Unplug Antisemitism: Hohe Fünf mit der Amadeu Antonio Stiftung

Unplug Antisemitism

Im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus veranstaltet die Amadeu Antonio Stiftung am 15. Oktober Unplug Antisemitism. Das Event beschäftigt sich in verschiedenen Workshops mit der Verbreitung von Antisemitismus in der Popkultur. Da Antisemitimus gesamtgellschaftlich und damit auch im Hip-Hop immer noch ein großes Problem darstellt, haben wir uns mit der Stiftung getroffen und ihnen fünf Fragen zu der Veranstaltung gestellt.

Was hat euch dazu bewogen, Unplug Antisemitism auf die Beine zu stellen?

Hauptziel der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus, welche durch die Amadeu Antonio Stiftung und das Anne Frank Zentrum durchgeführt werden, ist eine bundesweite und fortlaufende Vernetzung und Kooperation mit jenen Akteur*innen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, die sich gegen Antisemitismus in all seinen Ausprägungen und für eine Sichtbarkeit jüdischen Lebens engagieren – sei es in Form eines Theaterstücks, eines Vortrags oder einer Projektion. Mit Blick auf die gestiegene Zahl an antisemitischen Vorfällen vor allem an Schulen rückt der Fokus unserer Arbeit dieses Jahr verstärkt auf Jugend- und Musikkulturen. Hier sehen wir einen großen Interventionsbedarf, schließlich spielt Musik und deren Texte für Jugendliche nach wie vor eine wichtige Rolle. Zudem sind wir im Team persönlich auch jeweils sehr musikinteressiert, woraus letztlich die Idee entstand, gemeinsam mit dem Musicboard Berlin als Kooperationspartner einen entsprechenden Aktionstag ins Leben zu rufen.

Euer Timetable umfasst viele verschiedene Veranstaltungen. Wie darf man sich den Ablauf des Tages vorstellen?

Wir haben ein relativ dichtes Programm, trotzdem möchten wir verschiedenen Perspektiven einen Platz im Themenkomplex Antisemitismus und Musik einräumen. Nach der Begrüßung folgt ein Gespräch in gemütlicher Atmosphäre zwischen Prof. Dr. Nicolle Pfaff (Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Duisburg-Essen) und Martina Hannak (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien). In diesem steht die Wirkung antisemitischer Musik bzw. deren Texte auf Jugendliche im Vordergrund. Anschließend beginnt unsere Workshop-Phase, bei der die Referent*innen antisemitische Ausprägungen in verschiedenen Genres (Rap, Punk, Hardcore, Neofolk, Rechtsrock, etc.) vorstellen und mit den Teilnehmenden diskutieren. Hiermit möchten wir zeigen, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und sich logischerweise auch in verschiedenen Musikspielarten ausdrückt. Nach der Mittagspause folgt das große Podium unseres Aktionstages, bei dem Vertreter*innen des Musicboard Berlin, der Münchner Backstage Concerts GmbH und des Ostritzer Friedensfestes der Frage nachgehen, was Politik, Zivilgesellschaft und die Musikbranche gegen Antisemitismus tun können. Auch das folgende Gespräch zwischen Lorenz Korgel (Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus) und Tim Renner (Musikproduzent, Journalist und Autor) greift diese Frage auf, legt den Schwerpunkt aber nochmal auf die politische Ebene. Zum Ende der Veranstaltung fassen wir nochmal die Workshop-Ergebnisse zusammen, damit wir uns alle die Vorstellung eines Gesamtbildes machen können. Moderiert wird die Veranstaltung übrigens von Linus Volkmann (Musikjournalist) und Simone Rafael (Belltower.News).

Wie sehr seht ihr den Antisemitismus in der Musik als Spiegel der Gesellschaft und wie trägt Hip-Hop zur Reproduktion bei?

Antisemitismus lässt sich in verschiedenen Ausprägungen in allen denkbaren gesellschaftlichen Schichten und politischen Lagern finden – besonders in Bezug auf den Staat Israel und im Rahmen verschwörungsideologischer Narrative. Entsprechend wenig sollte es verwundern, dass sich Antisemitismus auch in musikalischen (Sub-)Kulturen ausdrückt, zumal viele Musikkulturen im Laufe der Jahrzehnte quantitativ und damit auch kommerziell deutlich gewachsen sind. Ich würde mit Blick auf diesem Umstand vielmehr sagen, dass Künstler*innen vor allem Teil der Gesellschaft sind – und damit letztlich inner- wie außerhalb „ihrer“ Szene Antisemitismus reproduzieren können.

