Until Dawn – Durch die Nacht gruseln in HD

Wer hat sich nicht schon öfter gewünscht in Filmen mitzuspielen und so ganz anders erleben zu können. Interaktive Filme – davon ist die Rede und sollte spätestens seit Heavy Rain jedem Gamer ein Begriff sein. Was seinerzeit die Grenzen von exzellent produzierten Spielen und Filmen immer mehr verwischte, versucht Supermassive Games nun mit dem Teenie-Horror-Slasher Until Dawn wieder auf Sonys PlayStation 4 zu bringen.

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Nur ein Hexenbrett spricht die Wahrheit

Die Geschichte von Until Dawn sollte ursprünglich schon auf der PlayStation 3 erzählt werden, damals noch unter Verwendung des Move-Controllers und der Ego-Perspektive – der Immersion wegen. Als klar wurde, dass der Move-Controller sich nicht wirklich durchsetzte und die neue Konsolengeneration vor der Tür stand, wurde auf eine PS4-Version mit Dualshock-Technologie gesetzt. Zu Recht, denn die grafische Power der PlayStation 4 und ein verbessertes Motion-Capturing erlaubten Supermassive Games eine realere Darstellung von Bewegungen und Emotionen. Die Grenzen zwischen digital animierter Unwirklichkeit mit filmisch inszenierter Wirklichkeit verschmelzen so nahezu vollständig.

Als interaktiver Film erzählt Until Dawn eine Gruselgeschichte im Stile eines Teenie-Horror-Slashers, in dem acht Jugendliche ein Wochenende zusammen in einer einsamen Berghütte verbringen wollen. Genau wie bei den Genre-Klassikern Scream oder Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast aus den Neunzigern gibt es eine Vorgeschichte, die alle Beteiligten betrifft. Vor einem Jahr hat diese Partygesellschaft in eben dieser Berghütte einer Freundin einen bösen Streich gespielt, so dass diese wegrannte und in der eisigen Kälte und Wildnis verschwand. Der Initiator des Treffens, der Bruder der Verschwundenen, möchte die entstandenen Kanten nun glätten und wieder etwas Zeit mit seinen alten Freunden verbringen. Nichtsahnend, dass ein Psychopath sich auch auf den Berg verirrt hat und alle an ihre Tat erinnern möchte – in alter Scream-Manier versteht sich.

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Hayden Panettiere nimmt ein Bad. Nichtsahnend das der Psychopath direkt neben ihr steht

Klar, Teenie-Slasher-Filme aus den Neunzigern haben storytechnisch keinen besonderen Tiefgang und Until Dawn nimmt sich da auch nicht aus. Dennoch schaffen es die Entwickler von Supermassive Games eine extrem dichte Atmosphäre zu erzeugen, so dass am Ende ein interaktiver Film mit hollywoodartigen Blockbusterattitüden über den Fernseher flimmert. Grund dafür ist einerseits die cineastische Herangehensweise der Präsentation des Spiels: unglaubliche Landschaften, filmische Kamerafahrten und ein Grammy verdächtiger Soundtrack tragen ihren Teil dazu bei. Andererseits entstanden mit modernster Motion-Capture-Technik ultra-real wirkende Spielfiguren, die auch noch durch prominente Unterstützung von Hayden Panettiere (Heroes) und Rami Malek (Need For Speed) als Hauptprotagonisten nochmals unterstrichen wurden.

Die fixen Kameraperspektiven und -fahrten tragen erheblich zum Gefühl bei, dass es sich hier eher um einen Film als um ein Videospiel handelt. Dennoch bergen die Designentscheidungen spieltechnisch einige Probleme: Manche Kamerawinkel führen dazu, dass man häufig an Möbeln hängen bleibt oder Gänge und Türen nicht auf Anhieb findet. In brenzligen und schnellen Situationen wird deshalb bewusst auf den alten Quicktime-Event gesetzt, der aber hier sehr subtil eingesetzt wird und dadurch durchaus Konzentration fordert.

