team zutatoowieren würde, sei jetzt mal so dahin gestellt, allerdings rechne ich Kidd genug Intelligenz zu, diese lebenslange Entscheidung nicht aus Jux auf seinem Rapperfilm heraus gemacht zu haben.

All das Geschriebene ist natürlich nur meine Blickweise auf das ganze Geschehen rund um Sierra Kidd. Die Meinungen können, und sollen, natürlich auseinander gehen. Allerdings finde ich es einfach unfair, seine Zielscheibenrolle weiter auszuführen. Sehr gespannt bin ich auf seine weitere Karriere, da er ja selbst im Interview mit Zino BACKSPIN schon gesagt hat, dass mit „Rest in Peace“ sein altes Ich offiziell beerdigt ist. Im Oktober soll schon ein weiteres Album kommen, eine Arbeitsmoral, von der sich der eine oder andere Rapper gerne mal eine Scheibe abschneiden könnte. Bis dahin bin ich sehr gespannt, wie die Wahrnehmung von Kidd sich bis dahin geändert hat, oder eben nicht.

The following two tabs change content below.
Intelligent, Gutaussehend, Bescheiden.

4 Comments

  1. Ichbin23JahreAlt

    19. Juli 2017 at 15:23

    Am Ende wird es so sein, dass die Leute die jetzt als seine „Hater“ hingestellt werden ihm mehr geholfen haben werden als diejenigen die alles beschönigen. Dabei muss man unterscheiden zwischen purem Trolling/Hate und wirklicher Reflexion seiner Person.
    Sierra Kidd beschwört gefühlt in jedem 2. Satz die Geister der Realness. Schwadroniert wie echt und unverfälscht doch alles sei und dass er nichts vor seinen Fans verbergen wolle. Im nächsten Moment zieht er ein paar Gram Gras aus der Tasche (im Hiphop.de Interview mit Aria) um seine Connections und Credibility zu untermauern oder faselt im Halbenglisch von Knarren (Hot Box Interview mit Marvin Game). Das wird ihm hier entschuldigt, denn er wäre ja bekifft und würde mit seinen Freunden da chillen und jüng wäre er ja auch noch.
    Nun was entschudligt dann sein Verhalten bei Aria? Ein paar Gramm gras kriegt jeder Dorftrottel ran und wenn er doch so ein krasser Kiffer wäre warum verändert sich dann seine ach so reale Person so krass nach ein paar Jointzügen? Müsste er nicht souveräner damit umgehen können? Genau so mit der Situation, dass er gefilmt wurde? Immerhin ist er mittlerweile Jahre lang in diesem Geschäft und hatte mit erfahrenen Leuten wie El-Dor Raf Camora, Vega etc zu tun.
    Warum redet er von Xannys poppen, wenn das eine doch sehr unübliche Medikation bei Schlafstörungen im deutschen Raum ist? Warum redet er von Lean? Eben weil er seinen Vorbildern nacheifern will und nicht aus einer eigenen Souveränität heraus. Das ist keine Realness, das ist stumpfen nachplappern. Lil Durk wird sich einen Scheiß für den dicken deutschen Jungen interessieren dessen Gangnamen der sich ins gesicht gedruckt hat. Würd mich interessieren ob die sich jemals im Leben persönlich gesehen haben oder wie rege deren Austausch über die OTF Gang so ist.
    Wenn man ihm ernstahft aufzeigt wie sehr sich sein Selbstbild von seiner tatsächlichen Persona die er abgibt unterscheidet, dann hilft man ihm einfach viel mehr als ihm alles durchgehen zu lassen.
    Man sagt so schön: So lange wir deine Musik lieben kannst du machen was du willst und wir verzeihen dir alles. Bei so labilen Charakteren wie Sierra Kidd kann man das evtl mit Kurt Cobain vergleichen und wie das bei dem ausgegangen ist wissen wir alle. Oder aktuell bei R.Kelly bei dem weiß man seit Jahren, dass der ein Freak ist aber hey, es ist R. Kelly..
    Rüttelt den Burschen lieber wach und wiegt ihn nicht weiter in den Schlaf wo er seine Traumspinnereien auslebt.

    • Marvin

      19. Juli 2017 at 15:45

      Sehr schöner Kommentar, erstmal vielen Dank, dass du dir die Mühe und Zeit genommen hast! Im Endeffekt hast du natürlich in vielen Aspekten Recht, allerdings spreche ich mit dem Text auch größtenteils eben diese Trolle&Hater an, die du erwähnt hast. Natürlich sieht man in Kidd viel von seinen Vorbildern, aber ob und inwieweit das wirklich „Er“ ist, wird sich, für mich, in den nächsten Jahren zeigen. Ich habe mit meinem Text sein Verherrlichen von Drogen ja auch nicht entschuldigt, sondern versucht, eine andere Blickweise darauf zu haben und das von dieser Perspektive aus zu bewerten. Insgesamt wäre es mir auch lieber, wenn er eine Spur zurück treten würde und sich noch mehr auf die Musik konzentriert, die mir ja jetzt schon extrem zusagt. Er meinte ja auch selbst, dass er sich erstmal etwas Zeit für sich nehmen will, was ihm vermutlich auch gut tut. Dir nochmal vielen Dank für den Diskurs, gibts hier sonst kaum!

  2. wasgehtab1

    19. Juli 2017 at 14:03

    cool, jemand mit Ahnung

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.