Waldo The Funk: „Was sagt es über die Intelligenz eines Menschen aus, wenn er ein 1,0 Abi hat?“

Schon seit dem späten 19. Jahrhundert gilt die Sonntagsruhe in Deutschland als gesetzlich geregelt und geschützt. Viele Dekaden später leben wir in einer Zeit, die schnell und hektisch verläuft. Großindustrielle Hallen, in denen die Arbeit nie still gelegt wird, beheimaten meterhohe Maschinen, deren Auslastungszeit schier unendlich zu sein scheint. In dieser Zeit ist es beruhigend zu wissen, dass es noch einen Tag gibt, an dem das Gros unserer Gesellschaft zur Ruhe kommt. Entschleuningung ist nicht gleichbedeutend mit Stillstand.
Übersetzt man „Sonntag“ ins Spanische, erhält man das Wort „Domingo“, was uns zu Waldo The Funk führt. Dem Heilbronner Rapper merkt man schnell an, dass er ein ruhiges Gemüt inne hat, was von seinen zwanglosen Raps unterstrichen wird. Auf seinem Debütalbum „Domingo Vogel“ wird mit Brenk, Dexter, Dramagdigs, Enaka, Fid Mella, Maniac und Audio Dope mal kurz ein Querschnitt der talentiertesten Produzentenriege des deutschsprachigen Raumes vereint. Wir haben den Wortsportler zum Gespräch über sein Softdrinklife,  das Bildungssystem, die gesellschaftliche Stellung als Rapper – und natürlich sein Album gebeten. „Domingo Vogel“ erscheint am Freitag.

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Stefan Schanzenbach

Du fragst dich in einem Song, was dir Internetfame und Medienhype bringen sollen. Warum sprechen wir dann miteinander?

(lacht) Sehr gute Frage. Es ist nicht so, dass ich davon nichts halte, aber was bringt mir das für mein Leben? Natürlich mache ich jetzt hier diese Promotion und nutze diese Wege, wie jeder andere Musiker auch, um weiter zu kommen. Für mich persönlich aber – in dem Song geht es um mein persönliches Standing, um mich als Mensch und vielleicht auch um mich als privaten Menschen – ziele ich eher darauf ab, dass man jetzt nicht weiter meinen Charakter formt. Manch anderer verspricht sich vielleicht bekannter zu werden. Musik formt mich und erfolgreich darin zu werden vielleicht auch, aber dieser Hype und dieses Aufgebauschte, wo immer ein bisschen zu viel Wind in die Segel geblasen wird, da muss ich mich persönlich fragen, was mir das bringt. Es ist sehr differenziert.

Manchmal, wie jetzt in der Promophase, nervt dich doch sicherlich auch alles mal. Ist Hip-Hop dann wirklich immer?

Was heißt genervt? Man muss natürlich unterscheiden: Hip-Hop ist für mich auf jeden Fall immer. „Hip-Hop ist immer“ bedeutet, dass ich meine Musik hören und machen darf – also nicht meine Musik, sondern Musik, die ich mag. Das bedeutet auch, dass ich Musik mit anderen Menschen machen darf oder mich mit Freunden unterhalten kann. Dann ist Hip-Hop immer. Oder wenn ich über einen Typen lache, der ein nices Outfit hat, wie zum Beispiel ein Opi in einem alten Fubu-Shirt, das er von der Diakonie hat. Dann ist Hip-Hop immer. Natürlich bin ich jetzt nicht genervt von allem, aber dass die Promo nicht zu meinen Favoriten gehört, das geht ja nicht nur mir so.

Glaubst du denn, dass man in Zeiten von schlimmen Klischee-Tatorten (mit MC Fett und MC Krieger in den Hauptrollen) als Rapper oder Vertreter der Rapszene eine gesellschaftliche Stellung inne hat, die nicht ernst genommen wird?

