Ladies, I can’t hear ya: Über die Ungleichheit auf Deutschlands Festival-Bühnen

Adieu räudige, schlaflose Nächte auf der viel zu dünnen Isomatte! Mach’s gut Wellenmeer aus Hip-Hop Händen! Auf bald geliebter Festival-Sommer – und grüß dich Fazit! Zugegeben war ich in diesem Sommer nur auf dem splash! unterwegs. Mac Miller, Megaloh, Post Malone, Trettmann – um nur ein paar Namen meiner Favoriten zu nennen. „Wo bleiben RAF und Bonez?“, werden vielleicht die einen verständnislos reagieren. „HELGA“, werden vielleicht die anderen mit einer immer noch regenerierenden Leber rufen. „Wo sind die Lauryn Hills und Princess Nokias?“ – frage ich mich. Selbstverständlich sind unter den splash!-Artists auch ein paar Frauen vertreten, mit Haiyti und SXTN zwei sehr zeitgenössische und einflussreiche Deutschrap-Acts, mit Hannah Faith und Ray BLK auch zwei sehr stilvolle und originelle internationale Künstlerinnen.

Dennoch überrascht das Ungleichgewicht der Artists dann doch, bedenkt man den jüngsten Relevanzanstieg von weitaus mehr Hip-Hop Künstlerinnen als auf den diesjährigen deutschen Festivalbühnen vertreten waren und den beständigen Zuwachs einer weiblichen Fancommunity. Rund 93 Prozent des splash!-Line-Up waren in diesem Jahr männlich. Ziemlich ähnlich sieht es bei den anderen deutschsprachigen Hip-Hop Festivals aus. Mit einer Männer-Quote von „nur“ 86 Prozent fällt das Line-Up des Spektrum ein Müh ausgewogener aus. Annika arbeitet seit 2008 als Bookerin und ist seit der Geburtsstunde des Hamburger Ein-Tages-Festivals mit dabei. In den vergangenen sechs Jahren konnte sie eine positive Entwicklung, was das Geschlechterungleichgewicht angeht, feststellen. Das Line-Up, das 2012 und im darauffolgenden Jahr noch komplett ohne Künstlerinnen ausgekommen ist, hatte 2014 erstmals zwei weibliche Acts und mit Neneh Cherry gleichzeitig die erste Headlinerin. Seitdem konnte man inklusive diesen Sommer jeweils vier Künstlerinnen auf den Bühnen in Hamburg-Wilhelmsburg performen sehen.

„Ich kann es nicht mehr genau sagen, welcher der ausschlaggebende Punkt war, dass es für uns wichtig wurde, auch weibliche Acts mit im Line-Up zu haben. Es ist uns auf jeden Fall aufgefallen, auch weil auf einmal mehr interessante Frauen im Rap auftauchten.“ (Annika, Spektrum Bookerin)

Was haben das splash! und Wacken gemeinsam?

Ob nun im Hip-Hop, Death Metal oder einem sonstigen Genre – es ist nun wirklich keine neue Erkenntnis, dass weniger Frauen an den Mikrofonen, Drums oder Turntables ihr Können unter Beweis stellen als Männer. Nun ist es aber gerade Hip-Hop der oftmals von Außenstehenden wegen sexistischer, homophober, diskriminierender etc. Texte verteufelt wird und trotz des pompösen Einzugs in den Mainstream einen schlechten Ruf genießt. Dass diese Fraktion einen Teil der Szene ausmacht ist ebenfalls keine neue Erkenntnis – aber eben nur einen Teil. Doch ist dies wirklich nur ein Problem im Hip-Hop? Sieht man sich die Artists anderer Festivals an, so kann man dies deutlich verneinen. 

Ladies

Unabhängig von Größe und Genre: Keines der erfolgreichen und etablierten Festivals Deutschlands gibt auch nur annähernd so vielen weiblichen, wie männlichen Artists eine Bühne – Verabschieden wir uns von dem Gedanken, dass es ausschließlich ein Problem im Hip-Hop ist. Gemessen an der Anzahl der Artists und im direkten Vergleich zu den anderen Events sehen die rosafarbenen Balken in der Grafik schlichtweg unbedeutend aus.

