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Mehr als eine Platte – Die Hohe Fünf mit Tobias Kirmayer

Tramp Records

Nicht nur DJs, sondern auch Liebhaber schwärmen von ihrem warmen Sound: Die Rede ist von der Vinyl Platte. Seit den letzten Jahren erlebt die Vinyl einen neuen Frühling und Sammler bezahlen für einige Raritäten horrende Summen. Abseits des Hypes haben gerade kleine Labels dafür gesorgt, dass die Platte nicht ausstirbt. Sie ließen, als der Vinyl-Markt am Boden lag, LPs in Kleinstauflage pressen und steckten viel Zeit, Geld und Liebe in ihre Projekte rein. Einer dieser Idealisten ist Tobias Kirmayer. Er ist Gründer und Besitzer des  Einmann-Labels Tramp Records. Wir stellten Tobias Kirmayer fünf Fragen rund um die Leidenschaft zur Vinyl und sein Independent-Label.

 

„Und an LPs mit einem tollen Cover, der Unhandlichkeit und der Tatsache, dass man alle 15 Minuten aufstehen muss, um die Platte umzudrehen, kommt nichts anderes ran, (…).“

 

Woher kommt die Liebe zur Vinylplatte?

Ausschlaggebend war mein fünf Jahre älterer Bruder, der als Teenager Mitte der 1980er Jahre begann Hip-Hop zu hören. Nach einem Schüleraustausch mit Aufenthalt in den USA Ende der 80er kam er mit einer ganzen Kiste Platten zurück. Im Gepäck u.a. Jungle Brothers, N.W.A., Public Enemy, Brand Nubian. Damaliger Hip-Hop war ja mehr oder weniger rappen auf Funk-Samples. So kam er unweigerlich zu James Brown, Kool & The Gang, Fatback Band etc. Ich war von dem Sound fasziniert, je dreckiger desto besser. Ab diesem Zeitpunkt war es um mich geschehen und ich ließ keine Plattenbörse mehr aus, durchsuchte wöchentlich Zeitungen nach Leuten, die Funk-Platten verkauften und kannte bald die meisten Plattenläden in München. Anfang der 90er Jahre dann erschienen Unmengen an Rare Groove Compilations, allesamt Bootlegs, aber das war mir egal. Ich war regelrecht gierig darauf neue „alte“ Bands zu entdecken. Der erste Teil der „Sound of Funk“ Compilation Reihe hat’s mir besonders angetan. Wenn man heute zurückschaut war es eine ziemlich traurige Aufmachung, absolut keine Linernotes, die Songs waren nicht gemastert und teuer war die Platte noch dazu. Die Songs darauf aber waren alle Monster, darunter Klassiker wie „The Sad Chicken“ von Leroy & The Drivers  (die dann tatsächlich gut 20 Jahre später auf Tramp legal wiederveröffentlicht werden sollte), Camille Bob mit „Brother Brown“, Jake Wade & The Soul Sarchers mit „Searching For Soul“ und noch vielen weiteren Hammer Deep-Funk Tracks. Diese Compilation brachte mich auf das 7“-Single Format und bis heute sind Singles mein Lieblings-Medium. Auch wenn Soul/Funk 7“s keine Picture Sleeves haben, das Artwork der Labels dieser Independent-Produktionen macht das locker wett. Und an LPs mit einem tollen Cover, der Unhandlichkeit und der Tatsache, dass man alle 15 Minuten aufstehen muss, um die Platte umzudrehen, kommt nichts anderes ran, keine CD und schon gar nicht ein lausiges MP3.

 

Wann und wie kam der Entschluss, Tramp Records zu gründen?

Es hat sich einfach ergeben. Als ich in den frühen 1990er angefangen habe Platten zu sammeln, hatte ich von Anfang an den Drang „meine“ Musik zu teilen. Als ich dann 1996 endlich meinen Führerschein hatte, begann ich aufzulegen. Zuerst in kleinen Bars, die nicht einmal einen Plattenspieler hatten – ich habe meinen eigenen mitgebracht. In den folgenden Jahren habe ich immer mehr aufgelegt und natürlich weiterhin wie verrückt Platten gesammelt. Nach einiger Zeit dachte ich mir, auflegen ist schon okay, aber noch besser wäre es doch, wenn ich die Musik, die ich so geil finde auf Vinyl rausbringen würde. Die erste Single war dann ein reines Spaßprojekt. Finanziert durch meinen damaligen Nebenjob und ohne Vertrieb. Die zweite Single entstand zufällig als ich zu einer Ausstellung in München ging, auf der eine Band spielte, die mich umgehauen hat. Parallel dazu hatte ich bereits begonnen nach alten Musikern zu suchen um deren Singles wieder zu veröffentlichen. Die erste Re-issue auf Tramp war dann von The Blenders, „Nothin‘ But A Party Pt.1/2“. Tja, und so ging es dann weiter und weiter. Von „Gründung“ des Labels will ich eher nicht sprechen, dafür war es ehrlich gesagt viel zu unprofessionell. Ich hatte weder eine passende Ausbildung, wie man ein Plattenlabel betreibt noch einen Plan, wie man die Platten an die Frau oder den den Mann bringt, geschweige denn was als nächstes kommen sollte. Letzteres war wohl auch der Grund dafür, dass Tramp einen englischen und keinen deutschen Vertrieb hat. Die Jungs des deutschen Vertriebs dachten sich wohl, wieder jemand der so ein Spaßlabel aufmacht, drei oder vier Singles rausbringt und dann plötzlich weg vom Fenster ist. Zugegeben, wir wussten damals ja selbst nicht, dass es uns nach 16 Jahren immer noch gibt und wir uns soweit oben in der Szene etablieren würden.

