Das geht beim neuen Kendrick Lamar Video!

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Wann passiert es schon mal, dass Old- und Newschool Fans gleichermaßen zivilisiert über das selbe Video diskutieren? Richtig: Wenn Kendrick Lamar ein neues Video veröffentlicht. Der Rapper aus Compton hat es in den letzten Jahren geschafft, sowohl die „alten“ als auch die „neuen“ Raphörer für sich zu gewinnen, was in Zeiten der klaren Abgrenzung definitiv etwas besonders ist. Das liegt aber nicht daran, dass Kendrick so ein netter Typ ist (okay, auch), sondern daran, dass er einfach unfassbar gute Musik macht. Dazu kommt eben auch, dass fast alle von Kendricks Videos mit Metaphern überladene Kurzfilme sind, die Interpretationsspielraum in alle Richtungen zulassen. Eben diesen Interpretationsspielraum mache ich mir hier zu eigen und versuche, im Ansatz zu erklären und zu verstehen, was Kung Fu Kenny uns da im Video zum Song „Element“  zeigen will. Das schöne am interpretieren ist, dass es von Person zu Person zu anderen Ergebnissen kommt. Das heißt also nicht, dass untenstehend DIE Erklärung für das Video ist, sondern MEINE. 

 

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Das Video beginnt mit einer Hand, die langsam aus einer Wasseroberfläche auftaucht. Ein paar kurze Cuts und anschließend sieht man einige schwarze Menschen regungslos vor einem brennenden Haus stehen. Der Kontrast zwischen dem Wasser und dem anschließenden Feuer könnte eine Anlehnung aus dem Film „The Mirror“ von Andrei Tarkovsky sein. Tarkovsky war schon damals für extrem wirre, kryptische Filme und Darbietungen bekannt, was ja auch bei Kendrick öfter der Fall ist. element

Weiter geht es mit Kendrick, wie er in die Kamera rappt. Eigentlich sieht alles relativ normal aus, bis auf den Fakt, dass sein weißes Shirt mit Blutspritzern besetzt ist. Allgemein ist er in dem Video ähnlich aggressiv, wie es schon bei D.N.A der Fall war. Einmal sieht man in einen am Boden liegenden Mann mit der flachen Hand schlagend, ein anderes Mal wie er mit einem Billiardkö jemandanderes attackiert. Im Video sieht man außerdem desöfteren Schlägereien unter schwarzen Männern, unter denen irgendwo immer Kendrick ist.

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 Er schlägt sich nicht mit ihnen, steht aber in der Nähe. Auffällig dabei ist auch, dass bei jeder Schlägerei mehrere Leute Handys in der Hand haben, um das Geschehen zu filmen. Das kann eine Kritik an der heutigen sensationalistischen, aber auch Handyabhängigen Gesellschaft sein, die sozusagen die Welt nur noch den Bildschirm wahr nimmt. Des Weiteren sieht man Kendrick eben oft gemeinsam mit einem Pulk an Gangstern, beispielsweise zu fünfzehnt in einem Auto oder auf ein Opfer zurennend. Diese Bilder sollen den Ganggedanken von Kendricks Heimat, Compton, verdeutlichen. Junge Schwarze führen ein perspektivloses Leben und flüchten sich in die vermeintlich schützenden Arme einer Gang, wo sie schnell Kriminell werden und es immer wider zu sehr frühen Toden kommt. Kendrick spricht in seinen Texten oft von seiner Heimat und den dort herrschenden Missständen. 

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In den Videos zu „To Pimp a Butterfly“ war er öfter alleine unterwegs und es ging um Probleme oder Themen mit sich selbst. Bei den Videos zu „Damn“ sieht man ihn fast immer umzingelt von den oben genannten Gruppen. Als würde Kendrick nach seinem ganzen Erfolg zurück zu den Wurzeln kehren, und dort seinen Alltag wiedererleben.

In einer anderen Szene sieht man einen Vater, der seinem Sohn sehr energisch versucht beizubringen, sich richtig zu verteidigen. Er hält seine Arme in die Luft und zeigt ihm, wo er im Gesicht treffen muss. Der Junge ist von der Situation nicht wirklich angetan, wirkt etwas unbeholfen.element Der Vater will ihn für das harte Leben vorbereiten, so dass sein Junge nicht von den vielen Gefahren, die dort lauern, aufgefressen wird. In einer späteren Szene sieht man das Kind mit zwei Freunden an einem Zaun stehend und mit einer kleinen Pistole in der Hand. Er zielt auf ein vorbeifahrendes Auto und tut so, als würde er abdrücken.

elementKurze Zeit später sieht man den Vater des Kindes in einer neuen Umgebung in einem Anzug, vollkommen blutüberströmt mit einer Schusswunde. Obwohl kein bestätigter Zusammenhang der beiden Szenen besteht, ist die Metaphorik dahinter definitiv diese, dass der Vater seinem Sohn die Verteidigung beibringen wollte, der Junge dann aber durch das harte Umfeld in Compton auf die falsche Bahn abgerutscht ist, was er ja verhindern wollte. Ob der Schuss, der den Vater umgebracht hat, tatsächlich vom Sohn abgefeuert wurde, ist aber nicht klar. In einer späteren Szene sieht man (vermutlich) den Sohn, deutlich älter, wie er einen anderen schwarzen Mann mit voller Kraft ins Gesicht haut. Die Szene ist, warum auch immer, irgendwie nicht so gut inszeniert, da der Schlag klar erkennbar Fake ist. Das Opfer fällt kurz nach dem Einschlag nach hinten um und Blut spritzt aus seinem Mund. Wieder ein Bildnis der gewalttätigen Situation, von der Kendrick so oft spricht.

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Eine weitere, kurze, aber dennoch vielsagende Szene, spielt sich in der Mitte des Videos ab. Durch ein paar Gitterstäbe sieht man vier junge weiße Männer, die, ihrer Kleidung nach zu urteilen, im Gefängnis sitzen. Ihre Blicke sind leer. Damit will Kendrick vermutlich die Tatsache ansprechen, dass die Mehrheit der Gefängnisinsassen in den USA Schwarz sind. Indem er weiße, eingesperrte Männer inmitten des von Gangkriminalität heimgesuchten Videos platziert, sendet er damit ein starkes Signal. Ob das jetzt heißen soll, dass auch weiße Probleme haben, oder ein bewusst gewählter Kontrast zu dem eigentlichen Bild ist, bleibt ungewiss.

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Man könnte jetzt noch fünf Stunden jedes kleine Detail des Videos auseinanderpflücken und versuchen, jede Kameraeinstellung zu deuten. Das würde allerdings den Rahmen und vermutlich eure Aufmerksamkeit sprengen. Ich habe mich einfach an ein paar Bildern und Bildnissen versucht, und  das niedergeschrieben, was mir dabei in den Sinn kommt. Im Endeffekt ist die Quintessenz des Ganzen aber völlig klar: Kendrick bleibt weiterhin ein Genie in seinem Bereich, vereint Fanbases weltweit und macht dazu noch gute Musik. Wo ist also das Problem? Das ganze Video seht ihr hier:

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