It’s a woman’s world

Das Gegenteil ließ sich bei Music is my Gender, Ende Juli im SO36, Kreuzberg, beobachten – von Frauen für alle. Oder besser gesagt von Frauen und Trans für alle. An Tür, Technik und auf der Bühne wurde das gängige Ungleichgewicht für zumindest einen Abend umgekehrt.

„Eigentlich sagt der Titel genau das, was in der Musikwelt regieren sollte, nämlich die Musik! Sie sollte über allem stehen; Geschlecht, Alter, Finanzierung, Zielgruppe, usw.“ (Gero, SO36 Veranstaltungsteam)

Music is my Gender wurde genreübergreifend veranstaltet. Als Hip-Hop Repräsentantinnen wurden die Berlinerinnen Josh & Nash ins Rennen geschickt.

„Es kommt auf die Skills an und nicht unbedingt auf das Geschlecht und trotzdem ist es ein Stigma, weil die Überzahl männlich ist. Und klar ist es irgendwie traurig, dass es so eine Veranstaltung geben muss dafür. Aber es ist auch nice, dass die Frauen mal so im Fokus stehen.“ (Nash)

Nun halte ich dieses Konzept für interessant und ein Stück weit auch für polarisierend – Ich befürchte nur, dass dieser wichtige, reflektierte, gleichberechtigende Gedanke den Weg aus der „Blase“ nicht hinausschafft. Sprich: Wer über das Bewusstsein der fehlenden Gleichberechtigung in der Branche verfügt und ein Problem damit hat, wird mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von der Veranstaltung Bescheid wissen, als jemand ohne geistige Berührungspunkte. Doch hier lenkt Josh ganz richtig ein, dass ein derart fokussiertes Festival essenziell ist, für diejenigen die sich auf den gängigen Szeneevents durch beispielsweise die Lyrics anderer Acts oder auch vielleicht durch das Verhalten von Fans beleidigt, ausgeschlossen, diskriminiert fühlt.

„Es ist wichtig so ein Empowerment, so einen Raum zu geben, wo sich jeder frei bewegen kann. Jeder kann hier her kommen. Es ist ja nicht nur für Queer-Leute, aber genau diese Leute werden auch eingeladen. Sie haben einen Raum, wo sie sich geschützt fühlen und sie so sein können wie sie sind.“ (Josh)

Auch Gero vom SO36-Veranstaltungsteam ist da einer ähnlichen Meinung:

„Solange es noch keine Gleichberechtigung und gleiche Verteilung gibt, finden wir es wichtig explizit Veranstaltungen zu machen mit Frauen*Lesben*Trans* auf, hinter, vor der Bühne. Wir denken, dass Sichtbarkeit ein guter Schritt in Richtung Gleichberechtigung ist.“

Planung? Schön und gut…

Wie wir nun aber auch am Beispiel Spektrum sehen, ist auch bei der populären, szeneinternen Veranstaltung das Bewusstsein vorhanden – dennoch gibt es bei den beiden Kurzfestivals einen triftigen Unterschied: Der Fokus von Music is my Gender liegt auf der Message, beim Spektrum auf der Unterhaltung. Genauer gesagt wird das Line-Up des Spektrums namensgetreu breit aufgestellt. Es sollen möglichst viele Sparten von Hip-Hop präsentiert werden, auch mitunter ins Elektronische gehend, erklärt mir Annika. Relevanz, Aktualität, Exklusivität, lokaler Bezug, Releases – diese und mehr Faktoren fließen in die Konzeption eines Line-Up ein. Welche anderen Faktoren die Verfügbarkeit der angefragten Acts beeinflussen, kann für die Booking-Teams schon mal unvorhersehbar werden.

