Alles Schwarz/Weiss: Warum Tua Deutschraps Kritikerliebling ist

Man redet heutzutage immer von „Filter-Bubbles“, in denen wir uns als digitales Selbst, ständig auf’s Smartphone glotzend, zwangsläufig befinden. Themen-Blasen, in denen wir von Algorithmen nur mit dem gefüttert werden, was uns ohnehin schmeckt. Gefiltert durch das, was wir und die Leute, die der Computer als Geschmacks-ähnlich erkennt, rezipieren. Abgeschottet von der Gesamtheit bauen wir uns damit mehr oder weniger bewusst kleine Nischen, in denen wir uns wohlfühlen, in denen selbst die für die Masse noch so uninteressanten Themen zum Mittelpunkt der Alltags-Wahrnehmung aufsteigen können.

Eigentlich beschreibt dieses Phänomen die öffentliche Wahrnehmung von Tuas Musik wunderbar. Denn der Reutlinger Orson hat es mit seiner Musik noch vor Instagram und Twitter – damals, als es noch MySpace und last.fm gab und Facebook gerade zum neuen Ding geworden war – scheinbar durchgespielt.

Spricht man in Hip-Hop-Fachkreisen über Meilensteine der Deutschrap-Geschichte, dann landet man zwangsläufig irgendwann bei „Grau“.

Dieser einen Platte, über die niemand in der Runde ein schlechtes Wort zu verlieren weiß. Oh Wunder, wurde Tuas 2009er Album, das damals als eine der letzten Label-Veröffentlichungen bei Deluxe Records erschien, vor einiger Zeit von einer Jury aus vielen großen Hip-Hop Magazinen des Landes als bestes deutsches Rap-Album der 00er-Jahre gewählt. Prädikat „Klassiker“, wenn man so will.

Das zweite Prädikat, mit dem man Tua und dieses Album in einem solchen Gespräch labelt, ist „underrated“. Daran hat sich auch knapp 15 Jahre nach dem Debütalbum nichts geändert. Skurril eigentlich: Meinungsbildende Szene-Institutionen lobpreisen einen Künstler in Einigkeit, die Grenzen der eigenen Bubble scheint das allerdings nie zu durchbrechen. Das zeigen Verkaufs- und Streamingzahlen, das zeigen YouTube-Klicks, das zeigen die mittelgroßen Venues, in denen Tua seine Konzerte spielt, die bekannten Gesichter, die man auf diesen Konzerten sieht. Sind wir ehrlich, auch diesen Text lesen wohl wieder genau die gleichen Leute, einfach weil es nur in der eigenen Blase stattfindet.

Um die Größe der Musik selbst, den Mythos, den Tua beinahe unfreiwillig um sich und seine Alben kreiert hat, ist man sich natürlich trotzdem bewusst. Fast großspurig kündigt sein Label Chimperator das selbstbetitelte dritte Album an: „Er hat es endlich getan. Kingdom come.“

Aber was macht Tuas Musik so besonders? Und warum steht er wie kaum ein anderer für ein Hype-Ungleichgewicht im Deutschrap der 10er-Jahre?

Steigen wir mit der zweiten Frage ein, einfach, weil sie sich sehr viel simpler beantworten lässt. Denn wer seinem bekanntesten Werk den Tristesse verkörpernden Titel „Grau“ gibt, die zuvor veröffentlichten Platten nicht minder bedrückend „Nacht“ und „Stille“ nennt, der macht klar: Das, was da kommt, strahlt Düsterheit aus, wird einsam gehört, in den späten Stunden der kargen Monate, gehört zu Regen, Trauer und Selbstreflexion.

Tua fordert seine Hörer. Er fordert auf zum Zuhören und zum Hinhören. (Metaphorische) Geschichten werden mit mehrdeutigen Wortspielen erzählt, sie treffen auf anspruchsvolle Reim- und Rap-Technik. Die Grundlage dafür bieten oft absurd weitläufig verschachtelte Instrumentale, die in ihrer stilistischen Collagenhaftigkeit gleichermaßen wie in der unkonventionellen Produktionsweise (Stichwort Field-Recording) abseits von deutschen Rap-Standards stattfinden und auch so klingen (Stichwörter: Techno, Drum’n’Bass, TripHop). Lässt man diese Musik zur Unterhaltung laufen, ist unaufmerksam, strengt sie an. Sie fordert ein, Priorität zu sein und erreicht damit eben primär diejenigen, deren Leidenschaft sich in Musik widerspiegelt (,die sich vielleicht ohnehin „beruflich“ damit auseinandersetzen).

