14 Jahre „Game Over“ – Schluss Mit Lustig

Fast genau ein Jahr nach der Veröffentlichung von „One“ – der Monster-Kollabo mit Kool Savas, die vor allem auch abseits der Hip-Hop-Szene im Mainstream-Bereich für Furore sorgte – bringt Azad im März 2006 ein neues Album in Eigenregie heraus. Nach dem riesigen Erfolg von „One“ und der Top Ten-Platzierung von „Der Bozz“, Azads letztem Solorelease, sind die Erwartungen an die „Faust des Nordwestens“ nicht minder gering. Grund genug an das Album zu erinnern, dessen Titel allein schon die Verhältnisse im deutschen Hip-Hop zurechtrücken soll: „Game Over“.

„Schlag Alarm, denn der Bozz ist back, ich komm und feuer’ auf den Monstertrack“


Gleich mit diesen Zeilen aus „Alarm“, der ersten Singleauskopplung aus dem Album, macht Azad deutlich, in welche Richtung es geht: aggressiv dem Strom der anderen Rapper entgegengehen und dabei keine Kompromisse in seiner Welt machen. Seine Welt ist jene, die sich auf dem steinigen Asphalt und in den grauen, meterhohen Plattenbauten abspielt. Raues Klima, Gewalt und Verbrechen zwischen riesigen Betonklötzen. Das alles ist spätestens seit Aggro Berlin und Ersguterjunge nicht neu. Und doch nimmt Azad auf „Game Over“ oftmals einen anderen Blickwinkel ein. Während Aggro Berlin das Leben im Block auch mal für humorvolle Tracks, die auch beim Feiern laufen könnten, nutzt, tritt A.Z. als Reporter direkt von der Straße in Erscheinung. In Songs wie „Krankfurt“, „Sohn des Betons“ oder „W.A.R“ schildert Azad die harte Realität in seinem Umfeld, indem er sich bewegt.

Parallel dazu verbreitet er auf dem Album aber auch die Botschaft für ein besseres, friedlicheres Miteinander. Auf „Weiße Taube“, ein Song, auf dem Xavier Naidoo gefeatured wird, plädiert Azad gemeinsam mit dem „Sohn Mannheims“ dafür, sich nicht unterdrücken zu lassen und lieber seinen Mund aufzumachen als stillschweigend alles hinzunehmen. „Eines Tages“, die zweite Singleauskopplung, schlägt in eine ähnliche Kerbe und gibt – anhand von Azads persönlichen Schicksalsschlägen – Hoffnung, niemals aufzugeben. Musikalisch verleiht hier Cassandra Steen der eingängigen Hook das gewisse Etwas an Emotionalität. Bereits ein Jahr zuvor konnte sich Cassandra Steen mit ihrer Band Glashaus gut in den Charts positionieren. Dementsprechend war „Eines Tages“ die Single von „Game Over“, bei der man sich einen ähnlichen Weg erhoffte. Azads Sinneswandel zu mehr Hoffnung und Glaube an die eigene Stärke begründet der Frankfurter in einem damaligen Interview mit rap.de indes wie folgt:

„Zum einen ist es so, dass einige Probleme, die mein Leben belastet haben, mittlerweile gelöst sind. Ich hatte auch keine Lust mehr, nur über Schmerz zu rappen. Das ist dann auch irgendwann mal gut […]. Jetzt bin ich etwas weiter und will den Leuten Hoffnung machen – ein nächster Schritt.“ 

 

Einen nächsten Schritt in Richtung mehr Aufmerksamkeit wagt er auch mit ungewöhnlich vielen (in elf von 21 Tracks) und teilweise überraschenden Gastbeiträgen. Neben den bereits erwähnten Kollabo-Partnern arbeitete „Der Bozz“ mit US-Rapper Akon, Baba Saad, J-Luv, Sti, seiner eigenen Crew Warheit, und dem kurdischen Sänger Siwan Perwer zusammen. Homie Jonesmann ist indes mit gleich drei Parts vertreten. Wie eng die Zusammenarbeit zwischen Azad und Jonesmann damals verlief, greift letzterer nochmal im April 2016 in einem Interview mit BACKSPIN auf. Eigentlich könnte man zu jedem einzelnen Feature an dieser Stelle eine Story erzählen. Bei einigen der Herrschaften ist es auf jeden Fall zwingend notwendig.

