BACKSPIN unterwegs: beim DLTLLY „MAYhem“

Es ist Sonntag der 15te Mai 2k16. Ich bin nach Hause nach Berlin gereist um mir ein Battlerap-Spektakel der Oberklasse reinzuziehen. In der Hauptstadt ist Karneval der Kulturen und die Hauptstadt platzt aus allen Nähten. Gefühlt veranstaltet jede Straße in Westberlin ihre eigene, oder wahlweise eine riesige Party. Gegen 14 Uhr bildet sich vor dem Kreuzberger „Lido“ eine Menschentraube. Die Outfits der Besucher sprechen größtenteils eine Sprache: Hip-Hop. Denn Heute findet das große „MAYhem“ von Don’t Let The Label Label You statt. Auch ich bin geladen und schaue mir das Spektakel an. Das letzte Event in der Heimatstadt hatte noch etwas über vierhundert zu verzeichnen, heute erwarten JollyJay, HtoO und Big Chief, die Jungs hinter DLTLLY, „mindestens 100 Leute mehr“ – eine Schätzung, die sich im Laufe des Tages als eher pessimistisch herausstellen soll. Gegen 17:00 Uhr, pünktlich zu Beginn des zweiten Battles, sind die Kapazitäten des Clubs erreicht und das „Lido“ beschließt den Einlasstopp. Zusammen mit den restlichen 699 Besuchern, den Hosts und natürlich den Künstlern erlebe ich das größte DLTLLY-Event bis dato. Zu der ausverkauften Veranstaltung hat nicht zuletzt das Line Up beigetragen. Das Publikum kann sich auf einen Wettkampf der Battlerap-Veteranen BattleBoiBasti und Doktor Dave freuen, der bisher ungeschlagene Yarambo tritt gegen Neuling, aber aus einschlägigen Videobattletournieren bekannten Clep an, Hansen trifft auf Lyrico und – das ganz große Finale am Abend – Bong Teggy und Papi Schlauch bilden das Doppel, das die Siegesserie von Onkel Oktomusch und Die Zwetschke anfechten will.

Damit alle sehen können, hat das Team ein Podest in die Mitte des Konzertraums gebaut. Wie schon in einem vorherigen Interview erwähnt, legt Don’t Let The Label Label You großen Wert darauf, dass die Battles im Zentrum stattfinden.

Die Bühne wird als Platz für die Jury genutzt. Jeweils fünf Judges entscheiden nach einem Battle durch das Hochhalten von Schildern mit dem jeweiligen Namen, wer gewonnen hat. Logischerweise ist das Prinzip einfach. Das Prinzip lautet erstens: „thewinnertakesit all“ und zweitens „bestoffive“.

Innerhalb der Live-Battle-Szene, die meinem Erachten nach zu Teilen noch mal neben der klassischen Deutschrap-Szene stattfindet, werden viele (und insbesondere die zuletzt erwähnte) bereits sehnsüchtig erwartet. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass man der Nase nach Gästen wie TierstarAndrez, Drob Dynamic,iGadget oder Ssynic über den Weg läuft. Auch die durchaus gehypte immer.ready-Crew rund um Marvin Game, Mauli und Morten gibt sich die Ehre und betrachtet das Geschehen.

Kurz nach vier betreten die ersten MCs die Bühne zum verbalen Schlagabtausch. Main-Host Big Chief schreit mit seiner charismatisch-markanten Stimme den fast schon klassischen Satz, in den die Crowd prompt einstimmt: „Don’t Let The Label Label You“ und ergänzt um die Ansage: „Wer jetzt hier reinlabert, istist ein richtiger Karneval-der-Kulturensohn. FRESSE HALTEN.“ Für das erste Match am heutigen Tag stehen Nikiz und Indoor Stanauf der einen, N’antinein und BX auf der anderen Seite. Ein guter Start für alle Freunde von punchlinehaltigemBattlerap. Während Indoor Stan und Nikiz für die „Hurensohnhaftigkeit“ ihrer Gegner sogar eine eigene Maßeinheit, die zufälligerweise in BX gemessen wird, bestimmt haben, zielt ihr gegnerisches Team unter anderem auf Stans Zähne ab und widmet ihm kurzerhand „Nagetier-Bars“. Beispiel gefällig?

