Hip-Hop und die Hochkultur: Wasis Textbuch in Sammlung des Stuttgarter Stadtmuseums aufgenommen

Wasi

Über zwanzig Jahre ist es inzwischen her, dass mit „Kopfnicker“ von Massive Töne (1996) ein für die deutsche Rapszene stilprägendes Album erschienen ist. Heute werden immer noch Lieder dieses Albums wie „Nichtsnutz“ und „Unterschied“ von zahlreichen Rappern zitiert, interpretiert und neu aufgelegt.
Einen Großteil dazu trug Duan Wasi bei, der über seine Texte auf dem Album hinaus für die gesamte Produktion der Platte zuständig war. Nachdem das Album bei der Veröffentlichung 1996 in den Rap-Medien anfangs kaum Beachtung fand und erst recht keine Chartplatzierung landen konnte, ist im Laufe der Jahre deutlich geworden, wie musikalisch und textlich revolutionär der Kopfnicker-Sound war. Es ging später so weit, dass Kritiker ihre anfänglichen Rezensionen sogar offiziell revidierten. Wenn wir das Ganze also mal von rein musikalischer Seite betrachten, wird klar, dass ein Album seine letztliche Position im kulturgeschichtlichen Kontext immer erst rückblickend zugewiesen bekommt. Es ist ja auch logisch, das kurzfristige Indikatoren wie Verkaufszahlen, Chartplatzierungen etc. keine Aussage über den kulturhistorischen Einfluss machen.

Wasi

Credit: Duncan Smith

Wasis Textbuch

So ergibt es sich nun über diese historische Relevanz, dass sich das Stadtmuseum in Stuttgart außerordentlich erfreut zeigt, mit der Aufnahme des Textbuchs von Wasi in die kulturhistorische Sammlung ein‚ überaus relevantes, weil stilbildendes Zeitdokument ausstellen zu können. Einmal als originales Artefakt der Szene, und weiter im übergeordneten Kontext junger deutscher Dichtkunst.

Das Museum befindet sich im neueröffneten und renovierten Wilhemspalais, in dem früher die Stadtbibliothek Stuttgart war. Das passt also schon mal, auch wenn Wasi dort früher eher nicht anzutreffen war, im Zwiegespräch mit sich selbst unter dem Einfluss bedeutender deutscher Dichter und Lyriker, ist es interessant zu erwähnen, dass von literaturwissenschaftlicher Seite schon seit längerer Zeit Vergleiche zwischen Wasis Solotrack „Nichtsnutz zu Joseph von Eichendorffs Schlüsselwerk „Aus dem Leben eines Taugenichts“ gezogen werden.

„Jede Epoche hat Ihre Protagonisten, Helden und Antihelden. Ich selber möchte nicht behaupten, dass ich dem Vergleich mit Eichendorff standhalten kann, dessen Werk eine 200 Jahre alte Rezeptionsgeschichte  vorweist.“

 

Die Ausstellung

Die Dauerausstellung soll sich in der Sektion ‚Mutterstadt’ unter anderem damit beschäftigen, warum gerade Stuttgart der Geburtsort so vieler wichtiger Beiträge zur Hip-Hop Kultur ist.

Wasi sagt dazu:


„Die Relevanz einer Stuttgarter Bewegung, eingeleitet durch die Fantastischen Vier und manifestiert durch die Kolchose während der Kopfnicker Era steht außer Frage. Diese ist in Stuttgart über mehrere Generationen stark gesellschaftlich verwurzelt. Es herrscht ein tiefes Wissen und Verständnis um die Zeichensysteme und unterschiedlichen Ausprägungen der Hip-Hop Welt.
Darüber hinaus werden alle sozialen Milieus mit der offenen Zusammenarbeit im Hip-Hop Business vereint. Das ist etwas Einzigartiges. Da ist es sehr erfreulich, dass dies von einer städtischen Institution erkannt und gewürdigt wird.“

 

 

 

Bedenkt man, dass die Hip-Hop-Kultur bis heute, trotz ihrer bereits über 30-jährigen Geschichte und des offensichtlichen Einflusses auf die Pop-Kultur, oft noch missverstanden und als dumm abgetan wird und dass die Diskussion über die Vereinbarkeit von Subkultur und Hochkultur schon fast genauso lange geführt wird, ist die Aufnahme des Textbuches in die Dauerausstellung des städtischen Kulturbetriebs als elementarem Bestandteil ein wichtiger Beitrag in dieser Debatte. Aber ist es überhaupt wichtig, dass Hip-Hop auch als Hochkultur angesehen wird?

„Diese Frage ist gut, sie könnte aus den 90ern stammen, nach damaliger Begrifflichkeit als Subkultur wurde der Anspruch erhoben, sich als Gegenbewegung zu jeglicher Hochkultur zu definieren. Ob jetzt als Hochkultur angesehen oder nicht, ist einmal etwas veröffentlicht, verliert der Künstler selbst den Einfluss darauf, wie die Arbeit rezipiert und schließlich bewertet wird. Ähnliches passiert ja auch in der Graffiti-Szene. Mir fällt da eine Geschichte von Banksy ein. Ein Banksy Piece wird in London entdeckt und als solches inmitten von vielen weiteren sogenannten Streetart-Motiven und Stencils identifiziert. Was dann passiert, ist, dass alle Bilder um das Banksy Piece herum von den städtischen Reinigungsdiensten per Sandstrahler entfernt werden, nur der Banksy wird stehengelassen. Hier hat der Künstler keine Handhabe mehr auf Rezeption und Bewertung seines Werks.
Manch einer wird nun aufschreien und behaupten, dies sei ein typischer Fall  für die Doppelmoral, mit der Kunst seit jeher kategorisiert wird. Dass die Vereinnahmung von Kunst sich letzten Endes immer auf eine durch Wertschöpfungsketten geprägte Gesellschaft zurückführen lässt und dieser unterliegt.. Es könnte aber auch sein, dass um das Banksy Piece herum nur stumpfsinnige Toilettenkritzeleien zu sehen waren […]Gekritzel, Fäkalsprache, postpubertärer Unsinn eben.[…] Ich persönlich hätte die Wand im Ganzen belassen.“

 

Inwiefern sich durch die Aufnahme des Textbuches und weiterer Objekte der Stuttgarter Hip-Hop Bewegung in die Dauerausstellung des Museums, die Wahrnehmung der Hip-Hop-Kultur als potentielle Hochkultur verändert, ist abzuwarten. Klar ist bis jetzt nur, dass der  klassische Kulturbetrieb sich bewusst auf das Movement zubewegt.

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Stuttgarter Heidelberger, der in Hamburg ist, sich in der Musik zuhause fühlt und von Hannes Wader erzogen wurde Hip-Hop zu lieben.

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