Der vermeintlich „dickste Fisch“ erzählt gleich mal ebenso wie Azad vom „Streetlife“. Akon revanchiert sich mit seiner eingängigen Hook, die direkt ins Ohr geht, für Azads Part auf dem ein Jahr zuvor erschienenen Song „Locked up“ des „Lonely-Rappers“. Eine erstaunliche Zusammenarbeit findet sich auch auf dem Song „Stadtfalke“. Siwan Perwer, ein kurdischer Volksmusikstar, unterstützt hier seinen Landsmann in dessen Muttersprache. Selbst wer die kurdische Hook nicht versteht wird durch Azads tiefgründige Erzählungen über seine Heimat berührt.

Am meisten imponiert hat damals der Titeltrack „Game Over“. Nicht, weil er textlich oder produktionstechnisch das Spiel beendet. Dafür sorgt vielmehr die musikalische Konstellation: Azad, Jonesmann und Sti. Soweit erst einmal nichts Besonderes. Wo man jedoch „All in“ auf Jonesmann in der Hook gesetzt hätte, versucht sich plötzlich Azad als Sänger. Um das richtige Feeling hierfür zu entwickeln dürfte Azad sicherlich sein Know-how als DJ und Produzent geholfen haben, wie er rap.de verriet:  

„Das Produzieren selbst ist für mich als MC auch sehr nützlich, der Punkt ist nämlich, dass ich jetzt sehr viel mehr über den Aufbau von Musik, also über Takte und Schläge, weiß, das kann ich nutzen, um mit meinem Flow variabler zu sein.“

Daneben ist Sti, einer der Produzenten der Platte, mit einem Rap-Part zu hören. Eine schöne Idee, da rappende Produzenten eher die Ausnahme statt die Regel bilden. Die musikalischen Ressourcen der drei genannten Protagonisten zu verändern und aus der eigenen Komfortzone auszutreten, ist mutig und kreativ. Zudem akzentuiert Azad damit die Position des Produzenten und auch der Part des DJ’s findet bei ihm auf diesem Album seine Würdigung in Form von mehreren Skits, die meist als Einleitung für einen Track dienen.

Ein homogenes Soundbild ist auf dem Album nicht unbedingt zu erkennen, was an der Vielzahl der unterschiedlichen Produzenten liegen könnte. Neben Sti mischen Bozz Martelli, Benny Blanco, Shuko, M3 & Noyd, Phrequincy, Brisk Fingaz, Screwaholic und DJ Scratch nicht nur mit sondern liefern vor allen Dingen für jede unterschiedliche Stimmungslage die richtige Klangfarbe. Harte und düstere Töne wechseln sich mit gefühlvollen und ruhigeren Melodien ab. Die Schwachstelle von „Game Over“ ist hingegen textlicher Natur. Während die Beats vielseitig versiert sind, ähneln sich Azads Raps in manchen Tracks. Zeilen wie „Es ist Straßen-Fight, Junge, wenn es dunkel wird, weht ein rauer Wind ihr Pisser und mein Team zieht auf, komm um mich zu fronten und der Krieg bricht aus“ bekommt man von der „Ein-Mann-Armee“ häufiger in einem identischen Gewand präsentiert.

Azad selbst kündigt das Album damals als „das beste Werk, das ich je geschaffen habe“ an. Alarm schlagen, weil der Bozz back ist, muss man nach diesem standesgemäßen Werk auf alle Fälle. Den Notstand ausrufen jedoch nicht. Alles in allem verspricht das inhaltliche Gesamtbild von „Game Over“ vielmehr als die laut Titel implizierte Kampfansage an die ganze Hip-Hop-Szene. Es ist vor allem auch eine Abrechnung mit dem Leben im Block, geprägt von Gewalt und Leid – verbunden mit dem Wunsch auf eine hoffnungsvollere Zukunft. Egal ob Rap über die Straße oder über den Schmerz, der in ihr wohnt: Azad bringt die Gefühlslage, die ihn dabei umgibt, mit seiner Stimme durchweg wahrhaftig und überzeugend rüber. Eben ganz so, wie ein Reporter von der Straße.

 

Hanfosan

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