Kommen wir zum eigentlichen Feature des Spiels: der viel beworbenen maßgeschneiderten Story. Zwar macht Until Dawn hier nichts Neues, denn bereits Fahrenheit zeigte schon vor zehn Jahren ein gewisses Maß an Entscheidungsmöglichkeiten und mit dem geistigen Nachfolger Heavy Rain (2010) wurden dann erstmals auch die Grenzen zwischen Film und Game gekonnt verwischt, dennoch beziffern die Entwickler die Menge an unterschiedlichen Spielerfahrungen auf mehrere Millionen. Klar, viele dieser Erfahrungen werden sich nicht großartig von der vorigen unterscheiden, aber mehrere Millionen soll schon was heißen und bietet eben viel Variation. Oft mussten sich solche Spiele in der Vergangenheit den Vorwurf der Augenwischerei gefallen lassen, was sich in gewisser Hinsicht dann zum Beispiel bei TellTale Games Erfolgsapokalypse The Walking Dead (2012) als wahr herausstellte. Deswegen wollte Supermassive Games das anders machen, mit mehr zusammenhängenden Entscheidungen, die dann gravierende Auswirkungen auf das Spiel haben können. Selbst zu langsam gedrückte Quicktime-Events können sich nicht nur direkt auf den Lauf des Spiels auswirken, sondern teilweise Stunden später. Um nicht gänzlich im multiplen Universum entscheidungsfreudiger Gamer unterzugehen, hat Supermassive so genannte Totems als Findlinge dem Spieler an die Hand gelegt.  Diese geben einen flüchtigen Blick in die Zukunft der Protagonisten, die manchmal als “was wäre wenn” zu verstehen sind, aber auch als Warnung oder Hinweis.

Neben dieser Entscheidungsfülle stellt das Spiel aber auch bewusst dem Spieler Fragen, um das Erlebnis etwas anzupassen. Der Analyst, ein Psychoanalytiker in bester freudscher Manier, möchte am Ende jedes Kapitels etwas über unsere Ängste, unseren Gemütszustand oder unseren Lieblingscharakter erfahren. Es ist mehr als offensichtlich, dass diese Entscheidungen im nachfolgenden Spielverlauf zum Tragen kommen, wie etwa bei Silent Hill: Shattered Memories. Leider verschwendet das Spiel hier etwas Potential, denn eine genaue Psychoanalyse bleibt das Spiel einem schuldig. Vielmehr hätte man den Analysten gekonnter in die Geschichte einbauen müssen, um einen Psychogrusel wie bei Identität (2003) zu erzeugen.

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Ashley und Josh müssen sich einem klassischen SAW-Rätsel stellen

Der Grusel in Until Dawn ist deswegen genretypisch eher auf plumpe Jump Scares und den klassischen Schreckmoment ausgelegt, was den Entwicklern ohne Weiteres gut gelungen ist. Als kleines Gimmick wurden die sog. “Cheap Shots” eingebaut: Hierbei wird eure PlayStation Camera automatisch aktiviert sobald ein Jump Scare droht, um euren Schrecken auf digitalem Zelluloid zu verewigen. Auch nach mehreren Spieldurchgängen sind diese Jump Scares immer noch schreckhaft, obwohl man bereits weiß was passiert. Der beliebte Psychoterror aus Filmen wie The Conjouring (2013) oder Sinister (2012) ist dagegen recht spärlich bis gar nicht vorhanden. Leider! Splatter-Kollegen kommen dagegen voll auf ihre Kosten, denn sollte einer eurer Protagonisten bis zum Morgengrauen das Zeitliche segnen, passiert das meist auf brutalste Art und Weise – SAW lässt grüßen.

Fünf Jahre ist es nun her, seitdem Heavy Rain die Grenzen zwischen Film und Game verwischte und so damals den interaktiven Film auf die Konsole brachte. Im Teenie-Horror-Slasher-Gewand gekleidet zeigen uns die Entwickler von Supermassive Games, dass sie es auch beherrschen und wie weit innerhalb dieser fünf Jahre die Technik gekommen ist: Gesichter, Bewegungen und Emotionen erreichen einen Ultrarealismus. Zwar weist Until Dawn genretypisch eine eher magere Story auf, diese wird aber durch eine dichte und stimmige Atmosphäre gekonnt in Szene gerückt. Einen entscheidenden Beitrag liefern die glaubhaften Charaktere bzw. Schauspieler wie Remi Malek oder Hayden Panettiere – ein regelrechtes Mitfühlen stellt sich so schnell ein. Das Hauptaugenmerk des Spiels liegt aber definitiv in der unglaublichen Anzahl an verschiedenen Entscheidungen, die getroffen werden können. Dadurch ist der Wiederspielwert mehr als gegeben, denn jeder Durchgang unterscheidet sich vom Vorigen. Until Dawn ist deswegen keine Neuerfindung des maßgeschneidertes Spielerlebnisses, aber bisher ein sehr hübscher und gelungener Versuch, dem Spieler alle Entscheidungsfreiheit zu geben.

 

Until Dawn ist bereits erschienen und Playstation exklusiv.

Wer Interesse hat, kann das Spiel HIER ab 59€ käuflich erwerben,

oder schaut HIER einfach ein Let’s Play.

 

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