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Veedel Kaztro: „Große Probleme erfordern eben harte Worte“

VDK ist back am Büdchen. Vier Jahre nach dem ersten „Büdchen Tape“ liefert er mit dem „Büdchen Tape 3“ die Vollendung der Trilogie. Auf der Platte wird unter Anderem die „German Angst“ thematisiert, ein Klassiker von Kool Savas neu interpretiert und im Laufen gegessen. In Berlin trafen wir Veedel Kaztro zum Interview, um über seine Entwicklung, geklaute Beats aus dem Internet und politisches Bewusstsein im Rap zu sprechen.

 

Das erste „Büdchen Tape“ erschien 2013. In der Zwischenzeit auch das zweite, aber ebenso EPs und das Album „Fenster zur Strasse“. Wieso hast du dich jetzt dazu entschieden, wieder ein „Büdchen Tape“ zu veröffentlichen, stand von Anfang fest, dass es die Büdchen-Trilogie wird?

Veedel Kaztro: Es stand definitiv nicht von Anfang an fest, dass es eine Trilogie wird – der erste Teil ist ja auch schon verdammt lang her, soweit im Voraus habe ich damals nicht geplant.
Ich dachte mir aber, zwei ist einfach nicht so eine nice Zahl und letztes Jahr wurde mir dann klar, dass es drei werden sollen (lacht).


Da die Trilogie damit vervollständig ist, ist ein „Büdchen Tape 4“ also vollkommen ausgeschlossen?

Veedel Kaztro: Ach, auf gar keinen Fall! Wieso nicht sieben? Ich meine, von der „Aggro Ansage“ gab es doch auch total viele. Ausschließen möchte ich es keineswegs, ich mache einfach weiter und gucke, was passiert. Sollte das nächste Tape einen ganz anderen Vibe haben und nicht mehr zum „Büdchen Tape“ passen, machen wir halt erst einmal wieder etwas anderes wie bei „Fenster zur Straße“.

Was ist denn der typische Vibe oder der rote Faden, der das „Büdchen Tape“ definiert?

Veedel Kaztro: Zum Einen ist es die Vielseitigkeit. Ich bin jemand, der viel über’s Leben erzählen kann. Das klingt ein bisschen cheesy, aber, wenn ich über das Leben erzähle und die guten, sowie die schlechten Zeiten und alles, was dazwischen ist, rede, entsteht der Facettenreichtum. Außerdem wird immer ein bestimmter Humor an den Tag gelegt.

Die Mischung aus kritischen Stimmen und einer Leichtfüßigkeit ist eine gute Kombination, die das „Büdchen Tape“ ausmacht.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit an einem Mixtape wie in diesem Fall dem „Büdchen Tape 3“ zu der Arbeit an einem Album wie „Fenster zur Straße“?

Veedel Kaztro: Eigentlich bezeichne ich das „Büdchen Tape 3“ gar nicht als Mixtape, das ist auf jeden Fall ein Album. Dass das jetzt Tape heißt, ist unserer Verplantheit geschuldet oder einfach nicht ganz zuende gedacht (lacht). So gibt es bezüglich der Herangehensweise auch keine großen Unterschiede zum letzten Album.

Seit dem Release des ersten „Büdchen Tape“ sind mittlerweile vier Jahre vergangen. Wie hat sich Veedel Kaztro seitdem menschlich und künstlerisch entwickelt?

Veedel Kaztro: Beim ersten „Büdchen Tape“ haben Mels und ich einfach Beats aus dem Internet geklaut, das Tape im Winter in Köln-Mühlheim aufgenommen und uns das Leben als Rapper ausgemalt. Die Dinge, die mich als Person beschreiben, wollte ich peu à peu einbringen. Nach dem ersten Tape waren in etwa 30% meiner Story erzählt, im zweiten „Büdchen Tape“ waren es dann etwa 70% und jetzt beim dritten sind es vielleicht 100%. Das Ding ist aber, dass man stets weiterlebt und sich entwickelt, weshalb immer neue Dinge ergänzt werden. Meine Chronik ist quasi die Beschreibung meines Werdegangs und wenn ich mal 50 bin, kann ich sie mir anhören und weiß dann, was mich damals beschäftigt hat.