 

„Da sitzt ganz nüchtern ihr Berater da und rechnet vor, dass sich das nur „rentiert“ wenn man davon so und soviel Stück herstellt und zu dem und dem Preis verkauft.“

 

Wo liegt der Unterschied zwischen einem Major-Label und Tramp Records?

Majors richten sich nach Trends und Hypes. Das was angesagt ist, wird rausgebracht, mehrmals und immer wieder. Zuerst als 180-Gramm Pressung, dann mit Klappcover, dann in rotem Vinyl und so weiter. Alles andere verschimmelt, bis es irgendwann mal „interessant“ wird, was vielleicht nie geschieht. Des Weiteren ist deren Kalkulation eine ganz andere. Logisch, ein solches Unternehmen denkt wirtschaftlich und will Geld verdienen. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Aber auf eine James Brown 7“ zum Record-Store-Day draufzuschreiben „Limited to 5000 copies“ und dann noch 14 Euro dafür zu verlangen ist mehr als lächerlich und zeigt wie die ticken. Da sitzt ganz nüchtern ihr Berater da und rechnet vor, dass sich das nur „rentiert“ wenn man davon so und soviel Stück herstellt und zu dem und dem Preis verkauft. Na und dann machen sie’s halt und überschwemmen den Markt mit oftmals trivialen, unnötigen Wiederveröffentlichungen. Wir bei Tramp haben immer das veröffentlicht, was wir gerade cool fanden oder was uns in dem Moment über den Weg gelaufen ist. An Trends haben wir uns nie gehalten. Die „Contemporary Afrobeat“ Compilation zum Beispiel haben wir vor dem großen Afrobeat-Revival rausgebracht, einfach weil es sich so ergeben hat. Die letzten beiden „Feeling Nice Vol.3&4“ Compilations sind zu einem Zeitpunkt erschienen als der Deep-Funk Zug längst abgefahren war. Aber scheiß drauf, die Tracks sind alle Hammer, und wenn es eben niemand anders rausbringt, dann sehr gerne wir. Die Musiker freuen sich regelmäßig, wie ein Kleinkind zu Weihnachten, wenn wir sie wegen eines ihrer Songs ausfindig machen und diesbezüglich anfragen.

 

 

Woher nimmst du die Motivation, alleine das Label zu führen und auf die Suche nach verschollener Musik zu gehen?

Die Motivation kommt daher, dass es immer noch Unmengen an Bands und Songs gibt, die bisher niemand wiederveröffentlicht hat. Und wir sprechen da nicht von mittelmäßigen Zeugs. Die Tracks, die wir finden und dann auf eine Compilations packen sind – unserer Meinung nach –  absolut außergewöhnlich. Sie haben es mehr als verdient, von einer neuen Hörerschaft entdeckt zu werden. Viele der Sachen kennen wir selbst nicht, bis wir über sie stolpern. Oftmals sind die so obskur, dass sie noch nicht mal auf Discogs gelistet sind und man sie nirgendwo im Internet findet. Solange das noch anhält werden wir nicht aufhören Compilations zu veröffentlichen. Allerdings ist es so, dass wir sehr gerne mehr aktuelle Bands bei uns haben wollen. Nur sind die Demos, die wir größtenteils bekommen nicht das, was wir auf Tramp veröffentlichen wollen. Unser Geschmack ist zugegeben recht speziell und zieht sich wie ein roter Faden durch all unsere Veröffentlichungen.

Wie ist deine Meinung um dem ganzen Vinyl-Hype?

Wenn in ein paar Jahren der Hype vorbei ist wird es so sein wie vorher. Die Majors sind dann plötzlich wieder weg von der Bildfläche und die kleinen Liebhaber-Labels machen ihr Ding weiter. Wenn wir gefragt werden ob Tramp von dem aktuellen Vinyl-Hype profitiert, sagen wir eindeutig nein. Es stimmt, dass der Absatz von Vinyl-Verkäufen in den letzten Jahren deutlich und stetig zugenommen hat. Nun ist es aber leider so, dass die Leute nicht speziell nach (unbekannten) Platten von kleinen Labels wie Tramp suchen, sondern fast ausschließlich die Klassiker wollen. Also die Beatles, Stones, Jimi Hendrix, James Brown, usw.

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