Tufu: Battlerap auf vier Spuren

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Sechs Jahre sind vergangen seit Tufu mit „Abdoom & Unraum“ sein letztes Soloalbum veröffentlicht hat. Tufu, seines Zeichens Rapper, Produzent und Mitgründer des Mainzer Labels Sichtexot, war in der Zwischenzeit trotzdem nicht untätig. Nach einem Instrumental-Album und Projekten mit Eloquent und Knowsum meldet er sich jetzt mit seiner neuen Platte „Moorloch“ zurück. Zu diesem Anlass haben wir uns mit dem Bonner getroffen und ausführlich über das Album und die Entstehungsphase gesprochen.

Zurück zu den Wurzeln – Aufnahme per Vier-Spur-Recorder

Mit Rap sozialisiert wurde Tufu durch Tapes, die er und seine Freunde früher beim Skaten austauschten. Als Heranwachsender in den frühen 2000er gefielen ihm vor allem die expliziten Texte und die Attitüde der Berliner Rapper. Später merkte er aber, dass ihm auch der Sound und die Art der Aufnahme sehr zusagen konnte. Die rohen Vier-Spur-Aufnahmen von Projekten wie „Battlekings“ von Westberlin Maskulin, den ersten Sachen der Sekte oder auch von „CCN“ reizten ihn. Gemeinsam mit Sichtexot-CEO Anton aka Anthony Drawn entwickelte er eine Leidenschaft für das Thema und so fuhren die beiden quer durch die Eifel, um Bandmaschinen zu kaufen. Wie es der Zufall wollte, fand er letztlich im Second-Hand-Laden auf dem Kölner Eigelstein einen Vier-Spur-Recorder.

„Wenn der Record-Button an ist, dann musst du halt performen. Und zwar den kompletten Track durch.“

Daraufhin hatte sich Tufu in den Kopf gesetzt, direkt eine ganze Platte in dem Stil aufzunehmen. Alles muss in einem Take passieren, keine Möglichkeiten nochmal neu einzusetzen. Das gebe ihm nochmal eine ganz andere Nähe zum eigenen Schaffen. Ergriffen von dieser entstandenen Romantik erleichterte es ihm die Entscheidung, das Projekt so umzusetzen.

Bezeichnend für den Entstehungsprozess von „Moorloch“ ist dabei die Aufnahme zum Song „Haus am Moorloch“, den Tufu selbst als stärksten Track des Albums bezeichnet. Im tiefsten Winter nistete er sich gemeinsam mit Anthony Drawn in der Werkstatt von dessen Vater im Westerwald ein. Tufu baute dort sein Studio inklusive MPC und 4-Tracker auf. Dazu eine Kiste Bier und eine Flasche Scotch und die Session konnte beginnen. Drei Tage lang wechselten sich die beiden auf dem Beat von Knowsum  vor einem Mikrofon ab.  Anthony spielte das Saxofon ein, Tufu die Lyrics, während der Schnee um sie herum den Westerwald weiß färbte.

Die eigene Umgebung als Inspiration

Seit 2013 hat sich in Tufus Leben eine Menge verändert. Andere familiäre Umstände und auch der Wohnort ist nicht mehr der gleiche wie zu der Zeit seines dritten Albums. Nach den Jahren in Köln hat er sich jetzt in Bonn niedergelassen. Mitten in der Altstadt, in der die Gentrifizierung auf Hochtouren läuft. Der elitäre Flair dort nerve ihn, sagt er im Interview. Zwischen hippen Studenten und jungen Familien sitzt T.U.F. selbst in seiner Wohnung und versucht die Musik, den Job und das Privatleben unter einen Hut zu kriegen.

„Wenn man nur so selten da ist, kriegt man richtig auf’s Brot geschmiert, wie es so außerhalb der eigenen Teekannen-Blase aussieht. Das ist schon sehr befremdlich.“

Auch in seiner ehemaligen Heimat, nahe einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz, nimmt er seit längerer Zeit Veränderungen wahr. Die Innenstadt dort sei völlig ausgestorben, so der Rapper. Der Teil der Menschen, den es nicht in die großen Städte zieht, verschanze sich in den eigenen Blasen. Die einzigen Überlebenden sind zwei Shishabars und eine Kneipe. Die Eisdiele ist jetzt ein AfD-Büro. 

„Die wirklich realen Germanen beten zum Torfgott“

Düstere Albentitel ziehen sich durch Tufus komplette Diskografie. „Mastschwein“, „Hässlon“, „Abdoom“ und jetzt das „Moorloch“. Auf die Frage, warum er gerade das Moor als Motiv für das Album gewählt hat, nennt er gleich verschiedene Aspekte. Angefangen habe die Faszination durch ein berufliches Projekt in einer Moorlandschaft. Seit drei Jahren arbeitet er nun dort. Auch der Klang des Wortes vermittelt für ihn direkt ein Gefühl. 

„Diese dunklen Vokale, die alles verschlucken. Gerade bei ‚Moor‘ spiegelt der Klang vom Wort auch genau wider, was es ist. Nämlich einfach Ende.“

Battlerap spielt eine zentrale Rolle auf „Moorloch“. Auch wenn sich Tufu manche Formulierungen der Vergangenheit mittlerweile selbst verbietet, bleibt er seinem zynischen und expliziten Stil treu. Wer aber genauer hinhört, wird zwischen den Punchlines gegen andere Crews und MCs immer wieder auf gesellschaftskritische Themen stoßen. Dazu gehören die studierten jungen Eltern, die die Gentrifizierung in den Städten vorantreiben. Aber auch Probleme, die fernab von der Bonner Altstadt an Stammtischen in der Provinz entstehen und dort ihre eigenen Dynamiken entwickeln. Geschäftsmänner, die vor der Rückkehr zu ihrer Frau noch das nächstbeste Bordell aufsuchen und sich anschließend in Foren darüber austauschen. All diese Leute lädt er zu sich ein. Zum Haus am Moorloch. Den Ort, an dem sie dann für immer bleiben werden.

„Die Isolation von dem Haus am Moorloch und gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, einen nach dem anderen einzuladen und für immer verschwinden zu lassen. Das ist für mich die Romantik, die da mitschwingt.“

Bei all der Kritik lässt sich Tufu aber nicht außen vor. Er stelle manchmal selbst eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch an sich selbst und seinen eigenen Gewohnheiten fest, sagt er. So mancher Vorwurf, den er im Kontext des Battleraps seinem Gegenüber an den Kopf wirft, lasse sich auch auf ihn beziehen.

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Musik aus Leidenschaft

„Moorloch“ ist ein Album, das aus Leidenschaft und Liebe zur Sache entstanden ist. Durch seinen festen Job ist Tufu nicht finanziell auf die Musik angewiesen. Das verschaffe ihm Freiheiten, die auch dringend nötig für seine Musik seien, so sagt er. So kann dann letztendlich ein Album entstehen, wie es heutzutage nur sehr wenige gibt.

Über die in Echtzeit eingespielten Beats oder Gastbeiträge von den Kollegen Knowsum, Eloquent oder Beatvadda rappt Tufu seine zynischen Punchlines in rauschenden Onetake-Aufnahmen. In erster Linie habe ihm das Projekt Spaß gemacht, sagt er uns im Interview. Die vorab erschienen Singles „Gaspistole“ und „Schmutzfink“ boten einen guten Vorgeschmack. Heute ist „Moorloch“  als LP über Sichtexot Records und auf allen Streamingplattformen erschienen.

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