Tropf: Vom Kinderzimmer zum Klang für die Derbsten

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Das klassische Narrativ eines Produzenten ging früher so: Ein komischer Kauz, das musste er sein, sozial inkompetent, zumindest aber öffentlichkeitsscheu, natürlich trotzdem seiner Zeit voraus, der weiß, was morgen angesagt sein wird, wie man schlechte Künstler gut und gute Künstler besser macht. Der heimliche Kopf hinter dem Artist, der, der die Fäden zieht, den Niemand versteht, Niemand ersetzen kann, der, der durch den Künstler spricht. Manchmal selbst ein Star, dann extrovertiert, mit vielen begabten Freunden und Produzentenalbum als Freundschaftsdienst, als Dankeschön für die vielen begründeten Karrieren im Pop, im Rap, im Showbiz.

Soweit der Mythos, der US-Mythos, aber Deutschland ist nicht Amerika, einen Dre gab es hierzulande nie, keinen Premier, keinen RZA und auch keinen Dilla. Und doch hat es heute wie früher, vor fünfzehn, zwanzig Jahren schon, Produzentenalben gegeben, „The Cut“ etwa (DJ Stylewars, 2002), das die damals noch existierenden geografischen Grenzen Rapdeutschlands einriß, wie schon zwei Jahre zuvor der Düsseldorfer Produzent Plattenpapzt, dessen „Full House“ (2000) vor allem einem aufstrebenden Künstler den Weg zum kommerziellen Durchbruch ebnete:

Dem selbsternannten King of Rap Savas, der mit dem gleichnamigen Track erstmals größere Bekanntheit erlangte. Während sich Thomilla auf „Genuine Draft“ (1999) noch hauptsächlich auf sein Stuttgarter Umfeld konzentrierte, konnte Melbeatz („Rapper’s Delight„, 2004) mit Prodigy, Havoc, Ol’ Dirty Bastard und Kanye West, der gerade mit „The College Dropout“ (2004) sein Debütalbum veröffentlicht hatte, aufwarten.

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Von Kaspar Wiens gibt es kein solches Album, kein in Spuren verewigtes Schaulaufen, überhaupt seit Jahren eher wenige Produktionen. Der Mann, der seine Produzentenkarriere Mitte der 90er Jahre unter dem Alias Tropf begann, ist dennoch bis heute in Deutschlands HipHop-Szene ungebrochen präsent: Als Eimsbush-Hausproduzent prägte das Mongo Clikke-Mitglied deutschsprachigen Rap made in der Hansestadt in dessen Blütephase Ende der Neunziger. Seit „Mercedes-Dance“ (2006) produziert er die Solo-Werke Jan Delays, dessen Gruppe Beginner seit ihrer triumphalen Rückkehr vor drei Jahren. Dennoch hat sich der Fokus von Wiens Arbeit mittlerweile vom Produzenten hin zum Studio- und Livemischer verschoben. 

Der Hamburger sorgt heutzutage vor allem für den richtigen Klang „der derbsten Band der Weltund ihres Frontmannes, hin und wieder springt er, wie bei den Aufnahmen zu dessen MTV Unplugged (2018) noch bei Samy Deluxe ein und auch Marteria und Sido begleitete er in der Vergangenheit schon auf Tour.

Jan hat mich vor Jahren mal gefragt, was ich denn eigentlich sein wolle – Produzent, Mischer, Livemischer. Ich möchte nicht das eine oder andere sein, ich möchte nichts aufgeben. Nicht aufhören auf Tour zu gehen, genauso wie ich manchmal einfach nur eine Platte im Studio mischen will – auch das ist sehr angenehm.”  La Boom hieß das Projekt der beiden, das es auf ein paar Singles und ein Album (1998) brachte. Heute hört das Studio von Wiens auf diesen Namen. 

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Ein Besuch in Hamburg – Ottensen. Kaspar Wiens holt die Vergangenheit in einen Raum, der kaum gegenwärtiger sein könnte: An der Wand Auszeichnungen für seine Arbeiten für die Beginner und Jan Delay, zehntausende Kilometer Tourstrecken der letzten Jahre visualisiert und gerahmt. Mit Eißfeldt verbindet Kasper nicht nur eine viele Jahre währende Geschäftsbeziehung, sondern auch eine Freundschaft die noch aus Kindertagen stammt.