Indoor Stan &Nikiz:

„True Story: In N’antineinsNuttenmutter war doch jeder schon mal drin/
Selbst wenn du gar keinen Bock hast. Sie wartet bis du schläfst und bläst dir einen gegen deinen Willen/

„Und statt um Erziehung kümmert sich N’antineinsMam lieber um Tinder-Dates/
Denn für sie bist du nicht mehr als ein Gutschein für zwanzig Jahre Kindergeld/“

N’antinein& BX:

„Dicka wie kann man nur so hässlich sein?!/
Wenn deine Mama dich Hasi nennt, ist das nicht nett gemeint/“

„In der Bieberfamilie gibt es weder Würde noch Verstand/
Wenn deine Schwester mir einen bläst, bekomme ich Schürfwunden am Schwanz/“

Kaum sind die einen von der Bühne und das Ergebnis wurde verkündet, betreten mit BattleBoi Basti und Doktor Dave schon die nächsten Kontrahenten auf die Bühne. Dave startet mit einer Vorstellung für die er sich seine besten „Haus-Maus-Reime“ zu Recht gelegt hat. Außerdem nimmt er dem BattleBoi schnell Angriffsfläche in Form von seinem eigenen Gewicht, denn es handelt sich dabei ausschließlich um die Dok-Transformation, bei der man in der Massephase die Lust am Trainieren verliert.

„Ich war ne Weile weg, denn ich habe viel trainiert, was man ja sieht/
Bald kommt mein Fitness-Programm auf den Markt, daran verdien ich richtig viel/
Es heißt die Dok-Transformation und man sieht ganz einfach was geschieht, wenn man in der Massephase die Lust verliert/“

Basti hingegen verwandelt sich während seiner Performance nicht nur in sein Streberbrilletragendes alter Ego, sondern  – Achtung: Spoilerwarnung – kurzzeitig auch in den eisernen Besen und battled seinen Gegner direkt als eine Hand voll Personen.

„Wenn Dave mal Frauen kennenlernt, dann völlig ausnahmslos/
Beim Speed-Dating – am Kölner Hauptbahnhof/
Du kannst mit deinem kleinen Hirn nie kognitiv entscheinden/
Und kommst mit deinem viel zu kleinen Cock nie tief in Scheiden/“

Das Publikum ist, kurz vor der ersten Pause, sichtlich amüsiert. Sobald eine Line sitzt, gehen wahlweise Raunen, Gelächter oder „Yeeeah“-Rufe durch den Saal. Zwei Battles sind um, die Jury ist sich einig, die Luft riecht leicht nach THC und die Zuschauer dursten nach einer kleinen Pause. Bevor also Hansen und Lyrico, eine Paarung die unterschiedlicher nicht sein könnte, sich die Ehre geben, heißt es für alle: Schnell in den Raucherbereich, an die Bar oder einfach kurz hinsetzen und sich über die Lieblingslines aus dem ersten Show-Drittel austauschen. So schnell wie die Verschnaufpause begann, endet sie schon wieder und Lyrico und Hansen stehen sich gegenüber. Als Host für dieses Battle hat sichn Atzenkalle auf das Podest gestellt. Der Egoland-Rapper wurde von DLTLLY übrigens kürzlich, nach einer längeren Auszeit, als Teilnehmer der Splash-Battles verkündet. Bekanntheit erlangte er unter anderem dadurch, dass er gegen Oldschool-Legende MC Bogy im RAM-Battle Eier aus Stahl bewies – aber zurück zum eigentlichen Thema: Hansen ist ein, schon in dem Interview mit den DLTLLY-Jungs besprochener, Veteran, der schon ziemlich seit dem Start der Battle-Reihe antritt und sich unter anderem schon gegen Mighty Mo durchgesetzt hat. Hansen hat einen ziemlich eigenen Battle-Style und ist ein astreiner Techniker. Bei ihm müssen die Punchlines nicht nur sitzen, sie müssen durch etliche Reimketten, Vergleiche und Metaphern ausgeschmückt sein und am besten Schemes aus den vorherigen Parts aufgreifen – so auch heute. Lyrico setzt auf eine andere Methode: Er vergleicht Hansen so dermaßen ausgefeilt und detailverliebt mit einem Zombie, dass das Publikum alle paar Sekunden in Gelächter ausbricht. Auch für die Herleitung des Namens seines Kontrahenten hat sich Lyrico etwas einfallen lassen. So stellt er die Vermutung an, dass im Laufe der Zeit aus dem Rufnamen „Hurensohn“ durch phonetische Angleichung zunächst „Huansen“ und schlussendlich „Hansen“ wurde. Außerdem versucht er Hansen mit der Frage außer Gefecht zu setzen, ob der Zettel, den er ihm vor die Nase hält nach Chloroform riecht. Hansen erwidert trocken und im Reimschema passend: „Riecht wie deine Hoe von vorn.“ Ich glaube in diesem Moment gibt es, außer Lyrico, der sonst eher Lacher auf seiner Seite hatte, kaum jemanden im Raum, der nicht herzlich lachen muss. Für dieses Battle hat sich unter anderem der „Spielverderber“Mauli als Teil der Jury auf der Bühne eingefunden. Auch bei dieser Begegnung sind die Judges sich einig wer gewonnen hat, denn vier der fünf Schilder die in die Luft gehalten werden, zeigen den gleichen Namen. Handshake zwischen Hansen und Lyrico und weiter zum Main-Match.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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