 „Es kann potenziell sein, dass man am Anfang der Booking-Phase 50/50 Prozent Frauen/Männer anfragt und am Ende ergibt sich trotzdem ein ganz anderes Bild. Das hört sich fast wie herausreden an, aber man bekommt beim Booking natürlich nicht für alle Acts eine Bestätigung, die man anfragt.“ (Annika, Spektrum Booking)

So fügt Annika hinzu, dass oben erwähnte Princess Nokia angefragt wurde aber nicht angenommen hat. Trotz dieser Umstände muss ein Line-Up eins ganz besonders sein: schmackhaft! Ohne Publikum, Fans und Interessierte kann kein Festival überleben. Das Ohr wird fest an den Puls der Zeit gedrückt, mit dem Ziel ein rundes und exklusives Angebot zu präsentieren.

„Der Verbraucher spielt natürlich mit herein, was gehört wird. Ob das dann so funktioniert, oder ob man dann das Festival auch halten kann, das ist die andere Frage.“ (Annika, Spektrum Booking)

Nachdenken oder nacheifern 

Und damit sind wir an einem Punkt angelangt, wo es an die eigene Reflexion geht. Ohne einen mahnenden Zeigefinger zu erheben sei gesagt, dass die Szene recht demokratisch funktioniert. Es gibt ein breites musikalisches Angebot mit einschlägigen Tendenzen und Zugehörigkeiten. In welche Richtung ein Trend geht und sich die Szene bewegt, wird von unten entschieden. Verkaufszahlen, Konzertbesuche, Klicks, Aufmerksamkeit, Support. Nur als Beispiel: Ein Trap-Song schafft es an die Chartspitze und plötzlich schießen unendlich Gleichgesinnte aus dem vor Bass bebenden Boden. Ungeachtet der musikalischen Einflüsse, lässt sich das Ganze aber auch auf andere Ebenen übertragen. Einer macht’s vor, die Anderen ziehen mit – oder auch eine macht’s vor:

„Das zeigt auch jetzt gerade Amerika mit Young M.A. Sie ist eine lesbische Rapperin die gerade ein 50 Cent Feature gemacht hat und vielleicht ist das unser Vorreiter – Amerika ist immer unser Vorreiter.“ (Nash)

Letztendlich ist Musik aber auch ein Abbild des persönlichen Geschmacks – von daher hör was dir gefällt. Wenn es ein Rapper ist, ok. Wenn es eine Rapperin ist, ok – aber schlussfoltere nicht vom Geschlecht aufs Talent. Dieses Phänomen ließ sich in der vergangenen Saison nämlich nicht nur auf den Bühnen feststellen, sondern auch dahinter. Ich erinnere an Helen Fares die via Facebook über degradierende und sexistische Erfahrungen auf dem Frauenfeld Festival berichtet hat, oder an Salwa Houmsis Artikel, in dem erschreckend aber treffend das Sexismusproblem der Deutschrap-Medienlandschaft zusammengetragen wurde. In welcher Form sich der Sexismus auch äußert, starke Statements gibt es zu genüge. Bevor das Stichwort der Frauenquote für Line-Ups in rege Diskussionen aufgenommen wird und weitere Frauen die Nähe zum Hip-Hop dank Negativerfahrungen und machohafter Attitüden verlieren, gilt es den gleichberechtigenden Prozess der Szene voran zu treiben. Wie bei Music is my Gender bewiesen oder mir von Josh & Nash versichert wurde, gibt es zahlreiche, talentierte Künstlerinnen – nur nicht in der Masse an der Oberfläche, was in Zeiten der sozialen Netzwerke für eine Mehrheit mit „nicht vorhanden“ gleichzusetzen ist. Ob es nun ein großes Problem ist, dass mehr Männer als Frauen auf den großen Festivalbühnen stehen? Nicht zwangsläufig, sofern es ein musikalisch starkes Angebot gibt. Ob es nun ein großes Problem ist, dass Bookingteams zwischen mehr relevanten Männern als Frauen wählen können? Oh ja.

The following two tabs change content below.
Meine Mehr- oder Wenigkeit heißt Anna. Ich bin hier, um straight aus dem Gangstarap-Richterstuhl mein Urteil fällen zu können.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.