Richtig angefangen Musik zu machen habe ich damals zusammen mit Eizi Eiz in unseren Kinderzimmern, da haben wir alle noch bei unseren Eltern gewohnt. Ein paar Jahre später wollten Jan und ich dann eigentlich zusammen auf einen Schüleraustausch in die USA gehen, aber Jan sagte im letzten Moment ab da es zu der Zeit gerade mit den Beginnern losging. Als ich ein Jahr später zurückkam drückte er mir die Gotting EP in die Hand – daraufhin kaufte ich mir eigenes Equipment und begann  Beats zu produzieren.”

 

Dynamite Deluxe ist im Haus, seid ihr auch da?

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Eißfeldt war es auch, der ihn mit Samy und DJ Dynamite bekannt machte; es entstand das „Dynamite Deluxe“ – Demo, die erste Veröffentlichung von Eimsbush überhaupt („Eimsbush Tapes Vol. 1„, 1997). Der Durchbruch folgte rund drei Jahre später:

Vor bald zwanzig Jahren war es die Kombination des charismatischen MC Samy Deluxe auf der einen Seite und DJ Dynamite und Tropf auf der anderen, die das Debüt ihrer Formation Dynamite Deluxe (2000) zu einem zeitlosen Klassiker werden ließ. Denn sowohl der MC, als auch seine für die Produktion verantwortlichen Kompagnons waren nicht nur füreinander geschaffen – sie liefen seinerzeit auf ihrem Langspiel Debüt zur Höchstform auf.

Das Opus Magnum der Gruppe beschleunigte die Solo-Karriere ihres MCs erheblich; nur ein Jahr später veröffentlichte Sam Semilla sein selbstbetiteltes Solo-Album. Auch hier wieder an den Produktionen beteiligt: DJ Dynamite und Tropf, ohne die in der Hamburger Szene damals nichts ging. Die gemeinsame WG von Wiens mit Samy und dem späteren Geschäftsführer von Eimsbush, Tim Beam, entwickelte sich Ender der 90er Jahre über Label Zugehörigkeiten hinweg zum  Epizentrum der hanseatischen Szene. Die Firma Eimsbush selbst, dessen Zugpferd Dynamite Deluxe von Anfang an waren, wuchs zu einem der erfolgreichsten Rap-Label des Landes heran. “Es war wie in einem Jugendhaus, jeden Tag gingen 20 Leute ein und aus, haben Skizzen gemalt, Musik gemacht sich untereinander ausgetauscht. Irgendwann ist Jan auf den Hinterhof gezogen, dann Das Bo, etwas später folgte Dendemann.

Doch schon 2003 musste Insolvenz angemeldet werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Dynamite Deluxe bereits getrennt und Frontmann Samy wie auch der DD-Förderer Jan Delay längst  erfolgreiche Solokarrieren begonnen. Wiens, der vor allem als Produzent, aber auch Remixer für die Beginner, Stieber Twins, Fettes Brot oder Ferris MC tätig war und einen Hit mit Das Bo („‘türlich, türlich„, 2000), produziert hatte, begann sich mit dem Live-Mischen von Konzerten zu beschäftigen und begleitete Samy solo und die Beginner auf ihren Touren.

Schon früher als wir noch in Jugendzentren gespielt haben bin ich der von uns gewesen der am ehesten eine Vorstellung davon hatte wie der Sound klingen sollte – und mehr, als irgendein Sozialarbeiter hinter dem Mischpult sowieso.”

 

Aus dem Studio in die Show heraus

Während sich Kaspar Wiens bisher im Studio auf das Beatmachen konzentriert hatte, arbeitete er nun verstärkt als Mischer, schrieb Arrangements, manchmal spielte er auch Instrumente ein.

In dieser Zeit hat mich das klassische produzieren von Beats etwas gelangweilt, es hat mir nicht mehr viel gegeben. Ich begann mich daraufhin anderen Aspekten der Studioarbeit zuzuwenden, nicht zuletzt dem Mischen, später auch dem Abmischen des Sounds bei Konzerten.” Es sei zwar wahnsinnig befriedigend einen Song oder ein Album fertig zu haben und dann eine Listening Session im Studio mit dem Künstler, der Band, allen die an der Produktion beteiligt sind, zu machen, erzählt Wiens. Aber das passiere dann auch nur alle drei Jahre. “Beim Livemischen erhält man das Feedback direkt und unmittelbar, das reizt mich. Auch die Arbeit selbst ist natürlich eine andere. Während man im Studio eher unter der Lupe und mit dem Skalpell arbeitet, kann man live nicht so kleinteilig vorgehen und erst recht nichts mehr korrigieren. Man darf sich keine Fehler erlauben. Außerdem ist es natürlich geil, Teil einer geilen Show zu sein.