Ich glaube, dass man dieses Problem stellenweise auf jeden Fall noch hat. Es gibt so einen Querschnitt durch die Gesellschaft. Ich würde sagen, dass alles was unter 30 Jahren alt ist, da völlig anders denkt als alles, was über 30 Jahre alt ist. Selbst die Leute aus der ersten Generation Hip-Hop, die damals vielleicht das Beginner-Album als ersten Berührungspunkt hatten, sind ja heute noch voller Vorurteile, obwohl es eigentlich junge Menschen sind mit Anfang/Mitte 30. Da muss man schon wirklich in to gewesen sein.

„Hip-Hop ist jetzt ein Medium, das vielleicht einer Phantasiewelt entsprungen ist und kein Alter besitzt.“

Es wandelt sich aber gerade, glaube ich, weil Hip-Hop so all over ist, dass es nicht mehr andauernd verarscht wird. Ich denke da an Haftbefehl, der bei Circus Halligalli vorgeführt wurde, wo ich mir denke: „Wieso ladet ihr den ein, wenn ihr den als Künstler respektiert und cool findet und steckt ihn in diese Straßenecke?“ Die haben ihn in eine Schulklasse gesteckt und die Kinder haben ihn mit geskripteten Fragen gelöchert. Da gab’s dann Fragen wie: „Was ist denn, wenn ich hier der Babo bin. Darf ich die anderen dann verhauen?“ So behinderte Stigmata halt. Das sieht man immer noch, aber ich glaube, dass es auf der Straße bei jungen Leuten vollkommen anders ist.

Hat’s Deutschrap mittlerweile aus der Midlife Crisis geschafft?

Ich würde sagen ja. Ich würde sagen, Hip-Hop ist jetzt ein Medium, das vielleicht einer Phantasiewelt entsprungen ist und kein Alter besitzt. Vielleicht so eine Art Gott, der einfach nicht altert und sich immer wieder der Zeit, den Jahren, Bewegungen und Strömungen anpasst und einfach nicht mehr weg geht, weil er unsterblich ist.

Mal was anderes: Wie viel Zeit hast du in deiner Jugend vor dem Fernseher verbracht?

Es ist natürlich etwas offensichtlich, aber ich würde schon sagen relativ normal viel. Ich habe es auch voll genossen draußen zu sein, so ist’s nicht. Meine Mutter hat auch immer darauf geachtet, dass ich nicht so viel gucke, aber irgendwie hatte es auch immer etwas Beruhigendes. Ich bin eben ein Träumer und dieses Fenster zu einer anderen Welt hat mich immer beruhigt als Kind. Da durfte ich ab und zu meine Lieblingssachen geguckt.

Es zieht sich ja schon durch das Album. All diese Anspielungen auf Karate Kid, die Ninja Turtles oder White Men Can’t Jump.

Ehrlich gesagt war es nicht so gezielt geplant, dass so viele Links zu den neunziger Jahren auf dem Album vertreten sind. Das hat jetzt auch keine tieferen Gründe. Das ist einfach der Art der Songs zu schulden. Ich mag es, sie in Verbindungen zu setzen – auch in die Vergangenheit. Bei Daniel San, beziehungsweise „Daniel Sohn“, sage ich ja auch in der Bridge: „Aussagen, rechte Hand. Polarisieren, linke Hand. Aufgaben, rechte Hand. Funktionieren, linke Hand“ und das ist eben diese berühmteste Szene aus Karate Kid, in der Mister Miyagi Daniel San beauftragt das Auto zu polieren und dieser sich fragt, warum er das machen soll. Und er sagt zu ihm: „Polieren, rechte Hand. Auftragen, linke Hand“ und das habe ich umgemünzt auf die Deutschrapszene – das steckt dahinter.

 

Was ist das eigentlich für ein Sample auf deinem Album, das Fid Mella benutzt? Ich würde auf einen österreichischen Song aus der NDW-Zeit tippen.

Ja, tippe ich auch, aber ich sag’s dir ganz ehrlich: Selbst wenn ich das wüsste, würde ich es dir nicht verraten. Das Sample ist heilig und das muss man auch nicht spreaden. Du bist nicht der Erste, der danach fragt. Da muss man einfach die Kunst schätzen, dass Mella so tief gräbt, dass man das nicht herausfindet. Das finde ich auch gut.

