Various Artists „7 Todsünden“

todsuenden_cover_505Ende März dieses Jahres releast BACKSPIN in Kollaboration mit den Tracksetters den Sampler „7 Todsünden“. MCs und Beatproduzenten quer durch alle Alters- und Erfahrungsklassen vereinen sich, um live und direkt aus dem Sündenpfuhl zu berichten. Zu jedem Song gibt es auf dem Youtube Kanal BACKSPIN TV ein kurzes Videosnippet, über TatwaffesHölle“ und CredibilsHochmut“ bereits ein Video. Der Erlös aus gemeinsamer Sache geht an die Organisationen rap4aid.de und visions4children.com.

Credibil – Hochmut
Credibil hat im „Hochmut“ genau die Todsünde gefunden, an der aufkeimende Deutschrap-Hoffnungen wie er, oft scheitern. Doch die Reife, mit der der junge Rapper das Thema behandelt, lässt ihn quasi immun dagegen wirken. Technisch betrachtet bricht Credibil in der Mitte des Tracks seinen weitgehend eingängigen Flow und setzt eine experimentierfreudige Sing-Sang-Struktur dazwischen.

Teesy & Disarstar – Geiz
Dass Teesy jedes Fachgebiet des Sprechgesangs nahezu perfekt beherrscht, hat er auf seinem Album „Glücksrezepte“ unter Beweis gestellt. Der Beat wirkt kalt, dem mischt Teesy eine soulige Hook hinzu. Der Rap ist ego zentriert, dem mischt Teezy Disarstar hinzu, der ihm in einem Frage-Antwort-Finale ordentlich Parole bietet.

Ali As & Pretty Mo – Wollust
Der most-underrated MC zählt nicht umsonst zu der Creme de la Creme der Storyteller und interpretiert die Todsünde im Zuge der Untreue. Typisch Ali As; auch auf „Wollust“ bleiben viele Lines im Gedächtnis: „Mein Karma-Konto gibt mir heute ein Darlehen“.

Musiye – Zorn
Der Zögling aus der „Macht-Rap“-Schmiede nimmt sich den „Zorn“ zur Brust. Der Beat gibt das Thema gut wieder, jedoch hätten Lines und Lyrics etwas ausgefeilter ausfallen können. Der „Zorn“ ist unter allen Todsünden die am wenigsten greifbare Aufgabe.

Eko Fresh – Völlerei
Eko
lädt sich mit Joshimixu einen hochkarätigen Produzenten an Bord, der sofort weiß, wo er beim Thema „Völlerrei“ die Regler zu drehen hat – der Beat ist einfach Bombe. Freezy liefert wie gewohnt ordentlich ab und festigt mit diesem Beitrag seine konstante Präsenz im Rap hierzulande.

MoTrip & Aki & Chima Ede – Neid
Das Trio MoTrip, Aki und Chima Ede schließen sich auf „Neid“ zusammen. Daraus ist ein Track geworden, dessen RnB Hook den soulig-leichten, melancolischen Klimperbeat harmonisch ergänzt. Der Neid wird in MoTrip’s alter Manier, einfach und verständlich, thematisiert: „Ihr wollt nix dafür tun aber alles kassier’n, was du später erreichst, das liegt alles an dir.“

Harris – Faulheit
Harris
stellt sich in einem Selbstgespräch Fragen über Fragen, die sich sicherlich jeder in seiner Jugend schon mal gestellt hat. Der Berliner hält somit der Generation „Dank-Smartphone-erledige-ich-das-Meiste-im-Bett“ den Spiegel vor die Nase. Mehr Atmosphäre als Rap und mehr Lounge als Beat – Harris lehnt sich in seiner Extravaganz weit aus dem Fenster und holt einen Big Point auf dem Sampler.

Chefket – Himmel
Chefket
liefert einen souveränen Track zum Thema Himmel. Ob Himmel, Paradies oder Nirvana – was nach dem Tod letztendlich sein wird, lässt der Rapper bewusst offen. Stattdessen zitiert Chefket niemand Geringeren als Hermann Hesse: „Nichts war, nichts wird sein, alles ist“.

Tatwaffe – Hölle
Sehr klassische Interpretation der Hölle. Der aus Folterinstrumenten bestehende Beat und die darauf verbildlichte BoshaftigkeitTatwaffe’s lassen Vorurteile und Erwartungen über die Hölle real werden. Da kommt es gelegen, dass neben dem sehr guten Text, die Hook, zugegeben, die Hölle ist.

Automatikk – Apokalypse
Automatikk
nehmen mit „Apokalypse“ ein altbekanntes Topos des Rap auf. Die Nürnberger schnörkeln und interpretieren nicht viel um den heißen Brei und weihen den Hörer in den Endzeitkampf.

Basstard – Tod
Basstard
rundet die Tracklist, die uns wie Dantes göttlicher Komödie durch Sünde, Himmel und Hölle führte, mit dem „Tod“ ab. Anstatt ein düsteres, schmerzbehaftetes Szenario zu skizzieren, sieht er dem Tod mit gleichmütiger Resignation ins Auge. Somit findet er in „Jedes Ende hat einen Anfang“ das ideale Schlusswort für den Sampler „7 Todsünden“.

Die Idee, die hinter dem Sampler steckt ist grandios: In kaum einer Musikrichtung werden vorsätzlich mehr „Todsünden“ begannen, als im Hip-Hop. Die CD taugt so nicht nur als kleine Rückbesinnung auf Werte abseits von Daytonas, Porsches und Louis-V-Stores, sondern eröffnet den Künstlern ein neues, intellektuelles Themengebiet. Die Arbeit der Rapper waren mit umfangreicher Recherche und einem reflektierten Umgang mit dem jeweiligen Thema verbunden . Und tatsächlich: Rap-Veteranen zeigen ihr Können, hungrige Talente stellen es unter Beweis. Natürlich hätte die ein oder andere Interpretation tiefgründiger sein können und die Platte, auf Kosten der Vielfalt, unter dem Strich etwas homophoner. In erster Linie bezeichnet „7 Todsünden“ aber den Anfang einer Serie, die den eigenen Anspruch an Musik und Lyrik deutlich hebt und Rap, nicht zuletzt durch die Spendenaktion, noch ein Stück erwachsener werden lässt.

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Seit 2014 Album-Kritiker an Bord der BACKSPIN, angeheuert als Reinkarnation Marcel Reich-Ranickis: „Ich kann nicht anders, ich muss einfach nörgeln“.
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