Trettmann: „2016 fühlt es sich an, als wäre meine Zeit reif.“

Man kann sagen, dass Trettmann zur High Society der deutschen Dancehall-/ Reggaeszene gehört und inzwischen großen Respekt auch über die Szene hinaus genießt. Der Trettmann, der der deutschen Sprache zunächst auf sächsisch – dem auch durch PEGIDAfD unverdienterweise leidenden Ost-Dialekt  – hochsymphatisch Jamaica-Unterricht gab: Straight outta Leipzsch.
Im Januar 2016 meldet sich schließlich ein reiferer, vor allem ein fokussierter Trettmann über die sozialen Netzwerke zurück, der sich neu erfunden zu haben scheint – und liefert ein deutlich aufgefrischtes Klangbild. Ende des Monats erscheint mit „Kitschkrieg“ eine EP, in der zusammenfließen soll, was zusammengehört. Trettmann, bürgerlich Stefan Richter, im Interview über Hype und Haltung:

 

Wann kam es für Ronny Trettmann eigentlich genau zum Namenswechsel in „Trettmann“ und was steckt dahinter?

Ich hatte schon öfter darüber nachgedacht den Namen abzulegen, verbindet er mich ja immer noch mit meiner Anfangszeit – der ironischen, persiflierenden, vor allem humoristischen Phase. Da sich das schon vor längerem erschöpft hatte, passte der Name einfach nicht mehr zu mir und mit dem Aufkommen von Pegida, war es dann auch ein Leichtes sich davon zu trennen. Ronny ist ein typisch sächsischer Name und belegt mit so vielen Klischees. Was damals noch lustig war, hat mit Pegida eine andere Richtung bekommen.

Nach deinem letzten Album „Tanz auf dem Vulkan“ von 2013 steht jetzt mit „Kitschkrieg“ eine EP mit neuem Sound vor der Tür – willst du mit der EP testen wie dieser ankommt?

Nee, ich mach einfach nur Musik, die ich auch fühle. Es sind auch nicht die ersten Songs, die ich in diesem Stil aufgenommen habe. „Regen fällt“ oder „Frauenüberschuss“ sind mittlerweile 5 Jahre alt und unterscheiden sich musikalisch nicht bedeutend von meinem jetzigen Sound.

Wie war eigentlich die Resonanz auf „Skyline“?

Massiv positiv. Die Leute feiern es und die Mailbox ist voll mit Danksagungen und Zuspruch.

Du singst darin:„Im Schatten des Originals wirken alle Plagiate billig und belanglos“ – ist die Style-Kehrtwende auf „Kitschkrieg“ in diesem Zusammenhang auch eine Trotzreaktion?

Ich denke nicht. Es war einfach an der Zeit etwas Neues zu machen. Das war auch schon immer mein Antrieb… nicht stehen bleiben, sich ausprobieren, Neues kreieren.

Du sagtest in einem „Splash! Mag“-Interview einmal, deine Begeisterung für Reggae wurde zufällig geweckt, weil du zum Urlaub in die Karibik geflogen warst um hier dem Winter zu entfliehen. Gab es für deine Trap-Einflüsse wieder so einen Moment?

Nein, Hip-Hop war schon immer Teil meines musikalischen Seins und schon lange vor Jamaika ein stetiger Begleiter. Irgendwie hab ich es auch jedes Jahr geschafft, einen Hip-Hop Song zu veröffentlichen oder wenigstens ein Cover bzw. eine Counteraction rauszuhauen. Ausserdem schlägt mein Herz schon immer für temporären R’n’B und Rap und jetzt hat es sich einfach mehr in diese Richtung verlagert. Nicht zuletzt auch, weil mich gerade bei melodiösen Trap-Songs der Vibe stark an jamaikanische Produktionen erinnert… Partynextdoor, Madeintyo oder Pe$o, um mal ein paar Beispiele zu nennen.

Der große Radiohit ist dir in inzwischen 10 Jahren im Geschäft – vielleicht abgesehen vom gehypten „Der Sommer ist für alle da!“ (2006) – nie gelungen. Funktioniert Dancehall in Deutschland nur in glattgebügelter Form ála Culcha Candela? 

Scheinbar ja…

Ärgert es dich, dass du in der öffentlichen Wahrnehmung nicht präsenter bist?

Ich denke, die Zeit war noch nicht reif für mich. 2016 fühlt es sich aber an, als wäre es anders.

In „Gute Alte Zeit“ hast du vor 5 Jahren mit Ranking Smo gerappt, dass die Glorifizierung der Vergangenheit beschissen ist und eigentlich alles immer geiler wird. Jetzt sprichst du von „Vorboten einer neuen Eiszeit“ – hat sich deine Philosophie da grundsätzlich gewandelt? Was oder wer ist eigentlich mit „Vorboten“ gemeint?

Nein, es hat sich nichts gewandelt. Die Vorboten stehen für eben jene Rückwärtsgewandtheit, die man auch aktuell überall beobachten kann. Ein Blick in Kommentarspalten von unterschiedlichsten Medien zeigt z.B. wie egoistisch die Leute sind und gegeneinander, sowie gegen den noch Schwächeren hetzen. Selbiges lässt sich aber auch auf gewisse Texte in Dancehall und Hip-Hop übertragen, die nur so von Darwinismus und Ignoranz strotzen.

Wie geht es eigentlich Musik-Leipzig? Deine Heimat beherbergt einige verkannte Genies, die sich jedoch selten überregional positionieren können. Ist das „real“ sein und sich um keinen Preis verkaufen so eine Leipziger Eigenschaft?

Da fehlt mir leider der Überblick. Ich weiß, dass es hier viele Talente gibt aber woran es im Einzelnen liegen mag, entzieht sich meiner Kenntnis.

Dein Song „Was Soll‘s“ mit Megaloh kam sehr gut an und auch auf dessen Erscheinung „Regenmacher“ wirst du wieder eines der Features sein – was bringt uns „Trettmann“ im Jahr 2016 noch?

Ich werde weiter mit KitschKrieg (Produktionsteam Teka, Chris und Fizzle, Anm. d. Autors) arbeiten und releasen. Zudem mit den neuen Songs unterwegs sein. Mal sehen, was kommt.Trettmann_KitschKrieg_PHOTOCREDIT_°awhodat°_5

 

 

 

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Er ist nicht "Nordisch by Nature" – kam aber durch Samy und EinsZwo zu Hip-Hop. Abseits davon auch gerne Gespräche über die Rettung der Welt, Tesla oder Alan Watts. "They try to blind our vision, but we all God children, we siblings. You my brother, you my kin, fuck the color of your skin."

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