Von Porno zu Pi

„Wie kann so etwas Gutes so falsch sein? Warum ist so etwas Schönes so schlecht? Weshalb gibt es auf der Welt keine Liebe? Und weswegen hab ich eigentlich immer recht?“ Ertönt diese Hook, wird schnell klar: es handelt sich um den bereits 1998 veröffentlichten „Keine Liebe“-Song von Prinz Pi. Wobei: zum damaligen Zeitpunkt ist der Rap-Klassiker der Feder des Prinz Pornos zuzuschreiben. Denn über die Jahre folgt ein Wechsel zwischen den Künstlernamen, wobei zuletzt unter Porno veröffentlicht wurde, das anstehende Release„Im Westen Nix Neues“ aber unter Pi herausgebracht wird. Wenn 2016 das neueste musikalische Machwerk des Prinzen erscheint, liegen zwischen Soloalbum numero 14, Pi- und Porno-Alben zusammengefasst, und dem ersten Ausrufezeichen, 18 Jahre. 18 Jahre, geprägt von Namensänderung(en), Labelgründung – und einem neongrünen, nach Zucker gierenden Afffen. BACKSPIN blickt auf die Karriere des Friedrich K. zurück, der heute seinen 36. Geburtstag zelebrieren darf, jedoch bereits mehr als sein halbes Leben im Rap-Kosmos unterwegs ist.

Der 1979 in Berlin-Charlottenburg als Friedrich Kautz geborene Rapper wächst im Vergleich zu seinen R-6682554-1424538572-9231.jpeg(Berliner) Rapkollegen sehr untypisch auf. Er besucht das Gymnasium Steglitz, lernt Latein und Griechisch, was ihn bei seiner späteren Namensfindung beeinflussen soll. „Ich hatte auf der Schule Altgriechisch. Und ‚pornos‘ heißt ja dreckig. Mit 15, 16 habe ich Graffitti gemacht und Prinz Porno war mein Graffitti-Name. Das fand ich sehr passend, weil die Graffitti-Kultur etwas dreckiges ist, das irgendwo hingeschmiert wird“, erklärt der Musiker seine Namensfindung im Interview mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin. 1998 gelangt mit „Porno privat“ das erste Soloalbum Pornos, das in einer Auflage von lediglich 12 Exemplaren erscheint und nur für den Freudeskreis gedacht ist, via Internet schnell in Umlauf. Darauf enthalten: der eingangs erwähnte „Keine Liebe“-Track, der sich schnell zur Untergrundhymne, auch über Berlins Grenzen hinaus, entwickelt.

Zusammen mit Mix Masta Müller entsteht das Duo „Soziale Kontakte“, das über Royal Bunker-Vorgänger Mikrokosmos 1999 das Tape „die schiefe Ebene des Bewußtseins“ herausbringt, dem ein Jahr später „Die einzige Alternative“-EP folgt. Ebenso wird Porno Mitglied der Berliner Rap-Crew Beatfabrik, die sich Ende der 90er-Jahre formiert. Das Kollektiv um den Prinzen, Kid Kobra, Big A.D.I., DJ CV-Scratch sowie den Produzenten Kick und Schulfreund Sash, durch den Kautz mit Rap in Kontakt kam, releast zunächst das „An der Front“-Tape, auf dem auch Smexer, den Porno bereits aus der gemeinsamen Zeit bei der Graffit-Gruppe Crew Coops kannte, mit einem Gastpart vertreten ist. Bis 2004 folgen drei Alben, eine EP und eine DVD, die Klassiker wie „Du Hure“ und „Bonnys Ranch 2“ beinhalten, die auf Prinz Pi-Soloalben neu aufgegriffen werden („Du Hure 2009“ bzw. „Bonnys Ranch 3“). Bis Porno den Entschluss fasst, seine Rap-Karriere zu beenden. Doch dazu später mehr.