Besonders Gangsta-Rap und Battle-Rap als Kunstform sind für ihre beleidigende und teils vulgäre Sprache bekannt, zudem sind diese stark von Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit sowie einer Hypermaskulinität geprägt. Gleiches gilt hierbei auch für Antisemitismus, der sich meist (ähnlich wie bei Verschwörungsideologien) durch Codes und Metaphern, aber auch eine Bezugnahme auf den israelisch-palästinensischen Konflikt ausdrückt. Gerade bei letzterem fällt auf, dass die Grenze zur sachlichen Kritik an der israelischen Regierung bzw. deren Politik ganz bewusst und deutlich überschritten wird – etwa dann, wenn Israels verhalten nach Doppelstandards bewertet wird, der jüdische Staat mit dem Dritten Reich gleichgesetzt wird oder ihm gleich das Existenzrecht abgesprochen wird. Auch wenn Rapper*innen bei darauf folgender Kritik stets beteuern, kein*e Antisemit*in zu sein, sondern nur „Israelkritik“ zu üben, müssen sie sich eingestehen, dass sie antisemitische Narrative reproduzieren. Ihrem meist sehr jungen Publikum liefern die oft kommerziell erfolgreichen Künstler*innen damit ein stark verkürzendes Weltbild, das der Komplexität des Themas nicht gerecht wird – und letztlich antisemitische Einstellungen nachhaltig festigen kann.

Seht ihr einen Trend zur weiteren Verbreitung von Antisemitismus durch die Popularität von Verschwörungstheorien, die in diversen Formaten gefördert werden?

Das ist in der Tat ein großes Problem, nicht zuletzt weil antisemitische Verschwörungsideologien im Grunde an viele politischen Positionen anknüpfungsfähig ist. Egal ob „Rothschild“, „Großkapital“ oder „Israellobby“: Letztlich landet man stets bei Jüdinnen und Juden, die als „übermächtige Strippenzieher*innen“ angeblich die Weltherrschaft anstreben. Gerade für komplexe globale Zusammenhänge bieten solche antisemitischen Narrative einfache Erklärungen, weil sie eine klare Unterteilung der Welt in Gut und Böse vornehmen und dies meist an kleinen Gruppen oder Einzelpersonen festmachen. Wirklich problematisch wird es dann, wenn diese verkürzenden Erklärungsmuster sinnstiftend werden und Anhänger*innen von Verschwörungsideologien glauben verstanden zu haben, „wer wirklich die Fäden zieht“ und jene, die es noch nicht „wissen“, darüber aufklären müssen. An diesem Punkt ist es meist nur schwer möglich, mit Argumenten und Fakten zu diesen Leuten durchzudringen.

Welche Wirkung erhofft ihr euch von Unplug Antisemitism?

Zunächst soll unser Aktionstag eine Bestandsaufnahme dessen sein, was es noch weiter zu analysieren und diskutieren gibt. Mit dem Erfahrungsaustausch zwischen Politik, Musikbranche und Zivilgesellschaft erhoffen wir uns natürlich, dass wir einige Möglichkeiten finden, wie diese Akteur*innen agieren können, wenn sie mit antisemitischen Aussagen, Bands oder Konzerten konfrontiert werden. Hierfür gilt es zunächst, das Bewusstsein dafür zu schärfen, was Antisemitismus ist und wie vielfältig er sich in verschiedenen Kontexten äußert. Dabei gilt es klarzustellen, dass Künstler*innen und Musikbranche (vor allem mit Blick auf ihren kommerziellen Erfolg), aber auch Politik und Zivilgesellschaft, eine Verantwortung gerade für junge Menschen, die Musik konsumieren, übernehmen muss. Oder um es auf eine griffige Formel herunterzubrechen: Erkennen, benennen, widersprechen!

Unplug Antisemitism findet am Dienstag, den 15. Oktober, in der Werkstatt der Kulturen in Berlin statt. Der Eintritt ist frei. Die Teilnehmendenzahl ist begrenzt, eine Anmeldung mit Vor- und Nachname ist möglich unter: aktionswochen@amadeu-antonio-stiftung.de

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