Nur meinungsbildend sind die durch solche Leute repräsentierten Szene-Institutionen mittlerweile nicht mehr. Sie mussten sich schlussendlich doch einem Algorithmus-basierten Konsumverhalten beugen. In der eigenen, konstant aufrechterhaltenen Journo-Bubble können Künstler wie Tua trotzdem ohne die großen Zahlen als Superstars stattfinden. Deutscher Rap koexistiert anno 2019 friedlich in diversen Parallelwelten irgendwo zwischen „Modus Mio“ und Liebhaber-Kreisen. Bedauerlicherweise steht nur an einem Ende des Regenbogens ein Topf voll Gold. Soviel zu Frage Zwei.

Und eigentlich waren wir damit auch schon mitten in der Beantwortung der ersten, etwas größeren, Frage, die zwangsläufig eine oberflächliche Antwort benötigt. Denn Tuas „Kosmos“ aufschlüsseln zu wollen, wenngleich sicherlich spannend, halte ich an dieser Stelle für falsch.

Essenziell für den Stellenwert von „Grau“ ist der offensichtliche Bruch mit damaligen Szene-Normen, den Tua verkörpert.

Der kantige Ex-Royal Bunker Rapper, trägt zwar Lederjacke, Boxerschnitt, rappt messerscharfe Doubletime-Parts und hat durchaus Straßen-Vergangenheit. Die 15 Songs allerdings klingen technoid, handeln von Verlust(-ängsten), eigenem und beobachtetem Leid, Depression. Ein Rapper-Stereotyp beginnt zu bröckeln und öffnet damit Künstlern wie Casper oder Marteria einige Jahre später die Tür zum Pop-Star-Leben – das Tua nach wie vor verwehrt blieb. Fast zeitgleich – elf Wochen eher um genau zu sein – erscheint in den USA mit „808s & Heartbreak“ ein Album, das auf verblüffend ähnliche Weise an selben Rap-Außendarstellung sägt. Der wesentliche Unterschied: Kanye West ist zu dieser Zeit bereits gestandener Hip-Pop-Messias, passt mit seinem schrillen Auftreten mehr in die Pop-Musik als Schwarz-Weiß-Tua.

Schlussendlich sind es die ihn durchziehenden, krassen Kontraste, die den Tua-„Kosmos“ so spannend machen. Da gibt es natürlich die offensichtlichste – die visuelle – Ebene, auf der sich die Cover seiner Veröffentlichungen von Dunkelgrau hin zu strahlendem Weiß entwickeln.

Und ebenso zerrissen, Stil-ungebunden, klingt Tua auch. Das technoide Herz der Produktionen trifft auf anmutig warme Hip- und Trip-Hop Sample-Arbeit. Druckvoller, trockener Rap, den man bereits aus den Bunker-Kreisen kannte, koexistiert mit einer unnahbaren Art des Schreibens und Singens, die eine Gruppe wie Portishead zu Weltstars werden ließ.

Wahrscheinlich ist es genau dieser Exotismus, wegen dem Tua im ewigen Dasein unter dem Mainstream-Radar fristet. Zu Bristol für Berlin, zu Techno für Hip-Hop, zu bedacht für die Straße. Kurzum: Zu sperrig.

Aber jetzt kommt es ja, das mystische dritte Album. Das mit dem eigenen Künstlernamen betitelte Werk.

Autobiografisch soll es sein und damit nach den Themen-EPs der vergangenen Jahre irgendwie doch ein direkter „Grau“-Nachfolger. Zum ersten Mal wird eine seiner Platten in ein tiefschwarzes Artwork gehüllt, lediglich aufgebrochen von dem Albumtitel „TUA“, visualisiert in strahlend-weißen Tonfrequenzen.
Der krasseste Kontrast.

Es scheint beinahe, als wäre alles an dieser oft so intuitiv und emotional geleitet klingenden Musik noch vor der ersten geschriebenen Zeile als ein Gesamtwerk akribisch am Reißbrett designt worden. Natürlich. Denn am Ende lebt ja alles in diesem Kosmos von seiner Zerrissenheit.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

1 Comment

  1. Lenz

    9. Februar 2019 at 10:54

    Sehr angenehmer Artikel. Anspruchsvoll ausgearbeitet. Danke!

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