Denn auch die Solokarriere des Berliners nimmt ab der Jahrtausendwende rasant an Fahrt auf. 2001 stellt erR-1956928-1357505562-7496.jpeg die „Radium“-EP auf der Royal Bunker-Homepage zum kostenlosen Download zur Verfügung, aus der sich 2002 das Album „Radium Reaktion“ entwickelt. Über Royal Bunker, dem Kautz ab 2002 zugehörig ist, erscheint „BlackbookCD #2 – Jung, schön & stylisch“, im selben Jahr folgt die „Picknick“-EP. Doch Porno arbeitet auch weiterhin mit anderen Rappern zusammen. Unter den Namen „Promolle MCs“ veröffentlichen Kautz und Smexer das Album „Flüssig Brot“, 2003 erscheint das von der Beatfabrik präsentierte Doppelalbum „PanzDominanz und Promolle“, das die Kombinationen Porno und Kobra sowie Porno und Smexer beinhaltet. Neben Bunker-Gründer Marcus Staiger, ist auch Separate auf dem Album vertreten. Mit dem Mainzer nimmt der Musiker das Kollabo-Album „1. Liga“ auf, das 2004 über Buckwheats Music erscheint, da Porno zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Bunker-Kapitel abgeschlossen hat. Aufgrund kreativer Differenzen hatte der „Keine Liebe“-Rapper das Label nach der Beatfabrik-Veröffentlichung „Blackbooktape 3“ 2003 verlassen. Nach der Zusammenarbeit mit dem Mainzer Separate gibt Kautz bekannt, sein Tun im Rap-Business zu beenden, um sich auf sein bereits 2002 begonnenes Grafikdesign-Studium zu konzentrieren.

Karriereende mit 25 Jahren? Nicht mit Prinz Porno, der sich bereits im März 2005 mit dem Mixtape 51hy3wKnrZL Guess Who’s Back on the Streets“ von seiner kurzen Auszeit zurückmeldet. Mit „Teenage Mutant Horror Show“ und dem Streetalbum „Zeit ist Geld“ folgen zwei weitere Releases im selben Jahr, wobei Porno auf Ersterem auf alten Beats der Kinder des Zorns um Casper, Separate und Abroo Sozialkritik übt, und Letzteres über das von Kautz und Benjamin Bistram, besser bekannt als „Biztram“, gegründete Independent-Label „No Peanuts“ erscheint. Doch damit nicht genug: „Geschriebene Geschichte 1998-2005“, das Best-of-Album des Berliners, erscheint ebenfalls in 2005 und schließt das Kapitel „Porno“ vorläufig ab.

Und ein Neues tut sich auf. Das von Prinz Pi. Die Abkehr vom alten Namen, den eine breite Öffentlichkeit mit frauenverachtender Musik verbindet. „Was ja auch nicht so weit hergeholt ist bei dem Namen. Deshalb habe ich mich in Prinz Pi umbenannt. Pi ist auch ein griechischer Buchstabe, zugleich die Kreiszahl, eine sehr mysteriöse Zahl mit unendlich vielen Nachkommastellen. So wie ich unendlich viele Alben machen werde“, erklärt „The Artist formerly known as Prinz Porno“ gegenüber dem Süddeutsche Zeitung Magazin. Eine forsche Ansage, doch auch nach Änderung des Künstlernamens zeigt sich Pi fleißig. Er „…lässt die Puppen tanzen!“ und zeigt „Instinkt“, ehe im September 2006 mit !DonnerwetteR!“ ein drei CDs umfassendes Album, welches auch die 30 Titel starke gerappte Fantasysaga „Der Herr der Dinge“ beinhaltet, erscheint. Kommerziell betrachtet wird das Mammut-Album die bis dato erfolgreichste Veröffentlichung des Prinzen, da mit Platz 56 in den Charts erstmals überhaupt eine Erwähnung  des Rappers in einer Bestenliste stattfindet.

Das Arbeitstier ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus und bringt 2007 mit „Das PrinzIP Prinz PI“ seine erste DVD heraus, die zusammen mit einem Streetalbum erscheint. Im Sommer desselben Jahres darf Kautz die Mainstage des Splash! Festivals bespielen, während gut einen Monat später mit dem Remix-Album „Zeitlos“ bereits die nächste CD aus dem Hause „No Peanuts“ auf den Markt geworfen wird. Das er als Künstler auch über den Tellerrand blickt, beweist Pi im Februar 2008 mit einem Auftritt in Tansania im Rahmen der Virus Free Generation HipHop Tour“bei der der Musiker in Workshops mit Jugendlichen Songs aufnimmt, die sich dem Thema „AIDS“ annehmen. „Wir versuchen, die Musik als positiven Virus, der alle ergreift, zu beschreiben. So nähern wir uns dem HI-Virus, ohne erhobenen Zeigefinger“, beschreibt der Musiker sein soziales Engagement in einer E-Mail gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“.