Die Beats auf dem Album kommen mir generell so vor als würden sie den aktuellen Zeitgeist im Subtext mitnehmen. Wenn man sich dazu ein Genre ausdenken müsste, wie es Journalisten ja ekeliger Weise gerne tun, wäre es vielleicht so etwas wie „Neo-Boom Bap“. Machst du dir darüber Gedanken?

Ich glaube nicht so wirklich. Man macht sich natürlich ein bisschen Gedanken darüber, wie die Musik wirkt und versucht, so weit es denn überhaupt möglich ist, von außen drauf zu gucken. Man verbindet emotional und persönlich sehr viel damit, was es schwer macht. Ich versuche schon jetzt nicht plakativ genau in diese Kerbe zu drücken, die gerade da ist. Zu unserer Tour haben wir uns schon bewusst überlegt „Hip-Hop ist immer“ zu einem klassischen Hip-Hop-Brecher zu machen und eben nicht zu dem Trapsong mit dem Drop, der live wahnsinnig gut funktioniert. Das hat uns aber auch belohnt, denn wenn wir zu dritt auf der Bühne stehen, dann ist es eine Macht und die Leute feiern es genauso. Das geht richtig nach vorne. Ich will immer etwas anderes machen und natürlich verlieren Dinge auch an Spannung, wenn man sie zu häufig macht. Wenn schon fünf Leute etwas durchgewurstet haben, muss ich nicht der sechste sein – langweilig.

Ich finde, dass du eine besondere Art und Weise hast Wortspiele zu formen. Das fällt bei „Domingo Vogel“ auf oder auch schon bei „Toykis“, einer Komposition aus den Worten „Toy“ und „Türkis“. Das sind keine Begriffe, die man in eine Suchmaschine einwirft und direkt die Erklärung zu ihnen bekommt. Gehst du da verkopft an die Sachen ran?

Gar nicht. Das sind alles Sachen, die aus dem Bauch heraus entstehen. Ich denke schon viel nach, aber es wird nie verkopft. Mir fallen diese Sachen immer irgendwie in den Schoß. Ich mag es Sprache zu kreieren. Deshalb mochte ich auch schon immer Rapper, die ihre eigene Sprache haben oder ihre eigene Aussprache, so wie ein V.Mann aka Hiob, der ja auch seine ganz eigene Sprache hat. Ich fände es daher auch schön, meine Waldo-Sprache zu sprechen. Daher erfinde ich manchmal Begriffe, die für ein Sinnbild stehen, die es bis dahin vielleicht noch nicht gibt.

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Stefan Schanzenbach

Wie viele Songideen hattest du schon auf dem Nachhauseweg?

Es kommt ja darauf an, da sind mir bestimmt auch schon ein, zwei Lines in den Kopf fallen. Wenn ich aber von dem Modus spreche, um den es auf dem Song „Nachhauseweg“ geht, dann denkt man nicht mehr viel über Songstrukturen nach. Da ist man einfach nur euphorisiert und atmet und zieht auch mal an einer Zigarette, wenn man möchte, genießt die Luft und denkt über seine Freunde nach. Das war’s dann aber auch.

Ich kenne dieses Gefühl natürlich auch, wenn man im Morgengrauen unterwegs ist, an die Nacht und seine Freunde denkt. Häufig schießen mir dann Gedanken in den Kopf, was ich Menschen, über die ich mir Gedanken mache, schreiben oder sagen könnte und mir kommen Ideen, die ich in dem Moment extrem gut finde.

Ja, das ist auch mit Vorsicht zu genießen, glaube ich. Man ist da häufig von Euphorie überschwemmt und ich habe schon festgestellt, dass es manchmal too much wird. Ich glaube, so etwas muss man häufig mit einem klaren Kopf entwickeln oder am nächsten Tag noch einmal drüber nachdenken ob der Gedanke wirklich so gut war, wie man ihn in dem Moment fand.