Wenn ihr beim „Büdchen Tape“ noch Beats aus dem Internet geklaut habt: Wie hat sich die musikalische Herangehensweise denn über die Jahre verändert?

Veedel Kaztro: Durch die Musik habe ich viele Leute kennengelernt. Unsere Gang, die Sektor West Büdchen Gang, besteht auch ungefähr zur Hälfte aus Beatmakern. Dadurch kamen immer neue Vibes rein, da die alle ihren persönlichen Sound haben. So sind verschiedene Zutaten hinzukommen und so hat sich das Spektrum an Möglichkeiten auf jeden Fall erweitert.

Hört man sich das „Büdchen Tape 3“ an, fällt auf, dass politische Thematiken inzwischen Überhand nehmen. Da du gerade gesagt hast, deine Musik beschreibt deinen persönlichen Werdegang: Heißt das, dass sich dein politisches Bewusstsein über die Jahre einfach geändert hat?

Veedel Kaztro: Das erste „Büdchen Tape“ war auch noch sehr politisch, was einfach damit zu tun hatte, dass ich zu der Zeit noch wütender und unzufriedener war. Beim zweiten Teil war ich etwas entspannter. Beim dritten „Büdchen Tape“ ist es so, dass in den letzten Jahren einfach viel Kacke passiert ist. Durch die sozialen Medien bekommt man Dinge sehr viel direkter mit, habe ich den Eindruck. Das hat mich nicht kalt gelassen, weshalb die politischen Themen so stark Einzug in das Album gehalten haben. Man macht ja Rap, um eine Stimme zu haben und vielleicht auch, um für andere zu sprechen.

Hätte ich jetzt nur lustiges Zeug gemacht, wäre das heuchlerisch gewesen.

Zu bestimmten Sachen muss einfach etwas gesagt werden.

Es heißt über dich, du nimmst Haltung an in einer Zeit, in der andere Mcees Eltern beleidigen. Bist du der Meinung, dass politische Missstände zu wenig in der aktuellen HipHop Szene thematisiert werden?

Veedel Kaztro: Stören tut es mich eigentlich nicht. Allerdings habe ich den persönlichen Anspruch an mich selbst, dass ich etwas dazu sagen will. Ich glaube, dass Leute auch nicht den ganzen Tag mit negativen Dingen in der Musik konfrontiert werden wollen. Viele hören Musik einfach, um abzuschalten oder schlichtweg unterhalten zu werden. In jeder Zeit gab und gibt es aber auch immer die Opposition, die Dinge sagt und ich finde nicht, dass es davon nun weniger gibt als noch vor zehn Jahren. Ich könnte mir selbst aber auch nicht den ganzen Tag ausschließlich kritische Musik anhören. Ich bin zufrieden mit der Vielfalt, die herrscht – so kann sich jeder das raussuchen, auf das er gerade Bock hat.

Neben HipHop warst du auch schon mit anderen Genres in Berührung. Was glaubst du, welche Chancen, aber auch Probleme Rap hat, politische Inhalte zu vermitteln?

Veedel Kaztro: Eine große Chance, die ich bei Rap gegenüber anderen Genres sehe, ist einfach die Masse an Text. Dadurch dass Rap viel mehr Text als die meisten anderen Genres beinhaltet, kann man viel mehr aussprechen. Weiter finde ich, dass Rap definitiv die besten Texte hat. Da denke ich zum Beispiel an Lyrics von Prezident oder Retrogott, die finde ich textlich unglaublich. Ich wüsste nicht, wo sowas in der Musik noch einmal vorkommt.
Als Problem sehe ich, dass Rap immer noch etwas stigmatisiert ist. Leute assoziieren HipHop immer noch mit komischen Handbewegungen, so wie Kai Pflaume, als Megaloh bei ihm zu Gast war. Wobei sich da in den letzten Jahren auch schon eine Menge getan hat und die Leute mittlerweile ein fundierteres Bild von Rap haben. Trotzdem glaube ich, dass das Klischee noch nicht komplett überwunden ist.