Mit der im selben Jahr veröffentlichten „NeR-1534630-1226683173.jpegopunk“-CD beschreitet Kautz für ihn ungewohnte Wege. Zum einem sind die Beats des Albums sehr electrolastig, zum anderen erscheint die musikalische Produktion mit der Unterstützung des Majorlabels Universal. Der sprichwörtliche Schuss geht nach hinten los, der neue Sound und die Zusammenarbeit mit einem Branchenriesen stoßen auf. Im Interview mit der „Juice“, das im Vorfeld des Releases der 2009er-Platte „Teenage Mutant Horror Show 2“ erscheint, gesteht Kautz „Fehler“ hinsichtlich des letzten Albums und der Major-Zusammenarbeit ein. Doch nicht alles ist schlecht. “ Wenn auf dem Frauenfeld bei ‚Gib dem Affen Zucker‘ 50.000 Leute komplett ausrasten, dann kann das nicht so falsch gewesen sein“, sagt Pi gegenüber der Juice. Der in der Hook des Songs thematisierte neongrüne Affe entwickelt sich schnell zum Kult. Bis heute hält nahezu jedes Konzert des Rappers den extasisch gefeierten Track bereit, zu dem die Massen ihren Trieben freien Lauf lassen können.

Nach nur einem Release löst Universal den Vertrag mit Pi wieder auf, und auch von No Peanuts wird sichR-3325385-1325851207.jpeg getrennt. „TMHS2“ erscheint so über „Keine Liebe Records“, dem im Juli 2009 von Kautz und Wassif Hoteit neu gegründeten Label. Es folgt die „Illuminati EP“, ehe das Jahr 2011 „Rebell ohne Grund“ hervorbringt. Das nunmehr 11. Soloalbum wird von den Supportern gut angenommen und kann Platz 9 in den Charts verbuchen. Ein Achtungserfolg, den der Musiker nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt.„Eigentlich haben wir nicht viel. Aber wir haben verdammt viele Fans“, würdigt Prinz Pi seine Supporter auf der e-Zine laut.de. Und diesen Fans serviert der Rapper, der sich seit 2008 Grafikdesigner nennen darf, mit der „Achse des Schönen“-EP und dem Akustik-Album „Hallo Musik“ inklusive Piano-Version von „Keine Liebe“, weiteren musikalischen Output in 2011.

Vorläufig letzter Akt. Auch wenn Kautz´ „Kompass ohne Norden“ ausgestattet zu sein scheint, zeigt sich der Label-Chef nicht orientierungslos. Im Gegenteil: mit dem Album, das Pi bei Mixery Raw Deluxe als den „Abschluss meines ersten Lebensdrittels“ bezeichnet, erklimmt der Musiker Platz 1 in den Charts. Nach ausgedehnter Tour erscheint ein Live-Album, gefolgt vom Splash!-Auftritt, der auch neue Porno-Songs beinhaltet, die wiederum auf ein neues Album deuten. Und so kommt es auch. Im Januar 2015 erscheint pp=mc²“, das erste Prinz Porno-Album nach fast 10 Jahren Pause, welches auf Anhieb auf Platz 1 chartet. Neben dem alten Weggefährten Kobra ist auch der seit 2013 auf „Keine Liebe“ gesignte eRRdeKa, dessen Management Kautz übernimmt, auf der CD vertreten. Nachwuchsförderung á la Porno. Zusammen mit Kollegah erlebt er „Dschungelabenteuer“, einen über 15 Minuten andauernden Storytelling-Track, der eine fiktive Geschichte erzählt.

Und auch 2016 ist neue Musik fest eingeplant. Das unlängst veröffentlichte Video zu „Weiße Tapete / Minimum“ stellt die erste Auskoppelung aus „Im Westen Nix Neues“ dar. Ebenso sind bereits die Dates für die dazugehörige Tour veröffentlicht worden. Diese wird wieder als Prinz Pi gespielt werden. Pi, Porno, Kautz – Glückwünsche gehen an alle drei raus. Wer so lange im Rap-Game dabei ist und solch einen Arbeitseifer zeigt, bei dem mutet die Aussage, unendlich viele Alben herauszubringen, fast schon glaubhaft an. Bleib‘ uns also noch lange erhalten, Friedrich!

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.
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