Welchen Softdrink darf man aktuell denn nicht verschmähen? Ich bin mir sicher, dass du die Frage in letzter Zeit häufiger gehört hast.

Ja, in fast jeden Interview (lacht). Das ist aber auch in Ordnung. Mein Softdrinklife darf gerne gepusht werden. Im Moment feiere ich Charitea Red. Das sind diese kleinen Glasfläschen, die machen auch Mate. Die sind auch ein bisschen Benefiz-mäßig unterwegs und die Red-Variante, das ist Rooibos-Tee mit irgendeinem Saft. Das feiere ich extrem. Es wechselt aber auch ständig. Es gibt auch ganz viel anderes gutes Zeug. Ich bin auch immer offen für Input bei sowas.

Sollte man wirklich lieber mit dir rumhängen und seine Ausbildung an den Nagel hängen?

Das darf ich nicht entscheiden, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Du spielst auf „Häng mit uns“ an, wo ich das in der Hook sage. Ich habe Erfahrungen gemacht, teilweise aus der Schule, die nicht so cool waren, was aber auch einfach mit unserem Bildungssystem zu tun hat. Oft ist mir das zu starr und unfrei. Wenn ich mich mal politisch interessiere und recherchiere, geht die erste Prämisse immer auf das Umweltsystem und/oder das Bildungssystem. Ich finde, dass da wahnsinnig viel gemacht werden muss damit alles einfach freier wird. Was sagt es über die Intelligenz eines Menschen aus, wenn er ein 1,0 Abi hat? Was ist mit der sozialen Intelligenz?

„Da ist die Hauptschule nicht mehr nur die Hauptschule, sondern schnell auch ein sozialer Stempel. Das ist schlimm.“

Es gibt die wissende Intelligenz und es gibt die soziale Intelligenz. Was ist damit? Das sind alles Sachen, die nicht so richtig gefördert werden, was sich derzeit aber auch in den Lehrplänen verändert, glaube ich. Es wird nun auch mehr auf Charakter- und Persönlichkeitsbildung geachtet und ich glaube, dass es heutzutage – wo das Wissen eh im Internet gespeichert ist – viel wichtiger sein kann, sozial intelligent zu sein. Das fällt mir häufig hinten runter und natürlich ist dieser Track aber auch ein bisschen mit einem Augenzwinkern gemeint. Wenn man die Schule schmeißt und danach auf die imaginäre Hip-Hop-Schule geht, dann ist es ja auch etwas Cooles. Dann hat man ja auch wieder einen neuen Pfad gefunden, den man gehen kann.

Ich habe das Gefühl, dass sich die eigenen Interessen häufig erst dann entwickeln, wenn es schon fast zu spät ist. Dann wenn es kaum möglich ist, auf dem eingeschlagenen Weg noch einmal umzukehren.

Ja, und es wird ja auch oft suggeriert, dass man nur eine Entscheidung hat. Dass man noch die Möglichkeit hat umzuschwenken, gerade heute in unserer Zeit, das wird dir so nicht wirklich vermittelt. Man ist stattdessen festgefahren und hat eher die Angst nach dem dritten Semester noch einmal zu wechseln. In Hamburg haben sie doch auch die Gesamtschulen mit der Angst abgelehnt, dass das eigene Kind dann nicht mehr auf’s Gymnasium gehen kann. Das Kind muss ja auf’s Gymnasium. Das ist alles sehr festgefahren. Da ist die Hauptschule nicht mehr nur die Hauptschule, sondern schnell auch ein sozialer Stempel. Das ist schlimm.

Wie sieht denn der ideale Sonntag bei dir aus?

Der ideale Sonntag beinhaltet auf jeden Fall ausschlafen, im Bett rumhängen und ein ausgewogenes Frühstück – am besten mexikanisch mit viel Schärfe. Dann fände ich noch einen sonnigen Tag richtig gut und abends heimkehren und noch eine Scheibe anhören oder so.

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