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2019 kommt kaum ein bei YouTube hochgeladenes Video eines deutschsprachigen Rappers ohne das schon obligatorische, in Klammern gesetzte “prod. by …” im Titel aus. Bekannte Produzenten zeichnen sich nicht nur für einen unverwechselbaren, sondern als Verkaufsargument selbst dienenden Signaturesound verantwortlich – den Namen Tropf findet man jedoch kaum noch. Sich nicht ausschließlich auf das Produzieren konzentriert zu haben, das, wie Wiens erzählt, sogar eher als Hobby anzusehen, bereut er trotz der veränderten öffentlichen Rolle und des damit verbundenen gestiegenn Ansehens eines Produzenten, keinesweges. 

Natürlich hätte es seinen Reiz wenn mein Name, wie es bei vielen heutigen Produzenten der Fall ist, bekannter, meine Arbeit damit gefragter wäre. Vermutlich würden mehr Aufträge für Produktionen reinkommen, wäre dem so. Ich glaube auch, würde ich mich jetzt hinsetzen und einen Tropf-Sound kreieren, ein paar Beats produzieren, vielleicht mir ein Management suchen und auf Akquise gehen, könnte das mit dem Bekanntwerden durchaus noch funktionieren. Aber der Weg dahin reizt mich nicht”, schränkt er ein. “Nur live spielen, kann ich mir allerdings auch nicht vorstellen. 200 Tage im Jahr von zuhause weg sein, das wäre nichts für mich. Eine Tour im Frühjahr, den Festivalsommer, eine Tour im Herbst – das reicht mir und ist meinem Empfinden nach auch schon viel.

Dass er beiden Tätigkeiten nachkommen kann und keine Aufträge annehmen muss hinter denen er nicht steht um seine Rechnungen zahlen zu können, liegt vor allem daran dass er mit Jan Delay seit Jahren einen Hauptarbeitgeber hat, für den er “quasi exklusiv”, arbeite. 

Wenn ein Solo-Album von Jan ansteht oder eine Tour, dann geht das vor. Wenn ich dann nach Aufträge annehmen kann, mache ich das – aber ich würde keinem Projekt den Vorzug vor Jan geben. Das führt dann natürlich auch schon mal dazu, das ich Arbeiten aus zeitlichen Gründen absagen muss, die ich gerne gemacht hätte.” 

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Das Leben in der Bubble

Demos bekomme er nicht mehr, von sich aus Künstler kontaktieren tue er auch nicht. Seine Auftraggeber seien meist Leute die er schon seit Jahren kenne oder die ihm zumindest über Ecken ein Begriff seien, oft arbeite man auch nicht zum ersten mal zusammen. So muss er sich auch nicht allzusehr mit der ungefilterten Masse neuer Musik die wöchentlich über YouTube, Spotify und Co auf den heutigen Hörer hereinbricht, auseinandersetzen – dem langjährigen Netzwerk sei Dank. Die dann naturgemäß oft einseitig Bubble hat aber auch ihre Nachteile:

Ich höre privat auch viel Rock, Wolfmother, Queens Of The Stone Age, Rage, solche Sachen. Auf Rage Against The Machine darauf konnten sich ja früher selbst die Die Hard-Hopper einigen. Eine Rockband in der klassischen Dreierbesetzung Gitarre / Gesang, Bass, Drums würde ich gerne mal produzieren. Aber dafür bewege ich mich zu sehr in einem musikalisch anderen Bereich. Auch mein Netzwerk ist anders aufgestellt.”

 

Über mangelnde Aufträge kann sich Wiens auch in Zeiten ohne Jan Delay-Album und Beginner-Konzerte nicht beklagen: Zuletzt hat Wiens im Studio den Großteil des Quasi-Comeback Album DendemannsDa Nich Für!” (2019) abgemischt, an „Live im Ostseestadion (Marteria, 2018), war er ebenso beteiligt wie an Afrobs letztem Studioalbum “Beats, Rhymes & Mr. Scardenelli” (2018) oder dem schon angesprochenen MTV Unplugged Samys, das im letzten Jahr im Bauch des ausrangierten Hamburger Stückgutfrachters MS Bleichen aufgezeichnet wurde. Aber auch am mittlerweile achten Studioalbum des Popsängers Sasha war Wiens beteiligt – dort auch als Toningenieur und Produzent eines Songs. Sein größtes, weil umfangreichste Projekt in letzter Zeit ist jedoch die Zusammenarbeit mit der Berliner Urban Pop-Sängerin Miss Lenny – deren Debüt hat Wiens nicht nur produziert, er hat zusammen mit der Künstlerin ihren kompletten Sound vorab entwickelt. 

Erzähl Digger, erzähl

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