Auf dem „Büdchen Tape 3“ hast du mit „LMS 2017“ deine eigene Version des Klassikers von Kool Savas geschaffen. Hat es musikalisch einfach gut harmoniert oder was hat es damit auf sich?

Veedel Kaztro: Ich halte „Lutsch meinen Schwanz“ einfach für ein krasses Statement – das klingt schon krass, wenn du das hörst. Daher fand ich es passend zu einem Song, in dem ich mich über die Welt auskotze. Große Probleme erfordern auch harte Worte. Deshalb bin ich der Meinung, dass das die richtige Ausdrucksweise ist, die man da an den Tag legen sollte. Auf der anderen Seite bin ich HipHop Liebhaber und finde diese Art des Samplings spannend und Anlehnungen an Klassiker finde ich eh immer ganz geil.

Auf „Falafel“ thematisierst du deinen hektischen Lebensstil zwischen schnell wechselnden Jobs. Viele Leute assoziieren den erst einmal mit viel schlechtem – tun sie das nicht zu Unrecht?

Veedel Kaztro: Der Lebensstil ist teilweise selbst gewählt, da das Leben mit der Musik eben unstetig ist. Es ist nicht so, dass man acht Stunden pro Tag im selben Job verbringt. Natürlich muss sich jeder Gedanken machen, aber bei mir bleiben definitiv viele offene Fragen. Ich weiß beispielsweise nicht, was nächstes Jahr geschieht. Der Lebensstil tut aber auch in dem Sinne gut, dass man den Hunger nicht verliert. Ich bin immer noch ein Underground Rapper, obwohl ich schon wirklich lang dabei bin. Allerdings habe ich auch nicht das Gefühl, damit auf der Stelle zu treten. Ich muss einfach schneller laufen als alle anderen, das ist so ein Motivations-Ding.
Wenn ich auf dem Song von meinem Opa am Fließband erzähle, ist das gleichermaßen auch eine Solidaritätsbekundung an meine Wurzeln, die eher in der Arbeiterklasse liegen. Ich denke ständig daran und habe vor Augen, wo ich herkomme. Ich versuche, Fuß zu fassen und damit zu überleben.

Peilst du eine Zukunft an, die daraus besteht, hauptberuflich Musik zu machen?

Veedel Kaztro: Eigentlich ist meine Situation gerade ganz nice. Würde ich nur Musik machen, würde ja auch irgendwann die Kreativität darunter leiden. Welchen Input hat denn beispielsweise ein Eminem, der seit 15 Jahren oder so Millionär ist und den ganzen Tag in seiner Villa chillt?
Kein Front gegen ihn, aber ich kann mir vorstellen, dass man sich thematisch irgendwann im Kreis dreht, wenn man den Kontakt zum anderen Leben verliert. Wenn ich ein Jahr in einem Job bin, merke ich auch, dass es Zeit für etwas neues ist, damit ich neue Eindrücke gewinne, über die ich schreiben kann. Ich möchte dazu lernen und nicht stagnieren.
Wenn ich an mein Leben zurückdenke, habe ich auf jeden Fall viele verschiedene Bilder, viele Orte und viele Leute, die ich getroffen habe, im Kopf. Ein großer Erfahrungsschatz hilft einem ja auch dabei, seine Meinung zu bilden und sich zu artikulieren, indem man auf vergangene Erfahrungen zurückgreifen kann.

Auf einem weiteren Song des Tapes thematisierst du die typische Angst, die viele Bürger haben. Wie wird man diese Angst los oder wie bewirkt man, dass andere diese Angst endlich ablegen?

Veedel Kaztro: Ich denke, dass ein Großteil der Angst aus mangelnder Erfahrung der Leute resultiert. Sie empfinden Fremdes als bedrohlich, weil sie es nicht kennen. Aber hätten sie mal eine konkrete Person kennengelernt, würden sie Vorurteile sicher ganz schnell ablegen und sehen, dass Leute gar nicht so sind, wie sie sich das ausmalen. Wenn du ein fremdes Gesicht in der Bahn siehst, hast du ja keine Idee davon, aber unterhältst dich mal mit jemandem oder verbringst einen Tag mit ihm, dann kriegst du hoffentlich eine Idee davon, dass das alles Menschen sind.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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